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Wundersame Erlebnisse aus dem Leben des Eddy Spenser

von - Leela -
Kurzbeschreibung
SammlungAbenteuer / P12 / Gen
Eddie Jake Jessica OC (Own Character) Prime Evil Tracy
20.01.2019
01.01.2021
100
261.220
9
Alle Kapitel
57 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
27.05.2019 2.577
 
Anm. d. Aut.: Dieses Kapitel wurde für das »Geschichten-Bingo« von Mufterling geschrieben. Die Vorgabe zu der Nummer 5 war: "Wie lange stehst du schon da?
Länger als die lieb ist."

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Neben vielen Geschichten aus seinem Beruf und seiner aktuellen Zeit weiß Eddy auch so manche Geschichte aus seiner Kindheit und Jugendzeit zu erzählen. Eine von denen, die er zusammen mit seinem besten Freund und heutigem Partner Jake erlebte, erzählt er uns heute, in dem neuen Kapitel seines Buches.


Die verbotene Tür

Die Geschichte, die ich euch heute erzähle, hat mir Jake erlaubt, aufzuschreiben, denn eigentlich geht es hier mehr um ihn als um mich. Ich war aber live dabei, und so eigne ich mich gut als Erzähler.
      Bevor ich mit der eigentlichen Geschichte beginne, muß ich allerdings etwas erklären. Und zwar, wie es kam, daß sowohl Jake, als auch ich nicht bei unseren Vätern aufwuchsen. Die ersten Jahre verbrachten wir zusammen mit unseren Eltern in Piru, Kalifornien. Doch dann ging alles irgendwie schief.
      Jakes Mutter war bei einem Autounfall um’s Leben gekommen, als er zehn Jahre alt war. Seitdem hatte er bei einer Tante gelebt, weil sein Vater mit der Situation überfordert war. Und meine Eltern hatten sich schon getrennt, als ich noch ein Kind war, und ich war bei meiner Mutter geblieben.
      Dann gingen unsere Väter und Tracy mit der Firma nach New York. Dort hatten sie ein Haus gekauft und starteten einen Neuanfang. Das machte die Sache nicht unbedingt einfacher, aber aufregender.
      Ghostkommando, wie mein Vater das Haus getauft hatte, war wohl das spukigste Haus in ganz New York. Als Jake und ich Kinder waren, haben wir unsere Väter oft im Ghostkommando besucht. Für Jake mußte es der Himmel auf Erden gewesen sein. Für mich war es einfach ein altes Haus.

Die Ferien mit meinem besten Freund bei unseren Vätern waren immer toll; oft genug aber auch megaanstrengend! Das lag wohl daran, daß Jake und ich so unterschiedlich vom Naturell her sind. Jake mußte schon immer jedes Abenteuer mitnehmen, was ging, und das Ghostkommando war dafür ein gefundenes Fressen für ihn. Ich wollte eigentlich nur meine Ruhe haben und jedem Abenteuer, das nicht als Buch zu lesen war, aus dem Weg gehen.
      Das alles wäre gar nicht so dramatisch gewesen, wäre Jake nicht so ätzend gewesen, und hätte nicht bei jeder sich bietenden Gelegenheit versucht, mich in seine Machenschaften mit reinzuziehen.
      So auch in diesen verhängnisvollen Ferien, von denen ich euch jetzt berichten will.
      Jake und ich waren mittlerweile im Teenyalter, ich schätze, es war das Alter, das die meisten Eltern fürchten. Nachdem wir in New York und im Ghostkommando angekommen waren, richteten wir uns in unserem Zimmer ein. Anschließend hatten unsere Väter noch etwas wichtiges zu verkünden.
      Die Verkündung war so simpel wie schaurig zugleich: Sie zeigten uns eine Tür im Haus und verboten uns, in dieses Zimmer zu gehen. Es wunderte mich ein bißchen, lag der Raum doch mitten im Haus. Ich versuchte mich an unseren letzten Besuch hier zu erinnern. War das nicht Tracys Lesezimmer gewesen?
      Mein Vater bestätigte den Eindruck und erklärte, daß Tracy sich schon seit einiger Zeit einen neuen Leseort gesucht hatte. Und ich fürchtete, daß das etwas mit dem zu tun hatte, weswegen wir nicht in den Raum reindurften. Ich sollte nicht enttäuscht werden!
      Für mich war das vollkommen okay. Jack hatte uns deutlich erklärt, daß diese Tür tabu war, weil dahinter etwas unheimliches lauerte. Für mich reichte der Hinweis, daß ich mich nicht einmal in die Nähe der Tür begab! Für Jake war es wie eine Einladung.
      Am Abend ging es los. Wie er es bis dahin ausgehalten hatte, war mir ein Rätsel. Schon beim Abendessen hatte ich gemerkt, wie nervös er war. Als wir schließlich zu Bett gingen, war es mit seiner Geduld vorbei. Kaum hatte sich die Tür zu unserem Zimmer geschlossen, und unsere Väter waren außer Hörweite, versuchte er, mich davon zu überzeugen, herauszufinden, was hinter der Tür war. Mein Hinweis, daß mich das nicht interessierte, wurde geflissentlich ignoriert. Bei mir biß er da allerdings auf Granit. Ich wollte mich nur hinlegen und noch ein paar Seiten in meinem Buch lesen. Als er mich daraufhin provozierend als Langweiler abstempelte, konnte ich nicht anders, als das zu widerlegen und ihm vorzuschwärmen, wie spannend das Buch war.
      Was mir das einbrachte war ein tödlich beleidigter bester Freund, der mich als Verräter darstellte. Damit konnte ich leben.

Am nächsten Tag hatte ich nicht mehr so viel Glück. Jake belatscherte mich den ganzen Tag mit dieser Tür. Und ich stand kurz davor - mit Ankündigung, natürlich - petzen zu gehen.
      Als Jake mir hoch und heilig versprach, daß er nur mal gucken wollte, und nicht in den Raum gehen würde, und ich ihm sogar das Versprechen abnehmen konnte, die Tür nicht anzurühren, ließ ich mich schließlich dazu überreden, mitzukommen, damit die liebe Seele Ruh hatte.
      Wir standen also vor der Tür und lauschten. Zuerst erwartete ich beinahe, gar nichts zu hören. Doch da irrte ich mich! Aus dem Raum hinter der Tür drangen ganz merkwürdige Geräusche. Damit war für mich die Sachlage klar! Ich würde einen weiten Bogen um diese Tür machen!
      Ich kam nicht einmal dazu, zurück in’s Zimmer zu gehen, als Jake mich schon am Ärmel festhielt. Gleichzeitig versuchte er, durch das Schlüsselloch zu gucken, allerdings ohne Erfolg. Und dann schlug er tatsächlich ausgerechnet mir vor, unbedingt zu versuchen, in dieses Zimmer reinzukommen!
      Ich fragte ihn, ob er noch alle beisammen hatte und machte mich aus seinem Griff los. Ab hier hörte für mich der Spaß auf. Ich nahm mir gerade noch die Zeit, daran zu erinnern, daß unsere Väter uns verboten hatten, in diesen Raum zu gehen.
      Jake argumentierte dagegen, was denn wäre, wenn dort ein Tier eingesperrt war.
      Ich wußte nicht, woher meine Schlagfertigkeit in dem Moment kam, aber ohne nachzudenken setzte ich dagegen, was denn wäre, wenn da drinnen ein böser Geist saß, der fernsah. Jakes Miene in dem Moment war Gold wert. Wenigstens dafür hatte es sich gelohnt!
      Jake kam noch einmal auf sein Argument zurück. Und ich tat das, was ich in dem Moment als richtig erachtete: Ich ging zu meinem Vater und berichtete von dem, was wir mitbekommen hatten, fragte ihn, ob er sich das mal ansehen könnte.
      Er versprach mir, sich darum zu kümmern, sagte mir aber auch, daß ich mir keine Sorgen zu machen brauchte. Es war wohl nicht ungewöhnlich, daß hin und wieder Geräusche aus dem Zimmer kamen, und das wäre kein gefangenes Tier. Das reichte mir als Antwort. Dafür war Jake unzufrieden. Natürlich, er hatte ja etwas ganz anderes im Sinn gehabt, als den logischen Weg in so einem Fall zu gehen.

Von da an steigerte sich Jakes infernalische Wißbegierde immens, und meine Sturheit ebenfalls. Das alles gipfelte an dem Tag, als unsere Väter verkündeten, daß sie wegen eines wichtigen Auftrages in die Stadt müßten und es ein paar Stunden dauern könne, bis sie und Tracy zurück waren. Das war der Moment, in dem Jake nicht mehr zu halten war.
      Offenbar war für ihn schon beschlossene Sache, daß wir zusammen die mysteriöse Tür erkunden würden, solange unsere Väter aus dem Haus waren. Da hatte er aber die Rechnung ohne mich gemacht!
      Wir bekamen uns richtig in die Wolle deswegen, und schließlich zog Jake beleidigt ab, um die Tür auf eigene Faust zu untersuchen.
      Ich wußte, Jake würde nicht aufgeben, und ich wußte, er würde sich in die allergrößten Schwierigkeiten bringen. Vermutlich sogar gar nicht mal deswegen, weil sein Vater ausrasten würde! Jakes Vater war schon immer der strengere von unseren Vätern gewesen; zum einen mag es an dem ruhigen Gemüt meines Vaters liegen, eventuell aber auch, weil ich ihm nie so viel Anlaß gab, wütend auf mich zu sein, wie Jake seinem Dad. Und genau das wollte ich auch so weiterhin bestehen wissen. Also legte ich mich auf mein Bett und versuchte zu lesen. Allerdings beschäftigte mich eine andere Frage viel mehr: Was, wenn wirklich etwas gefährliches hinter der Tür lauerte – und Jake in ernster Gefahr war…?
      Ich gehörte nie zu der mutigen Sorte. Aber ich konnte Jake auch nicht ganz hängen lassen. Sollte er sich in ernste Schwierigkeiten bringen, mußte ich zumindest Hilfe holen können! Und so beschloß ich, die Sache aus dem Hinterhalt zu beobachten. Ich wußte, daß gegenüber, nicht weit von der verbotenen Tür entfernt, ein Abstellraum war. Abstellräume mochte ich auch nicht, insbesondere, wenn ich mich in ihnen befand und die Tür zu war; aber das war immer noch besser als dieser unheimliche Raum, und immerhin war es mir nicht verboten, mich in einem Abstellraum aufzuhalten.
      Ich schlich mich also zu meinem Ausguck. Der Abstellraum lag so günstig, daß ich alles gut beobachten konnte. Ich nutzte einen Moment, als Jake kurz nicht da war und huschte in mein Versteck.
      Jake war bald darauf wieder zurück, und ich konnte erkennen, daß er einen Draht in der Hand hatte, mit dem er nun am Türschloß herumwerkelte. Es dauerte eine ganze Weile, entgegen meiner tiefsten Hoffnungen sprang die Tür aber schließlich auf.
      Wie es Jake gerade ging, wußte ich nicht. Er mußte einen Triumph sondergleichen in sich spüren. Mir schlug das Herz indessen bis zum Hals. Innerlich hoffte ich, ich würde jemals wieder aus dieser Abstellkammer herauskommen, wenn Jake das Wasauchimmer erst mal freigelassen hatte.
      Jake schien das alles gar nicht zu beeindrucken. Gerade stieß er die Tür auf, während ich den Puls in meinen Ohren rauschen hören konnte. Neugierig verschwand mein bester Freund in dem Zimmer. Die unheimlichen Geräusche wurden jetzt durch die geöffnete Tür lauter. Von meiner Position konnte ich den rotschwarz gemusterten Teppich erkennen, der auch in anderen Räumen des Hauses lag, eine Schrankwand, ein Tisch und den Teil eines Sessels, in dem aber niemand saß. Nichts besonderes. Im gleichen Augenblick, als ich das sah, nahm ich aber auch einen Schatten von rechts wahr. Automatisch wandte ich den Blick in die entsprechende Richtung und schrak so zusammen, daß ich mich fast verraten hätte. Nahe der Tür stand Jack Kong, Jakes Vater, und beobachtete.
      Jake lief seelenruhig durch den Raum. Auf dem Tisch fand er einen Kassettenrecorder von dem ein Band lief. Als er das Gerät ausschaltete verstummten die seltsamen Geräusche. Es mußte eine herbe Enttäuschung für Jake sein. Es war so gar nichts besonderes an dem Raum. Warum nur hatten wir dort nicht hinein gedurft?
      Die Antwort darauf sollte sich mir einen Moment später erschließen. Jack lehnte in der Tür und ließ Jake noch eine ganze Weile gewähren, während der Schubladen durchsuchte in der Hoffnung, irgendwo doch noch etwas aufregendes zu finden. Irgendwann machte er mit einem Räuspern auf sich aufmerksam.
      Ich habe Jake noch nie so schnell so erschrocken herumwirbeln gesehen. Mit großen Augen saß er seinen Vater an. Es muß purer Automatismus gewesen sein, als er seinen Vater fragte, wie lange er da schon stehen würde. Die Antwort von Jack amüsierte mich, als er treffend erwiderte, länger als ihm lieb sein würde. Und dann wartete Jack auf den nächsten Schachzug von Jake.
      Mein bester Freund reagierte, wie ich es nicht anders erwartet hätte und stellte die Frage, die auch mir in den Sinn gekommen war: Warum durften wir nicht in diesen Raum, wenn dort absolut nichts außergewöhnliches drin war?
      Die Antwort erschreckte mich, obwohl ich gar nichts mit der Sache zu tun hatte. Jack erklärte, daß er und mein Dad so hatten testen wollen, ob sie uns vertrauen konnten – und daß Jake den Test nicht bestanden hatte. Die Enttäuschung war seiner Stimme anzumerken. Postwendend wurde sich auch nach mir erkundigt, und Jake gab, da ihm keine andere Wahl blieb, trotzig zu, daß ich nicht hatte mitwollen, sondern lieber hatte lesen wollen.
      Ich konnte Jacks Miene gut genug aus meinem Versteck erkennen um sehen zu können, daß er sich das fast schon gedacht hatte, und daß er jetzt fast noch enttäuschter war, als ausgerechnet sein Sohn allein so entsetzlich versagt hatte.
      Jake wurden Konsequenzen angekündigt, und er wurde auf unser Zimmer geschickt, bis mein Dad und Tracy ebenfalls zurück waren.
      Mit mehr Glück als Verstand schaffte ich es, meine Abwesenheit als Toilettenbesuch zu tarnen. Als ich in unser Zimmer zurück kam, heulte sich Jake auf seinem Bett die Seele aus dem Leib. Da ich noch so tun mußte, als wüßte ich von nichts, fragte ich ihn, ob er in dem Raum ein schreckliches Monster gefunden hätte. Er patzte mich an, daß ich ihn in Ruhe lassen sollte. Das tat ich auch. Ich wußte, er war sauer auf seine eigene Dummheit, und sauer darüber, daß ich jetzt so gut dastand, auch wenn ich nichts dafür konnte. Wenn er sich aber nicht zur rechten Zeit belehren lassen, und jetzt von mir nicht helfen lassen wollte, dann eben nicht.
      Ab da wurde das Zimmer wieder zu Tracys Lesezimmer. In dem Gespräch am Abend, als es für Jake und mich zum Showdown kam, erfuhren wir auch, daß unsere Väter die ganze Zeit nicht weit entfernt in einem Bistro gewesen waren. Beim Öffnen der Tür war ein stiller Alarm ausgelöst worden, deswegen war Jack so schnell vor Ort gewesen. Und nun hatte sich die schlimmere der beiden Varianten bewahrheitet, an die er zu glauben bereit gewesen war: Daß nicht nur wir beide zusammen versuchen würden, die Regeln zu brechen, sondern, daß Jake es allein durchziehen würde, wenn ich mich weigerte.
      Jake verbrachte den Rest der Ferien, und das war noch eine ganze Weile, mit Hausarrest. Daß ich mir oft genug freiwillig mit ihm das Zimmer teilte, um meine Abenteuerromane zu lesen, half ihm dabei nicht. Und so endete der Aufenthalt für meinen besten Freund tragisch, wenn auch auf andere Art, als wir zuerst vermutet hatten.

Das mußte eines der schlimmsten Erlebnisse für Jake gewesen sein; zuerst für nichts und wieder nichts eine Anweisung zu mißachten, und dann auch noch herauszufinden, daß das alles geplant gewesen war, um das Vertrauen in uns zu testen. Ich fürchte sogar, der Hausarrest war für ihn nicht mal so schlimm wie die Enttäuschung, die er von seinem Vater zu spüren bekommen hatte.
      Jake erinnert sich heute noch sehr ungern an die Geschichte. Er schlug trotzdem selbst vor, sie zu veröffentlichen. Als wir darüber sprachen, bat Jake mich, die Geschichte einmal für mein Buch aufzuschreiben, als Warnung für alle übereifrigen Jugendlichen, die genauso unbelehrbar sind, wie er es gewesen war. Dieses Erlebnis soll als gutes Beispiel dafür gelten, daß manche Situationen, die geheimnisvoll, abenteuerlich und verlockend wirken, weil sie verboten sind, nichts weiter sind als Fallen, gestellt von denen, die wissen wollen, wieviel das Vertrauen wert ist, das sie in uns setzen. Und es gibt nichts schlimmeres als einen Vertrauensbruch, wie Jake hier am eigenen Leib feststellen mußte.
      Mit dieser Geschichte gab Jake einen Vertrauensvorschuß an euch, indem ich sie euch erzählen durfte. Und jetzt weiß er auch, daß ich mich damals in dem Abstellraum versteckt hatte…
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