Sleepless

von Centaurus
OneshotAllgemein / P18 Slash
Cyclops / Scott Summers Phoenix / (Doktor) Jean Elaine Grey Wolverine
17.01.2019
17.01.2019
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Hey ihr Lieben!
Wieder einmal habe ich einen alten Oneshot ausgegraben. Auch dieser ist zeitlich an die ersten Filme angelehnt. Zumindest ist er noch zu einer Zeit entstanden, als es lediglich drei X-Man-Filme, plus den ersten Wolverine-Film gab.
Auch hierbei wünsche ich euch viel Spaß! :)

Disclaimer: Der Inhalt meiner Geschichte ist rein fiktiv, alle bekannten Charakter gehören nur ihren Schöpfern und nicht mir. Ich verdiene mit dem Schreiben meiner Geschichten kein Geld.


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Sleepless


--- Westchester County, New York ---


Er lauschte dem beständigen Klopfen des Regens an der Fensterscheibe und versuchte darüber den Druck zu ignorieren, der in seinem Kopf saß und einfach nicht verschwinden wollte.
Lange würde er das nicht mehr aushalten, aber was sollte er tun? Wenn er sie abnahm und dann wieder aufsetzte, war es umso schmerzhafter. Dreizehn Jahre Erfahrung damit und niemand hatte etwas entwickeln können, womit er dieses Problem endlich loswerden konnte.
Er versuchte tief durchzuatmen, sich auf Geräusche im ganzen Haus zu konzentrieren, nur nicht auf... Verdammt! Er hielt das nicht mehr aus!
Frustriert setzte er sich auf, riss sich die Rubinquarz-Brille förmlich herunter und schleuderte sie auf seinen Nachtschrank, die Augen natürlich fest geschlossen und schon wurde ihm wieder bewusst, was für eine Gefahr er für alle anderen war, wenn er nun auch nur ein einziges Mal blinzeln würde.

„Verflucht!“, kam es ihm zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, als er die Hände an die Schläfen legte und die wunden Abdrücke spürte, welche die Brille dort hinterlassen hatte.
Das brannte entsetzlich und er wollte sich gar nicht vorstellen, wie das erst aussehen musste. Es war einfach problematisch, die Brille Tag und Nacht zu tragen. Sie ließ kaum Luft zwischen Rubinquarz, Haut und Augen, aber würde er sie nur einen Moment ohne sie öffnen...
Nein, er wusste, dass das unmöglich ging. Das richtete zu viel Schaden an, als dass er auch nur versuchen könnte, diese Kräfte besser zu kontrollieren... sie überhaupt zu kontrollieren. Das war schlicht und ergreifend ausgeschlossen.

Er vergrub das Gesicht einen Moment in den Händen, um sich zu sammeln und erinnerte sich, dass sein früheres permanentes Brennen in den Augen viel schlimmer gewesen war.
Wenn er daran dachte, dann ließen die Schmerzen sich gleich viel besser aushalten. Und er versuchte die ständige Frage zu verdrängen, warum seine Fähigkeit zum einen so mächtig und gleichzeitig wie eine Schwerstbehinderung anmuten musste...
Sich an Momente zu erinnern, in denen ihnen das geholfen hatte, machte es ihm leichter. Zum Beispiel als sie alle noch Teenager gewesen waren und Jean und Ororo das Geld ausgegangen war. Dabei lief gerade wieder ein Kinofilm an, den sie nicht verpassen wollten. Da war er schnell zu Jeans sehbehinderten Bruder geworden, damit sie umsonst rein konnten. Nicht, dass die Zwei ihm eine Wahl gelassen hätten. Gegen zwei Frauen stand wohl jeder auf verlorenem Posten.

Schließlich tastete er wieder nach der Brille, die er, dem Geräusch nach zu urteilen, rechts neben die Nachttischlampe geschmissen hatte. Er wollte nicht riskieren, dass es doch noch ein Unglück gab.
Ein Zischen entfuhr ihm, als die Ränder wieder auf die gereizte Haut trafen. Er sollte vielleicht doch kurz zu Jean rübergehen und sie fragen, ob sie nicht irgendwas hatte, damit die kaputte Haut wieder heilen konnte. Eigentlich wäre es ihm lieber, damit bis morgen zu warten, wenn es nicht so unerträglich wäre und sich schlimmer anfühlen würde als sonst.
Es würde ja nicht lange dauern und dann konnte sie ihm morgen wenigstens nicht vorhalten, wieso er damit nicht gleich zu ihr gekommen war. Er schätzte diese Fürsorglichkeit zwar, allerdings fand er, dass sie manchmal ein bisschen übertrieb.

Also richtete er sich etwas widerwillig auf und verließ sein Zimmer. Die Flure waren nachts nicht beleuchtet. Es war schließlich auch nicht vorgesehen, hier draußen rumzulaufen. Den Weg zu seiner guten Freundin fand er aber auch so.
Glücklicherweise weckte er sie nicht auf. Sie hatte augenscheinlich schon mit ihm gerechnet. Er brauchte nicht einmal anzuklopfen, denn kaum stand er vor der Tür, öffnete sie diese schon und musterte ihn sofort mit diesem besorgten Blick.
„Wieso kommst du jetzt erst?“, begrüßte sie ihn, obwohl er sich doch schon dazu durchgerungen hatte, sie eher aufzusuchen. Manchmal war es gar nicht so leicht, sie zu verstehen.
„Also, wenn du alles andere schon weißt, müsstest du das dann nicht auch wissen?“, entgegnete er, deutlich stolzer auf dieses Argument, als sie es war, denn Jean hob bloß eine Augenbraue, ehe sie aber zur Seite trat.

„Wie lange hast du das schon?“, wollte sie direkt wissen und tippte sich selbst an die Schläfe um noch einmal zu unterstreichen, dass sie Bescheid wusste. Er kannte ihre Fähigkeiten und doch waren sie ihm oft unheimlich.
„Nicht sehr lange“, wollte er behaupten und wurde sogleich wieder mit einem wenig begeisterten Blick bedacht. Er seufzte. „Warum fragst du, wenn du es weißt?“
„Sag mir doch einfach die Wahrheit, statt den Helden zu spielen“, gab sie zurück und wies ihn an, sich zu setzen. Eine andere Wahl würde sie ihm auch nicht lassen. Er wollte zwar protestieren, doch da drückte sie ihn bereits an der Schulter nach unten.
„Den brauche ich nicht zu spielen“, entgegnete er dennoch und obwohl sie eigentlich streng sein wollte, musste sie jetzt ungewollt schmunzeln, ehe sie ihm leicht gegen die Schulter boxte.
„Lass die Sprüche und lass mich mal sehen“, meinte sie und griff nach der Rubinquarz-Brille, um sie abzunehmen. Er bemühte sich, keinen Ton von sich zu geben, aber es schmerzte trotzdem, egal wie vorsichtig Jean war.

Er schloss die Augen und konnte ab diesem Moment nur ihr vertrauen. Obwohl er sie nicht sah, hörte er ihr erschrockenes Luftholen. „Scott, das sieht schlimm aus! Das muss dir doch Schmerzen bereitet haben“, meinte Jean verständnislos.
Das hatte es ja auch. Nur würde er deswegen doch nicht sofort jammernd zu ihr rennen. Das war nicht seine Art und so gut sollte sie ihn eigentlich kennen...
Das fiel ihr wohl auch gerade auf, denn sie ließ das Thema nun doch fallen und schwieg. Das war ihm im Augenblick auch lieber so. Er wollte das einfach hinter sich haben und dann endlich schlafen. So müde war er lange nicht gewesen.

Als Jean endlich fertig war, wollte er direkt aufspringen und verschwinden, doch forderte sie ihn auf, noch einen Moment zu warten, ehe sie ihm seine Brille wieder aushändigte und er sie unter Schmerzen wieder aufsetzte.
Er bedankte sich noch rasch bei ihr, bevor er aufstand und schließlich ging. Er mochte sie. Sie war ihm eine tolle Freundin, aber zu lange sollte man mit ihr nicht in einem Raum sitzen. Sonst wusste sie wieder zu genau, was in einem vorging...
Wieder draußen auf dem Gang, hatte er nur das Ziel, schnell wieder in sein Zimmer zu gelangen. Vielleicht übersah er deswegen, dass er nicht alleine auf dem Flur war...


~*~   ~*~   ~*~


Verwischte Bilder. Unscharf zu erkennen. Sein Blick ging umher. Gesichter. Unbekannt. Was sollte das alles?
Da war noch mehr. Ein Ort, den er auch nicht kannte. Warum konnte er nichts richtig erkennen? Warum verschwand alles in diesen... Wellen?
Wasser... über ihm, nein, um ihn herum war alles Wasser. Darum konnten seine Augen kein klares Bild erkennen. Und dann bemerkte er es.
Das Gefühl von Panik. Das Gefühl zu ertrinken. Das Gefühl von unerträglichem Schmerz, der durch seinen ganzen Körper schnitt.


Urplötzlich riss er die Augen auf, fand sich selbst in unbekannter Finsternis wieder. Seine ausfahrbaren Klingen hatten sich ihren Weg aus seinem Körper gesucht und die Laken unter ihm aufgespießt.
Er versuchte seinen Atem zu beruhigen, sein wild pochendes Herz und seine Gedanken zu sammeln. Ein Traum. Nichts weiter. Es war nur wieder dieser Traum, der ihn in den Schlaf verfolgte. Sonst nichts...
Aber war das wirklich so? Er hatte stets das Gefühl, als würde mehr dahinterstecken. Möglicherweise seine Vergangenheit, von der er nichts wusste, weil ihm die Erinnerungen fehlten, weil es einfach nichts gab, was vor diesem eigenartigen Erwachen passiert war.
Sein Kopf war leer, wo andere in Erinnerungen schwelgen konnten und er… Er hatte sich nicht mehr an seinen Namen oder eine Familie erinnern können. Wenn es ein Leben davor gegeben hatte, wenn er Eltern oder Kinder hatte oder eine Geliebte, dann erinnerte er sich nicht an sie.

Er rieb sich die Augen, versuchte bewusst tief durchzuatmen und diesen ganzen Mist einfach zu vergessen. Er hatte schon hunderte Male darüber nachgegrübelt, ohne einen einzigen Schritt weiterzukommen. Leider war es alles andere als einfach und Fetzen von Bildern und Gefühlen flackerten vor seinem geistigen Auge. So würde er gewiss keine Ruhe finden.
Mit einer Hand fuhr er sich durch die verschwitzten Haare, nachdem die scharfen Klingen wieder zwischen seinen Fingerknöcheln verschwunden waren. Es gab andere, die wie er waren, andere Mutanten. Aber war er tatsächlich immer so gewesen? Etwas sagte ihm, dass das nur die halbe Wahrheit sein konnte, dass da noch etwas Anderes war, an das sich sein Unterbewusstsein klammerte, doch sein Verstand wollte diese Erinnerung nicht freigeben.
Aber wie sollte er das jemals herausfinden? Er hatte keinerlei Anhaltspunkte, keine Erinnerungen, die weit genug zurückreichten, um ihm Klarheit über seine Existenz zu verschaffen, seine Identität aufzudecken, er… Er war wie ein hilfloses Kind, dass sich in einer Welt verlaufen hatte, die es nicht verstand und das war eine Rolle, die ihm an sich selbst ganz und gar nicht gefiel…

Wieder einmal ließ er sich zurückfallen, starrte an die Decke und versuchte die vielen kleinen Fetzen wieder zusammenzufügen, an die er sich erinnern konnte. Er sah unbekannte Gesichter und er hörte sie Worte sagen, die er nicht verstand. Was sollte das? Und wer konnte ihm helfen, etwas herauszufinden?
Wollte er das überhaupt? Vielleicht war seine Vergangenheit so schrecklich, dass es besser war, dass er sie vollkommen vergessen hatte. Vielleicht lag in der Wahrheit ja nur noch mehr Schmerz. Wollte er das wirklich? Andererseits wollte doch jeder wissen, wer er war und woher er kam, oder etwa nicht?
Er wünschte sich manchmal, dass er mit jemandem darüber reden könnte und dieser Charles Xavier schien auch durchaus vertrauenswürdig zu sein. Zumindest vertrauenswürdiger, als jeder, dem er bislang über den Weg gelaufen war. Andererseits war es eine ziemlich gefährliche Vorstellung, einen Fremden in seinen Kopf zu lassen. Wenn dieser Professor wollte, dann konnte er alles in Erfahrung bringen, was er wollte.
War er alleine also doch besser dran? Sollte er vielleicht doch zusehen, dass er hier ganz schnell wieder verschwand? Aber das wäre auch ziemlich undankbar, wobei er ja nicht einmal wusste, ob er sich aus solchen Förmlichkeiten jemals etwas gemacht hatte. Und das war wohl der Punkt an allem. Er wollte wissen, wer er war, damit er sich selbst verstehen konnte.

Hier herumzuliegen und zu grübeln half ihm allerdings auch nicht weiter. Im Gegenteil. Es machte ihn wütender, weil es ihm diese nüchterne Ausweglosigkeit überdeutlich vor Augen führte. Die Tatsache, dass es eigentlich niemanden gab, der ihm wirklich helfen konnte. Denn selbst, wenn dieser Charles in seinen Kopf blicken konnte, würde auch er nur Leere dort vorfinden können. Es wäre also reine Zeitverschwendung, ihn um Hilfe zu bitten.
Stattdessen sollte er lieber aufstehen, sich wenigstens etwas bewegen und er sollte bei dieser Gelegenheit die kaputten und blutbeschmierten Laken austauschen. Wenigstens die jüngeren Kinder an dieser Schule mussten das ja nicht mitbekommen. Er wollte ihnen schließlich keine Angst machen oder sowas. Besonders diese Kleine… Rogue… Er kapierte nicht, wieso er sich für sie so verantwortlich fühlte. Ohne sie wäre er überhaupt nicht hier und…
Er schüttelte entschieden den Kopf. Er hatte genug über diesen ganzen Unsinn nachgedacht. Er schwang sich wieder hoch und stieg aus dem Bett. Mit einem kräftigen Zug hielt er in den Händen, was von dem weißen Stoff noch übrig war und verließ damit sein Zimmer. Es war mitten in der Nacht, da würde er hier sicher niemandem begegnen. Hatte er wenigstens gedacht.

Er hatte gerade die Tür geschlossen, wollte sich umdrehen und den Gang hinuntergehen, als er mit jemandem zusammenstieß.


~*~   ~*~   ~*~


Wer auch immer es war, es fühlte sich im ersten Moment an, wie gegen eine Wand zu laufen und das konnte eigentlich nur eins bedeuten. Grund genug die Klappe zu halten und so zu tun, als habe er nicht das Gefühl, sich beim Zusammenstoß die Schulter gebrochen zu haben.
„Tschuldige, hab dich nicht gesehen“, meinte Logans tiefe Stimme und klang ganz danach, als habe er sich gar nichts getan. Das war fast frustrierend. Warum musste der um diese Zeit ausgerechnet hier rumlaufen? Und von wegen übermenschliche Sinne. Wie hatte er ihn damit übersehen können?
„Ja, schon gut“, entgegnete er nur. Er wusste einfach nie, was er zu diesem Kerl sagen sollte. Er konnte nicht einmal benennen, was ihn an Logan so sehr störte. Einfach seine Art? Die Tatsache, dass Danke offenbar ein Fremdwort für ihn war? Oder etwas viel Grundlegenderes? Was es auch war, es ging ihm unterschwellig auf die Nerven.

Ein unangenehmes Schweigen herrschte, bis er seinen etwas unfairen Vorteil einer integrierten Nachtsichtfunktion ausnutzte, um sich ein genaueres Bild von seinem Gegenüber zu machen. Er sollte das öfter nutzen, aber normalerweise standen nachts keine komischen Typen auf dem Flur.
Schließlich konnte er sich seinen Kommentar nicht verkneifen, als er den zusammengerafften Stoff in Logans Händen erkannte und meinte: „Müssen dafür nicht nur kleine Kinder und alte Leute nachts raus?“ Er wusste, dass er ein bisschen gemein war, aber der Ältere ließ ja auch keine Gelegenheit ungenutzt, ihm eins reinzudrücken.
Der genervte Blick, den er dafür erntete, brachte ihn zum Schmunzeln. Seltsamerweise tat es unendlich gut, diesen Kerl aus dem Konzept zu bringen. „Vorsicht, da kommst du wahrscheinlich eher hin als ich“, gab Logan zurück und wollte sich an ihm vorbeidrängen, was einen weiteren, unsanften Zusammenstoß zur Folge hatte. Zumindest fühlte es sich für ihn an, wie von einem Auto angefahren zu werden.

Genervt von dieser Art, sich wegen eines harmlosen Spruchs so anzustellen, legte er die Hand gegen den Türrahmen und versperrte dem Größeren damit den Weg. Mochte bei seiner Größe vielleicht nicht sonderlich beeindruckend wirken, aber das hatte ihn nie davon abgehalten, diesen Nachteil mit Beharrlichkeit wett zu machen.
„Aus dem Weg, Scott“, knurrte Logan fast warnend, wofür er allerdings nur ein müdes Lächeln übrighatte. Das war so lächerlich und überhaupt... Was bildete der sich eigentlich ein? Er hatte ihm nichts getan, aber seit er hier war, benahm er sich völlig daneben.
„Ich weiß ja nicht wie‘s da so abläuft, wo du herkommst, aber das hier ist 'ne Schule. Vielleicht weißt du, was das ist. Hier geht man für gewöhnlich etwas netter miteinander um. Falls du nicht weißt wie das geht, können wir dir natürlich auch die langweilige, achtzigseitige Schulordnung in die Hand drücken.“
Dass er sie vor zehn Jahren selbst dauernd verinnerlichen durfte, ließ er besser weg. Das gehörte schließlich der Vergangenheit an und Logan schien sich für dieses Institut wenig zu interessieren, also musste er ihm ja nicht gleich alles auf die Nase binden.

Doch der schien ganz eindeutig was mit den sonst so scharfsinnigen Ohren zu haben, dass er einfach nicht kapierte, wovon er hier redete. „Wo ich so herkomme, rechtfertigt man sich für sein Verhalten nicht. Da wird erst zugeschlagen und dann werden Fragen gestellt, klar?“
Wenig beeindruckt davon, hob er eine Augenbraue. Solche Sätze hatte er zu oft gehört, um sie noch ernstnehmen zu können und Logan wäre ein Idiot, wenn er das hier so handhaben würde. Das musste selbst diesem Rüpel aufgehen und außerdem...
„Ja, diesen Ort kenne ich. Nennt man heutzutage High-School“, entgegnete er. Seiner Erfahrung nach so ziemlich der schlimmste Ort, an dem man sich auf dieser Welt aufhalten konnte. Aber auch das war nichts, worüber er mit diesem Kerl reden würde.

Logans Augen verengten sich kurz zu Schlitzen und er war sich schon fast sicher, dass er ihm gleich eine reinhauen würde. Er sah die angespannten Muskeln und den Wunsch danach in seinen Augen aufblitzen. Er konnte den inneren Kampf des Älteren deutlich sehen.
Von ihm aus konnten sie es ruhig drauf ankommen lassen. Auch wenn er wusste, dass Logans Schläge vermutlich noch schlimmer waren, als von ihm angerempelt zu werden.
„Lässt du mich trotzdem durch?“, fragte Logan, immer noch eher gereizt als höflich. Das war nicht auszuhalten mit dem. Wie konnte man nur ständig so miese Laune haben?
„Tja, keine Ahnung. Kannst du auch nett fragen?“ Wahrscheinlich klang er selbst eher provokant und unter anderen Umständen hätte er diese ganze Begegnung vielleicht sogar ignoriert, aber der Druckschmerz machte ihn irgendwie aggressiv oder... lag es an etwas ganz Anderem?

„Es ist höflich genug, dass ich dich in einem Stück lasse“, meinte Logan, in seinen Augen reichlich überheblich. Der Typ kotzte ihn immer mehr an. Was musste man von dieser Welt gesehen haben, um so ein Arsch zu werden?
„Du überschätzt dich.“ Was dachte der sich eigentlich? Hielt sich offenbar für unbesiegbar, aber da war Logan auch nicht der Erste, der so große Töne spuckte. Wenn er es also unbedingt drauf ankommen lassen wollte...
Diesmal verlor der Ältere allerdings wirklich ein Stück seiner Beherrschung, als er ihn packte und sich seine Finger fest in den Stoff seines Shirts gruben. Schmerzhaft, aber das würde er ihm um nichts in der Welt zeigen. Dennoch war die Härte seiner Finger sicher genug, um ein paar unschöne, dunkle Stellen auf seinem Schlüsselbein zu hinterlassen.
„Fordere dein Glück lieber nicht heraus“, sagte Logan nun schon fast drohend und damit waren alle Vorsätze des sich nicht provozieren lassen dahin. Niemand verlangte große Lobeshymnen, aber für so viel Undankbarkeit, sollten sie ihn eigentlich sofort wieder vor die Tür setzen.
„Dafür brauche ich kein Glück. Nur ein scharfes Auge.“ Was ihm sein Adamantium wohl nützen würde, wenn ihm die Haut von selbigem schmolz? Er würde ihm helfen, das herauszufinden, wenn er nicht endlich damit aufhörte, sich wie ein Arschloch aufzuführen!

Logans Geduldsfaden riss und er machte sich schon drauf gefasst, dass sie gleich aufeinander losgehen würden, als der Ältere aber völlig überraschend innehielt. Was war das denn jetzt? Plötzlich löste sich sein fester Griff und er starrte ihn so seltsam an. Vielleicht sollte er das wirklich nutzen, um ihm eine reinzuhauen, allerdings wurde ihm in diesem Moment bewusst, wo Logan die ganze Zeit hinstarrte.
Zumindest ging er davon aus, dass der Ältere nicht bezweckte, ihm tief in die Augen zu sehen. Nein, er musste etwas Anderes sehen und er konnte sich auch ganz genau denken, was es war.
Er biss sich auf die Lippe und hätte sich gerne weggedreht, aber das wäre ja noch auffälliger. Er hoffte nur, dass er keine Erklärung dafür wollte, aber offenbar waren die Wundränder um seine Augen herum unübersehbar. Wie er das hasste und...

„Was ist das?“, wurde er gefragt. Er konnte nicht genau deuten, ob das Fassungslosigkeit oder echtes Interesse war.
„Was geht‘s dich an? Das ist gar nichts!“, zischte er zurück. Das hatte ihm noch gefehlt, vor diesem Kerl Schwäche zu zeigen. So ein Scheiß!
„Redest du das dir ein oder allen anderen?“, belächelte Logan diesmal ihn, was ihm gehörig gegen den Strich ging. Musste der ihn auch mit solchen Fragen so aus dem Konzept bringen?
Er schnaubte wütend, als er meinte: „Jeder hier weiß, dass das nichts weiter ist.“
„Also dir selbst“, stellte Logan viel zu gelassen fest. Das war extrem nervtötend. Konnte er das nicht einfach lassen?

Da ihm nichts weiter einfallen wollte, sagte er vorerst nichts mehr dazu. Sollte der doch denken, was er wollte, er würde ja sowieso nicht ewig hierbleiben. Bald hatte er ganz sicher wieder seine Ruhe vor dem. Er konnte es kaum abwarten.
„Na schön“, kam es kurz darauf von Logan. „Ist ja eure Sache, aber hast du eine Ahnung, wo ich den Müll hier entsorgen kann?“ Dabei deutete er auf den Stoffrest in seinen Händen und erst jetzt fiel ihm auf, dass es ein völlig zerfetztes Bettlaken war. Damit war es an ihm, etwas schockiert zu gucken.
„Was hast du denn damit angestellt?“, kam es ihm über die Lippen, ehe ihm auffallen konnte, dass das auch nicht besser als Logans Frage war.
„Ach, das fragst du mich?“, kam es auch prompt zurück und ein weiteres gezwungenes Schweigen breitete sich zwischen ihnen aus. Sie würden sich wohl nie leiden können, was schade war. Eigentlich hatten sie ja nur einen miesen Start.

Er hielt einen Moment inne. Das war doch alles Quatsch. Sie waren doch keine Teenager mehr. Warum verhielten sie sich dann so? Er konnte Logans Art nicht leiden. Na und? Was machte das schon? Sie würden sich nicht ewig ertragen müssen.
„Hautunverträglichkeiten mit dem Rubinquarz“, gab er ihm nun also doch eine späte Antwort und machte eine Geste, die die Brille und seine aufgerissene Haut einschloss. „Ich kann sie nachts nicht absetzen, sonst wäre morgens beim Aufwachen nichts mehr von dem Gebäude übrig. Und bei dir?“
Logan sah nicht aus, als wäre er dazu bereit, ihm von seinen Problemen zu erzählen, was mies wäre. Schließlich hatte er ihm auch gesagt, was los war, wenn auch widerwillig. Er wollte schon genervt weitergehen, als der Ältere es ihm dann doch erzählte...


~*~   ~*~   ~*~


Warum sollte er das ausgerechnet Scott sagen? Wahrscheinlich würde er ihm das auch wieder unter die Nase reiben, wenn er ihm erzählte, was sonst keiner wusste. Allerdings musste er ihm wohl zugestehen, dass er ihm auch gesagt hatte, was los war. Hätte er nur nicht gefragt...
Aber dafür war es jetzt auch zu spät. Besser er brachte das hier einfach hinter sich. Womöglich würde Scott sich mit blöden Sprüchen ja tatsächlich mal zurückhalten. Wobei er ihm das eher weniger zutraute.
„Manchmal schlaf ich nicht so gut und dann müssen die Laken dran glauben. Es ist einfach ein Reflex“, meinte er also und machte dabei eine umfassende Geste mit den Fäusten, wo die Adamantium-Klauen verborgen waren.
„Okay, dann sollten wir fürs Protokoll festhalten, dass dich niemand aufwecken sollte“, entgegnete Scott wieder so entsetzlich gelassen. Tat der bloß so oder konnte den echt nichts aus der Ruhe bringen? Und seit wann regte ihn Gelassenheit bei anderen Menschen eigentlich so auf?

Er versuchte sich am Ansatz eines belustigten Schnaubens und meinte: „Das wäre für eure Lebenserwartung wohl besser so.“ Was könnte er ihm sonst sagen? Bei Scott rechnete man einfach immer damit, dass der nächste blöde Spruch nicht lange auf sich warten ließ.
Allerdings passierte das diesmal nicht. Es war unmöglich, hinter dem dunklen Glas etwas zu erkennen. Ob überhaupt jemand wusste, wie Scott tickte, der nicht in der Lage war, in seinen Kopf zu blicken? Warum machte er sich darüber eigentlich Gedanken? Er war ein Arsch. Zumindest wollte er davon weiterhin überzeugt sein.
Er wollte ignorieren, dass irgendwas in ihm längst wusste, dass das nicht stimmte. Er hatte gute Gründe, sich von anderen Menschen fernzuhalten, keine engeren Beziehungen aufzubauen und das ging am leichtesten, wenn man ihren guten Seiten gar keine Beachtung schenkte.

Er wusste, dass sich etwas in Scotts Blick geändert hatte und er wollte nicht darauf hören. Was seinem Unterbewusstsein da in den Sinn kam, war noch verrückter, als dieser ganze Ort hier. Die Gedanken konnte er einen Moment lang unterdrücken, nicht lange genug, um das einzig Vernünftige zu tun, nämlich, sich seinem eigentlichen Vorhaben zu widmen.
Es gab Gefühle, auf die man besser nicht hörte, Impulse, denen man lieber nicht nachgab und Gedanken, die man gar nicht erst zugeben sollte. Er kannte sein Gegenüber nicht. Wobei er natürlich wusste, dass es nichts damit zu tun hatte, sondern mit einem viel simpleren Grund. Es war einfach nur schon viel zu lange her und…
Nun, er machte sich eigentlich nicht viel daraus, was andere über ihn dachten. Ihm war recht deutlich, was er gerade von Scott wollte und er konnte davon ausgehen, dass ihm das weniger gefallen würde. ‚Und wenn schon…‘, ging es ihm dabei durch den Kopf. Er hatte von Anfang an nicht vorgehabt, lange hier zu bleiben und wenn er sich damit einen Feind mehr machte, dann würde er eben gehen.
Zumindest klang das in der Theorie recht einfach. Aber einem Fremden eines seiner größten Geheimnisse offen zu legen, nur, weil man… naja… es nicht mehr aushielt? Eine seltsame Vorstellung, die zu seinem eigentlichen Verhalten nicht passen wollte.

Trotzdem. Etwas in ihm drängte ihn dazu. Er hörte selten auf solche Gefühle und Eingebungen, aber er hatte nie versucht herauszufinden, was geschah, wenn man sich nicht dagegen wehrte. Vielleicht war es an der Zeit.
Sein beschleunigter Herzschlag war ihm Zeichen genug dafür, dass es ihm keine Ruhe lassen würde. Irgendwas sagte ihm, dass es nicht so kommen würde, wie er befürchtete. Es wäre leichter, sich diesbezüglich ein Bild von Scott zu machen, wenn er ihm dabei in die Augen sehen könnte.
Er war bereits über einhundert Jahre alt. Da hatte er in viele Gesichter geblickt und gelernt, die Anzeichen für ihre Gedanken zu erkennen. Bei Scott war das unmöglich und vielleicht war auch das ein Grund, wieso sich sein Kopf so viel mit ihm beschäftigen wollte.

Scheiß drauf… so komm ich nicht weiter‘, sagte er sich selbst. Wenn ihn die meisten, denen er begegnete, sowieso schon als Tier bezeichneten, dann würde er jetzt ganz einfach das Tier sein, das seinen Instinkten folgte.
Er verbot sich jede Zurückhaltung, als er nach Scott griff und ihn zu sich zog. Vor fremden Augen brauchte er keine Angst haben, denn seine Sinne würden jeden verraten, der hier nachts noch aktiv war. Für den Bruchteil einer Sekunde, konnte er das überraschte Keuchen des Jüngeren hören, erstickte dieses aber, in dem er – nicht sonderlich leidenschaftlich – ihre Lippen aufeinanderpresste und sich innerlich darauf gefasst machte, eine verpasst zu bekommen.
Seine rasche Einschätzung über Scott verriet ihm, dass er entweder nicht auf Männer stand oder, sollte es insgeheim tatsächlich so sein, er das niemals zugeben würde. Seinen Kraftvorteil nutzte er aus, als er spürte, dass er weggedrückt wurde. Nicht, dass er ihn wirklich zu irgendwas zwingen wollte…
Ach einen Scheiß… natürlich willst du das…‘ Er wollte sogar viel mehr. Aber das bedeutete nicht, dass er sich das mit aller Gewalt holen würde. So war er ganz sicher nicht. Doch wie er es unbewusst geahnt hatte, ließ Scotts Widerstand zwei Sekunden später nach.

Also doch. Das hätte er von ihm gar nicht erwartet. Vor allem nicht nach ihren Wortgefechten, die in kurzer Zeit eine beachtliche Häufigkeit angenommen hatten. Am liebsten hätte er noch etwas gewartet, bevor er ihn wieder losließ, aber langsam sollten sie Luft holen.
Er war sich nicht sicher, was er mit dieser Aktion ausgelöst hatte. Wenn Scott tatsächlich so war, wie er es sich von ihm einreden wollte, dann könnte er ihm mit diesem Wissen ziemlichen Ärger machen. Es war ein Risiko gewesen, das zu tun. Aber ein Risiko, das er aus irgendeinem ihm unerfindlichen Grund hatte eingehen müssen.
Er rechnete immer noch damit, dass Scott ihm gleich Dinge sagen würde, die er lieber nicht hören wollte, auch, wenn er ihm nach den ersten zwei Sekunden nicht das Gefühl gegeben hatte, daran keinen Gefallen gefunden zu haben. Doch…

„Was war das denn?“, fragte er mehr verunsichert, als er es von ihm erwartet hätte. Und irgendwie musste er darüber fast lachen. Aber nur fast, denn wenn er bekommen wollte, wonach es ihn verlangte, sollte er ihm jetzt besser nicht das Gefühl geben, ihn nicht ernst zu nehmen. Trotzdem…
„Ein Kuss. Ich dachte, sowas kennst du in deinem Alter schon“, gab er etwas belustigt zurück und scheinbar hatte er Scott damit wirklich ein bisschen überfordert, denn seine Reaktion darauf, ließ etwas auf sich warten und fiel ganz anders aus, als normalerweise.
„Schon, nur… Warum machst du sowas?“ Das war also der etwas weniger selbstsichere Scott. Er würde lügen, wenn er behauptete, dass dieser ihm nicht gefallen würde. Er wirkte etwas unschuldiger und weit weniger überheblich. Wobei überheblich irgendwie die falsche Bezeichnung war. Es war einfach schwierig, Scott in Worte zu fassen.
Er schuldete ihm noch eine Antwort, also dachte er darüber nach und hob schließlich die Schultern. „Mir war so danach.“ Besser konnte er ihm das wirklich nicht erklären, denn es gab wohl kaum einen rationalen Grund, warum man sowas mit jemandem tat, dem man von Anfang an gezeigt hatte, nicht sonderlich mit ihm auskommen zu können.

Er würde nur zu gerne die Verwirrung und Irritation in Scotts Blick sehen können. Wenigstens die nachdenkliche Falte auf seiner Stirn bewies, dass es in ihm arbeitete und er wüsste zu gerne, was ihm gerade durch den Kopf ging.
„Dir war danach? Ich dachte du kannst mich nicht leiden?“, wunderte Scott sich auch weiterhin. Verständlicherweise. Wie sollte er ihm das auch vernünftig erklären? Ihm war jetzt auch eigentlich gar nicht danach zu reden. Eigentlich wollte er lieber ganz andere Dinge tun.
„Kann ich auch nicht. Noch nicht“, meinte er also. Ihm war schon bewusst, dass ihm das nicht unbedingt dabei half, Klarheit zwischen ihnen zu schaffen. Darum ignorierte er seine Gefühle ja auch meistens. Weil es kompliziert war, über sie reden zu wollen.
Scott war deutlich anzusehen, dass ihn diese Art ihrer Unterhaltung verwirrte. Er wusste nicht, wie er ihm das besser erklären könnte. Natürlich war es nicht sein bester Einfall gewesen, ihn so zu überfallen. Vielleicht sollte er das wirklich auf das Tier in sich schieben, um es sich leichter zu machen, aber…

Die Wahrheit war eine andere. Wenn er ehrlich war, dann… Wie sollte er das beschreiben? Er hatte das Gefühl, Scott irgendwann schon einmal begegnet zu sein. Seit er hier war und er hatte befürchtet, dass der Jüngere mehr über ihn wissen könnte. Dann war ihm in den Sinn gekommen, dass er ihn vielleicht nur ausnutzen wollte, um endlich mehr über seine Vergangenheit zu erfahren.
Das war es aber auch nicht, was er im Sinn hatte. Denn wenn er ganz genau auf sich selbst hörte, auf das, was in ihm vor sich ging, dann ging es dabei nicht um Wissen, sondern um Vertrautheit und irgendwas war ihm vertraut, wenn er sich mit Scott stritt. Er kam sich dann… eigenartig normal vor, wenn man bedachte, dass ansonsten nichts in seinem Leben normal war.
Er wünschte, er könnte diese Gedanken auch in entsprechende Worte fassen. Er wusste, was er wollte, aber er glaubte nicht, dass er es bekommen konnte, bevor sie nicht ausführlich über alles geredet hatten. Er hob also den Stoff wieder auf, den er hatte fallen lassen, als er Scott so überfiel und würde sich dann widerwillig seinem eigentlichen Vorhaben widmen, doch dazu kam er gar nicht.

Anscheinend musste Scott erstmal rausfinden, ob ihm das, was sie eben getan hatten, wirklich gefallen hatte. Anders konnte er sich nicht erklären, warum er diese seltsame Aktion unbedingt widerholen wollte. Sein extrem feines Gehör konnte ihre beiden Herzschläge überdeutlich laut hören. Wenigstens diese Anzeichen konnte er deutlich erkennen, wenn er ihm schon niemals in die Augen blicken konnte.
Er spürte eine gewisse Hektik, eine Nervosität in dem Jüngeren. Das überraschte ihn nicht. Es passierte wohl nicht alle Tage, dass sich zwei, die wie sie beide waren, begegneten und daraus so etwas entstand. Auf jeden Fall war Scott doch etwas kräftiger, als er es ihm der Statur nach zugetraut hätte. Es war nämlich nicht allein seiner eigenen Überraschung geschuldet, dass er sich von ihm ein kleines Stück nach hinten drängen ließ.
Vielleicht konnten sie das Reden doch noch auf morgen oder so verschieben. Vielleicht konnte er ihm später noch versuchen zu erklären, was diese Gefühle bei ihm ausgelöst hatte. Denn jetzt wollte er lieber an nichts mehr davon denken. Nur noch daran, dass sie den dunklen Flur besser verlassen sollten. Es wäre schwer, sich trotz geschärfter Sinne noch auf die Umgebung zu konzentrieren, wenn er das hier tat.

Er tastete mit einer Hand nach der Klinke seiner Tür, während er nicht eine Sekunde von Scott ablassen konnte. Den Stofffetzen schob er mit dem Fuß lieber zuerst durch den Spalt – er hatte das olle Teil schon wieder fallen lassen – denn er wollte lieber nicht erklären müssen, was das direkt vor seiner Tür machte. Dann schob er sich rückwärts selbst hindurch und zog Scott einfach mit sich. Nicht, dass er diesmal auch nur den Versuch unternahm, sich ihm widersetzen zu wollen.
Das entwickelte sich in eine Richtung, mit der er im Leben nicht gerechnet hätte und es war irgendwie beruhigend, dass ihn auch nach so vielen Jahren noch Dinge überraschen konnten. Er hatte das hier schon ewig nicht mehr getan. Aus verschiedenen Gründen. Weil er das Gefühl hatte, diese Welt nicht mehr zu verstehen, weil er kaum noch jemanden traf, mit dem er seine Gedanken überhaupt teilen wollte.
Niemand hatte heute noch solche Erinnerungen, wie er. Niemand hatte die Zeiten erlebt, die er erlebte. Und er hatte schon viele verloren, die ihm einst wichtig gewesen waren. Es gab so viele Gründe, sich auf niemanden einzulassen, aber das Gute hieran war, dass es ja eigentlich Scott war, der sich auf ihn eingelassen hatte.

Nichts, worüber er jetzt noch großartig nachdenken würde. Was er vor sich hatte war viel zu gut, um sich noch auf irgendwas Anderes zu konzentrieren. Es war so lange her, dass er warmen Atem auf seiner Haut gespürt hatte oder fremde Hände, fremde Lippen.
Es war lange her, dass er seine Klamotten so unachtsam zu Boden geworfen hatte, dass jemand anderes in der Nacht seine volle Aufmerksamkeit bekommen hatte. Vielleicht hätte er noch eine Sekunde darüber nachdenken sollen, wohin sie das führen sollte. Immerhin würden sie das wohl kaum irgendwem sagen können und…
Hör auf nachzudenken…‘ Und das tat er auch, als sich Scotts Finger tiefer in seine Muskeln gruben, als er von ihm erwartet hätte. Das könnte seine beste Nacht seit Jahren werden, da war kein Platz, um sich ablenken zu lassen.
Er gab dem unnachgiebigen Drängen also nach, als er sich über ihn beugte, seinen Größenvorteil ausspielte. So nahe war er ewig niemandem mehr gekommen…


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Vielleicht sollte er sich mal auf geistige Unzurechnungsfähigkeit untersuchen lassen. Anders konnte er doch niemals erklären, warum er das hier tat. Ausgerechnet mit ihm! Vermutlich war das ein Fehler, aber im Augenblick fiel es ihm schwer, diesen einzusehen und zu bereuen. Weil es genau das war, was er nicht erwartet, aber irgendwie gewollt hatte.
Solche seltsamen Dinge hatte er seit der High-School nicht mehr gefühlt. Es war eigenartig, dass ausgerechnet Logan sowas auslösen konnte. Wobei eigenartig ein viel zu harmloses Wort dafür war. Es war in höchstem Maße verwirrend, wenn er es sich genau überlegte.
Ob er schon an sowas gedacht hatte, als… Nein, er würde sich jetzt nicht mit sowas auseinandersetzen. Der Kopf war einem nur im Weg, wenn man so erregt war, egal wie peinlich es auch sein mochte, das zuzugeben. Es war fast ein Fluch, dass man die Gedanken niemals vollkommen zum Schweigen bringen konnte, aber man konnte dafür sorgen, dass sie leiser wurden.

Dass Logans Oberarme sich eher wie Stahlseile anfühlten, die sich um ihn schlossen, war nicht unbedingt hilfreich, um seine Nervosität abzulegen. Der Ältere hatte sie bestimmt schon bemerkt und das ärgerte ihn ein wenig. Er fühlte sich ein etwas unterlegen und das war keine Erfahrung, die er bislang gemacht hatte.
Ihm blieb gar nichts Anderes übrig, als den stummen Aufforderungen nachzukommen und seltsamerweise störte ihn das auch nicht besonders. Es war nicht so, wie sonst. Es war etwas Anderes. Unmöglich zu beschreiben oder vielleicht sogar genau das, wonach er unbewusst gesucht hatte.
Alles Gedanken, die ihm zwar kamen, aber genauso schnell wieder weg waren. Es hatte schon eine Weile niemand mehr geschafft, ihn so aus dem Konzept zu bringen. Erstrecht kein Kerl. Darauf hatte er sich ewig nicht mehr eingelassen und es eher auf eine spätpubertäre Phase geschoben, als dass es ihm damit wirklich ernst war.

Offensichtlich ein Fehler, sonst würde ihm das hier sicher nicht so gefallen. Ihm kam der Gedanke, dass es ihm nicht so sehr gefallen sollte. Etwas in ihm, wollte sich immer noch widersetzen. Das war schon damals so gewesen.
Dennoch hielt er Logan nicht davon ab, weiterzugehen, auch, wenn er leise murmelte: „Das ist eine dumme Idee…“ Sein Atem ging fiel zu schwer, als dass er irgendwie überzeugend klingen könnte. Sein Körper verriet viel zu deutlich, dass er jetzt nicht mehr abbrechen würde.
„Das ist es…“, wurde ihm leise geantwortet und auch in der dunklen Stimme fanden sich keine Anzeichen dafür, dass er wirklich aufhören wollte. Er biss sich lieber auf die Lippe, bevor ihm noch mehr Unsinnigkeiten darüber huschen konnten.

Logan war auf ihm zum Liegen gekommen und seine Hände strichen über seinen ganzen Körper, griffen fester zu. Der Ältere löste die Lippen von seinen und bahnte sich mit diesen einen Weg über seinen Hals, über sein Schlüsselbein. Er schloss eine Hand um ihn, als er tiefer kam, während Zähne und Zunge seine Haut in Beschlag nahmen.
Er wand sich unter ihm, zog mit seinen Fingernägeln Streifen über Logans Rücken, ohne darauf zu achten. Nichts passierte mehr in dem Bewusstsein, es zu tun.
Die Lippen des Älteren wanderten wieder nach oben und nahmen erneut seinen Mund in Beschlag. Er ließ eine Hand zwischen ihren Körpern hinunter wandern, um ebenfalls mehr von ihm spüren zu können, ihn ein wenig zu reizen.

Fast wünschte er, dass er sich ein wenig betrunken hätte, bevor sie auf so eine Idee kamen. So fürchtete er fast ein bisschen, dass Logan seine Aufregung bemerken könnte. Es war schließlich schon lange her und… Und eigentlich war er nie derjenige, der unten lag.
Er unternahm zwar den Versuch, sie zu drehen, die Oberhand zu gewinnen, um sich hierbei wieder etwas sicherer zu fühlen, aber er musste einsehen, dass Logan das nicht zulassen würde. Er zweifelte ein wenig, ob er das konnte, aber nicht lange genug, um sich einen Plan zu machen, wie er das ändern könnte.
Für Aufregung oder dergleichen wurde ihm gar keine Zeit gelassen. Logan hielt sich nicht länger mit Spielereien auf und das war ihm auch ganz recht so. Anscheinend lag ihnen beiden eine direkte Art etwas besser. Dennoch war er kurz davor, doch noch Einspruch zu erheben, als der Ältere langsam in ihn vordringen wollte.
Das würde unangenehm werden. Er hatte keine Ahnung, wie unangenehm und er wollte ihm das lieber nicht zeigen. Vermutlich konnte Logan sich seinen Teil sowieso denken, denn ihm entging gewiss nicht, dass er die Lippen fester aufeinanderpresste, um keinen Laut von sich zu geben. Glücklicherweise ließ er das aber unkommentiert.

Es war sogar noch schlimmer, als er sich das vorstellen konnte und irgendwie… Irgendwie auch nicht. Es dauerte eine Weile, sich überhaupt daran zu gewöhnen, aber obwohl der Schmerz intensiv war, veranlasste es ihn nicht dazu, dieses Vorhaben zu beenden.
Er war nur froh, dass sie nicht darüber reden mussten. Es erschien ihm mit dem Älteren einfach unkomplizierter zu sein. Und irgendwann war es gar nicht mehr so unangenehm und er konnte alles um sich herum wieder vergessen.
Er konnte Logan aufstöhnen hören, als dieser den Griff um ihn festigte. Es fühlte sich immer noch etwas seltsam an, aber vielleicht war auch das der Reiz des Ganzen. Dass es anders war und ungewohnt…

Er konnte seine Hände nicht stillhalten, während Logan kräftiger zuzustoßen begann. Die Enge trieb auch ihm langsam den Schweiß auf die Haut und an seinen schnellen Atemzügen war zu erkennen, dass er das auch nicht mehr lange aushalten würde.
Die Reibungen waren mehr als heftig und sie hatten in ihrer Eile nicht einmal einen Gedanken daran verschwendet, ein Kondom zu benutzen. Das war vermutlich auch nicht nötig, nicht in ihrem Fall, aber durchaus ein Leichtsinn, den er sich früher nicht geleistet hätte. Dadurch fühlte sich allerdings auch alles deutlich intensiver an.
Es verschaffte ihm einen kleinen Vorteil, dass er Logan beobachten konnte, ohne selbst gesehen zu werden. Der Ältere konnte nie wissen, wo seine Augen gerade waren. Anderenfalls hätte er es niemals geschafft, den Blick solange auf ihn zu richten und festzustellen, dass ihm mehr an ihm gefiel, als er eigentlich zugeben wollte.
Irgendwann konnte er ihm allerdings nicht mehr standhalten. Seine Hände gruben sich tief in den Stoff – vermutlich die Bettdecke – unter ihm, als er mit einem Aufschrei, den er nicht hatte zurückhalten können, seinen Kopf in den Nacken warf. Er pulsierte, wurde enger um Logan. Ehe dieser etwas dagegen tun konnte, stöhnte er ebenfalls auf.


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Minuten später lagen sie beide schweratmend auf dem Rücken und starrten an die Decke. Keiner von ihnen wagte es, das erste Wort herauszubringen. Was sollten sie jetzt auch zu einander sagen? Eigentlich hatte keiner von ihnen gewollt, dass sie sich überhaupt so nahekamen und nun war es einfach passiert. Auf so unerklärliche Art und Weise…
Obwohl sie es einander wohl erklären könnten. Wenn sie sich nicht beide so schwer mit sowas tun würden. Keiner von ihnen war sich so ganz sicher, was das zu bedeuten hatte, ob das nur Sex gewesen war, ob sie das wiederholen sollten oder ob daraus jemals mehr entstehen könnte. Es war merkwürdig genug, dass es überhaupt so gekommen war.
Sie hatten darauf verzichtet, eng umschlungen unter der Bettdecke zu liegen, weil sie sich nach ihrem beiderseitigen Höhepunkt nicht mehr so sicher gewesen waren, wie weit sie gehen wollten. Seitdem herrschte diese Stille zwischen ihnen.

Schließlich war es doch Logan, der versuchte, das was sie getan hatten, irgendwie in Worte zu fassen. Er war der Ältere, der… deutlich Ältere, von ihnen und möglicherweise hatte er deshalb das Gefühl, jetzt unbedingt etwas loswerden zu müssen, als er nur meinte: „Das war…“ Er suchte nach einem Wort, mit dem er es beschreiben könnte und fand doch keins.
„Wahnsinn“, beendete Scott daher für ihn und Logan fiel auf, dass es ein bisschen unfair war, dass er, obwohl er die deutlich höhere Ausdauer von ihnen hatte, trotzdem genauso fertig klang, wie der Jüngere in diesem Moment.
Dennoch musste er bestätigend nicken. „Ja… das war es.“ Anders konnte man das wohl wirklich nicht beschreiben. Und weiterhin starrten sie nur an die Decke und wussten nicht so genau, wie sie jetzt weitermachen sollten.

„Ich kann dich nicht leiden“, stellte Scott irgendwann klar, wobei es gar nicht so klang, wie es wohl sollte. Es sollte eine Richtigstellung werden. Dass sowas wie Liebe unmöglich zwischen ihnen passieren konnte, aber es klang eher wie eine normale Feststellung, die sich jeder Zeit entkräften ließ.
„Ich dich auch nicht“, gab Logan zurück und das klang ebenso wenig überzeugend. Irgendwas hatten sie also gehörig falsch gemacht, aber der Sex konnte es unmöglich sein, denn…
„Aber… der Sex ist ziemlich gut“, ging Scott gar nicht weiter auf Logans Worte ein und klang dabei recht nachdenklich. Der Ältere wusste, dass er dabei war, abzuwägen, was das jetzt für sie bedeuten sollte. Er war sich ziemlich sicher, dass sie keine endgültige Antwort finden würden. Nicht heute zumindest. Aber es schadete wohl nicht, sich mal zu überlegen, was hier eigentlich passiert war.
„Allerdings“, stimmte Logan ihm also zu. Vielleicht würde Scott das ja dabei helfen, eine Antwort zu finden, doch dann konnte er es natürlich auch wieder nicht lassen. „Also wenn’s dir hilft, dann besorg ich’s dir wieder, wenn du zickig wirst.“

Obwohl er es nicht sehen konnte wusste er genau, dass Scott hinter seinem Visier gerade die Augen verdrehte. „Du bist ein Idiot“, ließ er ihn wissen, wobei er sich nach wie vor nicht so bestimmt und sicher anhörte, wie Logan es von ihm erwartet hätte.
„Du bist ein Arsch“, stellte der Ältere dabei fest, da er den Idioten ja nicht einfach auf sich sitzen lassen konnte und diesmal mussten sie sogar beide ein bisschen darüber schmunzeln.
Das hier war an Merkwürdigkeit wohl kaum zu überbieten. Aber Fakt war, dass ihnen beiden gefallen hatte, was sie getan hatten. Logan legte die Arme unter seinen Kopf und überlegte, was man am besten tun sollte, wenn man extrem guten Sex mit jemandem hatte, den man nicht leiden konnte…

Sollte er lernen, ihn doch leiden zu können? Oder sollten sie einfach dabeibleiben, miteinander zu schlafen, wenn ihnen der Sinn danach stand? Es war kompliziert. Zumindest würde es kompliziert werden, wenn irgendwann doch Gefühle im Spiel waren. Oder waren sie das schon und sie beide waren nur zu blöd, um das zu erkennen?
Gedanken, die Scott sich ebenso machte. Wieder schwiegen sie minutenlang, während sie an die Decke starrten. Schließlich gab Scott die Frage Preis, die ihm seit einer Weile auf den Lippen brannte. „Das wird wieder passieren, oder?“
Logan wollte lieber gründlich darüber nachdenken, aber er kannte die Antwort ja bereits, also wandte er den Kopf in Scotts Richtung, wartete, bis dieser es bemerkte und es ihm gleichtat und meinte schließlich: „Das wird es.“

Scott nahm das erst einmal zur Kenntnis, nickte und sie richteten ihre Blicke wieder nach oben. Wieder Schweigen. Wahrscheinlich schwiegen sie sich inzwischen länger an, als dass sie miteinander geschlafen hatten, aber es war eben nicht einfach, daraus seine Schlüsse zu ziehen.
Die Frage, die sich ihnen nun also stellte war, ob das eine Beziehung werden konnte oder nicht. Allerdings war keiner von ihnen in der Lage, diese Frage auch nur ansatzweise zu beantworten. Aber möglicherweise ließ sich das ja herausfinden…
„Vielleicht kann ich dich ja irgendwann leiden“, gab Logan irgendwann zu bedenken. Das erschien ihm gerade etwas unwahrscheinlich, aber wie wahrscheinlich war es ihm erschienen, dass er mit Scott schlafen würde?
„Ja… vielleicht kann ich dich irgendwann auch leiden“, stimmte der Jüngere ihm aber erst einmal zu. Das war schon ein gewaltiger Schritt für die Sticheleien, zu denen sie eigentlich fähig waren.

Und wer wusste schon, was passierte? Keiner von ihnen konnte es an diesem Punkt sagen, aber… Sie hatten Zeit. Zeit, um mehr über einander zu erfahren. Zeit, sich besser kennenzulernen, zu sehen, wie sie mit einander umgehen mussten.
Viel mehr hatten sie sich für heute nicht zu sagen. Logan wollte Scott natürlich nicht einfach vor die Tür setzen, aber irgendwann ging er ganz von selbst. Sie schafften es nicht, sich heute Nacht noch einmal etwas näher zu kommen. Von Romantik würde bei ihnen gewiss niemals die Rede sein.
Dennoch lag später keiner von ihnen mit Unbehagen in seinem Bett. Es war kein Fehler, den sie begangen hatten. Darauf hatten sie sich einigen können. Es war auch keine Dummheit gewesen, denn sie bereuten es nicht. Es war etwas Anderes. Etwas, dem sie noch auf den Grund gehen mussten, aber eines war es ganz klar in jedem Fall gewesen.
Unerwartet.
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