Der Mitternachts-Express Das Grauen hat einen Namen

GeschichteKrimi, Mystery / P16
23.01.2019
11.02.2019
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Kapitel 4 Voraussagen
Eindringliche, aber auch unregelmäßige Schritte waren beim Verlassen des Wagons zu hören, die sich ihren unbeugsamen und dennoch zielstrebigen Weg zum Führerhaus der Lok bahnten, während das schwach flackernde Licht, welches Mr. Witchable noch immer in den Händen hielt, und das kleine Trio, welches aus Mr. Savanucci, dem Mann der Berge und ihn bestand anführte, nun im sanften Klang des Windes, ein letztes Mal aufglomm und mit einem aschefarbenen, qualmenden und grauen Rauch erlosch. In diesem Moment herrschte nun die mysteriöse Musik der durchtrieften und stockfinsteren Nacht, die aus einigen Rufen der Waldkäuze, dem Rascheln der Blätter,  das knarksen der Bäume und das leise piepsen einiger Mäuse bestand.
,,Hier können sich wirklich Fuchs und Elster gute Nacht sagen.”, zischte Savanucci abfällig, als er einen Blick auf diese unberührte Natur schweifen gelassen hatte, während der Mann im Wildschweinplelz nur dunkel auflachen musste. Für ihn war das Leben in solch einer Atmosphäre zu führen, nichts Neues gewesen.
,,Da sieht man Mal wieder, das Sie ein typischer Stadtmensch sind. Wir Männer der Berge trotzen jeder Gefahr und jedem Themperatursturz ! Ich bin mir sicher, dass Sie hier draußen in dieser unberechenbaren Natur nicht einmal einen einzigen Tag überleben würden.”
Auf diese Aussage begann Savanucci wütend zu schnauben. Auch wenn er wusste, das der Mann der Berge recht hatte, konnte er diesen beleidigenden Unterton dieses Mannes nicht so einfach ignorieren.
,,Mag sein, dennoch habe ich es nicht nötig mich mit billigen Whisky zu betrinken und dumme Reden zu schwingen !”
Der Mann mit dem purpurrotem Gesicht holte noch einmal, im Hauch dieses eiskalten Windes, lautstark Luft. Und wie aus dem Nichts spürte der hagere Savanucci wie er sogleich mit seinem Rücken gegen den Wagon gedrückt wurde, während er den Mann der Berge wütend aufkeuchen hören konnte und sein alkoholisierter Atem noch stärker, als sonst zu vernehmen war.
,,Ich warne Sie, mischen Sie sich nicht in meine Angelegenheiten. Das könnte Ihnen nicht sehr wohl bekommen !”, wisperte er drohend, während der Journalist in der schieren Stagnation verweilte. In diesem Augenblick wurde dem hageren Italiener klar, das er den Fremden auf dem falschen Fuß erwischt hatte. Doch was wusste er schon groß über ihn ? Bislang doch so gut wie gar nichts, außer das er allem Anschein nach irgendwo fernab der Zivilisation lebte und gerne Whisky trank. Doch steckte vielleicht mehr dahinter ? Gab es vielleicht in seiner Vergangenheit ein dunkles Geheimnis? In seinen Gedanken begann Savanucci sich bereits seine große Sensation auszumalen und somit sein Gewissen zu beruhigen, das er endlich seinen erbitterten Konkurrenten Ravagio in den Schatten stellen konnte, während der Mann der Berge nur einen Gedanken hatte. Keiner dürfte wissen, was er für eine Vergangenheit hatte. Nicht jetzt und auch nicht in Zukunft ! Er wollte sich nicht mehr an dieses schreckliche Erlebnis vor rund zweiundzwanzig Jahren erinnern, als er noch selbst in einer Stadt wohnte und ein bürgerliches Leben führte. Zu groß war der Schmerz seiner gekränkten Ehre, die einzig und allein wie ein schwerer Schatten auf ihn lastete. Im Zuge dessen, verharrten nun beide in einer brodelnden und knisternden Stimmung, welche im Angesicht der natürlichen Dunkelheit unsichtbar in der Luft zu flimmern begann, welche auch unwiderruflich Kenny Witchable spüren konnte, der sich sogleich zu den beiden umgedreht hatte, reflexartig nach der Hand des Bergmannes tastete und diese ergriff.
,,Im Moment können wir uns hier keine ernsthaften Auseinandersetzung leisten meine Herren. Denken Sie bitte an unsere jetzige Lage.”
,,Schon gut, ich hatte auch nicht vor ihn umzubringen. Immerhin kommen wir ohnehin nur mit vereinten Kräften hier raus.”, erwiderte der Mann im Pelzmantel trocken, der die Hand des Heizers sanft wegschlug und im einsamen Trott an ihn vorbeischlenderte, während Savanucci dabei nur innerlich leise aufseufzen konnte. Es war klar, das der Mann der Berge in diesem Moment die Wahrheit gesprochen hatte, aber dennoch… Seine Gefühle in der Stimme und seine Haltung hatten zuvor eindeutig etwas ganz  anderes ausgesagt. Er war zu allem bereit !  Und es war wahrlich ein Wunder gewesen, das er auf die kompromislosen Worte von Mr. Witchchable eingegangen war. Und dennoch… Des Journalisten Neugier hatte er geweckt und auch Savanucci war nun zu allem bereit, um noch mehr über diesen geheimnisvollen Mann herausfinden, auch wenn ihm dies vielleicht das Leben kosten würde. In der Zwischenzeit saßen die drei Gäste des Wagons noch immer stumm auf ihren Plätzen. Während Mr. Shamperton regungslos in derselben Haltung wie zuvor blieb, begann Rosi betrübt aus dem zugigen  Fenster zu schauen. Es war ihr sichtlich unangenehm, das dieser fremde Journalist sich ihr gegenüber gesetzt hatte und sie fragte sich, ob er nicht schon längst etwas über ihre begehrte Kostbarkeit wusste, welches sie noch immer am rechten Handgelenk trug. Denn auch sie wusste, das Ravagio die Geschichte mit der entführten Charlotte du Prés nur als Ablenkung heruntergespielt hatte. Ein letztes Mal erinnerte sie sich an den Abend vor acht Jahren zurück, als sie in dieser Pariser Opèra Garnier mit ihrem Verlobten Charlie gesessen und er ihr dieses Armband, als Zeichen seiner Treue geschenkt hatte. Sie erinnerte sich, wie er es ihr zärtlich angelegt hatte und es im hell erleuchteten Schein des grandiosen Lüsters, in einem matten goldgelb zu funkeln begann, als würden tausend Sterne blinken. Doch einige Jahre später, musste sie die bittere Realität ins Auge sehen, als sie urplötzlich Besuch von ihrer langjährigen Freundin Contessa Sapharia de Saverge bekam und erfuhr, das ihre beste Freundin, die Sängerin Charlotte du Prés spurlos verschwunden war und ihr im Vertrauen auch von den Verschwinden des Melano Armbands berichtete. Einer Begebenheit, die eigentlich nur für die Ohren der Gendarmerie, der Presse und auch im privaten für die Contessa bestimmt waren, um den Fall zu lösen. Rosis Augen begangen nun leicht vor Erregung zu glitzern. Die Erinnerung wie Sapharia ihr so konkret dieses Armband beschrieben hatte, jagdten ihr immer noch einen Schauer über den Rücken ein. Sie wusste, das sie dieses Armband besaß und sie wusste auch, das ihr Verlobter Charles der jenige war, der es ihr geschenkt hatte. Doch die Vorstellung er könnte etwas mit dieser Geschichte zu tun haben… Nein das konnte nicht sein. Nein das durfte einfach nicht sein ! Sie wollte es nicht wahrhaben und ohne das sie es wirklich bemerkte, schüttelte sie ein paar Mal den Kopf, während Ravagio sie nur eindringlich musterte. Für ihn waren ihre Verhaltensweisen ein klarer Fall dafür, dass sie sich an irgendetwas zu erinnern schien. Womöglich hatte es etwas mit diesem Schmuckstück zu tun, aber auch er war zu sehr Profi um gleich mit der Tür ins Haus zu fallen und sie damit zu konfrontieren. Womöglich hätte er damit ohnehin das Gegenteil erreicht. Vielleicht hätte sie ihm ein paar empörte Wörter entgegengeschlagen, bevor sie sich dann woanders im Abteil hingesetzt hätte. Dann wäre seine große Story mit einem Schlag, wie ein fallengelassener Spiegel in tausend Scherben zersprungen und das dürfte er auf keinen Fall riskieren, wenn er Akio Savanucci im punkto Schlagzeilen übertreffen wollte.
Langsam beugte er sich vor und wollte mit der schwarzhaarigen Frau ein Gespräch anfangen, als wie von Geisterhand im Nu für den Bruchteil einer Sekunde ein rundliches  Gesicht im Fenster auftauchte und im gleichen Moment das Licht der Petroleumlampe, welches zwischen dem englischen Gentelmann und Rosi stand, erlosch. Ravagio zuckte daraufhin kurz auf und drückte seinen Rücken in die Lehne zurück, während Rosi starr auf ihrem Platz verharrte. Beide hatten in diesem Moment einzig und allein das Gefühl träumen zu müssen, doch als eine wispernde, aber auch leicht vibrierende Frauenstimme ganz nah an ihre Ohren drang, wurde ihnen bewusst, das dieser Moment so echt war, wie ihre aufkommende Gänsehaut, die bei den Worten,
,,Das Melano Armband wird mir gehören, denn ich kenne die verfluchte Wahrheit über Charlotte du Prés und ihr alle werdet dafür bezahlen !”, in blankes Entsetzen umgeschlagen hatte.
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