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Wundersame Erlebnisse aus dem Leben des Eddy Spenser

von - Leela -
Kurzbeschreibung
SammlungAbenteuer / P12 / Gen
Eddie Jake Jessica OC (Own Character) Prime Evil Tracy
20.01.2019
01.01.2021
100
261.220
9
Alle Kapitel
57 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
18.03.2019 4.845
 
Anm. d. Aut.: Dieses Kapitel wurde für das »Geschichten-Bingo« von Mufterling geschrieben. Die Vorgabe zu der Nummer 11 war: "Als du im Cafe sitzt lässt eine fremde Frau im vorbei rennen einen Zettel auf deinen Platz fallen. Darauf steht: Verschwinde solange du noch kannst."
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Während Eddy an seinem Buch schrieb, passierten natürlich auch Ereignisse, die es wiederum wert waren, mit in das Buch aufgenommen zu werden. Das hatte Eddy schon vermutet, und so hatte er sich sein Konzept in erster Instanz auch überlegt – doch hatte er nicht vermutet, daß das »während« so wörtlich sein würde; und vor allem nicht, was genau ihn erwarten würde, wie zum Beispiel in dieser Geschichte:

Notiz: Notizen haben meistens einen Sinn…

Ich saß an einem der Tische eines der Straßencafés in der Innenstadt von New York und machte mir Gedanken über die nächste Geschichte für mein Buch. Es war einer der ersten Tage, an denen man hier wieder draußen sitzen konnte; heute war es etwas kühler, so daß die meisten Leute nach drinnen gingen und ich den Außenbereich für mich hatte. Das kam mir sehr gelegen, so hatte ich schön Ruhe, an dem nächsten Kapitel für mein Buch zu arbeiten.
      Ich hatte mich in meine Notizen vertieft, so daß ich gar nicht richtig wahrnahm, was um mich herum passierte. Es war aber so still und ruhig, daß ich die Schritte nicht überhören konnte, als diese hastig über den Gehweg rannten. Als ich aufsah, bemerkte ich eine Frau, die so gehetzt wirkte, als wäre sie auf der Flucht. Ich konnte aber weit und breit keinen Grund dafür entdecken.
      Ich beschloß, mich wieder meinen Notizen zu widmen. Sicher war ihr gerade eingefallen, daß sie vergessen hatte, einen Parkschein zu ziehen oder so etwas.
      Als sie auf meiner Höhe war, flatterte mir plötzlich ein Zettel vor die Nase, den nicht ich geschrieben hatte. Ich konnte so schnell gar nicht sehen, ob sie ihn mir zugeworfen, oder ob sie ihn verloren hatte. Ich war schon drauf und dran, ihr nachzurufen, doch das hatte schon keinen Sinn mehr. Sie war schon außer Reichweite fast meinem Blick entschwunden. Automatisch sah ich auf den Zettel, auf den eine kurze Notiz gekritzelt war: „Verschwinde solange du noch kannst.
      Ich starrte die Nachricht eine Weile an. War die für mich bestimmt? Ich sah auf, in die Richtung, aus der sie gekommen war, doch ich konnte noch immer nichts sehen. Wovor hatte sie nur solche Angst? Und warum sollte sie mich warnen? Ich kannte diese Frau ja nicht einmal.
      Als ich in die Ferne blickte, bemerkte ich die Luft flimmern. Fast hatte es den Anschein, als würde das leichte Flimmern in der Luft näher kommen. Eine optische Täuschung, vermutete ich. Das war nicht ungewöhnlich, wenn auch üblicherweise eher bei heißem Wetter. War dort vorne nicht der Citygrill? Das konnte es wohl kaum sein, wovor sie geflogen war.
      Je länger ich auf das Flimmern starrte, desto mehr hatte ich den Eindruck, es würde tatsächlich näher kommen. Es war nicht viel, allenfalls eine vage Wahrnehmung in der Größenordnung einer kleinen Säule vielleicht.
      Ich überlegte eine Spur zu langsam, daß die Warnung der Frau einen Sinn haben könnte. Plötzlich war die flimmernde Säule da und erfaßte mich. Das darauf folgende Gefühl läßt sich nicht wirklich gut beschreiben; am liebsten möchte ich es so formulieren: Ich möchte es aus meinem Gedächtnis streichen und nie wieder darüber nachdenken müssen. So ungefähr mußte es sich anfühlen, wenn man sich selbst auf links krempelt.
      Als ich wieder zur Besinnung kam, was das Flimmern verschwunden, und ich brauchte einen Augenblick, um mich zu sammeln. Es war unangenehm gewesen, und ich wollte es nicht noch einmal erleben. War es das gewesen, wovor die Frau mich hatte warnen wollen? Hatte sie das schon öfter erlebt?
      Zuerst wollte ich das Erlebnis beiseite schieben und mich wieder um meine Notizen kümmern. Doch ich konnte mich nicht mehr darauf konzentrieren. Diese Begebenheit ließ mich nicht mehr los. So beschloß ich, nach Hause zu gehen, und Jake und Tracy davon zu erzählen.
      Als ich zu Hause ankam, ging ich wie gewohnt die Tür zum Büro hoch. Als ich reinkam, standen Jake und Tracy gerade am Schreibtisch zusammen und unterhielten sich. Das kam mir gelegen. Zumindest dachte ich das. Ich werde nie den nächsten Moment vergessen. Jake drehte sich mit seinem professionellen Lächeln zu mir um und fragte: „Was kann ich für Sie tun?“
      Jake der Spaßvogel. Ich verdrehte die Augen. Und dann wurde es noch verrückter. Als ich nach einem „sehr witzig“, das ich nicht hatte vermeiden können, erklärte, daß ich mit den beiden reden müßte, runzelten sie die Stirn, und Jake fragte, wer ich überhaupt sei. Und was das gruseligste an der Sache war, es wirkte auf mich nicht einmal gespielt.
      Ich kann euch sagen, es gibt wohl kaum ein seltsameres Gefühl, als seinen eigenen besten Freunden, mit denen man auch zusammen wohnt, erklären zu müssen, wer man ist. Als ich Jake erzählte, daß wir Freunde und Partner seien, und ich auch im Ghostkommando wohnen würde, schaute er mehr als sparsam aus der Wäsche. Er dementierte es nicht, doch ich sah ihm an, daß er mich für einen Spinner hielt. Also zog ich alle Register und beschrieb ihm das ganze Ghostkommando. Tracy wurde sehr aufmerksam und hörte mir genau zu. Anschließend sahen sich meine Freunde einen langen Moment an.
      Jake sprach als erster und eröffnete mir deutlich verwirrt, daß meine Beschreibung im großen und ganzen stimmen würde – abgesehen von meinem eigenen Zimmer, das ich ihm beschrieben hatte. Und um mir zu beweisen, was er meinte, führte er mich im ganzen Haus herum.
      Zunächst war es nichts ungewöhnliches für mich, schließlich war ich hier zu Hause. Doch als wir zu meinem Zimmer kamen, zerbrach etwas in mir. Mein Zimmer war… schlichtweg nicht mehr vorhanden. Tracy hatte hier ein Bastelatelier eingerichtet. Sollte das alles ein schlechter Scherz sein? Ich war doch heute morgen noch erst hier gewesen. Wie um alles in der Welt hatten sie, so schnell…?
      Als wir nun durch das ganze Haus gingen, fielen mir immer mehr Details auf. In der Küche gab es keine Tassen mehr von mir, von der Pinnwand waren meine Rezepte entfernt worden, auf Fotos im ganzen Haus fehlte ich vollständig, als wäre ich nie dagewesen,… jedes Detail, das mit mir im Zusammenhang stand, schien nicht mehr existent zu sein! So, als hätte es mich nie gegeben… Aber das war doch absurd! Hatte mich dieses… wasauchimmer in eine andere Wirklichkeit geschleudert?
      Ich versuchte, Jake und Tracy davon zu überzeugen, daß hier etwas grotesk schiefgelaufen sein mußte und teilte ihnen auch meine jüngste Vermutung mit.
      Jake wirkte sehr nachdenklich, und jetzt genoß ich den einen Vorteil, der mir unser Job mit dem Paranormalen einbrachte: Die beiden taten es nicht ganz als Unsinn ab und warfen mich postwendend hinaus, sondern ließen die Möglichkeit zu, daß meine Geschichte stimmen könnte, und wollten den Fall untersuchen. Das beruhigte mich sehr. Wenigstens das funktionierte noch so wie gewohnt.
      Sie fragten mich nach meiner Adresse, damit sie mich kontaktieren könnten. Nach einem sprachlosen Moment mußte ich aufpassen, nicht hysterisch zu lachen. Ich sagte zu, am nächsten Vormittag noch einmal vorbeizukommen, wenn sich die beiden über den ersten Eindruck ein Bild gemacht hatten. Bis dahin würde ich mich eine Nacht in einer Pension einquartieren, und morgen, wenn sich die Gemüter etwas gelegt hatten, das ganze noch mal mit Jake und Tracy - oder mit dem Jake und dem Tracy aus dieser Wirklichkeit - in Ruhe durchsprechen. Damit waren die beiden einverstanden, damit sie sich überlegen konnten, wie sie am besten in dieser Sache vorgehen wollten. Und so verständigten wir uns darauf, uns am nächsten Tag gleich morgens zu Beginn der Öffnungszeiten wieder hier zu treffen. Öffnungszeiten! Ich hatte mich nie an unsere eigenen Öffnungszeiten halten müssen!
      Mir war elend zumute. Und so erkundigte ich mich, ob ich kurz das Bad benutzen dürfte, was Jake mir zusagte. Ich brauchte einen Moment, wo ich mich setzen und etwas frischmachen konnte, zudem kam mir die Toilette gelegen, das konnte ich gleich mit erledigen, bevor ich mir eine Bleibe für die Nacht suchte. Als ich die Tür zum Bad hinter mir schloß, fröstelte es mich. So vertraut mir der Raum auch war, es schauderte mich zugleich. Mein Handtuch – existierte nicht mehr. Mein Teil des Badschrankes – war mit Tracys persönlichen Hygienesachen versehen. Auf der Ablage gab es weder den Kamm, noch das Deo, noch den Zahnputzbecher, die ich benutzte.
      Als ich erschöpft in den Spiegel sah, hatte ich das Gefühl, selbst mein Spiegelbild würde flimmern, so wie die Luft auf der Straße, bevor sie mich erwischt hatte. Fast so, als wäre ich nicht ganz real… Mit wurde schwindelig und ich stolperte zwei Schritte vom Spiegel weg.
      Vor dem Bad hörte ich die leisen Stimmen von Tracy und Jake. Ich hörte Skepsis heraus und konnte nicht anders als zu lauschen. Die beiden unterhielten sich gerade darüber, daß sie mich die ganze Zeit im Auge behalten sollten, falls ich doch ein Betrüger war, der nur etwas stehlen wollte, und Jake räumte zumindest halbwegs beruhigt ein, daß ich wenn, aus dem Bad allenfalls sein Haargel mitgehen lassen könnte, das jetzt nicht so wichtig war. Das traf tief! Ich wußte, daß hier etwas im Gange war, was keiner von uns verstand, doch daß mein bester Freund mir nicht vertraute, war ein ungemütliches Gefühl, und ich konnte es kaum abwarten, das Rätsel, das mein Leben auszulöschen drohte, zu lösen.
      Nachdem ich, ohne das Haargel mitgehen lassen zu haben, das Bad verließ, verabschiedete ich mich in der wohl schlimmsten Verfassung, an die ich mich in meinem Leben erinnern konnte. Doch ich wollte den beiden nicht noch mehr Unannehmlichkeiten machen. Mir war schon damit gedient, daß sie den Fall angenommen hatten und untersuchen würden.
      Ich quartierte mich derweil in einem Zimmer in einem Hotel etwas die Straße herauf ein und hoffte sehr, daß ich mit einer Nacht auskam. Dieses Rätsel mußten wir lösen, sonst hatte ich ein ernstes Problem! Als ich auf das Bett fiel, ließ ich die Gedanken leerlaufen. Was mochte nur passiert sein, als das Flimmern mich traf? Und warum hatte die Frau mich davor gewarnt? Ich versuchte zu schlafen. Morgen würde ich zusammen mit Jake und Tracy das Rätsel aufklären, bis dahin konnte ich sowieso nichts tun. Irgendwann fiel ich in leichten Schlaf. Richtig Ruhe fand ich in dieser Nacht aber nicht.

Am nächsten Tag führte mein erster Weg zum Ghostkommando, um mich zu erkundigen, wie die Ermittlungen vorangingen. Ich lief die Stufen zum Büro hoch und trat vorsichtig ein. Jake saß gerade am Schreibtisch, in ein paar Formulare vertieft. Ich stellte mich wieder auf den eher unbeteiligten Blick ein, den er mir tags zuvor schon zugeworfen hatte; der Blick der für Fremde reserviert war. Und den bekam ich auch, als er aufsah, aber anders, als erwartet. „Ja, bitte? Was kann ich für Sie tun?“ Diese Worte werden bis an mein Lebensende einen bitteren Nachhall in mir haben.
      Ich erklärte ihm, daß ich tags zuvor schon einmal dagewesen war, und als er mich stirnrunzelnd ansah, erklärte ich noch einmal genauer mein Anliegen. Meine Güte! Jake war nie schlecht darin gewesen, sich einen Auftraggeber und die Geschichte dazu zu merken!
      Als mein bester Freund mir weißmachen wollte, daß wir am Vortag nicht miteinander gesprochen hatten, verlor ich fast die Nerven. Was sollte dieses Spiel? Glaubten die beiden wirklich, ich wäre ein Einbrecher? Machte ich wirklich so einen Eindruck auf die beiden?
      Jake holte Tracy noch einmal dazu, und unser Gorilla bestätigte, daß er mich noch nie in seinem Leben gesehen hatte, und daß er von dem Auftrag vom Vortag nichts wußte. Und irgendwie… glaubte ich ihm. Es schien, als hätten die beiden in der Zwischenzeit alles vergessen, was mit mir im Zusammenhang stand.
      Jake fragte mich, ob er einen Auftrag aufnehmen sollte. Ich starrte ihn eine Weile an. Wenn das Prinzip so funktionierte, brauchten wir damit gar nicht anzufangen. Wie oft sollte ich mein Problem denn noch von neuem erklären, wenn die beiden mich vergaßen, sobald ich aus der Tür war? Und so schüttelte ich den Kopf und verabschiedete mich. Als die Tür zuschlug, hörte ich noch Jakes Bemerkung zu Tracy, ein leises „Komischer Typ.“, und damit war die Sache abgetan.
      Ich ließ mich erschöpft und verzweifelt auf die Stufen vor dem Ghostkommando sinken und versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen. Jake und Tracy konnten mir also nicht helfen. Überhaupt war es so, daß, egal wo ich hinkam, die Leute mich jedes Mal wieder auf’s Neue kennenzulernen schienen. Das war mir sogar heute morgen beim Frühstück im Hotel aufgefallen! Irgendeine Lösung für dieses Problem mußte es ja aber geben!
      Mir war eins klar: Ich mußte diese Frau finden! Wenn mir jemand sagen konnte, was hier vor sich ging, und mir möglicherweise noch helfen konnte, dann sie. Aber wo sollte ich anfangen…?
      Ich hatte keine richtige Idee, und so folgte ich zunächst dem ersten Gedanken, der mir in den Sinn kam – ich ging noch einmal die Straße am Café entlang, wo mir die Frau begegnet war. Was ich mir davon versprach, wußte ich noch nicht, aber irgendwo mußte ich ja anfangen. An meinem Zielort fühlte ich mich eher hilflos. Und was jetzt? Sie würde ja kaum hier auf mich warten!
      Plötzlich spürte ich eine Hand auf meiner Schulter, und während ich noch den Schock über diese plötzliche Berührung verarbeitete, wurde ich zur Seite gezogen, in eine schmale Gasse zwischen zwei Häusern, dort, wo die Mülltonnen der Pizzeria und des Schuhladens standen. Als ich mich umdrehte, erkannte ich die Frau, die gerade einen Finger auf die Lippen legte und mir bedeutete, mich auf eine der Kisten zu setzen, die hier aufgestapelt waren.
      Ich kam der Aufforderung automatisch nach, bevor mir die Beine einknickten, und sie setzte sich mir gegenüber. Ich spürte, wie ich zitterte. Ich wollte wissen, was passiert war, und woher sie wußte, daß ich hier sein würde.
      Sie sagte mir, daß, seit der Tarnanzug ausgelöst hatte, sie die Hoffnung gehabt hatte, daß sie mich hier finden würde. Das trug nicht zu meiner Beruhigung dabei und auch nicht dazu, daß ich weniger verwirrt war. Zumindest aber - und das beruhigte mich doch, auch wenn es mich trotz allem noch mehr verwirrte - hatte ich jemanden gefunden, der sich an mich erinnerte! Ich fragte sie, wie das möglich war, und sie… erklärte mir alles.
      So erfuhr ich, daß sie eine Wissenschaftlerin war, die in einem Speziallabor an einem absolut geheimen Projekt gearbeitet hatte. Sie waren zu viert gewesen und hatten das, was auch immer mir widerfahren war, entwickelt.
      Ich erkundigte mich, was das für ein Phänomen war. War ich in einer Art Paralleluniversum gelandet? Sprang ich in den Dimensionen oder war ich irgendwie… phasenverschoben oder so etwas? Aber all das paßte irgendwie nicht zu dem, was ich erlebte! Und sie erklärte mir, wie das Experiment wirklich funktionierte.
      Dieses flimmernde Etwas war von der Form her einem Menschen nachempfunden, und zwar so, daß es sich an den Körper des Trägers anpaßte. Fast so wie ein Kleidungsstück. Gedacht war es gewesen für Geheimorganisationen, um unauffällige Operationen durchführen zu können. Ich bekomme sogar noch wörtlich ihre Erklärung zusammen: „Es ist wie eine Schablone, die sich über den Körper legt und die Person »ausblendet«. Man kann die Person sehen, mit ihr interagieren, aber eigentlich ist sie in dem Gefüge dieser Welt nicht vorhanden.“ Mit meinen laienhaften Worten bedeutete dies also, daß der Träger des Anzuges sofort vergessen wurde, sobald er aus der Aufmerksamkeitsspanne des Gesprächspartners verschwand. Frei nach dem Motto: Aus den Augen, aus dem Sinn, nur wortwörtlich. Und sie bejahte das. Dieses Experiment war von unschätzbarem Wert, und ich wurde mir bewußt, daß ich gerade das teuerste Kleidungsstück des ganzen Universums am Körper trug.
      Jedoch, so erzählte sie mir weiter, war bereits in der Entwicklungsphase etwas fürchterlich schiefgegangen, und plötzlich wurden die Wissenschaftler zu den Gejagten ihrer eigenen Erfindung. Wie auch immer es hatte geschehen können, hatte der menschliche Supertarnanzug plötzlich ein Eigenleben begonnen, mit dem Ziel, seine Erschaffer für die Welt auszulöschen – so wie jetzt mich. Deswegen war die Frau gerannt und hatte alle in ihrer unmittelbaren Fluchtschneise gewarnt, – und ich Idiot hatte im Weg gestanden, und das Unheil für sie aufgehalten. Meine Vorliebe für Maßanzüge verlor gerade abrupt an Stellenwert.
      Die Fragen überschlugen sich in meinem Gehirn. Wieso kam es - trotzdem - daß die Frau sich an mich erinnern konnte? Was war mit den anderen Wissenschaftlern? Und - zur Hölle - wie wurde ich das Ding wieder los?
      Sie begann, die Fragen chronologisch abzuarbeiten. Hätte ich sie doch bloß anders herum gestellt! Die Wissenschaftlerin zeigte mir ein schmales Armband an ihrem Handgelenk, das aussah wie ein Schweißband, und erklärte mir, daß sie sich an mich erinnern könnte, da diese Armbänder mit der gleichen Energiefrequenz wie die des Tarnanzuges aufgeladen waren. Jeder der Wissenschaftler hatte so eines, damit sie das Projekt steuern konnten. Okay, diese Information war schon mal gar nicht so schlecht!
      Die anderen Wissenschaftler waren noch in der Forschungseinrichtung und suchten gerade nach einer Lösung, wie sie dem Problem beikommen konnten. Als das Projekt außer Kontrolle geraten war, hatte die Frau vor mir sozusagen als Köder fungiert, um das Tarnanzugdings abzulenken – sie hatte aber nicht gewagt, sich den Anzug vorsätzlich anzuziehen, da bislang keiner von ihnen wußte, ob sie den Effekt jemals wieder würden umkehren können, nachdem das Projekt ein Eigenleben entwickelt hatte. Ich lernte aus ihren Erzählungen, daß der Anzug sich im Grunde auf sie ausgerichtet hatte – kam jemand, wie in diesem Fall ich, in die Quere, war er anscheinend aber auch nicht wählerisch. Einmal in Kontakt mit einem anderen Menschen, hatte die Wissenschaftlerin nichts mehr zu befürchten gebraucht – und die Energie in ihrem Armband hatte ihr gesagt, daß die Struktur des Tarnanzugs einen Wirtskörper gefunden hatte.
       Und auf meine wichtigste Frage antwortete sie, daß sie nicht wußte, wie man den Effekt wieder aufheben konnte, eben weil das Projekt komplett außer Kontrolle geraten war. Herzlichen Dank!

Das erste sinnvolle, was sie nun tat war, mich mit in die Forschungseinrichtung zu nehmen, wo der »Tarnanzug« entworfen worden war. Dort lernte ich die drei anderen Wissenschaftler kennen, die an dem Projekt beteiligt gewesen waren, zwei Männer und eine Frau. Und ich konnte dort bleiben, bis eine Lösung gefunden worden war. Das mußte ich auch – hey, ich trug gerade einen millionenschweren, nicht sichtbaren Maßanzug, der den vieren abhanden gekommen war!
      Nachdem ich mich notdürftig in einem der Mitarbeiterzimmer der Forschungseinrichtung eingerichtet hatte, setzten sich die Wissenschaftler mit mir bei einem willkommenen Essen zusammen, bei dem sie mir noch ein paar wichtige Informationen mit an die Hand gaben, mit denen ich sie eventuell bei der Findung der Lösung unterstützen konnte. So erfuhr ich zum Beispiel, daß sich der Anzug auf die Gedanken vom Träger einlassen, und darauf reagieren sollte, und daß er nur mit dem ausdrücklichen Willen des Trägers angelegt und ausgezogen werden können sollte. Genau das war dann auch der Teil gewesen, der zum Bumerang geworden war und sich nicht mehr steuern ließ. Das Wissenschaftler-Quartett vermutete, daß der Anzug bei den Tests durch die Gedankensteuerung so etwas wie ein eigenes Bewußtsein erreicht hatte, aber nicht genug, um rational zu sein. Deswegen hatte die Erfindung auf ihre Entwickler Jagd gemacht. Ich erkundigte mich, wer den Anzug zuletzt vor mir getragen hatte, und es überraschte mich nicht, daß es die Frau war, die mir den Zettel zugeschmissen hatte.
      Als ich - nur vorsichtshalber - fragte, ob ich aufgrund meines Wissens anschließend getötet werden müßte, lachten alle. Ich weiß nicht… Ich hatte das Gefühl, als wäre es etwas gekünstelt gewesen…
      Während die Wissenschaftler wieder an die Arbeit gingen, dachte ich zunächst in dem mir zugewiesenen Zimmer auch über eine mögliche Lösung nach. Ich versuchte, mir den Anzug gedanklich auszuziehen, probierte Kommandos wie „Sitz“, „Platz“ oder „Böser Tarnanzug!“, was dann schon ziemlich bescheuert war, aber ich war verzweifelt. Anschließend überlegte ich, was ich schon probiert hatte. Denken – Kommunizieren… Das nächste, was ich probieren konnte war, zu wünschen! Und so wünschte ich mir ganz fest, der Tarnanzug würde sich ablegen. Es half nichts. Wen sollte es aber auch wundern? Ich hatte mir ja nicht mal gewünscht, ihn anzuziehen.
      Ich überlegte weiter. Ich hatte schon einiges herausgefunden, was nicht funktionierte: So zum Beispiel, die Klamotten auszuziehen, duschen und sich mit einem Handtuch abzurubbeln. Es war, als würde das Flimmern wie eine zweite Haut auf einem liegen, und da ich keine Schlange war, hatte ich kein Interesse daran, es mit einer Häutung zu probieren, das Problem zu lösen.
      Die Wissenschaftler hatten indes andere Wege ausgeschlossen, so zum Beispiel statische Aufladung, verschiedene flüssige Lösungen und andere seltsame Substanzen, von denen ich froh war, daß nicht ich zum Versuchskaninchen dafür auserkoren werden mußte.
      Zum Glück gab es in der Forschungseinrichtung auch einen Entspannungsraum. Dorthin zog ich mich zurück, um eine Weile mal nicht nachzudenken. Vielleicht war das ja der richtige Weg, damit einem der richtige Geistesblitz kam.
      Um mich abzulenken und zu entspannen, machte ich die Musikanlage an und schaute mir an, was es dort so alles gab. Das Repertoire war gemischt. Roxette war nicht dabei. Bei meinem aktuellen Glück hatte ich das aber auch nicht erwartet. Rod Stewart war eine Option. Während die Musik startete, schaute ich mir an, was es noch gab. Depeche Mode. Jake hätte den Anzug tragen sollen!
      Viele der Interpreten sagten mir nichts. Vielleicht lohnte es sich, in den einen oder anderen reinzuhören? Viel konnte ich hier ohnehin nicht machen, also konnte ich auch zusehen, so viel wie möglich zu entspannen. So elend wie mir zumute war, konnte ich jede Form von Entspannung vertragen. Ich suchte mir einen Sampler aus, dessen Cover mir gefiel und wechselte die CD. Aha. Es ging in die Richtung Jazz. Das war in Ordnung.
      Ich beschloß, mich eine Weile einfach hinzulegen und der Musik zu lauschen. Es hatte so etwas beruhigendes. Während dessen versuchte ich, nicht darüber nachzudenken, was passierte, wenn wir nie eine Lösung für dieses Problem finden würden.
      Ab und zu sah ich nach, wie der Titel, der gerade lief, hieß und von wem er war. An einer Stelle mußte ich lachen. Es gab tatsächlich einen Song, der hieß »Portrait of Tracy« und war von Jaco Pastorius, von dem ich noch nie gehört hatte. Insgesamt hatte ich aber die richtige Wahl getroffen; die Musik, die ich mir ausgesucht hatte, war äußerst entspannend. Und dann kam ein Lied, das mich förmlich zum Kribbeln brachte. Diese Stimme… Es dauerte eine Weile, bis ich registrierte, daß es nicht ich war, der kribbelig wurde, sondern daß der Tarnanzug auf etwas reagierte! Hastig griff ich zu dem Cover. Gerade lief »All Of Me«. Wie passend! Der Song war von Ella Fitzgerald. Den Namen kannte ich zumindest.
      Dazu, weiter nachzudenken, kam ich nicht mehr, denn das Kribbeln nahm langsam die Intensität von Elektrizität an. Prompt stürzten die vier Wissenschaftler in den Gemeinschaftsraum, die durch ihre Armbänder darüber alarmiert waren, daß hier etwas vor sich ging. Sie fragten mich etwas, doch ich konnte mich gar nicht darauf konzentrieren, weil alles um mich herum vibrierte und zu glühen begann. Ich sah die Leute mit Meßgeräten hantieren, hörte dumpf ihre Unterhaltungen, dann spürte ich, wie ich mich wieder auf rechts krempelte, und sank in dem Moment zu Boden, in dem ein greller Lichtblitz um mich herum explodierte.
      Ich keuchte und versuchte zu Atem zu kommen. Was genau war eben passiert? Ich fühlte mich, als hätte ich in eine Steckdose gefaßt und war mir ziemlich sicher, daß meine Frisur in alle erdenklichen Richtungen abstehen mußte.
      Vier Personen standen um mich herum und starrten mich an. Die Frau, die ich zuerst getroffen hatte, löste sich als erste aus ihrer Starre und ließ sich an meine Seite fallen, um sich zu erkundigen, ob es mir gut ging.
      Ich war etwas atemlos, mußte mich einen Augenblick sammeln; darüber hinaus wollte ich nur wissen, was gerade passiert war.
      Die drei anderen Forscher schienen noch über etwas zu diskutieren, kurz darauf waren sie sich allerdings anscheinend einig und erklärten mir, daß ich die Lösung gefunden hätte. Das Lied, das ich gehört hatte, mußte genau auf der Frequenz gelegen haben, welches die Struktur des Tarnanzugs angegriffen, und letzten Endes zerstört hatte. Ich hörte staunend zu und konnte es kaum glauben. Eine nachfolgende Untersuchung ergab aber tatsächlich, daß sich die Struktur des Tarnanzugs vollständig aufgelöst haben mußte. Ich konnte nicht anders, als in purer Erleichterung zu lachen. Mein einziger Gedanke galt in dem Moment der wunderbarsten Frau auf Erden. Danke, Ella Fitzgerald!
      Nun mußte ich den Wissenschaftlern sagen, daß ich ihre Gastfreundschaft doch nicht in Anspruch nehmen würde, und erkundigte mich vorsichtshalber nach ihrem Versprechen, mich für mein Wissen nicht umzubringen; wobei ich das in etwas andere Worte kleidete. Das Team versicherte mir aber, daß ich mir keine Sorgen zu machen brauchte, da das Projekt nun ohnehin als gescheitert eingestampft würde. Sie verabschiedeten sich herzlich von mir, entschuldigten sich für die Unannehmlichkeiten, – und ich wollte nur noch nach Hause.

Als ich spät am Abend nach Hause kam, war ich trotzdem noch etwas nervös. Wie würde es gleich ablaufen, nach den letzten skurrilen Begegnungen? Konnten Jake und Tracy sich daran erinnern? Hauptsache, der Effekt war jetzt auch tatsächlich neutralisiert!
      Ich betrat vorsichtig das Büro und sondierte die Lage. Jake war gerade mit Ablage beschäftigt und drehte sich automatisch zu mir um. Überraschung stand ihm in’s Gesicht geschrieben, diesmal aber nicht auf eine für mich unangenehme Art. Seine erste spontane Bemerkung war, daß er mich ja lange nicht mehr gesehen hätte, und wo ich denn gewesen sei, seit ich am Vortag so früh aus dem Haus gegangen war.
      Ich überlegte schnell, wie ich darauf reagieren sollte und fragte möglichst nebenbei, ob im Büro in der Zwischenzeit etwas besonderes passiert war, und kaschierte mein eigentliches Ansinnen, die Lage zu sondieren, mit dem Anschein eines schlechten Gewissens, meinen Partner vielleicht bei einem schwierigen Auftrag allein gelassen zu haben. Je nach Betrachtungsweise mochte das sogar dabei herauskommen, falls Jake mir gleich erzählte, daß da so ein Spinner vorbeigekommen war, den er noch nie zuvor gesehen hatte, und der behauptete, im Ghostkommando zu wohnen. Doch Jake verneinte. Das hatte ich mir gedacht. So funktionierte das ganze; dadurch, daß die Begegnungen jedes Mal wieder auf Reset gesetzt wurden, wenn man den Tarnanzug trug, würden Jake und Tracy sich nicht daran erinnern. Ich beschloß, ihnen davon nichts zu erzählen. Statt dessen erklärte ich, daß wir uns zufällig nicht mehr gesehen hatten, als ich gestern spät nach Hause gekommen war, und ich heute schon früh wieder rausgegangen war, um für mein Buch zu arbeiten. Gewissermaßen stimmte das sogar.
      Anschließend lief ich zu meinem Zimmer und erfreute mich daran, daß es so aussah, wie ich es kannte. Kein Bastelatelier eines übereifrigen Gorillas, sondern mein geliebtes Zimmer mit meiner geliebten Zimmereinrichtung! Ich ließ mich dankbar auf mein Bett fallen und atmete tief durch. Das Erlebnis war ausgestanden! Und eines hatte sich heute wieder für mich bestätigt: Alles läßt sich viel leichter zu bewältigen – mit Musik!

Einen Tag später ging ich wieder in die Stadt und hing meinen Gedanken nach. Das Erlebnis der letzten zwei Tage war das skurrilste gewesen, was mir je passiert war, und eigentlich hatte ich schon ein paar skurrile Dinge erlebt, von denen ich gedacht hatte, daß sie nicht mehr zu toppen sein würden.
      Das, was mich am meisten beschäftigte, war aber die Tatsache, daß nicht nur ich als Person für meine Umgebung ausgelöscht war – die ganze Wirklichkeit drum herum hatte sich angepaßt; oder wie war es zu erklären, daß sich im ganzen Ghostkommando kein einziger Hinweis mehr auf mich gefunden hatte, bis hin zu meinem von Tracy vereinnahmten Zimmer? War das eine Art optischer Täuschung gewesen? Gedankenmanipulation? Was auch immer es war – die Wissenschaftler hatten ihr ganzes Genie eingesetzt, um etwas außergewöhnliches zu schaffen; es war schade, daß es letztendlich nicht funktioniert hatte. Und noch einmal beschloß ich, kein Sterbenswort davon Tracy zu erzählen, bevor der auf die Idee kam, das Ding nachzubauen!
      Gerade kam ich wieder die Straße entlang, wo alles angefangen hatte. Ich lächelte. Ich setzte mich an einem der Tische des Straßencafés und machte mir Gedanken, wie ich die Erlebnisse der jüngsten Zeit am besten für mein Buch in Worte fassen könnte…
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