Commilitones 5 - Tod und Teufel

GeschichteAbenteuer, Romanze / P18 Slash
22.01.2019
19.02.2019
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Ecci!

Salute.

Grazie …

Leonardo schniefte und tastete nach dem Taschentuch, das er neben sich auf die Bank gelegt hatte. Ezio beobachtete ihn kritisch.

„Erkältet?“

„Scheint so. Heute Morgen hatte ich auch leichtes Fieber.“

Er nahm die Skizze wieder auf, an der er gerade arbeitete, und Ezio runzelte die Stirn.

„Warum liegst du dann nicht im Bett und jammerst?“

„Wieso sollte ich jammern?“

„Um mir ein bisschen Genugtuung zu verschaffen, nachdem du mich immer auslachst, wenn ich unter Erkältungen leide!“

„Ich lache dich nicht aus. Ich sage dir lediglich, dass du übertreibst.“

„Kommt aufs selbe raus.“

Einige Minuten verstrichen, in denen sie beide schwiegen, hin und wieder unterbrochen von weiteren Schnieflauten Leonardos. Sie waren allein in der Bottega. Ambrogio war in das Castello Sforzesco zitiert worden und Evangelista zu einem der speziali in der Innenstadt aufgebrochen, um einen Nachschub an Farbpigmenten und Blattgold für das Altarbild zu besorgen. Bisher kamen sie recht gut voran – wenn man davon absah, dass sie sich nicht an die genauen Vorgaben ihrer Auftraggeber hielten. In seiner Neigung, seine eigenen Vorstellungen umzusetzen, hatte Leonardo nur einen einzelnen Engel an die Seite Marias gesetzt, die verlangten Propheten weggelassen, dafür aber einen nicht bestellten Johannesknaben hinzugefügt. Für diesen hatte ohne jede Frage Aria Modell gesessen. Ezio erkannte ihr Gesicht ganz genau, ihre honigblonden Locken und dazu ihre typische Pose, beim Sitzen das linke über das rechte Bein zu schieben. Jedem Fremden konnte man weismachen, dass dieser Säugling der kleine Johannes war. Ezio wusste es besser, und er lächelte über das doch sehr persönliche Geheimnis, das dem Gemälde innewohnte.

Unvermittelt knurrte Leonardo, fasste seine Zeichnung mit beiden Händen und riss das Blatt entzwei. Einmal. Zweimal. Dreimal. Ezio beobachtete, wie die Schnipsel auf die Tischplatte hinabrieselten, und öffnete den Mund.

„Bevor du etwas sagst: es war fertig! Ich halte mich an meine eigenen Ratschläge!“

„Manchmal könnte man dich wirklich für einen Hexer halten! Raus aus meinem Kopf!“

Leonardo lachte. Dann nieste er erneut, fluchte und wühlte in seiner Gürteltasche.

„Das Taschentuch liegt neben dir auf der Bank, caro mio.

„Das suche ich nicht.“

„Sondern?“

Ezio legte den Kopf schief, als Leonardo ihm die Antwort auf seine Frage präsentierte: einen kleinen Lederbeutel mit sandbraunem Pulver. Verständnislos sah er zu, wie Leonardo etwas davon in einen Becher schüttelte, mit Wasser aufgoss und umrührte.

„Was ist das?“

„Weidenrinde.“

„Und was tut sie?“, fragte Ezio weiter, während Leonardo den Becher an die Lippen setzte und trank – sehr bedächtig und Schluck für Schluck.

„Oh, sie hilft bei Fieber“, erklärte er. „Darüber hinaus lindert sie alle Arten von Erkältungsbeschwerden … und Schmerzen allgemein.“

„So ein Mittel gibt es?“

„Was glaubst du, was die Tränke enthalten, die ich dir immer verabreiche, wenn du verletzt bist?“

Ezio runzelte die Stirn. „Bene. Warum gibst du mir das Zeug dann nie, wenn ich erkältet bin?“

„Du hast bisher nie danach verlangt.“

Ezio starrte Leonardo ungläubig an. Dann sank sein Kopf nach vorn, bis seine Stirn die Tischplatte berührte. „Du bist ein elender Sadist! Lässt mich im Bett liegen und sterben, obwohl du ein Mittel dagegen hast!“

„Du hast nur so getan als würdest du sterben“, erwiderte Leonardo prosaisch. „Es gab also keinen Grund zur Sorge.“

„Du liebst mich wirklich, hm …?“

„Ja, wieso?“

Ezio blinzelte und hob den Kopf. Nur ein kleines Stück, gerade so weit, dass er Leonardo mustern konnte. Der sah so unbekümmert aus wie seine Antwort geklungen hatte.

„Versprichst du mir was, Leone?“

Che cos'è, Ezio?"

„Das nächste Mal, wenn ich auf der Nase liege und so tue, als würde ich sterben, gibst du mir unaufgefordert etwas von dieser Weidenrinde.“

„Ich werde mich daran erinnern.“

Mille grazie.“

Gefangen zwischen Fassungslosigkeit und Amüsement wandte sich Ezio wieder seiner Skizze zu, nicht ohne Leonardo noch einen kurzen Blick zuzuwerfen. Der hatte seinen Fauxpas gar nicht bemerkt – und Ezio sah sich unfähig, ihm das übel zu nehmen. Schließlich wusste er sehr genau, dass sich Leonardo niemals mit bewusster Absicht unempathisch zeigte.

Die Glocken der nahen Kirche San Lorenzo hatten kaum zwei Uhr geschlagen, als Tommaso in die Bottega platzte, Tina auf den Fersen. Fröhlich bellend sprang sie ihm um die Beine, sodass er auf der Schwelle fast ins Stolpern geriet.

„Dreimal dürft ihr raten, wer grade angekommen ist!“, platzte es aus ihm heraus.

„Deinem Gesicht nach zu urteilen, wohl eine Horde vollbusiger Mädchen, die sich auf der Straße aufgereiht hat, um dir einladend zuzuwinken.“

Sei stupido, Ezio!“ Beleidigt schob Tommaso die Unterlippe vor. „Wenn es das wäre, würde ich gewiss nicht meine kostbare Zeit damit verschwenden, euch Idioten Bescheid zu sagen!“

„Das ist ein Argument“, gestand Ezio ein. „Also, wer ist es dann?“

„Deine Mutter und dein Onkel!“

~*~


Mario Auditore war bester Laune. Er saß auf der Bank nahe dem Fenster, hatte Aria auf dem rechten Knie und sang so laut, dass es Massimo aufgegeben hatte, weiter über den Aufgaben zur doppelten Buchführung zu brüten, die Claudia ihm vorgesetzt hatte. Als Lehrerin war sie gnadenlos, ließ ihm nicht die kleinsten Fehler durchgehen und drillte ihn mit bemerkenswerter Konsequenz an allen Werktagen, und das stets mehrere Stunden am Stück. Woher sie ihre geistige Ausdauer nahm, war Massimo unbegreiflich. Sein Respekt vor Claudia war seit Beginn ihres gemeinsamen Lebens hier in Mailand merklich gewachsen. Als Mutter bewies sie zärtliche Geduld, als Herrin des Hauses Organisationstalent, und auch wenn sie – hochschwanger, wie sie war – nicht in ihrer eigentlichen Funktion für die Bruderschaft tätig sein konnte, wusste sie doch über alles, was sich in Mailand tat, Bescheid. Ezio scherzte manchmal, dass Claudia einen besseren Überblick hatte als Melzi, und wenn Massimo ehrlich mit sich war, kam ihm dieser Gedanke auch ab und an. Auch war Claudia kaum ans Haus zu fesseln. Sie ging täglich spazieren, zeigte sich erstaunlich agil und reagierte auf ein Übermaß an Rücksichtsnahme zutiefst beleidigt.

„Ich bin schwanger und kein Krüppel!“, pflegte sie zu sagen, wenn man ihr auf der Treppe die Hand zu reichen versuchte. „Ich krieg ein Kind und nicht die Pest!“, zischte sie, wenn man sie aufforderte, sich zu schonen – und eine weitere Phrase, mit der Claudia gern um sich warf, war: „In der Zeit, in der ich ein komplettes Kind austrage, liest du nicht mal ein komplettes Buch!“ Massimos schuldbewusster Blick huschte zu seiner Ausgabe von „Die edle Rechenkunst“ hinüber, deren Lektüre er tatsächlich bis auf den Tag nicht beendet hatte. Wahrscheinlich würde Claudia ihn noch damit triezen, wenn sie längst in den Wehen lag. Massimo war also sehr erleichtert, als die Tür aufflog und Claudias Aufmerksamkeit endgültig von ihm abfiel.

„Entschuldigt, dass ihr warten musstet, aber wir konnten die Bottega nicht unbeaufsichtigt lassen.“

Ezio hatte kaum ausgesprochen, als ihm seine Mutter schon um den Hals fiel. Er lachte und schlang die Arme um ihre Schultern, um sie herzlich an sich zu drücken.

„Wie war eure Reise? Ist alles gut gegangen?“

„Ja. Es war recht unproblematisch, die Krisengebiete zu meiden. Momentan spielt sich ja auch das meiste im Süden ab.“

„Oh, ich meinte eigentlich eher, ob zio Marios Geschwätzigkeit auf Dauer zu ertragen war.“

„Ich zieh dir gleich die Ohren lang, nipote!“

Bevor der empörte Großmeister auf die Idee kommen konnte, von der Bank aufzuspringen, zog Leonardo Aria von seinem Knie und nahm sie auf den Arm. Sie gähnte herzhaft.

„Kein Mittagsschlaf?“

„Dazu kam sie bei all dem Trubel hier bisher nicht“, sagte Claudia. Lächelnd sah sie dabei zu, wie sich Aria an Leonardo kuschelte und die Augen schloss. So neugierig sie auch war und so aufgeschlossen sie beinahe jedem im Alltag begegnete, ihr tiefwurzelndes Vertrauen war Claudia, Leonardo und Ezio vorbehalten. In ihren Armen schlief sie wie ein Stein.

„In seinem letzten Brief teilte mir Bartolomeo mit, dass die Umbaumaßnahmen am Kasernenhof vollendet sind und Agostino insgesamt vierzehn Männer anwerben konnte, deren Ausbildung jetzt läuft. Über die Diebesgilde hat er allerdings geschwiegen.“

„Weil es noch keine gibt“, sagte Ezio und nahm seinem Onkel gegenüber Platz. „Antonio ist nicht gewillt, zu uns überzusiedeln. Er hängt an Venedig. Das Netz an Informanten – gerade in der Mailänder Unterschicht – ist dennoch gut gediehen. Wir stehen in regelmäßigem Kontakt zu Isabella Caldo, die uns darüber unterrichtet, wenn auffällige Gäste im La Promessa Dolce logieren. Florimondo ist auch eine gute Quelle. Er hat für uns ein Auge auf Rucellai.“

„Ich habe mir sagen lassen, dass Lorenzo froh ist, ihn nicht in Florenz um sich zu haben. Er hat an Biss eingebüßt, seitdem seine Mutter verstorben ist. Ein begabter Rhetoriker wie Bernardo hätte da momentan leichtes Spiel.“

„Und darum schickt er Rucellai nach Mailand, damit wir uns ein bisschen mit ihm rumärgern?“

„Lorenzo weiß gar nicht, dass ihr hier seid.“

„Das ist vielleicht das Beste.“

„Hat Volpe auch gesagt.“

Ezio schnaubte. „Na wenigstens der ist in Florenz geblieben! Und ich hoffe auch, dass das so bleibt!“

„Denkst du nicht, dass es an der Zeit ist, deinen Groll gegen ihn zu begraben?“

Mario sah ihn ernst an, und im Unwillen darüber, dass die anderen im Raum seine nachfolgenden Worte hörten, beugte sich Ezio über den Tisch und senkte die Stimme.

„Denk nicht, dass ich vergessen werde, was er Leonardo angetan hat!“

„Wärst du gerecht, nipote, müsstest du dafür auch mir zürnen …“

„Oh, glaube mir, das tue ich! Es gibt aber einen großen Unterschied: Volpe hat sich nicht entschuldigt – und er wird es auch niemals tun. Er kennt keine Reue, und darum sehe ich keinen Grund, meinen Frieden mit ihm zu machen.  Jedem passieren mal Fehler. Die mangelnde Größe, sie zuzugeben, muss ich nicht belohnen!“

„Deine Strenge überrascht mich, Ezio.“

„Ich habe lernen müssen, dass sie in manchen Situationen notwendig ist.“

Nachdenklich sah Mario ihn an, behielt seine Gedanken jedoch für sich. Während des gemeinsamen Abendessens ließ er kein Wort über die Bruderschaft verlauten und beobachtete stattdessen das Miteinander bei Tisch. Er war wenig überrascht, eine klare Hierarchie zu erkennen, die abseits der Heimat eine stärkere Ausprägung gefunden hatte. Was Mario verblüffte war, dass Massimo sich ihr augenscheinlich unterworfen hatte. Der abweisende Trotz war aus seinen Zügen verschwunden, genau so, wie es vor ihm bereits bei Claudia geschehen war.

„Ich habe lang über deinen Brief nachgedacht, nipote“, sagte Mario schließlich, als der Tisch abgeräumt worden war und sie nur noch mit etwas Wein und Obst beisammensaßen. „Eine Weile hat mir der Gedanke, das Artefakt zu mir zu holen, nicht so recht behagt, aber ich muss zugeben, dass er hier oben tatsächlich nicht mehr sicher ist. Wir sollten es bergen und an einen anderen Ort schaffen. Weg von Venedig und weg von euch. Ich hätte da eine Idee für ein gutes Versteck …“

„Also sollen wir den Apfel bergen, solange du hier bist, damit du ihn auf der Rückreise mitnehmen kannst?“

„Fast. Ich werde euch nach Torcello begleiten. Von hier aus sind wir zu Pferde knapp vier Tage unterwegs. Maria bleibt bei Claudia und leistet ihr Gesellschaft. Du und Leonardo kommt mit mir.“

„Ich, Leo und Massimo“, korrigierte Ezio, und der Großmeister runzelte missbilligend die Stirn.

„So viele müssen wir nicht sein.“

„Massimo ist aber derjenige, der den Apfel geborgen und in dieser Kirche versteckt hat. Es wäre nur gerecht, ihn mitzunehmen.“

Va tutto bene, Ezio“, sagte Massimo leise. „Ich muss nicht mitkommen. Ich bin ehrlich gesagt sogar froh, wenn ich Torcello nie wieder betreten muss …“

Ezio setzte bereits zu einem Protest an, ließ ihn aber unausgesprochen, als er den Schmerz in Massimos Augen erkannte. Den Apfel zu verstecken, war keine beflügelnde Heldentat für ihn gewesen, sondern eine Tortur, die dunkle Schatten in seiner Seele hinterlassen hatte. Schatten, wie Ezio sie selbst mehr als gut kannte. Langsam nickte er.

D’accordo. Dann bleib hier bei den anderen und pass auf, dass Maso keinen Unfug treibt.“

„ … eh!“

Tommasos empörtem Laut folgten Gelächter, Schulterklopfen und neckende Witze. Die Aufmerksamkeit fiel dabei vollends von Massimo ab, und ihm war anzusehen, dass ihm das mehr als recht war.

Allora, granmaestro!“, rief Ezio und klatschte in die Hände. „Wann soll’s losgehen?“

„Ich nehme mir das Wochenende über Zeit, um Melzi zu treffen und mir die Söldnerkaserne anzusehen. Ihr werdet derweil in eurer Bottega abklären, dass ihr eine Woche abkömmlich seid und anschließend die Reise vorbereiten. Am Montag brechen wir auf!“

~*~


Der Morgen des 10. Septembers war trotz des nahezu wolkenlosen Himmels reichlich frisch für einen Spätsommertag. Die Wachen an der Porta Orientale schenkten den drei Reitern in ihren dunklen Reisemänteln und Kapuzen keine Beachtung und ließen sie kommentarlos ziehen. Viel zu beschäftigt waren sie mit der Kontrolle der Handelskarren, die Waren von Venedig in die Stadt bringen wollten.

Leonardo bildete wie so oft das Schlusslicht. Kaum waren sie auf der offenen Landstraße, ließ er die Zügel locker. Ein, zwei Kilometer wollten sie sich von der Stadt entfernen, bevor sie die Mäntel ablegten, unter denen sie ihre Waffenröcke und Rüstungen trugen. Leonardos Blick fiel auf die Klinge an seinem rechten Unterarm. Er hatte viel Zeit damit zugebracht, sie zu reinigen und an einen neuen, für ihn zugeschnittenen Armschutz anzupassen. Ihr hohes Alter sah man ihr nun kaum mehr an, aber das Wissen darüber, wer sie einst getragen hatte, erfüllte Leonardos Seele mit Ehrfurcht. Behutsam strich er über die Zeilen, die entlang der Metallschiene eingraviert waren. Die Schrift war klein, sodass sie erst nach gründlichem Polieren wieder lesbar geworden war. Sie formte Worte, die Leonardo seit langen Jahren kannte – aber so, in dieser Form präsentiert, jagten sie ihm einen Schauer der Erkenntnis über den Rücken:

Der Eingang bin ich zu der Stadt der Schmerzen. Der Eingang bin ich zu den ew'gen Qualen. Der Eingang bin ich zum verlor'nen Volke. Gerechtigkeit trieb meinen hohen Schöpfer, Geschaffen haben mich die Allmacht der Götter, die höchste Weisheit und die erste Liebe. Vor mir ist kein geschaffen Ding gewesen, nur ewiges, und ich muss ewig dauern. Lasst, die ihr eingeht, alle Hoffnung fahren.

Leonardo bedeckte die Schrift mit der Hand und hob den Blick zum Himmel. Das verlorene Volk, es ließ sie nicht los. Und gewissermaßen befanden sie sich auf dem Weg zu ihm. Jetzt, in diesem Augenblick.

Auf dem Weg zum Ende des Paradieses …

~*~


Glossar:
Sei stupido! – Du bist blöd!
D’accordo. – Einverstanden.