Commilitones 5 - Tod und Teufel

GeschichteAbenteuer, Romanze / P18 Slash
22.01.2019
15.03.2019
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Duccio de Luca hasste Handelsreisen. Da die Konkurrenz in Florenz aber zu groß und seine Geldbörse darüber hinaus besorgniserregend leer war, hatte er sich dazu durchgerungen, seine Wollwaren zusammenzupacken und an der Westküste entlang von Wochenmarkt zu Wochenmarkt zu fahren. Er wollte einen Bogen nach Venedig schlagen und dort mit dem bis dahin erzielten Gewinn Erzeugnisse erstehen, die man in seiner Heimat nicht zuhauf geboten bekam. Die Hälfte des Weges hatte er hinter sich gebracht. Gestern war er in Mailand eingetroffen, hatte zähneknirschend den Zoll entrichtet und stand nun – nach einer viel zu kurzen Nacht – auf der Piazza del Duomo. Zu seiner Rechten unterhielten sich zwei Sattler lautstark in irgendeinem dieser scheußlichen deutschen Dialekte, auf der anderen Seite hatte ein Pelzhändler seinen Stand errichtet; ein Osmane, der sich ihm als Karasungur vorgestellt hatte und Handelsgüter aus dem Kaukasus feilbot. Duccio trug sich bereits mit dem Gedanken, sich den Umweg nach Venedig zu sparen und dem Mann etwas abzukaufen. Neben Klassikern wie Kaninchen- und Fuchspelzen bot Karasungur auch Felle von Wölfen, Zieseln, Murmeltieren und Schneeleoparden an. Vor allem letztere hatten es Duccio angetan. Sehr ausgefallen wirkten sie in ihrer Musterung, und der florentinische Adel wäre gewiss von ihnen entzückt.

Duccio seufzte. Um sich auch nur zwei dieser Felle leisten zu können, musste er heute einen überdurchschnittlich guten Umsatz machen. Seine bisherigen Einnahmen reichten kaum aus, um den Kaufpreis zu decken.

„Kommt Ihr öfter zum Handeln nach Mailand?“, erkundigte er sich.

„Ist erstes Mal“, antwortete Karasungur in gebrochenem Italienisch. Er klang müde, und er sah auch so aus. Die fiebrigen Augen und bläulich schimmernden Lippen waren Duccio schon beim Standaufbau aufgefallen. Der Osmane bewegte sich nur langsam, stützte sich die meiste Zeit auf seinen Tisch und hustete immer wieder in seine Ellenbeuge.

„Habt Euch ‘ne Grippe auf der Reise eingefangen, was?“

„Scheint so. Wetter in den Dolomiten war schlecht. Sehr schlecht. Und in Venezia es hat entweder geregnet oder Nebel. Ganze Zeit!“

„Oh, in Venedig wart Ihr auch?“

„Sicher. Leute dort kaufen viel. Schöne Felle, viel Geld.“ Karasungur hob den Arm, da er erneut husten musste. „Allah kahretsin!

„Ihr solltet Euch eine Pause gönnen, bevor Ihr weiterreist“, sagte Duccio. „So, wie Ihr ausseht, fallt Ihr bereits vom Pferd, bevor Ihr nur eine Meile weit gekommen seid.“

„Geht schon. Muss geh’n …“

Karasungur wischte sich mit dem Ärmel über die Stirn und tastete dann nach seiner Gürteltasche – wohl auf der Suche nach einem Taschentuch oder Kräutern, mit denen er sein Leiden ein wenig mildern konnte. Duccio zuckte mit den Schultern und wandte sich wieder seinen eigenen Waren zu. Er hatte die Wolle nach Farbe und Qualität sortiert und musste darauf achten, dass die Leute, die vorbeigingen, beim prüfenden Griff ins Material nicht alles durcheinander brachten – so wie das kleine Mädchen, das gerade vor dem Stand stehen geblieben war und ihre Hände nach den Lammfellen ausstreckte, die Duccio auf einer flachen Bank vor seinem Verkaufstisch drapiert hatte. Er schätzte sie auf vielleicht zwei Jahre, womit sie eindeutig zu jung war, um sich ohne elterliche Begleitung auf dem Markt herumzutreiben. Und tatsächlich trat nun ein Mann vor und fasste nach den Armen der Kleinen, um sie von den Fellen zurückzuziehen.

„Nicht anfassen, Aria. Das gehört dir nicht.“

„So flauschig!“, sagte das Mädchen begeistert, aber der Mann umschlang sie und hob sie auf den Arm, um sie außer Reichweite der Waren zu bringen. Dabei trafen sich ihre Blicke – und Duccio erstarrte.

„Vinci!“, zischte er.

„Duccio“, gab Leonardo unbeeindruckt zurück.

„Was suchst du hier?!“

„Keine Wege, andere über’s Ohr zu hauen.“

„Ich hab‘ hier nur Qualitätsware, ja? An diesem Stand ist alles seinen Preis wert! Das hat sogar dein Kind erkannt! – Ist doch deins?“ Leonardo beschränkte sich darauf, ihn gelassen anzustarren, und Duccio blähte die Nasenflügel.

„Von wem hast du’s?“, fragte er, bereits gefangen zwischen Misstrauen und böser Vorahnung.

„Seit wann sind Privatangelegenheiten Teil eines Kundengesprächs?“

„Du bist kein Kunde.“

„Ah, ich sehe schon, wie viel du von Geschäftstüchtigkeit verstehst.“

Gereizt stemmte Duccio beide Hände in die Hüften und beugte sich nach vorn. Karasungur am Nachbarstand hustete wieder, aber Duccio ignorierte es.

„Du hast mir schon genug versaut, Vinci, du vertreibst mir hier nicht auch noch die Leute!“

„Was habe ich dir denn bitte versaut?“

„Claudia gehörte mir!“

Bevor Leonardo darauf etwas erwidern konnte, legte sich eine Hand auf seine Schulter.

„Lass mal, caro mio. Das übernehme ich. Du hast die Hände voll.“

Duccio zuckte zusammen, als sich nun auch noch Ezio vor ihm aufbaute. Natürlich! Wie hatte er so naiv sein können, zu glauben, dass dieser verdammte Pinselschwinger ohne ihn unterwegs sein könnte!

„Anstandswauwau-Auditore ist ja auch da“, knurrte er, klang nun aber nicht mehr halb so einschüchternd, wie er es eigentlich beabsichtigt hatte.

Das Mädchen auf Leonardos Arm runzelte in Anbetracht der offen zur Schau gestellten Feindseligkeiten die Stirn. „Papa? Ist der Mann da böse?“

No, piccina.“ Wieder kam Ezio Leonardo zuvor. „Der ist einfach nur dumm!“

„Du brauchst dir gar nicht erst die Ärmel hochkrempeln!“, fauchte Duccio. „Wenn ihr nicht sofort verschwindet und mich in Ruhe lasst, rufe ich die Wachen!“

„Und was willst du denen erzählen? Dass du deine Zeit damit verschwendest, harmlose Marktbesucher zu beleidigen? Die Leute hier haben’s nicht so gern, wenn Auswärtige Ärger machen.“

Duccio überlegte, welche Antwort in Anbetracht seiner Lage die klügste war. Die beiden Deutschen mit ihren Lederwaren konnte er vor den Wachen kaum als Zeugen heranziehen, die verstanden ja kaum ein Wort. Aber Karasungur, der hatte doch mitbekommen, wie feindselig sich diese beiden Mistkerle hier Duccio gegenüber benahmen – insbesondere Ezio, der eine Miene zum Besten gab, die zweifellos verriet, was er zu tun gedachte, sobald sich nur die geringste Gelegenheit dazu ergab.

„Ihr seht, dass mich diese Männer belästigen, nicht wahr, Karasungur?“

Den Kopf drehend, heftete sich sein Blick auf den Osmanen. Dieser hatte die Rechte auf seinen Tisch gestützt und hielt sich die linke Hand vor den Mund. Er bebte am ganzen Leib, so heftig schüttelte ihn der Husten.

„Wollt Ihr vielleicht kurz zum Trinkbrunnen hinübergehen? Ich passe so lange auf Euren Stand auf.“

Was folgte, war angestrengtes Röcheln und Würgen. Dann endlich verstummte Karasungur. Mit zitternden Lippen stand er da und sah auf seine Handinnenfläche, die blanke Angst im Blick.

Signor …?“

Ezio hatte davon abgelassen, Duccio drohend anzustarren. Genau wie dieser richtete er nun seine ganze Aufmerksamkeit auf Karasungur. Der begann Worte in einer Sprache zu stammeln, die Ezio nicht verstand, aber was der Pelzhändler sagte, war eigentlich auch nebensächlich. Was zählte, war das Blut, das in dunklen Klumpen an seinen Fingern klebte.

„Ruf die Wachen, Duccio.“

„Was zum …“

„Ruf sie!“

Ezio wollte gerade nach Leonardos Schulter greifen, als er registrierte, dass er mit Aria bereits vor dem Stand zurückgewichen war.

„Wir gehen nach Hause“, bestimmte er. „Sofort!“

Duccio sah zu, wie sich seine eben noch überlegen zeigenden Widersacher aus dem Staub machten. Als er sich wieder Karasungur zuwandte, der erneut hustete und diesmal den blutigen Auswurf quer über die Schneeleopardenfelle spuckte, wurde ihm flau im Magen.

Per amor di Dio“, murmelte er. „So eine gottverdammte Scheiße …!“

~*~


Leonardo tauchte Arias Hände in die Schüssel mit Lavendelwasser und griff nach einer Bürste, mit der er auch unter die kleinen Fingernägel kam.

„Wo ein Verseuchter auftauch, da sind auch immer mehr“, sagte er. „Wenn ihr nach Hause kommt, gilt ab jetzt Folgendes: Hände waschen und Kleiderwechsel. Was auf der Arbeit oder der Straße angezogen wird, hängen wir zum Durchlüften über den Nachmittag in den Garten. Im Haus tragen wir etwas anderes, was auch im Haus und damit sauber bleibt. Niemand rührt die Kinder an, solange er in seinen Straßenklamotten steckt. Die Seuche befällt vor allem junge Menschen.“

„Wir können uns aber auch nicht einsperren, Leo …“

„Das werden wir nicht. Aber wir werden umsichtig sein und uns von Menschenmassen fernhalten – insbesondere von Menschen, die husten und vom Fieber glasige Augen haben. Erinnere dich, wo die Seuche im Florenz am heftigsten gewütet hat.“

„Im Drago Verde und den angrenzenden Vierteln.“

„Genau. Und was ist da?“

„Es ist dreckig.“

Giusto, giusto. Und warum ist das so?“

„Weil die Leute dort sehr arm sind.“

„Nein, Ezio. Das allein ist nicht der Grund. Auch ein armer Mensch kann dafür sorgen, dass er nicht zum Himmel stinkt.“

Ezio überlegte. „Das ist es, was die Ärzte als Ursache der Pestilenz vermuten: Miasmen. Schlechte Luft.“

„Und vielleicht haben sie da zu einem gewissen sogar Teil recht“, erwiderte Leonardo. „Um Gestank zu vermeiden, reicht es jedoch nicht, ein paar Kräuter zu verbrennen. Gestank entsteht durch Müll und Unrat, der nicht entsorgt wird. Durch Kleidung, die tage- oder wochenlang nicht gewechselt wird und durch Körperausdünstungen, wenn man sich nicht regelmäßig wäscht. Gestank soll man nicht übertünchen, man soll ihn vermeiden. – Hast du gesehen, wie der arme Teufel das Blut über die Felle gespuckt hat?“

Ezio verzog das Gesicht. „Erinnere mich nicht daran!“

„Ich will kein Obst und keinen Salat mehr vom Markt.“

„Leo …“

„Willst du essen, worauf ein Verseuchter seinen Rotz verteilt haben könnte? Etwas, was du roh verzehrst? Glaubst du, ich koche die Nadeln, mit denen ich unsere Wunden nähe, aus Spaß ab? Sie sollen sauber sein, damit wir nicht Gefahr laufen, dass sich unsere Verletzungen entzünden und eitern. Die Seuche springt über, von Mensch zu Mensch. Alle wissen das, darum werden die Kranken ja auch gemieden. Es wäre nur klug und konsequent, auch das zu meiden, womit sie in Berührung gekommen sind. Und genau das werden wir tun, Ezio. Sicher ist sicher. Mir ist daran gelegen, dass wir überleben. Wir alle.“

Leonardo hatte nach der Reinigung ihrer Hände und Unterarme das Wasser aus dem Fenster geschüttet. Er füllte die Schüssel erneut und tauchte einen Lappen hinein, mit dem er nun Arias Gesicht wusch – mit ruhigen Bewegungen und sehr, sehr gründlich.

„War der Hustenmann böse?“, fragte Aria.

„Nein, piccina, er war nicht böse. Aber sehr krank. Wenn man kranke Menschen getroffen hat, muss man sich gut waschen.“

„Wird man sonst auch krank?“

„Ja, genau.“ Leonardo hielt eine simple Bestätigung für die bestmögliche Methode, Aria klar zu machen, wie sie sich zu verhalten hatte. „Und ich möchte, dass wir alle gesund bleiben.“

Er wollte sich vorbeugen und sie auf die Stirn küssen, aber sie patschte ihm ihre Hand gegen die Lippen.

„Mhmhm!“, machte sie. „Erst waschen!“

Leonardo blinzelte kurz – dann lachte er, und es klang herzlich.

„Du hast vollkommen recht!“ Er tauchte den Waschlappen zurück in die Schüssel, schwenkte ihn aus und wischte sich damit anschließend über das eigene Gesicht – amüsiert über die strenge Miene, mit der Aria jeden seiner Handgriffe beobachtete.

„Darf ich jetzt?“, fragte er.

Aria nickte huldvoll. Als Leonardo und Ezio darüber in lautes Gelächter ausbrachen, zog sie eine Schnute.

„Nicht komisch!“, beschwerte sie sich. „Gar nicht komisch!“

~*~


„… bitten die Bürger darum, jeden Fall von Pestilenz sofort den zuständigen Behörden zu melden, damit entsprechende Vorsichtsmaßnahmen ergriffen werden können. Da die Seuche unserem aktuellen Kenntnisstand nach wiederholt von osmanischen Händlern aus Konstantinopel eingeschleppt wurde, wird eben jenen bis auf Weiteres keine Markterlaubnis erteilt. Die Wachen sind dazu angehalten, entsprechende Fuhrwerke und Karren an den Stadttoren abzuweisen.“

„Ich weiß schon, wie’s enden wird, wenn man Meldung macht!“, brummte Carlotta, die vor dem Haus an der Wand lehnte und die Arme vor der Brust kreuzte. Die Herolde, welche die aktuellen Meldungen zur in Mailand ausgebrochenen Pest unter die Leute zu tragen hatten, hielten sich nicht länger auf ihren Stammplätzen im Zentrum auf, sondern zogen von Piazza zu Piazza und Kreuzung zu Kreuzung, um möglichst viele Bürger zu erreichen.

„Und wie wird es enden?“, fragte Leonardo.

„Na, so wie bei der großen Seuche vor vierun‘achtzig Jahr‘n“, sagte sie. „Mein Mann hat mir das Tagebuch seines Großvaters vorgelesen, da stand’s drin. Wenn die Leute erkrankten, hat die Stadt einfach die Tür‘n un‘ alle Fenster im Erdgeschoss zugemauert un‘ drauf gewartet, dass die armen Teufel da drin verrecken. Sobald‘s gescheh‘n war, hat man’s angesteckt, das ganze verdammte Haus. Grausam war das! Ganze Familien ham’se so ausgerottet.“

„… findet am kommenden Sonntag eine Prozession statt, um St. Rochus und St. Sebastian zu gedenken und die beiden Schutzheiligen um Fürbitte anzuflehen, auf dass diese dunkle Zeit ein rasches Ende finden möge“, fuhr der Herold fort. „Alle braven Christenmenschen sind dazu aufgerufen, zu fasten und Buße zu tun, um den Herrn durch Frömmigkeit gnädig zu stimmen. Auch Almosen und Spenden für den Opferstock werden gerne angenommen. Zudem werden noch heute im Laufe des Tages auf allen Straßenkreuzungen Feuer zur Luftreinigung entzündet.“

„Hier helfen keine Gebete“, schnaubte Leonardo, hielt aber inne, als Tina leise fiepend vor ihm stehen blieb und zu ihm aufblickte. Die Terrierhündin war zum Nachbargrundstück gegenüber getrottet, während Carlotta und Leonardo dem Herold gelauscht hatten, und präsentierte ihrem Herrchen nun stolz ihren dort gemachten Fund.

Cazzo!“, rief Leonardo erschrocken. „Spuck das aus, Tina! – Aus!“

Verwirrt über diese heftige Reaktion öffnete die Hündin die Schnauze und ließ das Fellbündel fallen, das sie darin getragen hatte. Geräuschlos schlug es auf dem Boden. Es war eine Ratte. Angewidert trat Leonardo sie mit der Stiefelspitze beiseite.

„Du sollst diese Biester jagen, damit wir sie nicht im Haus haben, und sie nicht nach Hause bringen!“

Die Hündin legte den Kopf schief und wedelte mit dem Schwanz. Dann drehte sie sich um und lief über die Straße zurück.

Mannaggia! Komm sofort zurück! Bei Fuß!“

Fluchend stapfte Leonardo dem Terrier hinterher. Der hatte sich zwischen einige Büsche vor der Mauer von Fucheris Grundstück gezwängt, schnüffelte und schnaubte. Leonardo packte das Tier am Lederband, das er ihm um den Hals gelegt hatte, damit jeder sehen konnte, dass Tina kein herrenloser Straßenstreuner war, und zog den Hund zurück.

„Es reicht jetzt!“

Leonardo war kurz davor, die Geduld zu verlieren. Er zog fester am Halsband und bog dabei einen der Büsche zur Seite, damit ihm die Zweige nicht ins Gehege kamen.

Da sah er sie.

Per Dio …“

Hatte er eben noch lautstark vor sich hin geschimpft, so war seine Stimme jetzt nicht mehr als ein Flüstern. Entsetzt starrte er auf das, was Tina zwischen den Büschen aufgestöbert hatte. Eine einzelne Ratte sehen zu müssen, ganz gleich ob tot oder lebendig, reichte Leonardo bereits. Er verabscheute diese Tiere wie nichts anderes auf der Welt. Einen ganzen Haufen der zottigen Leiber mit den fingerdicken nackten Schwänzen anzustarren, jagte ihm deshalb einen Schauer über den Rücken, unter dem sich die Härchen in seinem Nacken für ihn deutlich spürbar aufstellten.

„Aus, Tina“, wiederholte er und packte nun so heftig zu, dass die Hündin aufjaulte. Ihr Schwanzwedeln erstarb, und ohne jeden Widerstand trottete sie unter Leonardos energischem Fingerzeig über die Straße zurück zum Haus, wo Carlotta nach wie vor neben der Tür stand.

„Was‘n los?“, fragte sie.

„Ratten“, sagte Leonardo. „Ein ganzer Haufen toter Ratten.“

„Das is‘ nich‘ gut.“ Nachdenklich starrte Carlotta zu den Büschen hinüber. „Davon hat der Großvater meines Mannes nämlich auch was geschrieben. In seinem Tagebuch.“

„Was genau hat er geschrieben?“

„Dass zuerst die Ratten starben, un‘ zwar in Massen. Überall fand man die Viecher. Un‘ dann … dann erst starben die Menschen. Es dauerte drei, vier Wochen. Solang gab’s nur ’n paar vereinzelte Fälle. Un‘ auf einmal … da war ’se überall, die Seuche.“

Leonardo starrte über die Straße – und dann zur Kreuzung, auf der der Herold weitere Anweisungen an die Mailänder kund tat:

„Ärzte raten zu einem sofortigen Aderlass bei Auftreten von Beulen und Geschwüren. Das regelmäßige Besprühen von Kranken mit Essig und das Eindämmen schlechter Dämpfe in Schlafzimmern und Stuben werden allgemein empfohlen. – In diesem Zusammenhang lässt der Kräuterhändler Marchetti aus der Via San Vittore allen Bürgerinnen und Bürgern mitteilen, dass er nur noch über geringe Mengen an Räucherwerk verfügt und deshalb die Preise erhöhen musste. Da Zulieferungen aus dem Orient in der nächsten Zeit schwierig zu bewerkstelligen sein werden, ist ungewiss, wann er ausreichend Nachschub in sein Angebot aufnehmen kann. Eile ist also geboten!“

„Der macht auch noch’n Geschäft aus’m Elend“, seufzte Carlotta.

Leonardo nickte. Seine Miene war düster. „Er wird nicht der einzige sein, der das tut oder tun wird. – Haben wir Essig im Haus?“

Sì, sì. Wofür?“

„Ich will Tina waschen.“

„’S is‘ doch nur’n Hund“, zeigte sich Carlotta verständnislos.

„Aber sie schläft bei uns in der Stube.“

Damit war die Diskussion für Leonardo beendet. Er lief zum Durchgang, der am Haus entlang zu den Stallungen und dem dahinter liegenden Garten führte. Auf seinen Pfiff hin folgte ihm Tina auf dem Fuße. Kaum war sie an ihrem Herrchen vorbeigehuscht, schlug Leonardo schon das Tor zur Straße zu und verriegelte es.

„Er ist’n komischer Kerl“, sagte Carlotta. „’N wirklich komischer Kerl!“

Kopfschüttelnd wandte sie sich zur Haustür um. Der Herr wollte Essig verschwenden, um damit den Hund zu waschen. Schön, er sollte ihn haben. Aber die nächste Flasche – das stand für Carlotta fest – würde er bezahlen müssen!

~*~


Es kam, wie es der Großvater von Carlottas verstorbenem Mann in seinen Aufzeichnungen geschildert hatte: Einige Tage lang gab es nur vereinzelte Krankheitsfälle mit daran anschließender Quarantäne, welche die Stadt den Betroffenen wie auch ihren Angehörigen verordnete. Dafür jedoch häuften sich die Berichte über die toten Ratten, die man überall fand. Kein Raubtier hatte sie geschlagen. Sie waren für das bloße Auge unversehrt. Streunende Hunde und Katzen fraßen sie, und niemand kam auf die Idee, sie davon abzuhalten. Es waren schließlich nur Tiere.

Dann legte sich der Schatten des Todes über Mailand. Die Gefährten, die er mit sich brachte, waren Verzweiflung, Angst und das Verlangen nach Schuldigen, die man für das erlebte Leid zur Rechenschaft ziehen und bestrafen konnte. Da man allen osmanischen Händlern den Zutritt zur Stadt verboten hatte, die Seuche aber dennoch ausgebrochen war, mussten andere Kräfte am Werk sein.

Übernatürliche.

„Hexerei“, sagte Melzi, als Ezio und Leonardo vor seinem Schreibtisch im Büro Platz nahmen. „Nachdem die Gesellschaft inzwischen mit den Juden und Leprakranken als potenzielle Brunnenvergifter durch ist, hat sie einen neuen Sündenbock gefunden, der die soziale Ordnung bedroht. Und je mehr Schicksale wir haben, desto lauter werden die Stimmen werden, die Verleumdungen in die Straßen und Gassen hinaus brüllen. Was über kurz oder lang daraus resultieren muss, dürfte klar sein.“

„Aufstände bis hin zur Lynchjustiz“, sagte Ezio. „Je schlimmer die Lage wird, desto mehr Menschen werden sich gegenseitig an die Gurgel gehen.“

„So ist es. Darum seid bitte jetzt besonders aufmerksam. Ich habe bereits Popoleschis Söldner angewiesen, die Viertel regelmäßig zu patrouillieren. Die Stadtwache ist darüber informiert und wird den Männern Handlungsfreiraum lassen – quasi als willkommene Unterstützung. Ihr beide dagegen seid meine sehenden Augen. Nirgendwo sonst in Mailand lässt sich ein besserer Überblick verschaffen als von den Dächern. Dort oben seid ihr den Kranken und allen Menschenansammlungen fern, aber ihr seht, wo es brenzlig wird und könnt Popoleschis Männer delegieren. Uns reicht ein großes Leid, das es zu bewältigen gilt. Wir brauchen nicht mehr davon.“

„Verstanden.“

„Ah, und Ezio?“

Sì, Signore?

„Besonders aggressive Hetzer sind zu eliminieren. Wenn ihr feststellt, dass es einem Individuum – gleich welchen Standes – gelingt, die Bürger in einen mordwilligen Mob zu verwandeln, beseitigt ihn. Die innere Ordnung der Stadt muss bewahrt werden, der Masse zuliebe. Dass Menschen an der Seuche sterben, ist schlimm genug. Wenn nun aber darüber hinaus Plünderungen und Hetzjagden beginnen und es dabei zu Mord und Totschlag kommt, werden wir unter dem Strich mehr Opfer wegen menschengemachter Probleme zu beklagen haben als aufgrund der Pestilenz.“

„Was Ihr uns hier erteilt, ist Narrenfreiheit“, sagte Ezio langsam.

„Das ist mir bewusst. Aber besondere Umstände erfordern nun mal besondere Maßnahmen. Beschützt diese Stadt vor ihren Feinden – auch wenn sie innerhalb der Mauern sitzen. Ich werde das Meine tun, um alle eventuell notwenigen Maßnahmen in den nächsten Monaten vor den Autoritäten zu rechtfertigen.“ Melzi lehnte sich auf seinem Stuhl zurück, verflocht in einer für ihn typischen ruhigen Geste die Finger ineinander und sah Ezio wie auch Leonardo bedeutungsvoll an. „Wenn ihr einer Sache ganz sicher sein könnt, signori, dann ist es Ludovicos Furcht vor Revolten in seinem Fürstentum, deren Opfer am Ende womöglich er selbst sein könnte …“

~*~


Glossar:
Allah kahretsin! – Gottverdammt nochmal! [türk.]
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