Nacht

von HDYFND
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18 Slash
Magneto / Eric "Magnus" Lehnsherr Professor X / (Professor) Charles Francis Xavier
19.01.2019
10.02.2019
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Kapitel Zwei



››Ein weiser Mann, ein sehr guter Freund von mir, hat einst gesagt ›Schmerz entsteht aus der menschlichsten aller Fähigkeiten – der Hoffnung‹. Wird das der Grund sein, warum ich dir immer Schmerzen bereiten werde?‹‹




Charles wollte antworten. ›Glaube mir, Erik, ich kenne Schmerz.‹ Er wollte es wirklich. ›Du hast mir ausreichend Schmerz bereitet.‹ Doch es fand kein einziges Wort einen Weg über seine Lippen. ›Deine Schmerzen werde ich immer ertragen.‹
Er war bereit, Hoffnung zu geben, doch war Erik nicht bereit, zu hoffen.



Eriks Leben war geprägt von Verlust.
›Bewege die Münze.‹
Auschwitz.
Sie nahmen ihm seine Eltern. Sie nahmen ihm seine Kindheit.
Seine Kraft war geboren, doch Erik gebrochen. Sein Glaube an das Gute vernichtet.

›Du bist nicht allein.‹
Wie sehr sehnte sich Charles zurück.
Für eine kurze, so fragil-vergängliche Zeit hatte er gehofft, einen Hauch seiner Hoffnung mit Erik teilen zu können. Charles erinnerte sich verschwommen an die Zeit, damals in den Sechzigern, als sein Optimismus grenzenloser war, als der wolkenverhangene Horizont. Er hätte den Sturm aufziehen spüren müssen, er hätte es wirklich. Damals dachte er noch, er könne es mit der gesamten Welt aufnehmen. Das einzige, das er dazu brauchte war…
Erik.
Mit Erik an seiner Seite hatte ihm die Welt nichts anhaben können.
Dachte er.
Welch fataler Irrtum.
Ein diffuses Brennen kroch durch sein Steißbein.
›Ich bin an einem Strand in Kuba…‹
So verlor Erik erneut die Hoffnung. Und er verlor Charles.

Als Magneto begann er zu kämpfen, für seine Vision, für die Mutanten - doch wieder verlor er, was ihm am Wichtigsten war. Es waren seine Freunde, die Seite an Seite mit ihm gekämpft hatten, die ihr Leben gegeben hatten.

Und dann, dann waren sie sich wiederbegegnet, Charles und Erik, in einer Fügung der grausamen Wirren des Universums, gerahmt von Beton und Stahl und den eisigen Tränen einer Sprinkleranlage. Die Resignation darüber, dass Charles aufgegeben hatte, seine Kräfte aufgegeben hatte, war Erik ins Gesicht geschrieben. Die Fassungslosigkeit, die stumme Anklage brannte noch immer in den Untiefen der Seele des Jüngeren.
›Du hast deine Fähigkeit aufgegeben, nur, um laufen zu können?‹
Charles‘ Kiefer pressten sich aufeinander. Das Dröhnen der Flugzeugmotoren vibrierte durch ihre Körper. Wenn Erik nur wüsste… ›Ich habe sie aufgegeben, damit ich wieder schlafen kann.‹

Ein Neuanfang. Gewonnen.
Seine geliebte Familie. Verloren. Weil er sich offenbart hatte. Weil er geholfen hatte.
Und Charles begriff.
Erik begann zu glauben, dass er das Monster war, das Shaw geschaffen hatte. Er war der Ansicht, dass es nichts gab, dass ihm geblieben war. Doch das entsprach nicht der Wahrheit. Eines würde ihm immer bleiben.



Erik lehnte sich in seinen Sessel zurück, brachte Distanz zwischen die beiden Mutanten.
Beinahe hätte sich ein erleichtertes Seufzen von Charles Lippen gestohlen, doch er spülte es mit Whisky fort. Er hatte sich in Eriks Blick verfangen, in seinem unausweichlichen Netz, das er mit der subtilen Berührung um den Jüngeren gesponnen hatte.
Blau und blau, eisige Schluchten.
Der Sturm hatte mittlerweile wieder an Kraft gewonnen, wehte in unstetem Rhythmus Regen gegen die finsteren Fensterscheiben. Der Wind heulte um das Gemäuer, doch Charles spürte, dass die Kinder friedlich schliefen, dem Unwetter zum Trotz.
In einem verzweifelten Versuch, sich aus Eriks besitzergreifender Aura zu lösen, füllte er sein Glas erneut auf. Charles wusste, dass er das nicht sollte, trotzdem tat er es.
Der Alkohol brannte seine Kehle entlang, die Speiseröhre hinab, und ließ die flammende Hitze mit der unerträglichen Kälte seiner Seele konkurrieren. In ihm begann es zu wüten. Sein gezeichneter Geist begehrte auf, raunte, tobte; Unsichtbare Narben begannen zu brennen.

››Du hast mir immer noch nicht gesagt, warum du hier bist.‹‹
War das tatsächlich seine Stimme? Charles weigerte sich, das zu glauben.
Eisblaue Augen drangen in seine Seele.
››Brauche ich einen Grund, um hier sein zu dürfen?‹‹
Charles‘ Kiefer pressten sich aufeinander, die Muskulatur unter der zarten Haut seiner Wangen trat hervor.
Kuba. Washington.
››Ja, das brauchst du in der Tat, Erik.‹‹
Die Worte kratzten nur widerwillig über seine Stimmbänder; Eriks Name hinterließ einen bitteren Geschmack in seiner Seele.
Eriks Antwort kam schnell und gefasst. ››Ich brauche Ruhe. Und hier ist der einzige Ort, an dem ich zur Ruhe kommen kann.‹‹
Und plötzlich spürte Charles, wie sich Eriks Geist ihm öffnete, sich sanft und glühend an seine mentalen Schutzschilde schmiegte, ihn unruhig umfloss. Eine wortlose Aufforderung, eine im Wind wehende weiße Flagge.
››Erik, bitte nicht -‹‹
Gehauchte Worte, ein jämmerlicher Widerstand.
Der Alkohol setzte seine Seele in Brand, schwächte seine Barrieren, ließ notdürftig versiegelte Risse unverhohlen aufbrechen. Charles war sich sicher, dass Erik es sehen konnte.
››Ich will dich nicht verletzen, Charles.‹‹ Mit einem zielstrebigen Schluck leerte Erik sein Glas, stellte es auf dem massiven Holztisch vor sich ab. Das indirekte Licht der gedimmten Deckenlampen warf tiefe Schatten auf seine Züge, ließ das altbekannte, zielstrebige Glühen in den Augen des Deutschen aufleben. Ein Moment der Unachtsamkeit und Charles würde sich in ihnen verlieren. ››Alles, was ich brauche, ist Luft zum Atmen. Augenblicke, in denen ich nicht nach Gefahren Ausschau halten muss, die im Verborgenen auf mich lauern, in denen ich nicht achtsam über meine Schulter blicken muss. Mir ist nichts geblieben und ich verlange nach nichts - ich sehne mich nur nach Ruhe. Ich hoffe, du kannst das verstehen.‹‹
Charles Augen begannen zu brennen, gleichsam seine Wangen, sein Herz. Er richtete seinen Blick gen Decke, atmete tief durch, ließ erlösenden Sauerstoff durch Lunge und Gedanken strömen.
››Auch, wenn du es mir nicht glaubst, mir ist bewusst, was du durchgemacht hast. Es wäre eine Lüge, zu behaupten, ich würde es verstehen, ich würde wissen, wie es dir ergangen ist. Denn das tue ich nicht. Das Einzige, das ich dir versichern kann, ist, dass du in diesem Haus immer willkommen bist.‹‹
››Auch, wenn ich deine Werte nicht teile?‹‹
Eine gefasste Provokation, ein zartes Austesten der Grenzen.
››Auch dann, Erik.‹‹
Der Deutsche fixierte ihn mit stählernem Blick.
››Auch, wenn mich deine Schüler für ein Monster halten?‹‹
››Das tun sie nicht. Und das weißt du.‹‹
Ein kurzes Aufflammen bedrohlicher Helligkeit durchschnitt den Raum, dicht gefolgt vom dumpfen Grollen des Donners. Die Gläser in Charles‘ Vitrine vibrierten unruhig, als hätten sie gespürt, wie der Blitz in unmittelbarer Nähe in einen Baum eingeschlagen war. Die Fenster erzitterten unter dem Druck der Schallwellen, während das Licht der Deckenlampen zeitgleich ängstlich zu flackern begann. Unruhige Schatten jagten durch den weitläufigen Raum, bis die Glühlampen unter den Spannungsschwankungen in wildem Stakkato barsten.
Charles zuckte erschrocken zusammen, doch Erik blieb regungslos, still.
Es gab nichts mehr, dass ihm Schrecken bereitete.



Minuten vergingen.
Möglicherweise Jahre.
Charles konnte es nicht mit Sicherheit sagen.
Er und Erik saßen einander gegenüber, wortlos, ihre Augen gewöhnten sich allmählich an die Dunkelheit, ihre Seelen an die Präsenz des Anderen, während das Epizentrum des Unwetters über sie hinweg zog und die Nacht mit Blitz und Donner invadierte.
Charles‘ Flüstern durchbrach die Stille.
››Du weißt, dass du in diesem Haus immer willkommen bist. Das wirst du immer sein. Ungeachtet deiner… unserer Vergangenheit.‹‹
Vor Charles‘ innerem Auge flammten Bilder auf, Bilder aus glücklichen Tagen.
Schäbige Motels, blecherne Musik in fettigen Schnellrestaurants. Nächte, die sie Zimmer an Zimmer in knarzenden Betten verbrachten, so nah, doch so unnahbar. Damals, als sie Mutanten rekrutierten.
Der Besuch im Stripclub, in dem sie Angel suchten und fanden. Eriks Blick war auf ihn gebettet gewesen. In der stickigen Atmosphäre käuflicher Sehnsucht hatte Charles die klaren blauen Augen über seinen Körper streichen gespürt. Und in der dunklen Einsamkeit ihrer Zimmer hatte Charles Eriks Geist in Ruhe gehüllt, um den gebrochenen Mann vor seinen Dämonen, seinen immer wiederkehrenden Albträumen zu schützen.
Wie oft hatte er den Wunsch danach verdrängt, den Älteren in seine Arme zu schließen, ihm in Anbetracht seiner Vergangenheit zumindest eine Illusion von Geborgenheit zu vermitteln.
Nie, niemals hatte Charles es gewagt, seine Gedanken in Worte zu kleiden, die so schmerzvollen Überlegungen, ob es noch etwas anderes gab, das ihn und Erik verband, ob es mehr gab, als nur…
››Freundschaft?‹‹

Charles erschrak.
Vor Eriks leiser Stimme.
Vor seinen Gedanken.
Vor dem Begreifen seiner Unachtsamkeit.
››Es… es tut mir leid, Erik. Das war unangemessen von mir.‹‹
Fahrig griff Charles nach dem Joystick, mittels dem er seinen Rollstuhl bewegen konnte. Er wollte weg von Erik, weg, weit weg, Raum zwischen sie bringen, so viel Distanz wie möglich, obgleich er wusste, wie sinnlos es war. Doch als sich kalte Finger um seine warme Hand schlossen hielt Charles inne.
Eriks grobe Berührung versetzte die geschundene Seele des Jüngeren in Schwingungen.
››Du weißt, dass wir beide darüber nachgedacht haben.‹‹
Seine Stimme war so leise, dass Charles nicht sicher war, ob Erik gesprochen, oder nur gedacht hatte.
Ihre Augen fanden einander, versanken im Anblick des vertrauten Gesichts des Anderen. Gemälde in Grautönen, gezeichnet vom nächtlichen Unwetter, das Farben verschlang und Barrieren einriss.
Es war Nacht, doch ein neuer Tag begann.

Charles spürte den starken Arm, der sich in seinen Rücken schob, doch der zweite in seinen Kniekehlen blieb ein Phantom, eine unsichtbare, allmächtige Kraft.
Erik hob ihn aus dem Rollstuhl, als sei Charles‘ Körper federleicht, dafür geschaffen, in Eriks Arme gebettet zu werden.
Es benötigte keine Worte, keine Erklärungen, keine Rationalisierungen, denn es war, wie es war – wie es immer hatte sein sollen.
Das nächste, das Charles spürte, war die Kälte der weichen Decken und Kissen seines Bettes, in denen er behutsam versank.
Ein erneuter Blitz und Donnergrollen und Erik…
Der Größere schob sich auf ihn; die Last des fremden Gewichts auf seinen schwachen Knochen ließ ein schmerzliches, sehnsuchtsvolles Keuchen aus Charles‘ Kehle dringen, das von Eriks begierigem Mund aufgesogen wurde.
Charles atmete Eriks Atem, atmete seine Lippen, atmete seine Küsse, als ertränke er in Verzweiflung und Lust. Sein Rücken bog sich, sein Oberkörper streckte sich forschenden, fordernden Händen entgegen, gab sich den rauen, kühlen Handflächen hin, die unter seinen Pullover und über seine glühende Haut strichen.
Seine Schilde sanken und er spürte, was Erik spürte, und es nahm ihm den Atem.

Behutsam, als könne Charles zerbrechen, zog Erik dem Jüngeren Stück für Stück aus. Seine Hände rieben über den schlanken Oberkörper, über die sich viel zu schnell hebende und senkende Brust, bis er Charles den dünnen Pullover über dessen Kopf ziehen konnte.
Nur am Rande seiner Gedanken spürte Charles, wie Erik seine Hose von den viel zu dünnen, blassen Beinen zog, die taube Haut unablässig mit sanften Küssen bedeckte. Die Kälte, die Eriks Lippen spürten, umspülte Charles‘ Geist, eine Empfindung, die sich mit lustvollen Klauen in sein Bewusstsein grub.
Er spürte, obwohl er nicht spüren konnte.
Ein verzweifeltes Keuchen stahl sich aus seiner Kehle.

Eine Bewegung zu seiner Linken, ein Aufstöhnen des Lattenrosts, und Charles wurde auf die Seite gezogen, bis sein Körper mit Eriks kollidierte. Eisige Hitze umspülte seine Gliedmaßen, zerrte an seinem Bewusstsein, als sich ein nackter Körper der Länge nach gegen seinen presste.
Unter der beschützenden Umarmung einer Decke, die über die beiden Körper gezogen wurde, zerfloss Charles wie schmelzendes Eis.
Erik war in seinen Gedanken, seinen Empfindungen, er war seine Vergangenheit und Gegenwart.
Charles spürte den sehnigen Winkel seiner Kniekehle unter Eriks Handfläche, als dieser das leblose, rechte Bein über seinen Körper zog, über seine Taille bettete, sich noch näher an den Jüngeren drängte.
Eine schattenhafte Berührung strich die Außenseite Charles‘ zarten Oberschenkels entlang, über die Rundung seines Gesäßes, und mündete in einem unterdrückten Schrei, als Charles vollkommen unvermittelt alles spürte. Eriks Hände, seinen Herzschlag, seine vor Verlangen pulsierende Männlichkeit. Charles verlor den Halt und stürzte in Eriks Empfindungen, gehüllt in Sehnsucht und blendender Helligkeit.
Eriks geöffneter Mund presste sich verzweifelt gegen Charles‘ Stirn. Bartstoppeln reizten die empfindliche Haut, Zähne kollidierten mit den zerbrechlichen Knochen. Er atmete, stöhnte, fluchte synchron zum steten Rhythmus der Körper, und Charles teilte jeden noch so winzigen Empfindungsfetzen, jede Berührung, jedes Gefühl, jedes Stöhnen, das Summen von vibrierendem Metall.
Seine Lider schlossen sich, bedeckten seine rastlosen Augen.
Dann hielt er seinen rasselnden Atem an. Erik rollte sich auf ihn, drückte ihn rücklings in die Matratze, umschlang den zarten Körper mit einer Kraft, die Charles mühelos hätte entzweibrechen können. Ein Akt der Verzweiflung, die Angst des Verlusts, und Charles‘ Gedanken explodierten in einer Welle des Lichts, das Erik ungehalten mit sich riss. Und sie fielen, fielen, fielen…



Charles‘ Atem wurde tiefer, ruhiger.
Er würde niemals wissen, wie sich Eriks Lippen öffneten, festen Willens, auszusprechen, was ihm in den Untiefen seiner Seele brannte - doch er konnte es nicht.