Nacht

von HedyFeind
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18 Slash
Magneto / Eric "Magnus" Lehnsherr Professor X / (Professor) Charles Francis Xavier
19.01.2019
10.02.2019
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Nacht



Kapitel 1



››Friede war nie eine Option.‹‹

Erik Lehnsherr




Er blickte aus dem Fenster, doch er sah nichts.
Sein Ellenbogen lehnte auf der Armlehne des Rollstuhls, das frisch rasierte Kinn bettete sich träge in eine warme Handfläche. Ein Teil seiner Hand verschloss seinen Mund, während steter Atem in ruhigem Rhythmus über seine Haut strich. Zum Reden hatte er niemanden.
Der Herbst hatte Westchester mit aller Kraft getroffen, die seine Stürme und Regenmassen mobilisieren konnten. Er hatte seine Sturmböentruppen und Platzregenflotten geschickt, hatte das Anwesen in eine erschöpfte, gar trostlose Landschaft verwandelt. Und Charles hatte Storm gebeten, nicht zu intervenieren, der Natur freien Lauf zu lassen.
Nun sah er nichts als seine eigene Reflexion in der schwarzen Scheibe seines Zimmerfensters. Nacht und Regen verschluckten Raum und Zeit, und Charles sah sich mit einem verwaschenen Abbild seines Selbst konfrontiert, fremdartig, gefangen im Glas des Fensters.
Die Nächte wurden länger.
Die Tage träger.
Und die Hand auf Charles‘ Mund schluckte willig den Seufzer, der sich aus seinem erschöpften Geist bahnte.
Der Nachtwind drehte, peitschte nun dicke Tropfen gegen die klare Scheibe, die zueinanderfanden und in prallen Strömen gen Süden flossen. Unvermittelt platschte ein buntverfärbtes Ahornblatt gegen das Glas. Charles erschrak. Schließlich wurde das Blatt vom Wind weitergeschoben und fortgerissen, doch kaum, dass Charles seine Aufmerksamkeit wieder gesammelt hatte, war er nicht mehr die einzige Person im Spiegelbild.


››Du bist wirklich immens darauf bedacht, dass die Schüler dich nicht bemerken.‹‹
Mit einem Knopfdruck wendete sich Charles‘ Rollstuhl lautlos um die eigene Achse. Das Gesicht des Professors wirkte müde und verbraucht.
››Ich habe meine Gründe.‹‹
Der Bariton, in dem die Antwort sein Bewusstsein umspülte, ließ Charles erschaudern.
Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück, stützte sich locker auf der rechten Armstütze auf. Aus seinen Augen sprach Unsicherheit, doch gleichsam auch ein Funke aufrichtiger Freude über den Besuch des unerwarteten Gasts.
Langsam setzte Charles den Rollstuhl in Bewegung, näherte sich dem Mann, der lässig im Türrahmen lehnte, als müsse er ihn aus der Nähe betrachten, um dessen Anwesenheit zu begreifen.
››Es ist schön, dich wiederzusehen, Erik.‹‹


Der Deutsche lehnte in lockerem Beinahe-Kontrapost in Charles‘ Türrahmen. Die schwarze Jeans mitsamt dem anthrazitfarbenen Blazer über einem dunklen Rollkragenpullover ließ ihn wie einen Hochschullehrer anmuten. Eine Vorstellung, die Charles zusagte. Er bemerkte, wie Eriks Blick für einen Moment über den Fußboden flatterte. Ein Lächeln kräuselte die Haut um seine Augen.
Es erinnerte Charles an damals.
An das weit vergangene, unwiederbringliche ›du-bist-nicht-allein-Erik‹-Damals.
Angst. Trauer.
›Was auch immer du in mir gesehen hast, Charles, ich habe es begraben, zusammen mit meiner Familie.‹
Charles schluckte, als ihn die Erinnerung überwältigte.
››Ich war in der Nähe und dachte, ich schaue mal vorbei.‹‹
Charles straffte seine Haltung. Obwohl der sanfte Hauch eines Lächelns noch immer auf seinen Zügen verharrte, flaute es ab, als sich eine zarte, warnende Stimme vom Grund seines Bewusstseins erhob.
››Warum habe ich das Gefühl, dass dein Besuch nicht ganz ohne Hintergedanken ist?‹‹
Leises, raues Lachen. ››Ich wusste gar nicht, dass du so eine schlechte Meinung von mir hast, Charles.‹‹ Eriks scherzhaftes Grinsen entblößte seine absurd weißen Zähne.
Charles deutete mit einer vagen Kopfbewegung zur Seite.
››Drink gefällig?‹‹
Erik musste nicht überlegen.
››Sehr gern.‹‹


Auf dem Tisch, der sie trennte, thronte kein Schachbrett. Nicht mehr.
Nach dem vereitelten Attentat auf Trask hatte Charles den Anblick der herausfordernden Figuren nicht mehr ertragen. Erik hatte ihn verlassen, ein weiteres Mal, und die Erinnerung, die das Schachbrett an diesen Mann erweckte, waren zu viel für Charles.
So hatte er das Spiel aus seinem Zimmer und seinem Bewusstsein verbannt.
Doch…
(Sein Blick traf Eriks)
…ohne das Schachspiel, dass sie voneinander trennte, fühlte sich Charles plötzlich angreifbar. Als sei eine unüberwindbare, doch so zwingende Barriere zwischen ihm und Erik ausgelöscht. Zwei Armeen, schwarz und weiß, die sich gegeneinander behaupteten, einen Stellvertreterkrieg zwischen Charles und Erik austrugen, während sich beide Männer hinter den feindlichen Linien in wohliger Sicherheit wähnten; während sie sich, gehüllt in dämmriges Licht und den Rausch zartalkoholisierter Betäubung, einem Duell auslieferten, dass intimer war, als sie sich jemals eingestehen würden. Eingestehen könnten. Ein geistiger Vollkontakt, doch ohne Berührung; körperlos, doch physisch greifbar, als sei die Atmosphäre zwischen ihnen eine flirrende Spannung, die an ihren Gliedern zerrte, die Luft verdickte, das Licht verschluckte.
Schwarz gegen weiß.
Der Geruch nach alten Büchern, Holz, Bourbon. Erik.
Warum tust du mir das an, alter Freund?

Minuten des Schweigens verstrichen, verloren sich, und Charles konnte nicht mit Sicherheit sagen, ob es vielleicht doch Stunden gewesen waren. Jahre? Wer konnte das schon wissen.
Seine Stimme schien ihm fremd, als er die selige Stille der nachdenklichen Atmosphäre durchbrach.
››Was führt dich her, Erik?‹‹
Obwohl er nur wenige Schlucke Alkohol getrunken hatte, rollte seine Zunge bereits bedrohlich träge. Seine Stimme war kehlig und rau, als hätte er Erik über Stunden angebrüllt, ihm all das Leid, das er ihm verursacht hatte, entgegengeschrien.
Charles‘ Hand strich über die glatte, kahle Kopfhaut. Mittlerweile hatte er sich an das Gefühl gewöhnt. Plötzlich war er sich nicht mehr sicher, ob er dem Blick seines Gegenübers standhalten konnte. Eriks eisblaue Augen schienen ihn zu durchbohren.
››Würdest du mir glauben, wenn ich sage, dass ich dich sehen wollte?‹‹
Charles erfror.
Er wollte schnauben, lachen, irgendetwas tun, irgendetwas, himmelherrgottnochmal, doch er konnte nicht, konnte nicht, konnte nichts.
Er erstarrte.
Würdest du mir glauben, wenn ich sage, dass ich dich sehen wollte?
Würde er?
Erik lehnte sich nach vorn, stützte seine Unterarme auf den Oberschenkeln auf.
››Jetzt wäre ein passender Moment um,‹‹ er tippte sich zaghaft, doch mit herausforderndem Lächeln gegen die Schläfe, ››einen Blick hier oben reinzuwerfen.‹‹
Charles Kopf neigte sich zur Seite. Eine unsichtbare Kraft schnürte seine Kehle zu.
››Ich möchte nicht in deine Gedanken dringen.‹‹


Unvermittelt sehnte er sich nach diesem verdammten Schachspiel.
Er wollte seine Barriere zurück. Jetzt.


››Ich muss kein Telepath sein, um zu wissen, was in deinem Gehirn vor sich geht, Charles.‹‹
Seinen Namen aus Eriks Mund zu hören bereitete ihm wider Willen eine Gänsehaut. Jedes einzelne Härchen, das sich aufstellte, tat ihm weh. Jedes. Einzelne.
Charles wollte etwas entgegnen, doch Erik kam ihm zuvor.
››Du wünschst dir noch immer, dass ich mich ändere. Dass ich mich geändert hätte. Nach all dem, was wir über die letzten Jahre und Jahrzehnte durchgestanden haben. Dass ich erkenne, dass ich auf deiner Seite sein sollte. Doch du weißt genauso gut wie ich, dass ich das nicht kann. Die Welt ist im Wandel, das stimmt, ja, doch wir beide wissen, dass die Menschen uns niemals akzeptieren werden. Sie werden sich immer gegen uns auflehnen, uns ablehnen. Weil wir anders sind als sie. Weil wir besser sind.‹‹
››Bitte, Erik, überdenke deine Worte.‹‹
Der Deutsche lehnte sich locker in seinem Sessel zurück, doch seine Fußsohlen pressten sich auf den Boden. Behutsam begann er, sein Whiskyglas zu schwenken, schließlich ertrank sein Blick in der karamellfarbenen Flüssigkeit.
››Du wirst immer Hoffnung haben, oder, Charles?‹‹
Zwei Paare blauer Augen fanden einander, hielten einander unausweichlich fest.
Aus heiß wurde kalt, aus kalt wurde heiß.
››Das werde ich immer. Für die Menschen. Für dich. Und das weißt du ganz genau.‹‹
Abermals beugte sich Erik nach vorn, als könne er sich nicht entscheiden, ob er Nähe suchte oder Distanz wahren sollte.
Zaghaft, so zaghaft, bette sich eine Hand auf Charles‘ empfindungsloses Knie.
Der Telepath hielt den Atem an, als er plötzlich spürte, wie sich der Stoff seiner Jeans unter Eriks warmer Handfläche anfühlte.
››Ein weiser Mann, ein sehr guter Freund von mir, hat einst gesagt ›Schmerz entsteht aus der menschlichsten aller Fähigkeiten – der Hoffnung‹. Wird das der Grund sein, warum ich dir immer Schmerzen bereiten werde?‹‹