Neue Gefühle

GeschichteRomanze / P18 Slash
17.01.2019
05.03.2019
12
20383
2
Alle Kapitel
16 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 
Und hier kommt auch schon mein viertes Kapitel. Da mich der Tod von Jesus in der Serie sehr bedrückt, ist dieses Kapitel auch von der Stimmung her in einigen Teilen sehr bedrückend. Daryl verarbeitet hier ein wenig seine Vergangenheit.


Daryl wollte einfach nur weg. Weg von den Menschen in Hilltop, weg von seiner Verantwortung und weg von Jesus. Jedes mal, wenn er ihn sah, verkrampfte sich etwas in ihm und er wollte reflexartig die Flucht vor ihm ergreifen. Der Armbrustschütze konnte sich einfach nicht erklären, warum er so heftig reagierte. Es war ja immerhin nichts bedeutendes zwischen ihnen passiert. Dies hatte sich Daryl in den letzten Tagen immer wieder eingeredet.

Er dachte an seine Kindheit zurück, während er ziellos durch die verlassenen und laubbedeckten Straßen fuhr. Es waren furchtbare Erinnerungen, die in ihm aufstiegen. Als er zwölf Jahre alt war, hatte er das getan, was viele Jungs in dem Alter taten. Er hatte sich ein paar Schmuddelheftchen besorgt und es sich „gemütlich gemacht“. Doch unter diesen Heftchen waren nicht nur Abbildungen von nackten Frauen. Daryl hatte es damals nicht verstanden, warum er sich sexuell von Männern angezogen fühlte. Er konnte und durfte nicht schwul sein. Das war einfach nicht richtig, doch gegen seine Natur kam er in diesen Momenten in seiner Kindheit nicht an.

Als er eines Tages von einem Ausflug nach Hause kam, saß sein Vater in seinem Zimmer, hatte die Schmuddelhefte mit den abgebildeten Männern in seinen Händen und starrte ihn fassungslos und voller Hass an. An die Worte, die sein Vater benutzt hatte, konnte sich der Armbrustschütze nicht mehr genau erinnern, doch an das, was er danach tat, sehr wohl. Gegen die ersten Schläge seines Vaters hatte der zwölfjährige Daryl sich noch versucht zu wehren, doch er war einfach nicht stark genug, um dagegen anzukommen. Seine Gegenwehr machte seinen Vater nur noch wütender. Er konnte sich noch an jeden Schlag mit dessen Gürtel, der mit Stahlspitzen ausgestattet war, erinnern.

Diese tiefe Wunden hatten Narben auf seinem Rücken hinterlassen. Narben, die ihn immer an diesen Moment erinnerten. Sein Vater hatte ihn oft, auch wegen Kleinigkeiten geschlagen, doch nie mit einem Gürtel ausgepeitscht. Und danach geschah etwas noch viel schlimmeres. Daryl wurde in einen engen, kleinen Schrank gesperrt. Eine Woche lang musste er ohne Essen auskommen und wurde nur mit dem nötigsten an Flüssigkeit versorgt. Er hatte seinen Vater so viele Male angefleht ihn herauszulassen. Doch sein Vater blieb hart. Nach dieser Woche wurde er wieder herausgelassen. „Wenn ich dich nochmal mit so einem Schweinkram erwische, wirst du mehr als eine Woche lang nicht mehr das Tageslicht sehen, du kleine miese Schwuchtel!“, hatte sein Vater ihm gedroht.

Diese Worte waren ihm genauso wie die Narben auf seinem Rücken, wie eine Narbe in seinen Erinnerungen geblieben. Auch wenn dieser Vorfall schon über 30 Jahre her war, hatte er diesen Satz nicht mehr vergessen. Lange Zeit hatte er nicht mehr daran gedacht, doch die Erfahrung mit Jesus hatte alles wieder in ihm hochkommen lassen. Die Erinnerung und die damit in Verbindung stehenden Gefühle wie Wut, Scham und die Angst waren nach ihrem morgentlichen Akt wieder in ihm hochgekommen. Er fühlte sich schlecht und dreckig.  Er versuchte Jesus zu meiden. Doch dies fiel ihm gar nicht leicht. Sie lebten auf engstem Raum zusammen und hatten zwangsläufig etwas miteinander zutun. Durch Jesus Gegenwart war er ständig angespannt und für sich selbst auf unerklärliche Weise wütend.

Irgendetwas hatte Daryl zu dem kleinen Häuschen, in dem sich Carol einquartiert hatte, gezogen. Als Jesus sie vor kurzem zum Königreich begleitet hatte, um Rick eine Verhandlung mit Ezekiel zu ermöglichen, hatte er von Morgan erfahren, wo Carol steckte. Er hatte sich seit ihrem Verschwinden große Sorgen um sie gemacht. Carol war wie eine Schwester für ihn und er brachte ihr große Zuneigung entgegen. Beide hatte zusammen schon so viel durchgestanden. Sie war eine der wenigen Personen, die ihn verstanden und denen er uneingeschränktes Vertrauen entgegenbrachte.

Der Armbrustschütze machte sich nach wie vor Vorwürfe, dass er sie über das Schicksal von Denise, Glenn und Abraham angelogen hatte. Aber er konnte Carol einfach nicht die Wahrheit sagen. Daryl wollte ihr einfach nicht noch mehr Kummer bereiten. Diese Frau hatte in ihrem Leben schon genug Kummer erfahren. Durch den Tod ihrer Tochter, die sie so lange gesucht hatten und am Ende als Beißerin aus der Scheune von Hershels Farm gekommen war, war etwas in Carol zerbrochen. Sie hat lange gebraucht, um sich davon einigermaßen zu erholen. Und als sie gezwungen war, auch Lizzie zu töten, war auch selbst etwas in ihr gestorben. Daryl erinnerte sich noch sehr gut daran, wie Carol ihm die Geschichte der beiden Mädchen erzählt hatte. Sie hatte um Mika geweint, deren Tod so unnötig und traurig gewesen war.

Er überlegte, ob er wieder umdrehen und nach Hilltop zurückkehren sollte. Doch er fühlte, dass er mit jemandem über seine Gefühle und Probleme reden musste. Zudem wollte er wissen, wie es Carol ging und ob ihr irgendetwas fehlte. Daryl parkte sein Motorrad vor dem Gartentor des kleinen Häuschens. Er begab sich zur Eingangstür und achtete darauf, dass er den Stolperdraht, den Carol als Frühwarnsystem für die Beißer installiert hatte, nicht berührte. Er wollte an die Tür klopfen, als diese geöffnet wurde.

„Daryl, was machst du denn hier?“, fragte Carol, die ihn bereits bemerkt hatte. Sie war extrem aufmerksam und immer auf der Hut. Eine Qualität, wie so viele andere auch, die er an ihr schätzt hatte. „Bin rumgefahren“, erwiderte Daryl etwas matt. Die Erinnerungen an seinen Vater und die damaligen Erlebnisse hatte seine schlechte Stimmung noch deutlich mehr getrübt, als es sonst der Fall war.
„Komm rein“, bat sie ihn und deutete auf den Esstisch. Daryl verstand die Geste und setzte sich. Nachdem Carol die Eingangstür geschlossen und sich ihm gegenüber an den Esstisch gesetzt hatte, setzte sie fort: „Ich sehe doch, dass dich etwas bedrückt. Was ist vorgefallen?“

Sie musste ein paar Momente auf eine Antwort warten. Daryl überlegte, ob er ihr wirklich erzählen sollte, was mit Jesus vorgefallen war. Doch da er schon einmal hierher gekommen war, entschied er sich nach einigem Zögern dafür: „Jesus und ich. Wir haben...“, sagte Daryl und stoppte mittendrin in seinen Ausführungen. Er schaute auf den Esstisch und vermied Carols Blick. Auch wenn der Armbrustschütze sie nicht ansah, wusste er irgendwie, dass sie gerade etwas verwirrt dreinblickte. Doch seine Gesprächspartnerin kam relativ schnell darauf, was er sagen wollte. „miteinander geschlafen, richtig?“ beendete Carol seinen Satz mit warmherzigem Tonfall.

Daryl blickte wieder hoch und schaute sie überrascht an. „Wie...“ fragte der Alexandriner überrascht. Carol fiel ihm ins Wort: „Ich habe euch beide in Alexandria beobachtet, als Rick und du Jesus mitgebracht habt. Man kann es dir ansehen, wenn du ihn anschaust. Du findest ihn attraktiv.“ Daryl sank, während sie diese Worte aussprach, immer mehr in seinem Stuhl zusammen. Die Alexandrinerin bemerkte dies und strecke ihre rechte Hand aus, um seine linke zu berühren. Er ließ sie gewähren. „Hey. Das ist doch nicht schlimm. Ich vermute sowas schon lange. Du hast ja immerhin mein Angebot zu vögeln in der Nacht abgelehnt, als wir das Außenarreal des Gefängnisses von Beißern gesäubert hatten“, versuchte Carol gleichzeitig einen Scherz zu machen, sowie Verständnis zu zeigen.

Der kleine Scherz zeigte offenkundig keine Wirkung. Daryls Blick war nach wie vor gesenkt. „Doch es ist schlimm. Es ist falsch und unnatürlich“ meinte der Armbrustschütze in fast kaum noch hörbarer Lautstärke. „Es ist nicht falsch. Das ist doch Blödsinn!“, entgegnete Carol deutlich energischer als vorher. „Glaubst du ich oder jemand anders würde schlecht von dir denken, wenn du mit einem Mann Sex hast? Daryl, die Welt ist am Ende und Beißer bevölkern die Erde. Jeder Tag könnte der letzte sein. Genieß' dein Leben. Wenn du fühlst, dass es für dich das Richtige ist, dann lass es zu. Lass dein Glück zu“, appellierte sie an ihn.

Daryl berührten diese Worte in seinem Inneren. Er erinnerte sich an die Nacht und auch den Morgen danach mit Jesus zurück. Er hatte sich nie so glücklich gefühlt und war seit langer Zeit wieder einmal ohne Sorgen, auch wenn das nur für kurze Zeit angehalten hatte. Aber als seine Erinnerungen an seinen Vater und die schrecklichen Erlebnisse zurückgekommen waren, waren diese wohligen Gefühle wie ausgelöscht und durch Scham und Ärger ersetzt worden. In der jetzigen Situation war er unschlüssig, was er auf Carols Aussage antworten sollte. Ein schlichtes „Weiß nicht“ war das einzige, was er gerade herausbrachte.

„Es ist deine Entscheidung, aber ich würde mich wirklich freuen, dich einmal glücklich zu sehen. Du hast Gefühle für ihn. Das kannst du nicht vor mir verstecken. Dafür kenne ich dich zu gut“, behauptete die Alexandrinerin. Daryl war klar, dass Lügen und Leugnen absolut zwecklos war. Carol hatte Recht. Er hatte Gefühle für Jesus, auch wenn er diese nicht wirklich einzuordnen vermochte. Er hatte so sehr versucht, sie zu unterdrücken, doch es gelang ihm einfach nicht. „Kann ich noch ein bisschen bleiben?“, fragte Daryl etwas kleinlaut. „Natürlich“ sagte Carol mitfühlend.

Sie stand auf, ging um den Tisch herum und umarmte Daryl. Nach einigen Sekunden legte er seinen Kopf an ihre Brust. Carol konnte hören, dass er ganz leise schluchzte. Sie drückte ihn ein bisschen stärker an sich und hoffte, dass er dieses Gefühlchaos durchstehen würde. Carol liebte ihn viel zu sehr. Ihn emotional leiden zu sehen, war für sie fast nicht zu ertragen. Wenn sie es gekonnt hätte, hätte sie versucht ihm den Schmerz irgendwie zu nehmen.


Wie es mit Jesus und seinen Gefühlen in Hilltop weitergeht, werde ich im nächsten Kapitel beleuchten. Wie immer: Reviews sind gern gesehen.
Review schreiben