Bis die letzte Klinge fällt

von -Rhea-
GeschichteFreundschaft / P16 Slash
Hugh Culber Paul Stamets
18.01.2019
31.03.2019
7
19934
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Hallihallo:)
Angesichts der neuen Staffel Discovery hat mich doch das Schreibfieber wieder gepackt und ich dachte mir, ich schreibe eine Fortsetzung meiner ersten Discovery-Geschichte :)
Viel Spaß beim Lesen,
Rhea

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Nachricht an: Stamets, Paul [Lt.]
Guten Abend Lieutenant,
Ich hoffe, sie haben ihren Urlaub genossen.
Ihr Dienst beginnt morgen um 16 Uhr, ein Shuttle wird Sie und Dr. Culber um 14 Uhr an der Station Saran auf Antax abholen. Bitte seien Sie pünktlich.
Captain
Saru


Mit einem undefinierbaren Seufzen legte Paul sein Tablet zurück auf den Nachttisch, mit den Gedanken war er allerdings weit weg. Die Nachricht war gestern Abend um neun Uhr angekommen und seither hatte ein merkwürdig  flaues Gefühl von ihm Besitz ergriffen.
Es war Montag, der Tag ihrer Abreise von Antax.
Der Tag vor ihrer Rückkehr auf die Discovery.

Er lag neben Hugh in ihrem Bett in der  Hütte, es war bereits früher Vormittag.
Die beiden Sonnen des Planeten waren hinter einer tiefgrauen Wolkenschicht verborgen, dementsprechend dunkel gestaltete sich der Tag.
Sie beide hatten bis auf Guten Morgen noch nicht viele Worte gewechselt.
Beide drückten sich davor aufzustehen.
Denn aufzustehen würde bedeuten, dass ihre vier Wochen zu zweit nun endgültig zu Ende waren. Und das wahrscheinlich für eine sehr lange Zeit…
Ganz in Gedanken versunken sah er an die hölzerne Decke, bis die warme Hand seines Partners ihn aus seinen Grübeleien riss. Er spürte, dass Hugh ihn musterte. Seine Finger strichen über seinen nackten Bauch und Paul schloss die Augen.

„Was denkst du wie es wird?“, fragte Hugh mit leiser Stimme.

Paul schwieg einen langen Moment. Eine Antwort zu formulieren war nicht einfach.
„Ich weiß es nicht…“, gab er schließlich zu.

Er hatte nun den Kopf gedreht, um seinen Partner anzusehen. Das hatte er oft getan in den letzten Wochen, mied er auch sonst gerne den intensiveren Augenkontakt. Er würde es nie zugeben, doch er hatte sich von den Vorkommnissen im letzten Jahr keineswegs erholt. Und so sehr er seine Arbeit auch vermisste und so sehr er sich auf seinen geregelten Alltag freute, genauso sehr fürchtete er sich doch vor der Rückkehr an den Ort, an dem alles geendet hatte. An dem Hugh gestorben war und wo ihn jeder Winkel dieses Schiffes jeden Tag und in jeder Minute an seine Einsamkeit  erinnern würde. In jeder freien Sekunde hatte er seinen Partner angesehen, hatte versucht, das perfekte Bild für immer in seinem Kopf zu speichern.

„Hast du Angst?“, fragte Hugh sanft.

Paul zuckte unverbindlich mit den Schultern. Er wusste es wirklich nicht. Angst war vielleicht nicht ganz das richtige Wort. Er hatte keine Angst, das war lächerlich. Er war nur etwas besorgt, mehr nicht!

„Ich verstehe“, sagte Hugh und drehte sich zu Paul gewandt auf die Seite.

„Hast du Angst?“

Hugh lächelte, er konnte es nicht verhindern. Pauls unsicherer Blick war herzerweichend und  irgendwie nahm er etwas von dem flauen Gefühl, dass ihn beim Gedanken an die Discovery erfüllte.

„Ein wenig…“, antwortete er, „Aber lass uns den letzten Tag genießen und uns darüber erst heute Abend den Kopf zerbrechen, was meinst du?“

„Hm“, brummte Paul und rückte näher an Hughs wunderbar warmen Körper. Wie schon so oft fuhr er mit den Fingerspitzen die dunklen Linien unter Hughs Haut nach.
„Ich liebe dich“, murmelte er, bevor er sich an ihn drängte, was Hugh wieder lächeln ließ.

Den Tag verbrachten sie fast gänzlich in ihrer Hütte. Paul war so anhänglich, dass Hugh gar nicht erst den Versuch unternahm, ihn zu irgendeiner Aktivität zu überreden. Er kannte dieses Verhalten nicht von ihm, doch er wusste, vermutlich besser als Paul selbst, was es für den Wissenschaftler bedeutet hatte, vier Wochen lang mit ihm alleine zu sein.

Als schließlich die kleinere Sonne die Horizontlinie berührte, waren ihre Koffer gepackt und beide Offiziere abreisebereit. Paul blickte mit einem eigenartigen Gefühl im Bauch in den Spiegel. Mit leisem Seufzen schloss er seine Uniformjacke, kämmte sich die zerzausten Haare und kehrte dann zurück ins Schlafzimmer, wo er Hugh in genau der gleichen Position vorfand. Das strahlende Weiß der medizinischen Uniform ließ seine dunkle Haut noch dunkler aussehen. Es war ein vertrauter Anblick und doch schien es, als kämen die Erinnerungen dazu aus einem anderen Leben.

„Hey“, machte Paul sich bemerkbar und Hugh blickte auf, sagte jedoch nichts.

„Du siehst gut aus…“
Pauls Stimme klang heiser.

Der Latino lächelte schwach und betrachtete erneut sein Spiegelbild, dann nickte er.

„Hat sich das Kommando bei dir gemeldet?“, fragte Paul.

„Wegen?“

„Wegen deiner Wiedereingliederung.“

„Ja…haben sie. Ich bekomme einen Visor, um Basisfarben erkennen zu können. Es ist aber nicht ganz klar, ob er funktionieren wird. Möglicherweise stoßen meine…pflanzlichen Mitbewohner die Sensoren ab.“

„Pilze sind keine Pflanzen, ich…“, Stamets biss sich auf die Zunge. Hughs Stimme äußerte weit mehr als Besorgnis. Er spürte, dass jetzt Feingefühl vonnöten war, doch er wusste absolut nicht, was er genau sagen sollte.

„Hör zu Baby“, begann er also und zupfte an Hughs Jacke, sodass er sich zu ihm umdrehte, „du bist ein wunderbarer Arzt. Irgendwie…mag und schätzt dich jeder. Also bin ich mir…wirklich sicher, dass du einen Platz auf deiner Station finden wirst, auch mit eingeschränkter Sicht.“

Paul atmete hörbar aus und kniff die Augen zusammen. Er war am Ende seiner Wortgewalt angekommen. Hugh musterte ihn eindringlich und plötzlich war ein Funkeln in den dunklen Augen zu erkennen.
Dann spürte der Mykologe, wie sich die sanften Hände in seinem Haar festkrallten. Der Mediziner  warf einen Blick auf die Uhr.
„Wir haben fünfundvierzig Minuten“, murmelte er, bevor er seine Lippen auf die seines Partners presste, der nicht einmal Zeit zum Nachdenken hatte.

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„Zusammentreffen mit der Discovery in fünf Minuten, bitte bereiten sie sich zum Beamen vor“, ertönte die Stimme aus dem Lautsprecher des Shuttles, in dem die beiden Offiziere saßen.

Hughs Hand lag warm, beinahe besitzergreifend auf Pauls Oberschenkel, was ihn ablenkte. Sie sahen sich an.

„Dann mal los“, murmelte Hugh, griff nach der Hand seines Partners und betrat mit ihm zusammen die Transporterplattform. Sie materialisierten in Transporterraum eins.

„Doctor Culber! Lieutenant Stamets!“, erklang eine aufgeregte Stimme und ein flammend roter Haarschopf wirbelte auf sie zu. Tilly schien ziemlich aufgekratzt, ganz wie immer.

„Hallo Tilly“, grüßte Culber lächelte sie an. Stamets lächelte ebenfalls, allerdings recht verkrampft. Er steuerte bereits die Tür an.

„Captain Saru erwartet sie bereits.“
Culber nickte und ging seinem Partner hinterher.

Saru verlor dankenswerterweise nicht viele Worte. Er begrüßte die beiden Offiziere zurück auf dem Schiff und wies sie dann nach einem kurzen Situationsbericht ihren Stationen zu.

„Stamets, Cadett Tilly erwartet sie bereits in Gewächshaus 3, sie möchte mit Ihnen über die neuen Stellaviatori-Stämme sprechen. Ihr Dienst endet um 22 Uhr. Dr. Culber, sie melden sich bitte auf der Krankenstation. Dr. Wilkins wird Ihnen ihren Visor anpassen. Ihr Dienst beginnt morgen um 7.30 Uhr.“

Paul war sich nicht sicher, ob er Sarus Blick richtig deutete, doch er sah irgendwie…verlegen aus?
„Es freut mich, dass Sie wieder bei uns sind. Sie können gehen.“

Culber verließ den Raum vor Stamets, der seinem Captain einen recht kritischen Blick zuwarf, bevor er seinem Partner hinaus folgte. Sie sahen sich einen Moment lang an. Paul war unsicher. Sehr unsicher.

„Also…ich…geh dann mal los. In mein Labor. Okay?“, murmelte er und sah an Culber vorbei den Flur entlang. Der nickte, ein leichtes Lächeln zuckte um seine Mundwinkel. Paul schloss die Augen, als Hughs warme Hand sich um seinen Nacken legte.

„Ist gut. Mach nicht so lange, ja?“, bat ihn Hugh und strich ihm kurz über die bereits verkrampften Kieferknochen, bevor er sich auf den Weg zur Krankenstation machte. Die steife Haltung, die er in den letzten Wochen fast gänzlich abgelegt hatte, war innerhalb von Minuten zurückgekehrt. Sie schien mit seiner Arbeit einherzugehen, doch ein Teil von Pauls Verstand überlegte, ob er später, wenn er neben Hugh im Bett liegen würde, wieder entspannt sein würde, oder ob sein Partner bereits gelernt hatte, mit dieser Verkrampftheit umzugehen. Nachdenklich machte er sich auf den Weg in sein Labor, wo Tilly bereits auf ihn wartete.

„Hallo Sir! Geht es Ihnen gut?“, begrüßte sie ihn und strahlte.
War sie nervös?

„Tilly. Geben Sie mir die Berichte bitte.“

Sie streckte ihm ein Padd hin und begann zeitgleich, ihm in Lichtgeschwindigkeit die Statistiken zusammenzufassen. Es war nicht zu glauben, doch nach einer halben Stunde war er voll im Bilde und sah die Cadettin dann mit hochgezogenen Brauen an.

„Sie wollten mir etwas zeigen?“, fragte er und sah auf die Uhr. Er hatte noch eineinhalb Stunden Dienst. Ein merkwürdiges Gefühl breitete sich in seinem Inneren aus, etwas Beklemmendes, das er nicht deuten konnte. Tilly nickte und betrat ihm voraus das Gewächshaus.

„Ich…ich hoffe Sie sind nicht allzu wütend…“, sagte sie vorsichtig und Stamets fragte sich im Stillen, was sie angestellt haben mochte, dass ihn zur Weißglut bringen würde. Die Möglichkeiten waren vielfältig…Sie hielt vor einem Inkubator inne und schielte zu ihm hoch.

„Was ist das?“, fragte Paul und legte den Kopf schief. Sie schaltete den Monitor ein, mit zitternder Hand, wie ihm auffiel.

Ein Raster erschien und Paul zog die Augenbrauen hoch. Er betrachtete die beiden etwa handtellergroßen Prototaxites im Innern des Inkubators.

„Wollen Sie mir das erklären?“, fragte er.

Ganz offensichtlich wollte sie es nicht.
„Ja Lieutenant. Also, als sie gegangen sind, mit Dr. Culber, da habe ich die Proben von ähm…ihm wiedergefunden. Also die Hautproben. Und dann dachte ich, dass ich gerne wissen würde, wie genau das mit der Symbiose in Dr. Culbers Nerven funktioniert hat. Verstehen Sie?“

Ja, selbstverständlich verstand er das.
„Nein, noch nicht ganz.“

„Ich habe den Stamm extrahiert. Und dann habe ich ihn in eine Biomasse integriert und anschließend in eine Pflanze. Und…naja. Das da kam dabei heraus.“
Sie wedelte mit ihrer Hand zu dem Inkubator hin und sah ihn hypernervös an.

„Wurden Ihnen diese Experimente genehmigt?“, fragte Stamets forsch und wusste doch schon die Antwort.

„Nein, nicht wirklich. Aber es gab überhaupt keine Gefahr und ich…“

„Und was haben Sie sich von diesen Experimenten erhofft?“

Als ob er immer einen Grund zum Forschen gehabt hätte. Er selbst hätte Hamster gezüchtet, wenn ihm dadurch der Kontakt zu Menschen erspart geblieben wäre.

„Ich…Ähm….“, stammelte Tilly, doch eine noch forschere Stimme als seine eigene unterbrach sie.

„Cadett Tilly hatte Bedenken, was passiert, wenn der Prototaxites-Stamm im Innern von Dr. Culber abstirbt, bevor deren Symbiose beendet ist.“

Stamets drehte sich um.
Da stand Burnham. Neben Tillys aufgekratzter Person wirkte sie fast unnatürlich ruhig. Ihre dunklen Augen sahen ihn ein wenig spöttisch an, ihre Augenbrauen hoben sich unter Stamets kritischem Blick. Doch er konnte es nicht verhindern. Er freute sich, sie zu sehen.

„Lieutenant.“

„Specialist….“

Burnham hielt ihre Pose noch einige Sekunden, dann lächelte sie ihn an.

„Es ist schön sie zu sehen, Lieutenant“, sagte sie und nickte dann zu dem Raster hin, „was sagen Sie zu Tillys Forschung?“

Irgendwie rührte es Stamets seltsam an, dass Tilly sich solche Gedanken um Hughs unsichere Zukunft gemacht hatte, egal wie unautorisiert es gewesen war. Er zuckte die Schultern, dann sah er erneut auf Anzeige.
Es war 22 Uhr.
Er lächelte Burnham an und verließ dann das Labor, ohne weiter auf die Forschung einzugehen. Dazu hatte er morgen eine ganze Schicht lang Zeit. In der Spiegelung der Glaswände sah er Tillys verwirrten Gesichtsausdruck. Hatte er gerade gelächelt? Hatte Hugh ihn etwa mit seiner Menschlichkeit infiziert? Na toll.

Vor sich hin grummelnd stiefelte er zu ihrem Quartier und trat dann ein. Hughs Schuhe standen neben der Tür, das Licht brannte. Doch alles war ruhig.

„Hugh?“, rief er in die Stille des Raumes hinein, doch niemand antwortete.

Er ging am Badezimmer vorbei und dann sah er seinen Partner. Er lag, alle viere von sich gestreckt, auf dem Bett, vollständig angezogen, sein Lesegerät noch in der Hand und tief schlafend. Paul spürte, wie er lächelte. Hugh sah so friedlich aus.
Leise zog er seine Uniform aus und legte sich neben seinen Partner, der nicht erwachte. Das Empfangsgerät des Visors blinkte in dunklem rot an seiner Schläfe, doch das Gerät selbst war nicht zu sehen. Paul stupste ihn sanft an, der Latino grummelte leise.

„Hey du“, flüsterte Paul und legte seine Hand auf Hughs Schulter.

„Hmpfmich Paul“, murmelte Hugh und öffnete die Augen. Er sah seinen blassen Partner verschlafen an, dann sah er auf die Uhr. Es war eine gewohnte Geste, fast so, als wären sie nie weg gewesen. Der Blick, der sich schon beim Hinsehen in eine besorgt-kritische Miene verwandelte, wenn Paul drei Stunden nach Dienstschluss in ihrem Quartier aufkreuzte. Doch nicht heute.

„Es ist 22.05 Uhr“, stellte Hugh fest und zog die Brauen hoch, ganz so wie Burnham es vorhin getan hatte.

„Ich weiß.“

„Du hattest bis 22.00 Uhr Dienst.“

„Ich weiß.“

Hugh fragte nicht weiter, doch sein Blick brachte Paul dazu, auf seine Hand zu starren, die noch immer auf Hughs Schulter lag. Eine Zeit lang herrschte Stille.

„Du weißt worauf ich hinaus will.“

„Ja.“

„Du hast seit Jahren nicht mehr pünktlich aufgehört, weil du…“

„Ich weiß es“, murrte Paul und ließ sich auf den Rücken fallen. Ohne den Blickkontakt fiel es ihm leichter zu sprechen.

„Ich habe ständig auf die Uhr gesehen.“

Culber erwiderte nichts. Er streckte nur seinen Arm aus, sodass er Stamets berühren konnte. Unter dem leichten Druck seiner Hand konnte er Pauls beschleunigten Puls fühlen. Sein Partner stand unter Stress.

„Ich habe ständig daran gedacht, was wäre, wenn ich hier reinkomme und du bist..naja. Weg.“

„Wieso sollte ich??“, fragte Culber.

Paul sah kurz zu ihm herüber. Die panische Angst in seinen Augen verwirrte Hugh.
Wo kam das denn auf einmal her?

„Tilly hat was gezüchtet.“

„Wie bitte?“

„Tilly. Sie hat den Prototaxitesstamm, der mit deinen Nervenbahnen verflochten ist, nachgezüchtet. An Pflanzen, an organischen Packs. Weil sie sich überlegt hat, was passieren könnte, wenn er die Funktion einstellt, bevor die Symbiose beendet ist. Was passiert, wenn du eine Krankheit bekommst, die dem Pilz schadet? Wenn dein Körper ihn doch noch abstößt? Wenn Körperfunktionen von dir versagen und der Stamm eine Behandlung unmöglich macht? Sie hat darüber nachgedacht, ich kam nicht einmal auf die Idee, dass so etwas passieren könnte. Was hätte ich getan, wenn du in ein oder zwei Monaten hier gelegen hättest und keiner hätte gewusst warum? Genau, nichts, weil ich nicht daran gedacht habe!“

Paul hielt kurz inne um Luft zu holen, dann monologisierte er weiter. Hugh wartete geduldig, bis er fertig war, dann stand er auf, zog seine Uniform aus und legte sich unter die Decke, wo er Stamets Herumgezappel noch deutlicher vernahm.

„Paul?“

Ein gehetzter Blick traf ihn. Hugh rückte näher zu ihm, bis er die kühle Haut des Mykologen an seinem Bauch spürte, dann schlang er seine Arme um ihn. Paul ließ es zu, doch er war immer noch unruhig.

„Es ist doch gut, dass sie etwas gezüchtet hat. Warum bist du so beunruhigt?“, fragte Hugh und sah ihn fragend an.

Paul drehte den Kopf. Die blauen Augen schienen zu brennen, doch warum?

„Hugh! Warum habe ich nicht daran gedacht?? Ich verlasse mich blind darauf, dass Stella mich nicht im Stich lässt. Was, wenn sie es getan hätte? Auf Antax? Wenn die Myzelien abgestorben wären, bevor du alleine lebensfähig gewesen wärst? Ich hätte nichts tun können. GAR NICHTS. Weil ich nichts hinterfragt habe, was ich entwickelt habe! GAR NICHTS!“

Paul schlug mit der Faust auf die Bettdecke, Hugh konnte spüren, wie er zitterte.
Wenn Paul so emotional war, war Vorsicht geboten.

„Wie groß war denn die Wahrscheinlichkeit, dass die Myzelien die Funktion an einer wichtigen Stelle einstellen?“, fragte Hugh.

Paul überlegte kurz.
„Etwa 0,04%“, antwortete er knapp.

Hugh starrte fassungslos auf Pauls blonden Hinterkopf.

„Du machst so einen Aufriss wegen 0,04%? Das ist lächerlich!“

Paul sah schweigend ins Leere, sodass Hugh schon gar nicht mehr mit einer Antwort rechnete.

„Die Chance dass du wieder vollständig regenerierst lag anfänglich bei 0,09%, Hugh.“

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Ihre ersten Wochen auf der Discovery verliefen recht ereignislos, wenn man sie mit ihren letzten Wochen dort verglich. Der Krieg mit den Klingonen hatte sich auf zwei Frontlinien verlagert und die Discovery fungierte eher als Hilfsfrachter denn als Kampfschiff. Verhandlungen liefen, doch die vielen Parteien innerhalb der Klingonen machte ein Abkommen kompliziert.
Stamets war das nur recht, er wollte nicht kämpfen. Tief in seinem Inneren hatte er Angst davor, Hugh und seine neuen Stellaviatori in der Näher klingonischer Torpedos und Phaserbänke zu wissen, doch er sagte nichts. Bei Fehlfunktionen im Sporenantrieb sprang er als Aushilfsnavigator ein und ansonsten erforschte er mit Tilly weitere Möglichkeiten, den Antrieb zu nutzen. Es war alles so, wie es sein sollte. Des Öfteren bemerkte er das leichte Lächeln des Cadetten, wenn sein Blick auf die Zeitanzeige eines Monitors fiel. Er hatte sich noch kein einziges Mal verspätet, zu wertvoll erschien ihm nun jede Minute, die er mit seinem Partner verbringen konnte.

In ihrer fünften Woche verübten neun klingonische Birds of Prey einen gemeinsamen Angriff auf einen gut bewaffneten Förderationsaußenposten und gewannen, was für eine allgemeine Anspannung sorgte. Beinahe 400.000 Menschen hatten dort gelebt, mehr als die Hälfte waren Familien gewesen. Der Krieg zog sich, doch immerhin konnte er ungehindert seiner Forschung nachgehen.

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„Tilly, drehen Sie den verdammten Regler hoch, das Ding geht uns ein!“, schrie Stamets quer durch das Labor, als das Innere des Inkubators gefährlich blutrot aufleuchtete.

„Geht nicht, Sir!“, brüllte Tilly zurück. Man verstand sie kaum, ein lautes Zischen war inzwischen von den beiden Großproben zu hören.

„Egal, starten sie es so!“, fauchte Stamets und schielte auf die Werte auf dem Monitor. Der Manometer drehte hoch bis zum Anschlag, der Druck stieg weiter.

„Es. Geht. Nicht!!!“, kreischte Tilly und trat eilig von dem Monitor zurück.

Stamets hackte auf die Druckkontrolle ein, jedoch erfolglos.
„Scheiße! DECKUNG!“

Ein hochfrequentes Piepen ertönte, gefolgte von einem lauten Knall, als die Masse explodierte. Und der Inkubator mit ihm. Glasscherben jagten wie Geschosse durch das Labor, das dankenswerterweise bis auf Tilly und Stamets vollkommen verlassen war. Tilly hechtete unter einen der Terminals und entkam so dem Hagel, Stamets allerdings stand im Zentrum der Explosion. Er brüllte wie ein Tier als er spürte, wie ihm die Scherben ins Gesicht schnitten. Er taumelte, stürzte über den Labortisch und fiel zu Boden.

Die Stille nach dem Knall war erdrückend.
Tilly kroch unter ihrem Versteck hervor, von ihren zerzausten, orangeroten Haaren tropfte die rote Biomasse. Sie sah aus, als würde sie in Flammen stehen.

„Lieutenant!“, kreischte sie und ließ sich neben ihrem Vorgesetzten auf die Knie fallen.

„Nichts passiert“, keuchte Stamets und setzte sich mühsam auf.

„DA IST BLUT IN IHREM GESICHT!“

„Was? Nein, also doch, auch. Wir müssen die Testreihe-“, begann Stamets, doch Tilly unterbrach ihn.

„Sie müssen jetzt gar nichts! Sie gehen auf die Krankenstation und lassen sich das behandeln! Sie sehen aus wie ein englisches Steak!“

„Das ist nicht notwendig!“, murrte Stamets und griff nach einem zertrümmerten Hygrometer.

„Dann hole ich Dr. Culber her!“, drohte Tilly und zog ihren Kommunikator hervor. Ihr beinahe ehrfürchtiger Respekt vor dem Mykologen war ungebrochen, doch sie wusste nun, dass er im Grunde seines Herzens ein sehr verletzlicher, netter Mensch war. Deswegen beachtete sie sein Gebrabbel nicht und ließ sich auch nicht einschüchtern.

Stamets sah sie finster an, stapfte dann aber Tür hinaus, um auf die Krankenstation zu gehen.
„Sie räumen hier auf!“, rief er in verärgertem Ton in das Labor, doch er meinte, Tilly grinsen zu sehen.
Super. Hugh würde einen Wahnsinnsaufstand machen, wenn er ihn so sehen würde. Das war absolut unnötig, auch wenn er zugeben musste, dass er kaum aufrecht gehen konnte. Seine ganze Uniform war zerfetzt und sein Gesicht brannte übel, zudem hatte sich nun ein äußerst unangenehmes Piepen in seinem Ohr breitgemacht.

Die Krankenstation war beinahe leer. Er sah Hugh im hinteren Teil vor einem Monitor stehen, doch er war nicht alleine. Burnham war bei ihm. Sie saß auf einem Biobett, doch ein medizinischer Notfall schien sie nicht zu sein.

„Ich weiß dass das nicht einfach ist“, sagte Hugh gerade. Paul kannte diesen Tonfall. Freundlich, ruhig und in höchstem Maße beruhigend.
„Aber glauben Sie mir, er kann nichts dafür. Ich bin sicher, er weiß es nicht einmal mehr…“

„Das ist unerheblich. Tatsache ist, er ist ein Mörder. Und ein Betrüger. Egal was nun passiert ist.“
Burnhams Stimme zitterte leicht, doch sie war gefasst wie üblich. Paul blieb im Eingang stehen.

„Hören Sie. Er war fort, um zu versuchen, den Krieg zu beenden. Er wird es wieder versuchen. Bereits in ein paar Tagen. Er liebt Sie, das ist eine Tatsache. Er hat sein Leben für dieses Schiff und seine Crew aufs Spiel gesetzt, ist das nicht Wiedergutmachung genug?“

Ein verzweifelter Ausdruck zog sich über Burnhams Gesicht, der jedoch sofort in Entsetzen umschwang, als ihr Blick auf die Tür fiel, wo Stamets stand.

„Lieutenant!“, sagte sie scharf und erhob sich rasch von dem Biobett. Stamets war sicher, dass sie geweint hatte, ihre Augen waren gerötet.
Er wedelte versucht lässig mit seiner zerschnittenen Hand, begann aber im selben Moment leicht zu taumeln. Burnham war sofort zur Stelle und bugsierte ihn zu dem Bett, auf dem sie gerade noch gesessen hatte.

Culber kam herbeigeeilt.
„Was ist passiert Paul?“, fragte er und sah ihn kritisch an.

„Das ist kein Blut…“, nuschelte Paul verärgert, „Das ist die Biomasse…ist explodiert…“

Culber sah ihn finster an.
„Zieh die Jacke aus. Sofort. DAS ist auf jeden Fall Blut.“

Für einen so sanftmütigen Charakter wie Culber einer war, war sein Tonfall extrem einschüchternd.
„Ich diskutiere nicht“, fügte er hinzu und Stamets zog folgsam seine Jacke aus.
„Oh…“, machte er nur und schielte auf seine Brust.
Sehr zu seinem Ärger hatte Culber recht gehabt. Er sah übel aus.

„Hinlegen!“, bellte Hugh, als Stamets aufstehen wollte und begann dann, die Scherben aus der weißen Haut seines Partners zu ziehen. Dabei war er alles andere als zimperlich.

„Hey!“, fluchte Paul und sah seinen Arzt beleidigt an.

„Du hast Specialist Burnhams Frage nicht beantwortet…“, sagte Hugh nur und hob die Brauen, „Was ist passiert?“

Paul rollte genervt mit den Augen.
„Nichts allzu Tragisches. Der Inkubator hatte eine leichte Fehlfunktion, weswegen der Regler ausgefallen ist. Die Temperatur der Proben wurde zu heiß, weswegen sie in der Biomasse angefangen haben zu kochen. Der Druck stieg zu schnell und dann, naja. Ist der Inkubator eben explodiert.“

„Geht es Tilly gut?“, fragte Burnham und reichte Culber eine neue Pinzette. Stamets sah zu ihr hoch. Ihre Kiefermuskeln zuckten leicht, sie sah beinahe amüsiert aus.

„Ja, es geht ihr gut, sie muss nur aufräu- AU! Verdammt Hugh!“, fluchte Paul und drehte den Kopf hin zu Culber, der eine weitere Scherbe in eine Schale legte.

Hugh sah ihn spöttisch an, doch eventuelle, dazu passende Kommentare wurden von Burnhams Kommunikator unterbrochen.

„Specialist Burnham, bitte kommen Sie auf die Brücke. Sie werden ein Außenteam begleiten.“

„Was ist passiert?“, fragte Burnham.

„Es ist ein Notfall...“, antwortete Saru.
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