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Wundersame Erlebnisse aus dem Leben des Eddy Spenser

von - Leela -
Kurzbeschreibung
SammlungAbenteuer / P12 / Gen
Eddie Jake Jessica OC (Own Character) Prime Evil Tracy
20.01.2019
01.01.2021
100
261.220
9
Alle Kapitel
57 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
12.05.2019 3.266
 
Anm. d. Aut.: Dieses Kapitel wurde für das »Geschichten-Bingo« von Mufterling geschrieben. Die Vorgabe zu der Nummer 9 war: "Als du deinen Garten umgräbst, findest du ein altes, in Stoffe gewickeltes Buch."
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In seinem Buch versucht Eddy, die verschiedensten seltsamen Begebenheiten zusammen zu tragen, die ihm wirklich passiert sind, und die vielleicht auch für seine Leser interessant sein mögen. Dabei sind sehr allgemeine merkwürdige Geschehnisse, manche haben mit seinem Beruf zu tun, einige kuriose Erlebnisse hat er vielleicht nur als Zeuge beobachtet, und wieder andere sind sehr persönlicher Natur – so wie diese Geschichte hier:

Ein Kräuterbeet für Eddy

Es gab einen Tag in meinem Leben, an dem dachte ich tatsächlich darüber nach, daß ich mich mehr mit Meteorologie beschäftigen sollte.
      Es war noch gar nicht so lange her, daß Jake und ich die Firma unserer Väter übernommen hatten. Tracy hatte angeregt - auf seine spezielle, gorillamäßige Art, bei der niemand Nein sagt - daß das Gartenstück hinter dem Haus umgegraben werden sollte. Nicht, daß in der ganzen Zeit davor, als unsere Väter hier noch gelebt hatten, irgend jemand je daran gedacht hätte! Aber jetzt wollte Tracy das in Angriff nehmen.
      So weit so gut. Die Idee an sich war auch gar nicht schlecht, und hatte den Charme, daß jeder sein eigenes Beet bekommen konnte. Dafür aber mußte die ganze Fläche erst einmal bewirtbar gemacht werden.
      Wir machten zusammen einen Plan und teilten die Tage auf, an denen wir abwechselnd dran waren, das zukünftige Gartenstück umzugraben, bis es fertig war. Und ich bekam den heißesten Tag des Sommers! Ich unterstelle Jake und Tracy an dieser Stelle mal nicht, daß sie das gewußt und geplant hatten.
      Ich war schon fix und fertig, da hatte ich noch nicht einmal angefangen. Kaum im Garten fühlte ich mich, als wäre ich schon Stunden dort gewesen, und wäre am liebsten postwendend wieder im schönen, kühlen Keller des Ghostkommandos verschwunden. Ich wußte allerdings auch, daß Gorillaaugen mich beobachten würden! Als eine Variante kam mir in den Sinn, den sterbenden Schwan zu spielen, um zu verdeutlichen, daß das hier eine Tortur war, der ich mich in meiner Freizeit nicht aussetzen mußte. Zuerst wollte ich aber probieren, wie gut oder schlecht die Arbeit ging, und zumindest mein bestes versuchen.
      Ich setzte dort an, wo Jake am Vortrag - an dem es übrigens leicht windig gewesen war und selbst hier ab und zu eine kühle Brise herüber geweht war - aufgehört hatte. Das zumindest machte mir den Einstieg relativ leicht. Eine Mörderarbeit war es trotzdem.
      Der sterbende Schwan schwamm auf dem Teich in meinem Geist mehr und mehr in mein Blickfeld. Noch bemühte ich mich aber Spatenstich um Spatenstich. Als ich schließlich bis auf die Unterhose durchgeschwitzt war, was dazu führte, daß ich wirklich keine Lust mehr hatte, schaute mir der sterbende Schwan in meinem Geiste so eindringlich in die Augen, daß er mir den Blick auf das Gartenstück versperrte. Es reichte! Ich hatte endgültig genug! Ich wollte mich gar nicht vor der Arbeit drücken. Aber entweder, es wurde mir erlaubt, an einem anderen Tag weiterzumachen, oder wir machten es jetzt zusammen!
      Dazu entschlossen, mein Recht mit einer Reihe totsicherer Argumente einzufordern, notfalls auch mit der Behauptung, daß ich absichtlich über den Tisch gezogen worden war, schlug ich den Spaten an Ort und Stelle in den Boden. Bevor ich jedoch nach drinnen gehen konnte, zog etwas meine Aufmerksamkeit auf sich. In dem Teilstück, das ich heute umgegraben hatte und das weiß Gott nicht groß gewesen war, schien ein Stofffetzen vergraben gewesen zu sein.
      Seufzend beschloß ich, das Zeug eben in der Mülltonne zu entsorgen, bevor ich rein ging. Ich trampelte also über die frisch aufgeworfene Erde, um den Stoff herauszufischen. Als ich näher kam, bemerkte ich jedoch, daß in den Stoff etwas eingewickelt war. Das ließ mich kurz innehalten. Zugegebenermaßen machte mich das etwas nervös. Was mochte das sein?
      Vorsichtig kniete ich mich hin und sah nach. Ich stellte mich schon auf die groteskesten Sachen ein; als ich das schmutzige Tuch ganz ausgebuddelt hatte, erkannte ich, daß es sich um eine Kiste oder so etwas ähnliches handeln mußte. Das beruhigte mich zumindest etwas. Immerhin konnte ich relativ gefahrlos den Inhalt auspacken.
      Mein Blick huschte hoch zu den Fenstern. Ich unterstellte Tracy nicht, daß er mich beobachtete, trotzdem war mir wohler, wenn ich nicht direkt im Blickfeld saß, wenn ich meinen Fund untersuchte. Wenn ich schon dazu gezwungen war, in dieser Affenhitze hier draußen zu arbeiten, dann wollte ich als Entschädigung nicht auch noch meine Kumpel um mich herum haben, wenn ich mir den Fund ansah.
      Ich ging also mit dem Paket an die Seite des Hauses in eine geschützte Ecke. Als ich den Inhalt hier nun von neugierigen Blicken geschützt auswickelte, erkannte ich, daß es sich um ein Buch handelte. Ein Buch, das hier über Jahrzehnte, wenn nicht länger, vergraben gelegen hatte. Wahrscheinlich hatte es der Vorbesitzerin des Hauses gehört, die hier vor unseren Vätern gelebt hatte. Was mich am meisten faszinierte war, daß das Buch offensichtlich dafür vorgesehen gewesen war, für längere Zeit im Boden versteckt zu werden; warum sonst hätte es in diesen festen, schützenden Stoff eingewickelt sein sollen? Das machte mich um so neugieriger!
      Um niemanden aus dem Haus darauf aufmerksam zu machen, versteckte ich zunächst das Buch bei den Sachen, die an der Hausmauer lagerten, und machte erst einmal mit meinen Umgrabearbeiten weiter. Ich durfte immerhin kein Aufsehen erregen. Das Buch würde ich mir nachher in meinem Zimmer ansehen.

Das Lob, das ich von Tracy bekam, nachdem ich fertig war, war verdient! Dank des kleinen Zwischenfalls mit dem Buch war ich hochmotiviert gewesen, viel zu schaffen, damit bloß niemand blöde Fragen stellte.
      Ich hatte es geschafft, das Fundstück unbemerkt in mein Zimmer zu schmuggeln, und hatte mich nach dem Abendessen schnell damit verabschiedet, daß ich nach der Arbeit müde wäre. Und das war noch nicht einmal gelogen! Zusätzlich dazu, daß ich fix und fertig von der Arbeit war, war ich aber auch schon sehr gespannt, was es mit dem Buch auf sich hatte. Und was wäre nach so einem anstrengenden Tag wie heute besser, als es sich mit einem guten Buch auf dem Sofa bequem zu machen? Ich hoffte nur, daß es sich nicht um eine jahrzehntealte Bibel handelte oder so etwas.
      Als ich es mir endlich auf dem Sofa gemütlich machte, sinnierte ich bereits darüber nach, was das vielleicht für ein Buch sein mochte. Ein alter Heimatroman vielleicht? Oder ein Reiseführer? Die Spannung war kaum noch auszuhalten, als ich jetzt endlich vorsichtig den Stoff ganz entfernte.
      Das Buch war erstaunlich gut erhalten. Sogar der Stoff war auf der Innenseite wie neu, und nicht mit der verschmutzten Außenseite zu vergleichen. Offenbar war er innen imprägniert worden, um das Buch in der Erde über lange Zeit erhalten zu können. Das Buch selber wirkte wie ein großes Notizbuch. Auf dem Einband stand handschriftlich: »Nutze mich weise!« Das machte mich nun erst recht neugierig! Mein Blick ging ein letztes Mal zu meiner Zimmertür, die ich vorsichtshalber verschlossen hatte, dann blätterte ich durch die Seiten.
      Zu meiner Überraschung stellte ich fest, daß es sich bei dem Buch um ein Kochbuch handelte. Es gab ein kleines Vorwort, auf den nächsten Seiten gab es je ein Rezept mit der Zutatenliste auf der linken, und der Zubereitungsbeschreibung auf der rechten Seite. Jede Seite hatte hübsche Illustrationen, in denen verschiedene Begriffe integriert waren, beispielsweise las ich »geruhsame Nacht« oder »Nur keine Nervosität«. Die Rezepte sahen lecker und einfach aus. Genau das richtige für mich!
      Interessant wurde es allerdings, als ich das Vorwort las. So wie auch die Rezepte, war es per Hand geschrieben, und darin wurde dem Leser an die Hand gegeben, daß die jeweils unterstrichene Zutat in dem Rezept eine Nacht lang auf der gleichen Seite im Buch vor der Verwendung gepreßt werden müsse, um die auf der Seite beschriebene Wirkung zu entfalten. Ich blätterte noch einmal zurück. Waren damit diese kleinen Hinweise gemeint, die in den Zeichnungen versteckt waren?
      Das interessierte mich jetzt wirklich brennend! Irgend etwas mußte ich unbedingt ausprobieren, um meine Theorie zu testen. Aufmerksam blätterte ich die Seiten durch, schaute mir die Hinweise an, bis ich ein Rezept fand, bei dem geschrieben stand: »Sag die Wahrheit«. Das weckte sofort meine Aufmerksamkeit!
      Das Rezept war einfach. Es handelte sich um eine Art Schokopralinen, und die Vanilleschote war unterstrichen. Bedauerlicherweise hatten wir keine im Hause, und zum Einkaufen war es zu spät, so daß ich mir etwas anderes zum testen suchen mußte, wenn ich gleich am nächsten Tag damit anfangen wollte.
      Ich ging also das Buch weiter durch und fand schon bald ein anderes interessantes Rezept: Einen Auflauf, der auch ganz einfach zu machen aussah. Als Hinweis stand dabei: Sei Hilfsbereit. Na, das hörte sich doch großartig an! Die unterstrichene Zutat war hier Basilikum, und Basilikum hatten wir noch im Hause.
      Ich huschte hinunter in die Küche und besorgte mir ein paar Blätter. Außerdem nahm ich mir eine Erdbeermilch aus dem Kühlschrank mit, als Alibi, falls mir Jake oder Tracy über den Weg liefen. Ich begegnete aber niemandem, und so zog ich mich unbemerkt wieder in mein Zimmer zurück, legte die Basilikumblätter zwischen die Seiten des Rezepts und das Buch auf meinen Nachtschrank. Ich spürte eine gewisse Aufregung in mir. Ob das wohl wirklich funktionierte…?

Am nächsten Tag hatte Tracy Gartendienst. Natürlich war das Wetter mild und angenehm mit einem erfrischenden Wind. Ich bin mir immer noch nicht sicher, daß Tracy nicht doch den Wetterbericht studiert hat, bevor er die Zuteilung der Tage gemacht hat. Naja, sei es ihm als Fellträger gegönnt. Jake wollte indes lästige Büroarbeit erledigen. Ich bot mich an, für die beiden zu kochen und ging einkaufen.
      Zum einen brauchte ich noch ein paar Zutaten für meinen Auflauf. Fast noch wichtiger aber war, daß ich die Vanille bekam! Zurück zu Hause war meine erste Amtshandlung, die Vanille in die entsprechende Seite meines Buches zu packen. Dann ging ich in die Küche zum kochen.
      Am Vormittag stand ich also in der Küche und beschäftigte mich mit dem Auflauf. Er wirkte wie ein gewöhnlicher Nudelauflauf. Ich hatte mir schon Gedanken gemacht, wie ich es hinbekam, eine Ecke ohne Basilikum zu machen - zwar liebe ich Basilikum, von dem Effekt wollte ich aber gern verschont bleiben - das Rezept machte es mir aber sehr einfach. Die gepreßten Basilikumblätter wurden nämlich erst nach dem Backen zerkleinert über das Gericht gestreut!
      Die Auflaufform war schnell gefüllt im Ofen. Während der Backzeit bröselte ich die Blätter in ein kleines Gefäß und wusch mir anschließend sorgfältig die Hände. Sicher war sicher!
      Alles klappte genau nach Plan. Als der Auflauf fertig war, richtete ich gleich alles schön auf Tellern an und streute bei Jake und Tracy das vorbereitete Basilikum drüber. Ich bediente mich an dem Basilikum, das nicht im Buch gelegen hatte.
      Jake und Tracy waren sehr überrascht und beeindruckt; so vorzüglich bedient wurden beide nicht häufig. Ich behauptete, sie hätten es verdient dafür, daß sie heute diese leidigen Aufgaben erledigten. Das war eine ganz gute Vorbereitung für mein Experiment, außerdem ein ganz gutes Beispiel für die anderen.
      Der Auflauf war tatsächlich gelungen. Es gab noch Nachschlag für alle, bevor wir uns wieder unseren Aufgaben widmen mußten. Ich beobachtete meine Kameraden genau. Und ich mußte auch gar nicht lange warten! Direkt nach dem Essen ging es los. Jake bot sich an, Tracy im Garten zu helfen, damit er die Arbeit nicht alleine machen mußte, Tracy sagte zu, Jake bei den Papieren zu unterstützen, damit er schneller fertig war, und beide wollten mir zuerst helfen, die Küche aufzuräumen. So etwas hatte ich noch nie erlebt!
      Das ganze führte sogar so weit, daß Tracy und Jake sich in die Klamotten bekamen, wer denn nun wem zuerst helfen durfte. Das war ein Schauspiel, das jegliches Theater entbehrte. Schließlich schaltete ich mich ein und schlug vor, daß die beiden zuerst zusammen den Garten machten, solange es draußen noch hell war, und anschließend zusammen den Papierkram erledigten. Das leuchtete den beiden ein. Außerdem verklickerte ich den beiden, daß ich keine Hilfe brauchte. Ich wollte die Zeit lieber für mich haben. Es gab so viel, was mir im Kopf herumging. Es hatte tatsächlich funktioniert…

Am darauf folgenden Tag machte ich die Pralinen. Einfach nur so. Zumindest sah es für Jake und Tracy so aus. Die Wirkung der Hilfsbereitschaft vom Vortag war glücklicherweise wieder verflogen; immerhin mußte ich aufpassen, ein Drittel der Pralinen mit normaler Vanille zu machen.
      Ich teilte die Pralinen auf drei Schalen auf und brachte Jake und Tracy ihren Anteil direkt an den Schreibtisch beziehungsweise in die Werkstatt. Meine Schale hatte ich dabei noch in der Hand und probierte auch gleich möglichst sorglos eine der Pralinen, um jegliche Verdachtsmomente zu zerstreuen. Auch die waren gelungen.
      Ich bemühte mich, meine Freunde die nächste Zeit allein zu lassen. Schließlich durfte ich nicht zu auffällig sein. Das war gar nicht so einfach.
      Jake freute sich am meisten über die Pralinen. Er war heute mit dem Garten dran. Es war zwar bewölkt aber nicht regnerisch. Perfektes Wetter, um draußen zu arbeiten. Ich glaubte noch immer an ein Komplott. Tracy kochte heute wieder. Und ich stöberte noch ein wenig in meinem Buch. Am nächsten Tag war ich wieder im Garten dran; vielleicht fand sich dafür auch ein passendes Rezept.
      Da es vermutlich zu auffällig gewesen wäre, wenn ich den Auflauf noch mal gemacht hätte, suchte ich nach etwas anderem. Ich fand schnell etwas, was meine Aufmerksamkeit erregte: Einen Milchshake, der versprach: »Energie für den Tag«. Als besondere Zutat war hier Minze unterstrichen. Und Minze hatten wir sogar im Garten!
      Bei der Gelegenheit schaute ich bei Jake vorbei, der schon ein gutes Stück vorangekommen war. Das war die Chance, die Wirkung der Pralinen zu testen. Ich sah in den Himmel und bemerkte nebenbei, man könnte meinen, die beiden hätten den Wetterbericht studiert, um mir die ungemütlichsten Tage zuzuschustern.
      Jake lachte und versicherte mir, daß das purer Zufall gewesen sei.
      Ich sah ihn eine Sekunde stumm an. Wirkten die Pralinen nicht, oder sagte Jake vielleicht die Wahrheit? Ich ließ es vorerst dabei bewenden und wollte mir für später eine eindeutigere Frage überlegen, die nicht fehlgehen konnte. Wie nebenbei pflückte ich meine Minze und ging zurück in’s Haus.
      Ich brauchte gar nicht über eindeutige Fragen nachzudenken. Es war beim Abendessen, als Jake, noch immer amüsiert, Tracy von meinem Gedankengang erzählte. Unverblümt berichtete Tracy uns, daß das stimmte, er ganz schön herumgetüftelt habe, um sich die besten Tage zu sichern, und mir die heißesten Tage zugeordnet hatte, da er meinte, es würde meiner Figur guttun. Anschließend schlug er sich von sich selbst erschrocken die Hand vor den Mund.
      Jake und ich sahen den Gorilla entsetzt an. Jetzt wußte ich, daß Jake die Wahrheit gesagt hatte.
      Tracy war die Sache sichtlich unangenehm, zumal er nicht wußte, warum er das alles gerade erzählt hatte. Dafür regte Jake sich jetzt, auch gleich in meinem Namen, auf. Der gute Jake…
      Tracy ruderte wild mit den Armen und sagte gleich, daß ich meinen Dienst am nächsten Tag nicht zu machen brauchte. Jetzt wollte ich ja aber schon meinen Milchshake ausprobieren. Also verkündete ich trotzig, daß ich meine Aufgabe schon erfüllen würde und verließ die Küche.
      Jake erzählte mir später, daß er den Gorilla nie so am Boden zerstört erlebt hatte. Das war ein bißchen Genugtuung für mich.
      In der Zwischenzeit hatte ich mir auch noch einmal eine Testfrage für Jake überlegt, da ich sicher wissen wollte, daß die Pralinen auch bei ihm wirkten. Also motzte ich noch ein bißchen über die Ungerechtigkeit von Tracy und stellte fest, daß dafür eine Entschädigung fällig wäre. Und fügte dann bewußt neckisch an, daß Jake mir zum Beispiel verraten könnte, wo er seinen geheimen Schokoladenvorrat lagerte.
      Ich hätte nicht gedacht, daß das klappt! Aber Jake erzählte mir so freimütig von dem Geheimfach im Kamin, daß ich es zuerst für einen Scherz hielt. Als Jake im Anschluß daran geschockt nach Luft schnappte, wußte ich, die Information hatte er mir nicht zukommen lassen wollen. Ich mußte mir ein triumphales Schmunzeln verkneifen.

Der nächste Tag begann für mich mit einem Milchshake, anschließend ging es an’s Werk. Die Arbeit war nicht leichter, aber sie fühlte sich leichter an, obwohl wir wieder einen heißen Sonnentag hatten. Es machte sogar richtig Spaß, weil ich nicht den Eindruck hatte, erschöpft zu sein. Diese Rezepte in diesem Buch waren Gold wert!
      Als ich mit meinem Teil fertig war, ging ich hoch erhobenen Hauptes in’s Haus zurück und würdigte Tracy keines Blickes. Nach einer entspannenden Dusche ließ ich mich mit meinem Buch auf mein Bett fallen. Dieses kleine Werk war mit Sicherheit das wertvollste in meiner Sammlung. Wer mochte es wohl geschrieben haben? Die alte Lady, die in diesem Haus gelebt hatte, bevor unsere Väter es nach langem Leerstand kauften? Und wie war es in den Garten gelangt? War das beabsichtigt gewesen, und wenn, aus welchem Grund?
      Das Buch gab mir einige Rätsel auf, die es noch zu lösen galt. Eines wußte ich aber jetzt bereits sicher. Dieses Geheimnis würde ich mit niemandem teilen! Diese kleine Sammlung an Rezepten hatte sich als wahrer Schatz entpuppt, mehr als ich zunächst imstande gewesen war, mir vorzustellen, und nach den ersten Erfolgen wollte ich noch mehr ausprobieren.
      Diverse Gedanken purzelten mir durch den Kopf, als ich über meinen eigentümlichen Fund nachdachte. Ich spürte meinen Puls rasen. Würden die Rezepte wohl auch wirken, wenn man die speziellen Zutaten über längere Zeit lagerte? Ich könnte mir ein ganz eigenes Kräuter- und Gewürzsortiment, hier in meinem Zimmer, zusammenstellen und nach Bedarf nutzen! Was das alles für Möglichkeiten eröffnete! Ich muß gestehen, nie in meinem Leben war ich so aufgeregt gewesen, schon gar nicht aufgrund eines Kochbuches!

Daß ich das Buch gefunden habe, liegt nun mittlerweile einige Jahre zurück. In der Zwischenzeit habe ich viel recherchiert und herausgefunden, daß es tatsächlich von der Frau geschrieben worden war, die hier gelebt hatte, bevor ihre Nachkommen das Haus aufgegeben hatten. Ich habe allerdings noch nicht in Erfahrung bringen können, warum sie es im Garten vergraben hat.
      Ich habe mir in meinem Schrank ein Regal eingerichtet, wo ich zusammen mit dem Buch die Fläschchen mit den geheimen Zutaten lagere, alle fein säuberlich beschriftet mit der Zutat und der Wirkung, und vor fremden Augen verschlossen. Man kann sie tatsächlich auf Vorrat herstellen; ich hatte ermittelt, daß, solange sie fest verschlossen bleiben, die Wirkung nicht verfliegt.
      Inzwischen wissen auch Jake und Tracy von meinem Geheimnis, aber nicht, weil sie bei mir spioniert haben, sondern weil ich ihnen davon erzählt habe. Die Rezepte helfen uns manchmal bei unseren Aufträgen, außerdem kam ich nach einer gewissen Zeit an den Punkt, an denen ich meinen Freunden den gleichen Nutzen zugute kommen lassen wollte, den ich mir bis dahin selbst gegönnt hatte. Ich hättet ihre Gesichter sehen sollen, als ich ihnen von den Wahrheitspralinen erzählte, mit denen ich Tracys Verrat aufgedeckt und Jakes Geheimnis erfahren hatte!
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