[Leseprobe] Eine Heimat in den Highlands

LeseprobeDrama, Romanze / P12
16.01.2019
17.01.2019
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Liebe FF.de-ler,

am 17.1.2019 erscheint mein Debutroman „Eine Heimat in den Highlands“ : www.editionoberkassel.de/produkt/eine-heimat-in-den-highlands

Eine Erlaubnis der OPs zur Veröffentlichung der Leseprobe liegt vor.

Viel Spaß beim Lesen wünscht

Morag McAdams (keren-happuch)




Eine Heimat in den Highlands



Regen fiel von einem wolkenverhangenen Himmel, trommelte gegen die Fensterscheiben und riss die letzten braunen Blätter von den Bäumen. Juliane saß auf der Bettkante und starrte in das Januargrau. Hannes schnarchte leise und sie fragte sich, weshalb sie nicht glücklich war. Vielleicht war Glück zu viel verlangt, aber Zufriedenheit sollte doch im Bereich des Möglichen liegen. Juliane seufzte leise. Das triste Wetter war nur teilweise für ihre schlechte Stimmung verantwortlich. Seit Wochen fühlte sie, dass sie in ihrem Leben dringend etwas ändern musste. Doch sie hatte es sich bequem eingerichtet. Jede andere Frau wäre zufrieden mit dem, was sie erreicht hatte.
Sie wandte den Blick von der regennassen Fensterscheibe ab und schlich aus dem Zimmer, um Hannes nicht zu wecken. Er war allerbester Stimmung eingeschlafen und hätte früh am Samstagmorgen kein Verständnis für ihre Nöte. Juliane schnaubte. Er hatte nie viel für ihre Befindlichkeiten, wie er es nannte, übrig.
Im Wohnzimmer standen noch die Weingläser auf dem Tisch. Einer von ihnen hatte abends einige Tropfen verschüttet, doch Juliane störte sich nicht daran. Es war Hannes’ Wohnung und Hannes’ fleckiger Tisch, und sie mochte eigentlich gar keinen Wein.
In der letzten Zeit hatte sie viele dieser Eigentlichs und Eigentlich-nichts entdeckt. Doch an welcher Stelle in ihrem Leben hätte sie sich anders entscheiden sollen? Welche Wahl hatte sie in diese Situation gebracht, in der sie sich selbst nicht mehr leiden konnte und ein Leben führte, das wie ein Märchen klang und sich wie ein Albtraum anfühlte?
Der billige Sperrholztisch ächzte, als Juliane ihre Füße darauf ablegte. Obwohl sie bereits vor mehr als einem Jahr bei ihrem Freund eingezogen war, wirkte die Wohnung noch immer wie die eines Junggesellen. Es gab keine Bilder an den Wänden, keinen dekorativen Nippes und nicht einmal ein Kissen auf dem Sofa. Alles war geradlinig und funktional gehalten, so wie Hannes es bevorzugte und was auch ihn selbst auszeichnete. Eigentlich fand Juliane diese Nüchternheit anziehend.
Erneut stolperte sie über dieses Wort und runzelte die Stirn, während sie überlegte, welche ihrer Entscheidungen falsch gewesen war. Nach der Schule hatte sie die Ausbildung zur Einzelhandelsfachangestellten mit Bravour bestanden. Als ihr Arbeitgeber in Insolvenz ging, hatte sie Arbeit bei einem Blumenversand gefunden, bei dem sie auch als ungelernte Kraft ein ausreichendes Gehalt bekam. Sie hatte Hannes kennengelernt und war bei ihm eingezogen. Und gestern Abend hatte sie „ja“ gesagt.
Jedes Mal war sie sicher gewesen, die richtige Wahl zu treffen. Doch nun saß sie im Wohnzimmer ihres Verlobten und sehnte sich danach, zurück auf Anfang gehen zu können.
Juliane griff nach der Fernbedienung, doch dann hielt sie inne. Würde sie sich anders entscheiden? Oder landete sie trotzdem erneut an dieser Stelle? Es war egal, entschied sie. Alles wäre besser als diese ungewisse Unzufriedenheit.
Ein besonders lautes Schnarchen von Hannes ließ sie lächeln. Eigentlich liebte sie diesen Mann.

Das orangefarbene Fahrzeug der Stadtwerke parkte mitten in der Fußgängerzone. Von ihrem Platz im Café konnten Juliane und Lara den Mann erkennen, der auf der Hebebühne stand, um die Weihnachtsbeleuchtung abzuhängen. Obwohl sie das schon oft beobachtet hatte, faszinierte es sie noch immer, dass eine so einfache Maßnahme – ein Kabel mit Lampen – eine besinnliche Stimmung hervorrufen konnte. Doch nun ging der Januar zu Ende und weder das Wetter noch ihre Gedanken luden zur Besinnlichkeit ein. Seit ihrer Verlobung am Silvesterabend war Julianes Stimmung auf dem Tiefpunkt angelangt.
„Was schenkst du Hannes zum Valentinstag?“ Ihre beste Freundin grinste ihr Smartphone an, auf dem soeben eine neue Nachricht erschienen war.
„Eine Krawatte.“
„Schon wieder?“
Juliane zuckte mit den Schultern.
„Er braucht ständig neue. Vielleicht schenke ich ihm dieses Mal eine, die er auch trägt.“
Der billige rosafarbene Schlips mit blauen Punkten war im letzten Jahr als Scherz gedacht gewesen, und Juliane lächelte kurz in Erinnerung daran, dass Hannes’ Geschenk an sie tatsächlich ein Halstuch in denselben Farben gewesen war. Sie hatten damals eindeutig zu viel Zeit in dem kleinen Café verbracht, in dem sie auch jetzt mit Lara saß und dessen Einrichtung mädchenhaft verspielt war. Sah man darüber hinweg, wie Juliane es tat, bekam man wirklich gutes Essen serviert.
Grübelnd trank sie einen Schluck ihres Tees, der genau richtig war: schwach, süß und mit einem Schuss Milch. Hannes lachte oft darüber, dass sie keinen Kaffee trank. Er war schon lange nicht mehr mit ihr hier gewesen.
Lara schob ihr Telefon in die Hosentasche und sah sie lange an.
„Was ist los?“, fragte sie schließlich.
„Nichts.“ Ertappt hielt Juliane ihr Teeglas hoch, um ihre roten Wangen zu verbergen. Sie war eine schlechte Lügnerin.
„Das funktioniert nicht“, sagte ihre Freundin in einem Singsang, den sie verabscheute.
„Es ist nichts“, beharrte sie.
„Jule, bitte.“ Natürlich hatte Lara sie durchschaut, doch Juliane wollte nicht darüber reden. Sie fürchtete, dass ihr Problem an Realität gewänne, wenn sie es ausspräche. Solange sie darüber schwieg, konnte sie es als unwichtig abtun. „Nicht jetzt, okay? Erzähl mir lieber von deinem neuen Freund.“
„Woher weißt du das?“ Juliane sah sie mit hochgezogener Auenbraue an und sie kicherte. „Schon gut.“ Dann erzählte sie von dem Mann, der ihr süße und schlüpfrige Textnachrichten schickte und dessen Namen sich Juliane nicht merken würde, weil er in wenigen Wochen bereits wieder aus Laras Leben verschwunden sein würde. Juliane hatte gelernt, das zu akzeptieren.
Ihre Freundschaft mit Lara war die einzige, die sie aus der Kindheit ins Erwachsenenalter hatte retten können, und trotz aller verschiedenen Meinungen war der Lockenkopf ihre engste Vertraute. Seit Juliane bei Hannes eingezogen war, schien sie ihre einzige Vertraute zu sein, denn der Kontakt zu anderen Freunden war eingeschlafen. Doch sie beschwerte sich nicht, denn eigentlich war ihr Hannes Freund und Vertrauter genug.

Als die Melancholie im Februar einer fieberhaften Anspannung wich, wagte Juliane es, ihren Verlobten darauf anzusprechen.
„Ich brauche Urlaub, denke ich.“
Sie hielt den Blick auf den Fernseher gerichtet, weil sie Hannes’ ungläubig überheblichen Gesichtsausdruck nicht sehen wollte. Dieselbe Miene setzte er auf, wenn ein Kunde um die Verlängerung eines ausgereizten Kredits bat.
„Im Februar ist immer viel Stress, das weißt du doch.“
„Es liegt nicht an der Arbeit.“
Hannes zappte sich durch die Werbung auf den Privatsendern und erhöhte die Lautstärke.
„Ich denke, es liegt an mir.“ Juliane schossen Tränen in die Augen und sie kämpfte darum, ihre Stimme neutral zu halten, als sie gegen die Jingles und das gestellte Lachen unechter Familien ansprechen musste. Sie sollte sich bei dem Mann, den sie heiraten wollte, sicher und wichtig genug fühlen, um seine volle Aufmerksamkeit zu bekommen. Doch stattdessen spielte sie mit und versteckte sich vor ihm.
„Immer die gleichen Blumensträuße zu binden ist natürlich nicht die tollste Arbeit“, versuchte sie eine Erklärung zu finden. „Aber das hat mich noch nie gestört. Ich weiß es doch auch nicht, Hannes!“
Er sah sie nicht an, sondern saß steif auf dem Sofa. Zwischen ihnen war so viel Platz, dass niemand den anderen berühren konnte. Juliane wusste, dass es falsch war, und sagte trotzdem:
„Vielleicht brauche ich eine Auszeit.“
Hannes stritt nicht mit ihr. Er sah sie nur mit nüchterner Distanziertheit an, als wäre sie ein seltenes Insekt.
„Wo willst du hin? Wie willst du das bezahlen? Was ist mit deiner Arbeit?“, prasselten seine Fragen auf sie hinab und sie wandte den Blick wieder zum Fernseher. Eine Figur aus Butter tanzte über den Bildschirm. Hannes wollte die Tränen nicht sehen, die über Julianes Wangen liefen, und sie tat ihm den Gefallen. Vielleicht wusste er nicht, wie er mit weinenden Frauen umgehen sollte. Das erleichterte es Juliane nicht, die verzweifelt versuchte, nicht zu schluchzen.
Vielleicht war er einfach nur ein Egoist, ging es ihr durch den Kopf und sie hob die Schultern in einer hilflosen Geste.
Lara hatte ihr empfohlen, dem Alltag zu entfliehen, und sie hatte gehofft, dass Hannes ihr zustimmte. Doch er hatte die Möglichkeit eines gemeinsamen spontanen Urlaubs durch seine Fragen bereits ausgeschlossen. Er hätte lautstark mit ihr über ihre Unvernunft diskutieren oder wenigstens echtes Interesse zeigen können. Juliane atmete hörbar aus, nachdem sie in dem Versuch, sich zu beruhigen, die Luft angehalten hatte. Sie war steif vor Wut und Enttäuschung.
Eine grüne Wiese flackerte über den Flachbildschirm, an deren äußerstem Ende die Ruine eines Schlosses stand.
„Dahin“, entschied Juliane. „Da will ich hin.“
Hannes schnaubte abfällig und verließ das Wohnzimmer.
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