Dagurs Patht - 2. Teil: Hallbera

GeschichteDrama, Fantasy / P18
19.01.2019
17.02.2019
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Hallberas Augen brauchten einen Moment, um sich an die neuen Lichtverhältnisse zu gewöhnen. Das Feuer in der Kemenate war längst herunter gebrannt und hatte ein kleines Häuflein schwach leuchtender Glut zurück gelassen. Von der anderen Seite der Tür waren gedämpft die sich entfernenden Schritte des Berserker-Häuptlings zu hören.
Sie schickte im Geiste ein kleines Stoßgebet an die Götter und hoffte, dass die Geschichte für sie und das andere Mädchen glimpflich ausgehen würde.
Seufzend wandte sie sich an die einzige mickrige Wärmequelle im Raum um ein Scheit nachzulegen. Hinter der Kaminwand musste sich Dagurs eigene Feuerstelle befinden. Sie teilten sich den gleichen Rauchfang. Ein gewaltsames Durchbrechen schien jedoch aussichtslos. Vielleicht gab es noch einen anderen versteckten Ausgang? Als sie sich erhob, um das Zimmer näher in Augenschein zu nehmen, erschrak sie über alle Maßen. Mitten im Raum stand still und unbeweglich eine dunkle Albengestalt und starrte sie an. Die Gotin stieß einen hohen Schrei aus und wollte instinktiv zum Ausgang fliehen, aber die Gestalt hob beschwichtigend die Hände. Verzeiht, Heilerin, ich bin es nur."
Es brauchte einen Moment, bis die junge Frau sich soweit gefangen hatte, um in der Fremden die Dienerin zu erkennen, durch deren Hilfe ihr die spätabendliche Audienz bei Lady Helga zuteil geworden war. "Wie... wie kommst du hier rein?", wollte Hallbera wissen und hoffte erneut auf einen geheimen Ausweg. Die andere aber senkte den Kopf und knetete verlegen ihre Hände. "Ich habe mich hier versteckt, um...in der Nähe zu bleiben." Sie machte ein Gesicht, das deutlich erkennen ließ, dass sie etwas bei ihrer Erklärung ausließ, aber die Gotin wollte es dabei bewenden lassen. Sicher hatte sie auf Vorgs Anweisung gehandelt und das dunkle Mädchen wollte aus Rücksicht auf ihn mit seinen Ambitionen hinterm Berg halten.
"Wie heißt du?", fragte sie statt dessen und kam vorsichtig näher. Das Mädchen lächelte verkniffen und wusste nicht wo es hinsehen sollte. "Man hat mich schon auf vielerlei Weise betitelt. Einen richtigen Namen habe ich aber in Wahrheit nie besessen." Sie zog den Kopf zwischen die Schultern und schlich seitwärts zum Feuer, um es anzufachen. "Oswald.... ich meine... Seine Lordschaft der Friedliebende hat mich Liria genannt." Im Dämmerlicht war ihre Errötung zwar nicht zu sehen, aber ihr Gesicht hatte einen weichen Zug angenommen als sie von ihm sprach.
Hallbera war beeindruckt. Das Mädchen war klein - kleiner als sie - und sie hatte sie kaum älter als sechzehn geschätzt. Trotzdem konnte sie sich des Gefühls nicht erwehren, dass die Dunkle mit Zärtlichkeit an den alten Lord dachte. "Das klingt hübsch. Liria." Die Heilerin war heran getreten und hatte der Dienerin die Hand auf die Schulter gelegt. "Mich nennt man hier nur "Heilerin", dabei bin ich noch in Ausbildung und heiße eigentlich Hallbera." Es tat ihr leid, mit welcher Befangenheit die andere sich quälte und setzte sich neben dem Mädchen auf den Boden vor dem Kamin. Sie war zwar eigentlich müde genug, um auf der Stelle drei Tage lang durch zu schlafen, aber sie hatte auch das Gefühl, dass das Mädchen namens Liria viel auf dem Herzen hatte und hielt es für das Beste, sich ein wenig um sie zu kümmern. Auch das gehörte zu ihrer Arbeit: Anderen zuhören. Um das Mädchen aber zum sprechen zu bringen, musste sie zunächst selbst etwas von sich preis geben. So erzählte Hallbera von ihrer Herkunft und ihrer beschwerlichen Reise voller Gefahren und auch von den Menschen, die ihr auf ihrem Weg begegnet waren. Als sie zum Schluss damit endete, wie Vorg sie nicht auf die Berserker-Insel hatte lassen wollen, musste Liria tatsächlich zum ersten mal lachen. "Kommst du auch von weit her?", wollte die Heilerin schließlich wissen und stocherte mit dem Schürhaken in der Glut. Die andere legte den Kopf in den Nacken und schloss die Augen, um in sich zu gehen. Die Arme hatte sie um die Knie geschlungen, doch nun löste sie mit einer Hand den Knoten ihrer Kopfbedeckung und ließ das Tuch zurück fallen, um den Blick auf ihr dunkles schimmerndes Haar frei zu geben. Die Gotin staunte. Es war luftig und fein, gleichsam aber so ausgesprochen dicht, dass es beinahe wie ein Fell anmutete. Sie hätte gerne die Hand ausgestreckt und es berührt.
"Es liegt zwar bereits eine Ewigkeit zurück, aber ich habe meine Wurzeln nicht vergessen.", begann die Rabenhaarige unvermittelt ihre Geschichte ohne die Augen dabei zu öffnen, "Ich wurde in den illyrischen Stamm der Byllionen geboren. Eine Gegend weit fort von hier, wo die Abende kürzer sind und die Tage sehr heiß. Meine Erinnerungen sind nicht mehr so lebendig, aber wenn ich träume, sehe ich meine Heimat vor mir, wie ein Bild, dessen Farben von der Zeit etwas verblichen sind."
Sie zog die Augenbrauen konzentriert zusammen und schien tief in sich versunken. Hallbera wagte es kaum zu atmen, um den Zauber nicht zu unterbrechen.
"Ich habe das damals nicht verstanden, aber heute weiß ich, dass das Land von den Römern besetzt worden war. Es herrschte zu diesem Zeitpunkt zwar kein Krieg mehr, aber es kam immer wieder und überall zu Unruhen. So auch in meinem Dorf." Sie machte eine kleine Pause, um sich zu sammeln. "Eines Tages wurde ich bei einem dieser Aufstände gegen die Römer von meiner Familie getrennt und verschleppt. Ich kann mich kaum erinnern. Es ging schnell und ich war verwirrt. Später waren da auch andere Kinder. Viele Kinder. Sie alle jammerten und klagten, dass sie zu ihren Eltern zurück wollten. Es waren auch ganz kleine darunter, aber die meisten von ihnen waren große Jungs, die schnell verkauft waren."
Hallbera war gefesselt von den Erlebnissen der Jüngeren. Sie selbst hatte dagegen eine eher behütete und friedliche Kindheit in der Obhut ihrer Großmutter verbracht und hatte keine Vorstellung, wie hart ein tragisches Schicksal in Kindertagen wirklich sein konnte.
Aber sie wollte der anderen nicht in die Rede fallen und schwieg, bis diese sich erneut gefangen hatte.
"Ich kann mich nicht mehr an ihre Namen erinnern, aber ich sehe das gütige Gesicht meiner Mutter vor mir und erinnere mich an den Klang ihrer Stimme, an die Wärme ihrer Umarmung. Ich sehe meinen Vater, stark wie ein Bär und mit einem Bart so schwarz wie die Nacht. Ich weiß auch, dass ich einen kleinen Bruder hatte, der sich vor unseren Hühnern fürchtete."
Sie lächelte, aber in ihren Augenwinkeln glitzterten Tränen und sie musste mehrmals tief einatmen ehe sie weiter sprechen konnte. "Ich bete jeden Tag für sie. Es tut gut, zu glauben, dass sie lebendig und wohl auf sind."
Sie schluckte und schüttelte mit einem traurigen Lächeln den Kopf, dann lehnte sie sich vor, um ins Feuer zu blicken. Die Heilerin verstand, was sich hinter den Worten verbarg. Die Rabenhaarige hatte nicht vor, zurück zu kehren, um vielleicht das Gegenteil festzustellen. Sie verfielen beide in langes Schweigen.
Hallbera strich dem Mädchen zärtlich über den Arm. Zwar machte die Jüngere keine Anstalten mehr die Geschichte fortzusetzen, aber sie konnte sich den Ausgang schon denken. Die geschorenen Haare mochten langsam nachwachsen, aber Liria war immernoch von den langen Jahren der Versklavung gezeichnet.
"Thor sei Dank, bist du jetzt hier.", sagte die Gotin darum nur und lächelte die Dunkle aufmunternd an. Ihre Blicke kreuzten sich. "Oswald sei Dank", murmelte die andere und ließ zwei Tränen fallen.



Sie hatten das Eiland bereits vor Morgengrauen erreicht, aber in sicherem Abstand vor Anker gelegen, bis der erste Sonnenstrahl das Wappen des Segels berührte. Oswald war sich nicht sicher, wie man seine Ankunft auffassen würde. Halldor Grimborn, Herrscher auf der Insel des Tyr und Oberhaupt vieler weiterer umliegender Stämme, lebte Gerüchten zufolge ein eher zurück gezogenes Dasein und liebte keinen Besuch. Seine ruhmreichen Tage als Freibeuter und Abenteurer lagen schon lange zurück und seine unbrauchbar gewordene Flotte hatte man vor Jahrzehnten schon an Land gezogen um sie auf Stützbalken zu lagern. Fenris hatte ihn gewarnt, hatte gesagt, der alte König  sei seit der Fehde mit dessen Söhnen in tiefste Depression verfallen und hieß niemanden mehr in seinem Reich willkommen. Und Fenris musste es wissen - er war in vielen Kriegen König Halldors Waffenbruder gewesen.
Hätte Fenris je selbst Söhne gehabt, wäre er, Oswald, wohl nie Oberhaupt der Berserker geworden. Doch ganz gleich mit wie vielen Frauen sein Onkel sich auch im Leben umgeben hatte, war er doch bis zum heutigen Tage kinderlos geblieben.
Nachdem Fenris sich also aus dem Berserkergeschäft zurück gezogen hatte, war die Reihe an Oswald gegangen die Geschicke der Inselvölker zu lenken. Zusammen mit Haudrauf hatte er den ersten von vielen Bündnisverträgen unterzeichnet und sich damit den Titel als Lord verdient. Hinzu gesellten sich bald darauf die Dunklen Klippen, die Heilerinsel, die Klapperküsten, der Feuchtholzwald, die Insel der Nacht sowie eine Reihe kleinerer Inseln nördlich von Sonnenstein und nicht zu vergessen die nördlichen Marktinseln, welche nun der offizielle Rentensitz seines Onkels darstellen und unter seiner Führung leider immer mehr zu einem fragwürdigen Ruf gerieten. Oswald wusste, dass das Waffengeschäft nur darüber hinweg täuschen sollte, was sich im Untergrund bewegte. Auch Fenris war sich darüber im Klaren, dass sein Neffe kein Dummkopf war, aber Oswald gab sich nach außen hin betont unwissend. Lägen die Dinge anders, sähe sich der Lord gezwungen auf den Marktinseln aufzuräumen, was ihm zweifelsohne eine ansehnliche Reihe Feinde einbringen würde.
Fenris lohnte ihm die Zurückhaltung mit nützlichen Informationen und lebenslanger Gratisversorgung an Waffen und Ausrüstung. So bestimmten also nicht zuletzt auch korrupte Machenschaften das fragile Gleichgewicht des gesellschaftlichen Lebens, auch wenn sie gleichsam dessen moralischer Verfall bedeuteten.
Oswalds Stirn hatte sich in tiefe Falten gelegt bei den Gedanken an Fenris. Der erste Schrei einer Möwe holte ihn jedoch wieder in die Gegenwart zurück und er gab nach einem flüchtigen Blick auf die Bereitschaft des Begleitschiffes den Befehl zur Landung. Seine Männer lichteten den Anker und nahmen Kurs auf die Insel, an dessen Küste nun auch Leben in die Reihen kam. Ächzend zog sich der Anführer an einem Tau auf die Brüstung des Lyptings, um sich unbewaffnet und in friedlicher Absicht zu präsentieren. Er würde in dieser Stellung verharren, bis man ihn aufforderte an Land zu gehen.
Am Ufer sammelten sich eine Reihe Orlogmänner mit dem Zeichen des Tyr auf ihren blank gewienerten Brustpanzern. Sie trugen Helme, deren Kettenschutz die Gesicher bedeckten und ihre Haltung suggerierte grimmige Entschlossenheit. Die Berserker tauschten nervöse Blicke. Sie waren überzeugte und kampferprobte Männer, noch dazu zahlenmäßig ebenbürtig. Trotzdem herrschte eine unangenehme Spannung zwischen den gesichtslosen Fremden und den grobschlächtigen Seefahrern. Oswald musterte die strahlenden Rüstungen. Es war kein gewöhnliches Eisen, soviel stand fest. Es war ein helleres blinkendes Material, welches leicht an Gewicht anmutete und weder Kratzer noch sonstige Zeichen eines Gefechtes aufwies, sondern darauf deuten ließ, dass die Träger noch keine Erfahrung in einer Schlacht gewonnen haben konnten. Auch schienen die Fremden von geringerer Größe zu sein. Darüber konnten auch nicht die mit Wolfsfell aufgepolsterten Schulterpanzer hinwegtäuschen. Das einzige was den Friedliebenden nachdenklich stimmte waren die dunklen unergründlichen Schlitze hinter denen Augen starrten, deren Ausdruck zu deuten unmöglich für ihn war.
Die Schiffe kamen an den Docks zum Stehen, trotzdem dauerte es noch eine ganze Weile, bis ein in einen weißen Umhang gehüllter Jüngling hervor trat und vor der Linie Aufstellung bezog. In seiner behandschuhten Hand hielt er einen langen Speer, doch unter der unförmigen Verhüllung mochten sich noch eine Reihe weiterer Waffen verbergen. Dass es ein Jüngling sein musste, erkannte Oswald an dem fehlenden Kettenschutz, beziehungsweise an dem fehlenden Bartwuchs. Nachdenklich kratzte er sich über die eigenen roten Stoppeln seiner Wangen.
Da er über eine genetisch bedingte Unregelmäßigkeit in seiner Gesichtsbehaarung verfügte, hatte er seine Bartfrisur auf einen buschigen Henriquatre beschränkt.
Auf eine Geste des Jungen hin sprang das Oberhaupt endlich herunter, um seine Mannen an Land zu führen. Bevor er sich aber bei dem blendend weißen Vertreter des kleinen Wachregiments vorstellen ließ, übergab er seinen Helm an den hinter ihm schreitenden Offizier. "Seine Lordschaft Oswald der Friedliebende", tönte es nun zu seiner Linken, "Oberhaupt der Berserker, Chef der größten Armada der bekannten Welt, Beschützer und Herr zahlreicher Wikinger-Stämme."
Der Rotbärtige hatte den sandfarbenen Mantel zurück geschlagen und verharrte in Erwartung eines Grußes, doch der Junge ließ jede Ehrbezeugung vermissen und stellte sich auch nicht vor.
"Ich grüße euch.", ergriff Oswald schließlich selbst das Wort, "Ich bin gekommen, um König Halldor meine Aufwartung zu machen. Die Berserker waren schon immer Freunde der Tyr-Krieger gewesen."
Der Junge hätte ebensogut eine Marmor-Statue sein können, so reglos stand er und schwieg. Erst nach langem Zögern bedeutete er dem Friedliebenden ihm zu folgen und wandte sich um. Die übrigen Rüstungsträger zogen ebenso lautlos ihre kurzen Schwerter und teilten sich in zwei Reihen auf, um Oswald in Empfang zu nehmen. Ein Raunen fuhr hinter ihm durch die Gruppe, doch er hob einhaltgebietend die Hand, als die Berserker zu den Waffen griffen und schüttelte den Kopf.
Wenn es jetzt einen Kampf gab, wäre die Mission an dieser Stelle schon gescheitert. "Ihr haltet euch an den Plan. Aber wartet nicht zu lang!", raunte er leise an seinen Offizier gewandt und ließ mit einer versteckten Geste erkennen, dass er nicht ganz unbewaffnet war.
Als er sich zum Gehen wandte wurden seine Männer von einem halben Dutzend dieser befremdlichen Krieger umringt, während er selbst von dem Rest feindselig vorwärts gedrängt wurde. Der Jüngling hatte auf ihn gewartet und führte ihn nun über die Bohlen der Landungsbrücke an Land und eine breite Pflasterstraße die Anhöhe hinauf von wo sich oben eine gewaltige Burg gegen das Licht der aufgehenden Sonne erhob.

"Der Hláfweard des Nordens!", tönte eine Stimme wie Reibeisen durch die hohen Hallen, "Nun trete er schon näher, unsere Augen sind nicht mehr so gut wie sie waren."
Die Grußworte kamen von einem grauen formlosen Faltenbündel, das wie ein zerflossener Wäschehaufen über einem Thron ausgebreitet lag. Darüber rankte ein zottiger und ebenso grauer Bart und in dem Wust aus schütterem Haar prangte eine schwere Goldkrone, welche den einzigen Kontrast zu der ansonsten farblosen Erscheinung darstellte.
Der Jüngling war mit ausholendem Schritt vor den König getreten, um zu einer tiefen Verbeugung auf ein Knie zu sinken und war dann zur Seite getreten, den Speer beidhändig gepackt, seinen Blick unverwandt auf den herannahenden Anführer der Berserker gerichtet.
Irgendetwas war seltsam an diesem Burschen. Oswald lief ein eiskalter Schauder über den Rücken und alle seine Kriegersinne meldeten sich unheilverkündend, aber es half nichts. Er war den Weg gegangen. Er würde jetzt nicht weichen. Und obwohl er sich von den unsichtbaren Augen hinter den dunklen Helmschlitzen gefesselt fühlte, zwang er seinen Blick geradeaus auf Halldor.
Beim Nähertreten gewahrte Oswald im Antlitz des Monarchen zwei trüb gewordene blasse Augen, von denen nur noch eines stahlblaue Akzente aufwies, während das andere unter dem Star bereits erkaltet war. Sogar die zerklüftete Gesichtslandschaft zeigte sich fahl und ausdruckslos.
Ein unsanfter Stoß in seinen Rücken, erinnerte ihn an das Protokoll und er ließ sich auf jenes Knie nieder, welches ihn heute am wenigsten plagte. Auch er war nicht mehr der Jüngste, wie er sich ins Gedächtnis rief.
Ein grauer knotiger Finger löste sich von der Armlehne und gab den Wachleuten das Zeichen sich zu entfernen.
"Was führt einen Brothüter auf den Pfad des Kriegsgottes? Ist er auf der Suche nach neuen Pflichten?", krächzte es weiter.
"Eine Suche ist es, die mich treibt.", bestätigte der Lord immernoch kniend, "Aber meine Beweggründe sind friedlicher Natur."
Der Alte winkte ihm sich zu erheben und stöhnte gedehnt. "Aaach, er soll uns mit seinen Papieren verschonen! Wir haben schon mehr als genug von seinen Plänen die Inselvölker unter sich zu einen gehört. Fragt sich nur, was er mit soviel Alliierten anfangen will." Doch der Berserker ließ sich nicht beirren und machte eine einladende Geste. "Nichts liegt mir ferner als Euch ungefragt mit Bündnisverträgen zu behelligen. Auch bin ich nicht getrieben von dem Streben nach Macht." Er richtete sich zu seiner vollen Größe auf und ließ die Hände sinken. "Der Grund meines Hierseins hat tatsächlich nichts mit der Allianz zu tun. Ich bin vielmehr auf der Suche nach zwei Frauen."
Ein rauhes heiseres Lachen holperte wie rollendes Gestein aus der Kehle des Alten. "Er überrascht uns! Nach fast 15 Jahren ohne Weib, verlangt es ihn nun gleich nach zweien! Bei Tyr's Faust! Wir geben ihm zu bedenken, diesbezüglich auf seines Onkels Rat zu bauen. Sicher wird ihm auf dessen Insel sogar mehr als nur eine Nebenfrau zuteil!"
Wenn Oswald sich geschmäht fühlte, ließ er es jedenfalls nicht erkennen. Er wartete still, bis der König ihm Gehör schenken würde. Nicht hier und nicht so.
"Er amüsiert uns.", entschied der Alte schließlich, "Wir wollen sein Anliegen bei einem Willkommens-Mahl besprechen. Doch zuvor..." Er unterbrach sich, um mit zittrigen Bewegungen den Jüngling mit dem Speer herbei zu winken. "... begrüßt meine Tochter! Rafarta Grimborn, erstgeborene Prinzessin und Erbin meines Königreiches. Auch bekannt als die Nebelwölfin." Die weiß verhüllte Gestalt nahm den Helm ab und lüftete den Umhang. Der Anblick traf Oswald mit der Gewalt eines Brechers von mehreren Schiffslängen Höhe.
Hatte er den grauen König für farblos gehalten, so musste er seine Meinung angesichts der Prinzessin gründlich revidieren. Ihr weißes Haar erinnerte an Schaumkronen, die in endlosen Wellen hinunter bis über ihre schmalen Hüften fielen. Ihr Gesicht war reinster Alabaster. Blass, fein gemeißelt und ausgesprochen hart. Und mitten darin ein juwelengleiches Augenpaar in der glutroten Farbe von Karfunkel, so durchdringend und dämonisch, dass Oswald das Blut in den Adern gefror.
Ein Wesen halb Mensch, halb Schneegeist! Eine Lichtelfe in verzauberter Rüstung! So schön und so grausam zugleich.
Er musste sich bezähmen, sein Gesicht nicht zu verlieren. Endlich verbeugte er sich. "Es ist mir eine Ehre."
Die Albino machte keine Anstalten ihm die Hand für den Kuss zu reichen, stieß nur einmal laut mit dem Speer auf den Fußboden und ließ ihn sich wieder erheben. Offenbar unterlag sie dem Trugschluss, er hege die Absicht sie für sich zu beanspruchen und zeigte sich deshalb so abweisend. Und er, der keine Ambitionen diesbezüglicher Art hatte, nahm ihr den Affront nicht übel. Er war sich nicht einmal sicher, ob er nicht sogar froh darüber war, die Hand dieser todbleichen Frau nicht anrühren zu müssen.
"Bringt dem Berserker einen Willkommenstrunk. Er ist beinahe so blass um die Nase wie meine liebe Tochter!", polterte der König und hob seinen Arm in Richtung der Bediensteten. Die Frau schürzte die schmalen Lippen und nahm an der Seite ihres Vaters Platz.
Oswald würde das Protokoll schnell hinter sich bringen müssen, ehe im Hafen der Krieg ausbrach. Es galt die Männer zu entwarnen.



Nur 8 Tagesreisen entfernt war der Kampf bereits in vollem Gange.
Nachdem die Dienerschaft vor den Herrschaftsräumen den halben Trakt belagerten, bereit der neuen Lady ihre Aufwartung zu machen, ihr beim Waschen und Ankleiden zu helfen, die Stuben zu säubern und die Schöne zum großen Saal zu führen, war der junge Häuptling von dem Lärm in und um seinem Kopf heraus gestürmt, um sie alle wieder zu verjagen.
Als er die Tür hinter sich wieder zu geworfen hatte, drehte er sich betont langsam und mit nachdenklicher Miene zu seiner neuen Mitbewohnerin um, welche noch immer seine halbe Bettstatt in Besitz nahm. "Kann es sein, dass du zu diesem Missverständnis in irgendeiner Weise beigetragen hast, Weib?" Dabei deutete er mit dem Daumen über seine Schulter zurück, wo sicher noch immer eine handvoll Leute auf sie warteten.
Helga räkelte sich auf dem schwarzen Fell und wischte sich ein paar goldene Strähnen aus dem Gesicht. "Die Verantwortung dafür will ich Eurer Lordschaft gern zurück geben. Es war nicht nötig, mir so schonungslos zu begegnen! Es würde mich nicht wundern, wenn uns die halbe Insel gelauscht hat!" Bei ihren Worten rollte sie sich auf den Rücken und stellte sie ihre nackten Beine auf, um unter streichelnden Handbewegungen die Schenkel zu teilen.
Der Rotschopf hielt sich den Kopf und trat an die Waschschüssel, um Wasser aus dem Krug hinein zu gießen. "Was redest du? Ich kann mich an nichts erinnern!" Er tauchte sein Gesicht ins kühle Nass und versuchte wieder klar zu werden.
Tatsächlich stimmte das nicht ganz. Bereits als er das erste mal erwacht war, um einem natürlichen Bedürfnis zu folgen, hatte Helgas Anblick ihm ein paar schemenhafte Erinnerungen an die vergangene Nacht ins Gedächtnis gerufen.

Er vermisste Hicks.
Sich mit ihm zu vereinen, hatte stets einen ausgleichenden Effekt mit sich gebracht, der das Chaos in seinem Inneren hatte zur Ordnung bringen und ein versöhnliches Licht in seine düsteren Gedanken werfen können. Der Junge hatte sich wenigstens darauf verstanden mit devoter Haltung Dagurs Höhenflüge zu empfangen, ohne dass sich der Akt zu einem Machtkampf entwickelte. Diese Willfährigkeit machte es einfach, sich ungehindert dem Prinzip der Lust zu widtmen und alles andere vergessen zu können.
Mit dem blonden Luder war es etwas anderes.
Sie war es gewohnt die Zügel selbst in der Hand zu halten und es erforderte neben seiner Kraft auch immenses Geschick und eine rasche Reaktionsfähigkeit, um die Schlange gebändigt zu bekommen. So kam es, dass er sie im Bett beinahe umgebracht hätte, während sie ihm ein paar ansehnliche Biss- und Kratzspuren beigebracht hatte.
Seltsamerweise hatte sie dieses Spiel deshalb nicht weniger genossen. Zumindest hatten sich ihre Schreie danach angehört.
Verrückt.
Er schüttelte den Kopf.
Das Kräftemessen mit dieser Frau hatte ihm einiges gelehrt. Zum einen hatte dieser zerstörerische Akt viele seiner Aggressionen abgebaut, zum anderen war er zu der Gewissheit gelangt, dass seine Neigungen wohl geschlechtsunabhängig seinem Drang zu dominieren unterlagen.
Solange er Schmerz und Pein gleichsam in seinem Opfer zu wecken vermochte, konnte ihm das Medium genausogut egal sein.
Es war zumindest die einzige erstrebenswerte Alternative, die er noch vor sich sah. Nie wieder wollte er tiefere Gefühle für ein Liebesobjekt aufkommen lassen, um sich daran zu verbrennen. Nie wieder eine Zurückweisung riskieren!
So wie alles andere im Leben hatte auch die Liebe ihre Grenzen und konnte schnell unerträglich und frustrierend werden, wie Dagur schmerzlich hatte erfahren müssen. Scheinbar war es gottgegebene Natur, dass nur geliebte Personen einen um so mehr enttäuschen konnten, je wichtiger sie für einen wurden, wohingegen jemand wie Helga, die - wenn überhaupt - nur mäßiges Interesse in ihm weckte, ihm kaum auch nur geringfügigen Schmerz zufügen konnte.
Er würde den Fehler kein zweites mal begehen, jemanden wie Hicks auf lebenswichtige Priorität zu idealisieren, nur um sich an der geringsten Unaufmerksamkeit zu verletzen!
Verfluchter Hicks!
Der Berserker ließ das Wasser an seinem Körper trocknen, durchschnritt den Raum und drehte den Abzug des Kamins weit auf, um für Durchzug zu sorgen.
Die verbrauchte Luft ging. Die Gedanken blieben.
Alles hätte er ihm verzeihen können. Die ewig unterdrückten Gefühle, die falschen Spiele, das ganze zögerliche unentschlossene Gebaren und sämtliche seine Gefühlsausbrüche. Einfach alles.
Doch ihn, Dagur den Durchgeknallten - Anführer der Berserker, ohne ein Wort der Erklärung oder der Reue in einen schwarzen tiefen Strudel der Ambivalenz zu stoßen, war eine unverzeihliche Tat und verdiente nichts besseres als Rache.
Eines Tages würde Hicks auch einmal etwas lieben.
Und wer oder was es auch sein mochte - dessen war Dagur sich sicher - er würde nicht eher ruhen, bis er es vernichtet hatte.
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