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Wundersame Erlebnisse aus dem Leben des Eddy Spenser

von - Leela -
Kurzbeschreibung
SammlungAbenteuer / P12 / Gen
Eddie Jake Jessica OC (Own Character) Prime Evil Tracy
20.01.2019
01.01.2021
100
261.220
9
Alle Kapitel
57 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
03.03.2019 3.440
 
Anm. d. Aut.: Dieses Kapitel wurde für das »Geschichten-Bingo« von Mufterling geschrieben. Die Vorgabe zu der Nummer 7 war: "Die Glocken des Turmes ertönten. Es ist Mitternacht. Du hast versagt."
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Neben den Ereignissen, von denen Eddy selbst entscheiden mußte, ob er sie wirklich in seinem Buch veröffentlichen wollte, sei es, weil er zu entscheiden hatte, ob sie interessant genug waren, oder ob er bewerten mußte, ob sie vielleicht zu intim dafür waren, oder viele andere Kriterien, so gab es auch Erlebnisse, wo er sich zuerst die Erlaubnis einholte, sie veröffentlichen zu dürfen, weil sie nicht nur ihn selbst betrafen. So eine ist zum Beispiel diese hier, und da ihr sie hier lest, wißt ihr, daß er die Erlaubnis erhalten hat:

Hohe Anforderungen an eine neue Aufgabe

Habt ihr jemals in eurem Leben eine Aufgabe übertragen bekommen, die ihr nicht wolltet, die euch überforderte, oder die ihr nicht meistern konntet? Laßt mich euch dazu eine Geschichte erzählen, die ich erlebte, und die mir mehr abforderte, als meine kleine banale Frage vermuten läßt.
      Begonnen hat diese Geschichte eines Nachts um Mitternacht. Im Unterbewußtsein hatte ich die Schläge der Kirchturmuhr gehört. Plötzlich vernahm ich ein Rascheln, und etwas lief über mein Bett. Zuerst dachte ich, ich bilde es mir ein; vorsichtshalber öffnete ich aber doch die Augen. Da sah ich die kleine Elfe, die aufgeregt auf mich zugelaufen kam. „Mister Eddy! Wachen Sie auf, bitte!“
      Benommen stemmte ich mich im Bett hoch. Ich kannte die Elfen aus dem Wald, und dies war eine davon.
      Aufgeregt erzählte sie mir von einem Paket und sagte mir, daß es un-be-dingt bis spätestens zur nächsten Mitternacht an einem bestimmten Ziel sein müsse. Sie als Elfe würde es nicht schaffen, aber ich könnte es, und ob ich ihr helfen würde. Als ich mich erkundigte, um was für ein Paket es sich handelte, sagte sie, daß sie es selber nicht wußte, da sie auch nur eine Botin wäre.
      Meine nächste Frage klang für mich ziemlich logisch. „Okay, und wo ist das Paket?“
      Sie sagte mir, daß es mir im Laufe des Tages übergeben würde. Wenn ich es sehe, würde ich schon wissen, daß es das ist. Das Paket mußte dringend auf die Insel im Central Park-See gebracht werden. Und sie fügte noch an, daß ich das Paket nicht öffnen dürfe, und daß ich mit niemandem darüber sprechen dürfe.
      Die Aussagen waren alle eher schwammig und verwirrend, doch die Waldelfe bat mich so eindringlich und verzweifelt darum – ich bin mir sicher, ihr hättet auch nicht ablehnen können!
      Nachdem die Elfe wieder davongeflogen war, versuchte ich noch ein bißchen zu schlafen, und es gelang mir auch. Am nächsten Morgen fragte ich mich, ob ich das alles nur geträumt hatte. Trotzdem hielt ich Ausschau nach dem Paket. Unauffällig natürlich, denn Jake und Tracy durften davon nichts mitbekommen.
      Nach einiger Zeit kam ich mir albern vor. Wahrscheinlich hatte ich mir die Begegnung wirklich nur zusammenphantasiert. Und dennoch ließ es mir den ganzen Tag keine Ruhe. Einmal ertappte Jake mich dabei, wie ich unruhig durch das GhostCommand stromerte und fragte mich, was ich suchen würde. Hm, mir fiel natürlich so schnell nichts vernünftiges ein, aber Jake nahm es mir glücklicherweise ab, als ich sagte, daß ich irgendwo mein Abenteuerbuch liegen gelassen hatte, und nicht mehr genau wußte, wo. Er bot sich an, mit darauf zu achten, und ich achtete darauf, vorsichtiger zu sein.
      Ehrlich gesagt, als es bereits auf den Abend zuging, erklärte ich mich für verrückt. Ich hatte einen ganzen Tag damit vergeudet, nach einem Hirngespinst zu suchen. Als wir beim Abendessen zusammensaßen, hatte ich sogar kurz überlegt, Jake und Tracy von der Geschichte zu erzählen, entschied mich aber doch dagegen. Ich wurde den Gedanken nicht los, was wäre, wenn die Geschichte doch stimmte. Vielleicht war das Paket hier schon irgendwo, und ich hatte es nur übersehen? Der Gedanke ließ mich schaudern.
      Nach dem Essen war ich dran, den Tisch abzuräumen. Tracy verschwand wieder in der Werkstatt, und Jake hatte noch einiges im Büro zu erledigen. Ich räumte das Geschirr in die Geist-o-matic, stellte sie an, als ich aber den Tisch abwischen wollte, hielt ich jäh in der Bewegung inne. Dort auf dem Tisch lag ein kleines Paket! Es war in einige große grüne Blätter eingepackt und mit Paketkordel zugeschnürt. Kein Zweifel möglich, das war das besagte Paket. Als ich es sah, wurde mir auch klar, warum die kleine Elfe auf mich zugekommen war; für mich war es nur ein kleines Paket, für die die Elfe wäre es aber viel zu groß gewesen, als daß sie es hätte transportieren können!
      Ich legte es vorsichtshalber gleich auf den Stuhl neben dem Tisch, damit man es nicht sofort sah, wenn man zur Tür hereinkam, und vollendete schnell meine Arbeit. Dann suchte ich mir eine kleine Einkaufstasche aus der Eckbank, in der ich das Paket unauffällig verstauen konnte.
      Währenddessen überlegte ich mir einen Plan, wie ich ohne Aufsehen zu erregen, das Haus verlassen konnte, ohne daß Jake mißtrauisch wurde. Der Plan war recht schnell und einfach. Ich ging durch das Büro zum Ausgang und erwähnte für Jake kurz, daß ich noch ein wenig nach draußen gehen und lesen würde. Er fragte mich prompt, ob ich mein Buch wiedergefunden hatte. Als ich bestätigte, erkundigte er sich neugierig, wo es gewesen sei, und ich antwortete geistesgegenwärtig, daß es dort gewesen wäre, wo es hingehörte, wie es halt immer so ist, mit solchen Dingen. Naja, im Augenblick las ich ja nicht mal ein Abenteuerbuch, aber die Geschichte, die ich gerade erlebte, war ja wie ein gutes Abenteuerbuch, von daher war es nicht einmal richtig gelogen, oder…?
      So weit, so gut, ich war also mit dem Paket unterwegs. Das allein beruhigte mich schon sehr, denn endlich hatte ich einen Plan und wußte, was zu tun war. Nun machte ich mich auf den Weg zu meinem Ziel. Es waren noch vier einhalb Stunden bis Mitternacht. Zeit genug, wie man meinen sollte. Der Central Park ist nicht allzu weit vom GhostCommand entfernt, und ich war schnell da. Ich konnte sogar eine Station mit dem Bus fahren, weil der gerade zur rechten Zeit an unserer Haltestelle hielt.
      In dem großen Park orientierte ich mich kurz und schlug den Weg ein, der mich zu einem der Seen in der Mitte des Parks führen würde. Die Worte der Elfe kamen mir wieder in den Sinn. Es war unglaublich wichtig, daß das Paket rechtzeitig vor Mitternacht auf der Insel ankam. Die Elfen zählten auf mich!
      Die erste Schwierigkeit begann, als ich feststellte, daß am See keine Boote lagen. Hier waren immer Boote, zumindest im Sommer, weil man jederzeit auf den See hinausfahren konnte. Warum ausgerechnet jetzt nicht? Ich lief verzweifelt um den ganzen See herum, was mich fast eine Stunde kostete, nur um festzustellen, daß ich ein Riesenproblem hatte. Und ich schickte Stoßgebete zum Himmel, daß ich es würde lösen können, ohne daß ich rüberschwimmen mußte!
      Ich wußte, daß es hier auch das Bootshäuschen gab, in dem Boote repariert werden konnten, und wo auch Boote gelagert wurden. Dort wollte ich mein Glück versuchen. Allerdings war auch das wiederum ein Stück vom See entfernt.
      Ich verlor keine weitere Zeit, sondern lief sofort los. Zu meiner Freude und Erleichterung lagen tatsächlich ein paar Boote an der Seite des Häuschens aufgestapelt. Sie waren nicht sonderlich groß und aus Holz, aber doch ziemlich schwer. Ich stellte die Tasche ab, hievte das oberste Boot herunter und verpaßte auch nicht, mir anzusehen, ob es in Ordnung war. Das hätte mir noch gefehlt, daß ich auf dieser wichtigen Mission mit einem beschädigten Boot auf dem See unterging!
      Nach einem kurzen Check, bei dem ich zufrieden feststellte, daß nach meinem laienhaften Verständnis alles in Ordnung sein müßte und auch die beiden Paddel fest in ihren Halterungen vorhanden waren, warf ich die Tasche vorsichtig in das Boot und begann damit, es zum See zu ziehen. Teilweise versuchte ich, es zu tragen - zum einen befürchtete ich, durch den Lärm Leute auf mich aufmerksam zu machen, die sich sicher fragen würden, was diese zwielichtige Gestalt in der Mitte der Nacht da vorhatte, zum anderen wollte ich das Boot ja auch nicht noch tatsächlich beschädigen - aber es war zu schwer. Da fiel mir etwas ein. Geistesgegenwärtig schaute ich mich bei dem Bootshaus um, und fand, was ich suchte: In dem Häuschen, das glücklicherweise nie verschlossen war, gab es Gestelle mit Rollen, auf denen man die Boote transportieren konnte, wenn man mal gerade nicht zwei muskelbepackte Träger zur Verfügung hatte.
      Was für eine tolle Erfindung! Das Boot war recht schnell auf das Gestell gehievt, und ließ sich darauf bequem zum See ziehen. Dort ließ ich es vorsichtig zu Wasser – zunächst ohne meine Tasche, nur vorsichtshalber. Als das Boot ruhig im Wasser lag, stieg ich mit der Tasche zu und machte mich endlich auf den Weg zur Insel. Vorher warf ich einen schnellen Blick auf die Uhr. Die ganze Aktion hatte mich ein gutes Stück Zeit gekostet, aber es war noch früh genug vor Mitternacht, so daß ich meinen Auftrag bequem und ordnungsgemäß erfüllen konnte.
      Bei der Insel angekommen, vertäute ich das Boot sorgfältig an einem der dafür vorgesehen Pfähle und ging weiter auf die Insel, um meinen Auftrag zu vollenden. Ich fühlte mich voll aufgeregter Euphorie. Das war ein tolles, interessantes Abenteuer gewesen, in dem ich zumindest eine kleine Rolle hatte spielen dürfen. Mit einem aufgeregten Lächeln legte ich die Hand auf die Tasche mit dem Kleinod – und stutzte! Irritiert sah ich in die Tasche und stellte zu meinem Entsetzen fest, daß das Paket nicht mehr da war!
      Ich kann euch eins verraten: Es gibt kein widerlicheres Gefühl, als wenn einem auf dem Höhepunkt der Euphorie ein Schock erster Güteklasse durch die Glieder fährt! Wie hatte das passieren können? Ich hatte die Tasche doch die ganze Zeit bei mir gehabt! Ich hatte ja sogar darauf geachtet, eine zu nehmen, die man oben verschließen konnte!
      Meine Gedanken überschlugen sich. Irgendwo mußte ich das Paket dennoch verloren haben, und so lief ich kopflos los und suchte die ganze Gegend ab – zuerst den Weg, den ich auf der Insel hochgekommen war, dann ruderte ich an Land zurück, suchte den Weg bis zum Bootshaus ab und sogar die Stellen, die gar nicht in Frage kamen, weil ich mit der Tasche gar nicht dort gewesen war. Als ich dort auch keinen Erfolg hatte, lief ich den Weg zurück, der mich in den Park geführt hatte, kehrte auf halbem Wege um und rannte um den See. Währenddessen wirbelten die wildesten Gedanken durch meinen Kopf. Hatte jemand das Paket gestohlen? Vielleicht, als ich mit dem Boot beschäftigt gewesen war? Ich hatte niemanden gesehen, dann wäre ich ja sofort aufmerksam geworden. Aber Diebe waren clever! Aber ich war mir auch sicher, daß ich das Paket noch gehabt hatte, als ich in das Boot eingestiegen war. Dafür war die Tasche zu schwer gewesen, es wäre mir aufgefallen, wenn das Paket nicht mehr dagewesen wäre! Oder bildete ich mir das nur ein?
      Nein, ich konnte das Paket gar nicht mehr gehabt haben, als ich in das Boot eingestiegen war! Auch wenn ich es beim Bootshaus nicht gefunden hatte, das war der einzige logische Platz, wo ich das Paket hätte verlieren können. Das klang logisch,… oder nicht? Oder war es vielleicht Wunschdenken, weil ich den nächsten Gedanken nicht zulassen wollte? Was wäre, wenn ich das Paket ausgerechnet verloren hatte, als ich im Boot auf dem Wasser unterwegs gewesen war? Wenn das der Fall war… dann wäre ich verloren! Aber das konnte einfach nicht sein! Das hätte ich doch gemerkt, die Tasche hatte ja die ganze Zeit sicher vor mir im Boot gelegen, und ich war sicher, daß auch das Paket drin gewesen war! Oder war es da schon weg gewesen, und ich hatte es nicht gemerkt, weil ich nicht mehr darauf geachtet hatte? Ab da begann mein Gedankenkarussell von vorne, während ich einer Panik nahe mit vor schierer Verzweiflung tränenverschleiertem Blick das ganze Ufer absuchte und im Schilf und Gras zwischen den Bäumen auf dem Boden herumrutschte, um das ausgerechnet in Blätter verpackte und in der Natur im Zweifel äußerst gut getarnte Paket suchte.
      Obwohl ich innerlich jede Hoffnung darauf aufgab, das Paket jemals wiederzufinden, hörte ich nicht auf zu suchen, wühlte im Dreck, fischte im Wasser umher und hielt sogar Ausschau, ob es vielleicht an der Wasseroberfläche schwamm. Doch jede Idee, die mir einfiel und den Hauch einer Hoffnung aufkeimen ließ, erwies sich als nutzlos; das Paket blieb verschwunden. Wer wußte schon, wo es in diesem großen Park hingekommen sein mochte. Wenn es… überhaupt erst im Park verlorengegangen war, und nicht schon im Bus…
      Ich hatte den See fast umrundet, als ich etwas am Wegrand liegen sah, was merkwürdig so wirkte, als wenn es da nicht hingehörte. Als ich näher hinsah, traute ich meinen Augen kaum. Da lag das Paket, als wenn es darauf warten würde, daß ich vorbeikam und es abholte! Laßt euch gesagt sein: Das zweitwiderlichste Gefühl ist es, wenn einem auf dem Höhepunkt der Panik eine Welle purer, ungefilterter Erleichterung durchspült!
      Ich stopfte das Paket zurück in die Tasche, preßte es vorsichtshalber zusätzlich an mich, und rannte was das Zeug hielt! Die Zeit wurde knapp! Und wenn mir eines die Elfe mehr als verdeutlicht hatte, dann, daß es unendlich wichtig war, daß das Paket vor Mitternacht auf der Insel ankam.
      Ich rannte vom Adrenalin getragen, ohne auch nur noch einmal zur Uhr zu schauen. Damit hielt ich mich gar nicht auf; ich wußte, der Countdown lief. Ich verfluchte den Weg, der in wilden Windungen mal an den See heran-, und mal davon wegführte. Im Grunde liebte ich die verwunschene Gegend hier, doch heute kostete jede Biegung Zeit, und ich konnte nicht abkürzen, weil Bäume und Büsche dazwischen zu dicht standen, und irgendwie fühlte es sich so an, als würde sich der Weg jetzt, wo ich es am wenigsten brauchte, viel mehr schlängeln als sonst.
      Endlich, eine gefühlte Ewigkeit später, sah ich das Boot und legte alles in einen letzten Sprint. – Ich war noch nicht einmal bei meinem Transportmittel angekommen, als sich meine schlimmsten Befürchtungen bewahrheiteten. Die Glocken des Turmes ertönten. Es war Mitternacht. Ich hatte versagt.
      Das ist das drittwiderlichste Gefühl, das man haben kann: Zu wissen, daß man versagt hatte. Ich hatte das Paket, aber ich hatte es nicht geschafft, es rechtzeitig auszuliefern. Das einzige, was mir jetzt noch zu tun blieb war, auf die Insel zu fahren, das Paket auszuliefern, und meine Unfähigkeit einzugestehen, und die Konsequenzen dafür zu tragen.
      Zu beeilen brauchte ich mich nicht mehr. Und so hievte ich meinen um Tonnen schwerer gewordenen Körper in das Boot und fuhr ein zweites Mal auf die Insel herüber.
      Ich folgte dem Pfad, wie es die Elfe mir beschrieben hatte, und gelangte auf einen Platz, auf dem die Elfen auf mich warteten. In der Mitte auf einer Art Thron aus Blättern saß die Elfenkönigin; neben ihr in einem Halbkreis warteten mit ihr zusammen mehrere Elfen, auch die, von der ich den Auftrag erhalten hatte. Ich konnte keiner von ihnen in die Augen sehen.
      Ich kniete mich verschämt auf den Platz vor der Königin und legte das Paket ab, sagte ihr gleich, daß ich alle Konsequenzen für mein Verfehlen tragen würde.
      Eine warmherzige Elfenstimme erklärte mir daraufhin, daß ich nicht versagt hätte, sondern im Gegenteil, den Auftrag exzellent ausgeführt hätte.
      Mein Blick schnellte zu meiner Uhr. Hatte ich mich getäuscht? Hatte ich mich etwa um eine Stunde vertan, zu meinen Gunsten?
      Die Elfenköigin lachte, und noch mehr, als ich anmerkte, daß Mitternacht doch längst vorbei war. Sie sagte mir, daß es gar nicht darauf angekommen wäre, daß ich vor Mitternacht am Ziel war. Das irritierte mich um so mehr. Hatte die kleine Elfe in der Nacht an meinem Bett etwa gelogen? Aber warum? Oder war alles ein großes Mißverständnis?
      Und dann erklärte sie mir, daß es ihr gar nicht darum gegangen war, daß ich rechtzeitig mit dem Paket ankam. Im Gegenteil, es war ihr um einen Test gegangen, ob sie mir vertrauen konnte! Ob ich einen Auftrag ohne Gegenleistung annehmen würde, wenn jemand in Not war. Ob ich die Angelegenheit für mich behalten würde, wenn es die Situation erforderte. Ob ich den Auftrag ernst nehmen würde, auch wenn ich nur vage Informationen habe. Ob ich den Auftrag gewissenhaft und sorgfältig ausführen würde. Ob ich alles dafür geben würde, den Antrag zu vollenden, auch wenn etwas schiefgehen würde. Ob ich die Verantwortung dafür übernehmen würde, wenn es mir nicht gelang, meinen Auftrag zu erfüllen.
      Und während sie mir all das erklärte, wurde mir mit einem Mal, schon bevor sie es mir bestätigte, etwas bewußt, was mir den Atem stocken ließ: Die ganze Sache war von Anfang an so geplant gewesen, daß ich den Auftrag gar nicht hätte erledigen können! Angefangen dabei, daß ich das Paket so spät bekommen hatte, dann die Boote, die nicht im Wasser lagen, das fehlende Paket, das von den Elfen bei meiner ersten Ankunft auf der Insel aus der Tasche genommen und auf die andere Seite des Seeufers gebracht worden war, ja, sogar die noch mehr verschlungenen Wege als sonst waren Werk der Elfen gewesen, damit ich meinen Auftrag nicht erfüllen konnte, und sie so all diese Sachen testen konnten! Ich war fix und fertig! Die Tatsache, daß ich die ganze Zeit über nur ein Bündel Blätter transportiert hatte, gab da nicht mehr den Ausschlag.
      Als ich unter Tränen auf dem Platz zusammenbrach und mich zu einer wimmernden Kugel zusammenrollte, merkte die Elfenkönigin anscheinend auch, daß dies wohl eine Spur zu viel für mich gewesen war. Da nützte es auch nichts, daß ich die Prüfung mit Auszeichnung bestanden hatte. Ich hatte wirklich geglaubt, ich hätte versagt! Jetzt zu erfahren, daß alles ein abgekartetes Spiel gewesen war, ist wohl das viertwiderlichste Gefühl, das man haben kann.
      Die Elfenkönigin kam zu mir, um mich zu beruhigen und entschuldigte sich ein wenig verlegen bei mir, erklärte mir aber auch ernst, daß sie mich auf meine Loyalität hatte testen müssen, und dieses Wissen aus dem Test für sie sehr wichtig war; denn dieser Test kam nicht von ungefähr! Die Elfen hatten mich ausgewählt, weil sie mich kannten und sich sicher waren, ich wäre der richtige Mann für sie, doch sie mußten es sicher wissen, denn auf mich sollte eine weit größere Aufgabe zukommen, bei welcher die Elfen absolut sicher sein mußten, daß sie mir vertrauen konnten. Die Königin sagte mir mit einem Lächeln, daß sie keine perfektere Wahl hätten treffen können, was sie wohl darauf zurückführte, daß ich mir die ganze Angelegenheit zusätzlich auch noch so zu Herzen nahm, und sie fragte mich, ob ich den Auftrag annehmen würde.
      Nachdem ich mich beruhigt hatte, und sie mir von der bevorstehenden Aufgabe erzählte, konnte ich ihre Vorsicht mehr und mehr verstehen. Die Elfen mußten vorsichtig sein, welchen Menschen sie vertrauten, aus den unterschiedlichsten Gründen, das wußte ich. Und gerade bei dieser wichtigen Aufgabe, die auf die Elfen zukam, brauchten sie einen Menschen, dem sie in allen Instanzen vertrauen konnten.
      Ich muß gestehen, die Aufgabe, von der sie sprach, machte mir nicht wenig Angst. Die Verantwortung, die ich haben würde, überstieg alles, was das Leben bis jetzt für mich bereitgehalten hatte. Aber ich wußte auch, daß die Elfen sich auf mich verlassen konnten, – nicht weil ich unfehlbar war, sondern weil ich alles dafür geben würde, sie nicht zu enttäuschen. Und die Elfen wußten es auch, sie hatten nicht umsonst mich ausgewählt. Sie wußten, daß ich die richtige innere Einstellung mitbrachte, um diesen Auftrag für die Elfen gewissenhaft zu erledigen; eine Eigenschaft, die nicht ganz so einfach unter den Menschen zu finden war.
      Es war eine Ehre, und das erste wirklich schöne Gefühl des Tages, als die Elfen mich um Hilfe baten, und ich fühlte mich schon fast wie eine von ihnen, als ich so in ihre Gemeinschaft aufgenommen wurde. Und so übernahm ich den wohl wichtigsten Auftrag, den ich je in meinem Leben gehabt hatte! Aber das ist eine andere Geschichte.
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