Reardon Manor

von ellinor
GeschichteRomanze, Fantasy / P18
16.01.2019
15.03.2019
17
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Schlinge


Belustigt sah Letho zu der kleinen Frau auf. So unauffällig wie sie sich meist verhielt, so kam doch manchmal eine ausgewachsene Wölfin in ihr zum Vorschein. Sein Arm war eigentlich nicht der Rede wert, nichts was ein Schluck Schwalbe nicht richten könnte, doch ein egoistischer Teil in ihm wollte das Angebot nicht ausschlagen – wobei es sowieso eher ein Befehl gewesen war. Kat genügte der ausbleibende Widerstand offenbar als Einladung, denn sie überbrückte die restliche Distanz und kniete sich neben ihn. Er verstaute den schmutzigen Lappen und steckte das Silberschwert zurück in die Scheide, dann beobachtete er, was Kat an seinem Arm trieb. Schwalbe konnte warten.

Falls ein Teil in ihm gehofft hatte, dass sie besonders langsam oder gar zärtlich arbeiten würde, die Salbe mit warmen Händen länger als notwendig einmassieren würde und ihm dabei so nahe käme, dass er die Poren ihrer Haut zählen könnte, so hatte sich dieser Teil gehörig geschnitten. Ihre Pfoten waren eiskalt und der Rest von ihr deutlich zu weit entfernt, um auch nur irgendeinen unzüchtigen Gedanken aufkommen zu lassen. Beinahe enttäuscht beobachtete Letho, wie sie mit der größten Professionalität, die eine Anfängerin aufbringen konnte, arbeitete. Sie reinigte die Wunde mit klarem Brunnenwasser, das sie am Morgen mitgenommen hatten, bis alles Blut und aller Dreck abgewaschen waren. Danach tupfte sie die Salbe auf die vier großen Kratzspuren und legte den blütenreinen Verband an. Ordentlich verknotete sie die Enden unterhalb seines Bizeps‘. Das alles dauerte weniger als fünf Minuten.
„Sehr gut, danke“, brummte er, als sie ihre eisigen Finger zurückzog.
„Echt?“
Kats bass erstaunter Gesichtsausdruck brachte ihn leicht aus dem Konzept. Dann hellte sich ihre Miene schlagartig auf und sie sah glücklich auf ihren Verband an seinem Arm.
„Ich dachte schon, er wäre wieder zu locker …“
„Ja, könnte etwas straffer sein beim nächsten Mal“, ruderte er zurück.
Kat zog grinsend eine Augenbraue hoch und schüttelte den Kopf.
„Zu spät … du hast mich schon gelobt.“
Ihr süffisantes Lächeln hätte Geralt alle Ehre gemacht. In solchen Momenten wurde Letho wieder bewusst, dass Kat eine Banditin und keine zurechtgestutzte Hochwohlgeborene war.
„Schweig, du unverschämtes Weibsbild“, murrte er halb im Scherz.
Unter normalen Umständen wäre er vermutlich an die Decke gegangen, hätte Gift und Galle gespuckt und den ganzen Abend schlechte Laune gehabt, doch irgendwie hatten ihm die Nachwirkung des erfolgreichen Kampfes und Kats Lächeln den Wind aus den Segeln genommen. Er kramte in seiner Gürteltasche nach dem Trank.
Seine kleine Heilkundige wandte sich lachend ab und begann, nach altem, trocknem Holz für ein kleines Feuer zu suchen. Das Risiko in den Sümpfen durch das Feuer entdeckt zu werden war geringer, als sich mit der nassen Kleidung den Tod zu holen – zumindest für sie.


Der Weg nach Süden zog sich zähflüssig wie Honig dahin. Letho hatte nichts anderes erwartet. Vor allem jetzt, da sie der nilfgaardischen Front empfindlich nahekamen, mussten sie unglaublich vorsichtig sein, nicht versehentlich einer Patrouille in die Arme zu laufen. Selten schafften sie es, mehr als elf Meilen pro Tag abseits der Wege durch unwegsames Gelände zu marschieren. Immerhin hatten sie die Sümpfe vor zwei Tagen hinter sich gelassen und mit festem Boden unter den Füßen kamen sie in der gleichen Zeit nun fast doppelt so weit. Es entsprach trotzdem nicht dem Tempo, das Letho gerne hingelegt hätte, um diesem Pulverfass von Land zu entkommen, das sie durchquerten. Er schwor sich, ein Pferd zu kaufen, sobald sie weit genug vom Kriegsgebiet entfernt waren.
Kat konnte er jedoch keinen Vorwurf machen. Das Mädchen war widerstandsfähiger als altes Leder und ausdauernder als er es angesichts ihres verwahrlosten Zustands vermutet hätte. Sie beschwerte sich nicht, lief ihm brav hinterher und brachte sich rechtzeitig in Sicherheit, wenn sie auf ein Wolfsrudel oder eine Gruppe Nekker stießen und einen Kampf nicht vermeiden konnten.
Vor Jahren war er schon einmal mit einer Frau gereist, um diese in Sicherheit zu bringen: Yennefer von Vengerberg. Ein Gefallen für Geralt. Schon allein bei dem Gedanken daran, bekam er schlechte Laune. Diese verdammte Magierin hatte in ihm nicht mehr als einen menschlichen Schutzschild gesehen, der nebenbei auch nach dafür zu sorgen hatte, dass sie ja jede Nacht in einem Gasthof abstiegen, statt in Sicherheit abseits der Wege zu lagern. Gut, die Zeiten waren damals noch andere gewesen und sie hatten sich einigermaßen ungestört über die Straßen bewegen können, aber diese ätzende Eitelkeit und die kühle Berechnung, die Yennefer so offen zutage trug wie eine besonders hübsche Halskette, hatte ihn fast zur Weißglut getrieben. Die Vorstellung mit ihr im Schlepptau durch ein hüfthohes Moor zu stapfen war lächerlich absurd.

Der Hexer streckte seine Beine aus und ließ sich die Morgensonne ins Gesicht scheinen. Kat lag ein Stück entfernt neben den schwelenden Resten ihres Lagerfeuers, dick in ihre Pferdedecke gewickelt, und schlief noch. Er würde sie schlafen lassen bis es Zeit war aufzubrechen. Während seiner Wache in der zweiten Hälfte der Nacht hatte er mitbekommen, dass sie ewig nicht eingeschlafen war. Es war kalt geworden. Man konnte so dicke Decken haben, wie man wollte und so nah am Feuer liegen, dass man sie mit Brandlöchern ruinierte: Unter freiem Himmel behielt einen der erste Frost des Jahres eisern im Griff.
Noch ein Grund möglichst schnell nach Süden zu kommen.
Momentan hielten sie sich eher südwestlich, versuchten Abstand zu Vizima zu halten. Letho hatte gehört, dass sogar der Kaiser höchstselbst dort residieren sollte und ein erneutes Treffen mit diesem Bastard würde damit enden, dass sein eigener Kopf in einer hübschen, nilfgaardischen Schlinge steckte. Er hatte dementsprechend beschlossen, ihre Vorräte erst wieder in Maribor aufzustocken, wo man ihn hoffentlich in Frieden lassen würde.
Eine Bewegung verriet, dass Kat aufgewacht war. Blinzelnd setzte sie sich auf in zog fröstelnd die Decke enger um sich. Das Lagerfeuer, neben das sie sich gestern gelegt hatte, war nicht mehr als ein lauwarmer Haufen Asche.
„Ich bin müder als gestern Abend“, beschwerte sich Kat, nachdem sie ihm einen guten Morgen gewünscht hatte.
So sah sie auch aus. Dunkle Ringe lagen unter ihren Augen und ihr Körper glich einem Weidenast, so dünn und sehnig war sie von der Lauferei geworden.
„Besser müde als hungrig“, entgegnete Letho und warf ihr das letzte Stück Brot zu, das sie noch aus Niederwirr hatten.
Kat hob es vom Boden auf, weil sie nicht fangen konnte und machte sich hungrig darüber her.
„Wie viel haben wir noch?“, fragte sie kauend.
„Genug für eine Woche und wenn wir sparen auch für zwei. Außerdem will ich heute jagen, falls wir die Zeit finden.“
Sie nickte.
„Das klingt traumhaft! Worauf warten wir noch?“
Das war der Frage, die sie jeden Morgen stellte. Sie gehörte genauso zur Routine, wie alles, was danach folgte: Kat stopfte sich das letzte Stück ihres Frühstücks in den Mund und erhob sich von ihrem Nachtlager. Letho stand ebenfalls auf und machte sich daran, sein Gepäck zu verschnüren. Diese Prozedur war immer dieselbe. Schweigend brachen sie ihr Lager ab, packten ihre Sachen, verwischten ihre Spuren und waren auf dem Weg, bevor sich die Sonne endgültig über die Wipfel des Waldes erhob.

Dass an diesem Tag so gutes Wetter war wie seit langem nicht mehr, sorgte dafür, dass sie in den ersten Stunden besonders schnell vorankamen. Der Wald in dieser Gegend war licht, hübsch und bis unter die Baumkronen voll mit Wildtieren, kein Vergleich zu dem unwirtlichen Gestrüpp in Velen. Menschen waren auch weit und breit weder zu sehen noch zu riechen noch zu hören, wie er immer wieder sicherheitshalber überprüfte.

Gegen Mittag legten sie eine Rast an einem Bachlauf ein. Sie mussten dringend ihre Wasserschläuche wieder auffüllen und einer so klaren Quelle waren sie seit Tagen nicht begegnet. Und da sie auch mit ihren Vorräten nicht verschwenderisch haushalten durften, beschloss Letho die Rast zu nutzen, um die geplante Jagd in die Tat umzusetzen. Kat blieb zurück und schürte ein kleines Feuer, dass sie nicht lange warten würden müssen, bis sie die Beute zubereiten konnten. Die Armbrust über der Schulter, verschwand er wieder im Wald.


Eine ganze Weile hockte er nun schon im Unterholz vor einer Lichtung und wartete, bis sich einer der Hasen wieder aus dem Bau trauen würde. Er hatte ihre Spuren bis hierher verfolgt und sich dann gegen den Wind genähert, damit die einträchtige Hasenfamilie, die in der Sonne das spärliche Gras mümmelte, ihn nicht bemerkte. Blöderweise hatte etwas entfernt hinter ihm ein größeres Tier geraschelt, woraufhin seine Beute aufgescheucht wurde und sich blitzschnell in sämtliche Löcher verkroch. Und jetzt hockte er hier. Und wartete. Und wartete. Er kam sich vor wie diese biestigen Katzen, die mit Engelsgeduld vor Mauselöchern saßen, wenn sie nicht gerade damit beschäftigt waren, ihn anzufauchen, wenn er sie von einer Bank in der Taverne schmiss, auf die er sich gerade setzen wollte.
Endlich sah er eine kleine braune Nase vorsichtig schnuppern. Kurz darauf folgte der Rest des Hasen. Mit scheuer Vorsicht hoppelte das erste Tier langsam wieder aus seinem Bau. Letho überprüfte seine Armbrust. Nur noch ein paar Meter, dann wäre er perfekt in seiner Schussbahn.

Es war eine schreckliche Ironie des Schicksals, dass Letho nicht der Einzige war, der an diesem Mittag jagte. Denn sowie er sich einige Zentimeter bewegte, um in eine bessere Position zu gelangen, kam er in die perfekte Schussbahn eines anderen Jägers, der genauso lang in seiner Position ausgeharrt hatte, und auf den passenden Moment gewartet hatte. Dieser Jäger war vorbereitet. Er hätte es fast vermasselt mit seinem Rascheln, als er seine Beute verfolgt hatte, doch glücklicherweise war nur die Beute der Beute davon alarmiert gewesen. Wenn er es jetzt versaute, setzte er nicht nur tausende Kronen in den Sand, sondern verwirkte auch garantiert sein eigenes Leben. Seine Komplizen warteten ein Stück entfernt im Dickicht auf den Ausgang seiner Jagd, aber er würde sicher nicht scheitern. Ruhig und präzise hob er die Armbrust an. Das Hemd unter seinem Lederwams war an den Ärmeln umgeschlagen und gab den Blick auf die Tattoos eines ehemaligen Seemanns frei. Er zielte.

Letho brüllte röhrend auf – halb vor Überraschung, halb vor Schmerz – als ihn der Bolzen von hinten in die rechte Schulter traf. Hastig sprang er auf die Beine und wirbelte herum. Wie hatte sich jemand unbemerkt an ihn anschleichen können? Geradezu reflexartig wirkte er Quen, um sich vor etwaigen weiteren Angriffen zu schützen, doch der Wald hinter ihm war still und friedlich.
„Komm raus du elender Hurensohn“, fluchte er derb in keine bestimmte Richtung.
Mit seinen scharfen Sinnen suchte er die Umgebung ab, in der gottverdammte Feigling sitzen musste, der zudem nicht schießen konnte. Den Schmerz in seiner Schulter nahm er kaum wahr, so sehr peitschte das Adrenalin durch seine Adern. Er hatte gerade den Schützen einige Meter entfernt im Unterholz entdeckt, als weiter hinten Leben in den Wald kam: Eine ganze Horde Männer hatte sich aus dem Schatten gelöst und kam nun, mit Keulen, Schwertern und Schilden bewaffnet, auf ihn zugestürmt. Letho wich einige Schritte zurück, als ihm klar wurde, dass er in einen Hinterhalt geraten war. Die Scheißkerle hatten ihn gefunden.
Der Schütze schoss ein zweites Mal, verfehlte den Hexer diesmal jedoch um Haaresbreite. Er nahm den Bolzen, der an ihm vorbeipfiff kaum wahr. Ihm standen zehn Männer gegenüber, die ihn mit siegessicherem Grinsen außerhalb seiner Reichweite umkreisten. Hätte der Bolzen Letho zu Anfang bedrohlich getroffen, wäre ihnen das vielleicht auch gelungen, aber so fegte er die Ersten von ihnen mit einem kräftigen Aard-Stoß von den Beinen und kam danach wie ein Berserker über sie. Wie ein Grünschnabel hatte er sich in einen Hinterhalt locken lassen und jetzt glaubten diese Bastarde ernsthaft, sie hätten eine Chance gegen ihn. Er würde sie in Stücke hacken! Jeden Einzelnen. Kontrolliert parierte er die Hiebe des offensichtlich erfahrensten Schwertkämpfers unter ihnen. Sein Schutzschild war schon zersprungen unter einem Seitenhieb eines schmächtigen Bürschchens, der jetzt gekrümmt und schreiend auf dem Boden lag und seinen blutenden Bauch hielt.
Trotzdem blieben noch sieben, die umso wütender ausschwärmten.
„Gib auf, Mutant! Der Kampf ist verloren“, höhnte der Größte unter ihnen.
Er schwang seine Keule provozierend hin und her.
„Lebend ist dein vernarbter Schädel mehr wert, Königsmörder“, kam es von irgendwo anders.
Darum greifen die Schwachköpfe also nur so zögerlich an, dachte Letho grimmig, während seine Gegner den Ring enger um ihn zogen.
„Na kommt, ihr Mädchen“, spie er ihnen entgegen, „Versucht es doch! Worauf wartet ihr?“
„Dass sich das Problem von selbst erledigt“, antwortete ihm der Große gefährlich leise.

Plötzlich war Letho taub. Es war, als hätte jemand ein Kissen fest auf seine Ohren gepresst und jedes Geräusch abrupt gedämpft. Nur das Pochen seines Herzens war zu hören. Schwindel erfasste den großen Hexer. Sein Blickfeld wurde dunkel an den Rändern und trübte sich. Er blinzelte, schüttelte den Kopf. Es wurde kurz besser, dann kam alles doppelt so schlimm zurück. Letho gab seine Deckung auf, senkte das Schwert, verwendete alle Energie darauf, bei Bewusstsein zu bleiben. Er verlor die Kontrolle.
'Gift', waberte es in seine Gedanken, dann wurde ihm schwarz vor Augen.
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