Der Gefallen

GeschichteDrama, Romanze / P18
14.01.2019
26.09.2019
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Kapitel 18
Von wackligen Beinen und kleinen Unzulänglichkeiten



Laras ohnehin schon weiche Knie schienen endgültig die Konsistenz von Gelee anzunehmen, als sie Ethan dabei beobachtete, wie er sich auf ihren Roller schwang.
Plötzlich war sie sich gar nicht mehr so sicher, ob es wirklich so eine gute Idee gewesen war, auf seinen Vorschlag mit der Probefahrt einzugehen. Ihm mochte es ja vielleicht nichts ausmachen, ihr so nahe zu kommen. Aber Lara spürte das aufgeregte Wummern ihres Herzens so deutlich, dass sie schon befürchtete, er müsse es ebenfalls bemerken. Spätestens, wenn sie sich gleich hinter ihn quetschte.

„Worauf wartest du?“, wollte er auch schon mit einem kecken Lächeln auf den Lippen von ihr wissen.
Lara hätte sich dafür in den Hintern beißen können, dass sie in seiner Gegenwart mit geistiger Schnelligkeit glänzte, die dem Tempo eines Faultiers in nichts nachstand. Sie war ihm ja schon dankbar genug, dass er wegen des mangelnden Defekts keinen großen Aufriss gemacht hatte. Weitere Aussetzer sollte sie jedoch möglichst unterbinden.

Rasch, aber trotzdem darauf bedacht, zumindest ein wenig Abstand zu wahren, stieg sie zu Ethan auf den Roller. Zuerst wusste sie gar nicht, wo sie ihre Hände am besten platzieren sollte, doch wenn sie zusammen eine Probefahrt machen wollten, musste sie sich schließlich irgendwo festhalten. Zögerlich schlang sie die Arme also um Ethans Bauch und wusste nicht, ob sie es sich nur einbildete oder er sich tatsächlich versteifte, kaum, dass sie ihn berührte. Zu gerne hätte sie ihre Finger über die waschbrettartigen Vertiefungen gleiten lassen, die er zweifelsohne vorzuweisen hatte, doch stattdessen beließ sie es dabei, sich vorerst nur an seinem Shirt festzuhalten.

„Bereit?“ Ethans Stimme klang rau und nachdem Lara ihr Okay gegeben hatte, fuhr er los. Dabei nahm er so schnell an Fahrt auf, dass sie sich automatisch dichter an ihn drängen musste und ihn jetzt doch richtig festhielt. Natürlich entging ihr nicht, wie unglaublich gut er roch. Dieser zarte Hauch von frisch-herbem Duschgel gefiel ihr ungemein. Und schlagartig wurde ihr bewusst, wie lange es her war, dass sie sich zuletzt an einen Mann geschmiegt hatte. Irgendwie fehlte ihr diese körperliche Nähe.

„Alles okay?“ Ethans Rufen ließ Lara aufhorchen. Vermutlich hatte sie sich ein bisschen zu heftig an ihm festgekrallt.
Eilig lockerte sie den eisernen Griff.
„Ja, alles in Ordnung“, erwiderte sie mit nicht mehr ganz so fester Stimme und Ethan drosselte das Tempo, sodass der laue Fahrtwind ihr nun angenehm über die Haut strich.
Für einem Moment gab sie sich dem Gedanken hin, dies hier könnte ein ganz normaler Ausflug mit ihrem Freund sein. Zum Picknick oder an den See. Sie gestattete sich sogar, die Augen zu schließen und ihre Wange ganz vorsichtig an Ethans Schulterblatt zu lehnen. Instinktiv fragte sie sich, wie es wohl gelaufen wäre, wenn sie nicht eingewilligt hätte, Seans feste Freundin zu spielen. Hätte sie Ethan dann irgendwann trotzdem kennengelernt? Und noch viel wichtiger: Wäre eventuell sogar ein echtes Date drin gewesen? War sie überhaupt sein Typ?

„Sag Bescheid, wenn ich zu schnell fahre“, rief Ethan ihr zu und Lara erwischte sich bei der Frage, ob er wohl in allen Bereichen des Lebens so rücksichtsvoll sein würde. Schlagartig wurde ihr heiß und sie verspürte ein altvertrautes Pochen zwischen ihren Beinen.
„Nein, alles gut“, versicherte sie und setzte sich dann wieder schweren Herzens aufrecht hin.

:::

Nur ungern beendete Ethan die Probefahrt. Viel zu gut fühlten sich ihre zarten Hände auf seinem Bauch an. Und so war aus einer kleinen Runde um den Block dann doch etwas mehr geworden. Und das nur, weil er den Moment einfach nicht hatte enden lassen wollen. Aber irgendwann war der Vorwand besagter Testfahrt ausgereizt und so bog er schweren Herzens in die Straße, in der alles begonnen hatte und stellte den Motor ab.

Lara war die Erste, die herunterhüpfte und er sah, dass sie nicht ganz standfest auf den Beinen war. Ob das nun an der Tatsache lag, dass er anfangs ein bisschen zu schnell gefahren war, oder daran, dass sie seine Nähe ebenso genossen hatte wie er ihre, wusste er nicht. Aber er konnte sich ein Schmunzeln beim besten Willen nicht verkneifen.
Es war leicht, zu vergessen, dass sie mit Sean liiert war, wenn sie ihn so anlächelte, wie sie es gerade tat. Unverkennbar verlegen, aber mit einer Abenteuerlust in den Augen, die auch er verspürte. Schwermütig stieg er nun ebenfalls vom Roller und räusperte sich.

„Ich glaube, du kannst das Teil mit allerbestem Gewissen verkaufen“, eröffnete Ethan. „Kein Ruckeln, kein Rasseln, nichts!“
Lara wirkte zerstreut. Ein paar Haarsträhnen hatten sich aus ihrem hohen Pferdeschwanz gelöst und hingen ihr wild und verwegen in die Stirn. Am liebsten hätte er die Hand ausgestreckt und sie ihr einfach hinters Ohr gestrichen. Nur mit größter Mühe widerstand er dem Impuls, dies auch tatsächlich zu tun und wandte sich ab.
„Ich danke dir“, hörte er sie sagen.
„Ach, was.“ Er tat so, als würde er sich auf einen vorbeifahrenden Mustang konzentrieren.
Gerne wäre er noch geblieben, aber allmählich wurde es wirklich Zeit zu gehen.
„Nein, ernsthaft, das war echt nett von dir.“
Nun sah er ihr doch in die Augen, aber bevor er sich darin verlieren konnte, nickte er nur einmal kurz. „Also dann.“
Unschlüssig, was für eine Verabschiedung wohl angebracht wäre, dachte er nach. Sich die Hand zu reichen, fand er albern, aber sie zu umarmen? Nein, das war in Anbetracht seiner ambivalenten Gefühle für diese Frau doch ein bisschen zu viel des Guten. Vermutlich wäre es das Beste, wenn er einfach ging. Wie bei einem Pflaster. Je schneller man es abriss, desto besser.
„Und was machst du jetzt noch?“, fragte sie ihn hastig und kurz überlegte Ethan, ob es ihr vielleicht ähnlich ging, und sie auch noch nicht wollte, dass der Moment endete. Aber das war verrückt! Vermutlich hatte sie einfach nur ein schlechtes Gewissen, weil er für diesen Freundschaftsdienst nichts in Rechnung gestellt hatte, und schien sich dazu verpflichtet zu fühlen, wenigstens noch ein bisschen Smalltalk zu halten.
„Zu allererst mir die Hände waschen und dann vermutlich zwölf Liter trinken.“
„Wenn du möchtest …“ Sie zuckte mit den Schultern. „Ich wohne hier gleich um die Ecke. Du könntest kurz mit raufkommen. Ich hab bestimmt auch noch kalte Getränke im Kühlschrank. Ich denke, das ist das Mindeste, was ich anbieten kann, nachdem du dir solche Mühe gemacht hast.“

Ethan zögerte. So begannen in der Tat viele schlecht gemachte Pornofilme, aber wie um alles in der Welt hätte er dieses Angebot nur ausschlagen können?

:::

Was mach ich hier bloß? Die Worte hallten in Dauerschleife in Laras Kopf wider, während sie die Wohnungstür aufzuhebeln versuchte. Sie brauchte mehrere Anläufe dafür, weil das verfluchte Schloss natürlich mal wieder klemmte. Wie oft hatte sie sich schon geschworen, dem Vermieter Bescheid zu sagen oder es auf eigene Faust zu ölen?
„Soll ich helfen?“, fragte Ethan, dessen Anwesenheit sie sich nur allzu bewusst war. Fast schon war ihr, als spürte sie seinen Atem in ihrem Nacken, doch dafür hielt er eindeutig zu viel Abstand.
„Ich hab’s gleich“, presste sie hervor und siehe da: Die Tür öffnete sich. „Hereinspaziert!“ In dem kläglichen Versuch eine Unbekümmertheit an den Tag zu legen, die sie keineswegs empfand, hieß sie ihn in ihren vier Wänden willkommen und bereute es unversehens, dass sie zu nachlässig gewesen war, um aufzuräumen.
Ihre Bude strotzte nicht etwa vor Dreck, trotzdem konnte man auf den ersten Blick erkennen, dass Ordentlichkeit nicht unbedingt zu ihren Stärken zählte.
„Zu meiner Verteidigung: Ich war nicht auf Besuch eingestellt“, erklärte sie kleinlaut, als sie Ethan durch den Flur führte, und ihm im Schnelldurchlauf zeigte, dass sich zu ihrer Rechten das Badezimmer befand und gleich nebenan der Multifunktionsraum, bestehend aus Küchenzeile und reichlich zu klein geratenem Wohnbereich. Das Schlafzimmer enthielt sie ihm wohlweislich vor, auch wenn er im Vorbeigehen einen kurzen Blick darauf erhaschen konnte. Nicht mal das Bett hatte sie gemacht! Mit hochrotem Kopf lief sie voran.

„Also schön. Du weißt ja, wo das Badezimmer ist. Was möchtest du trinken?“ Sie spürte seine Augen unablässig auf sich ruhen. Abwesend öffnete sie die Kühlschranktür, um überhaupt etwas zu tun, und sagte: „Ich habe Wasser da und … Wasser. Ja, Wasser hab ich da.“ Innerlich schimpfte sie sich eine Idiotin, weil sie weder eingekauft hatte, noch zu viel mehr als solch profanen Feststellungen in der Lage war, die ihn sicherlich an ihrem Schulabschluss zweifeln ließen.
Doch Ethan nahm Laras Totalausfall offenbar mit Humor.
„Na, dann fällt die Wahl nicht ganz so schwer, würde ich sagen.“ Er grinste breit und setzte dann einen unschlüssigen Gesichtsausdruck auf. „Oder warte – ja, nein, doch. Wasser ist cool.“ Seine lustige Einlage machte Lara die eigene Unzulänglichkeit noch deutlicher bewusst. Zweifellos amüsierte er sich köstlich über ihre Planlosigkeit. Doch einsteigen konnte sie darauf nicht. Immerhin ging das hier auf ihre Kosten.
„Dann wäre das ja geklärt.“ Zerknirscht stellte sie sich auf die Zehenspitzen, um ein sauberes Glas aus der obersten Reihe zu fischen und kaltes Mineralwasser einzugießen, doch als sie sich wieder umdrehte, sah sie, wie Ethan noch immer im Türrahmen verharrte und verklärt in ihre Richtung schaute. Hatte er sie etwa die ganze Zeit über angestarrt? Laras Herzschlag nahm Tempo auf und es war fast so, als würde auch ihm jetzt erst bewusst werden, dass er offenbar einen Aussetzer gehabt hatte, denn sein Gesichtsausdruck verriet deutlich, wie verlegen er sein musste. Unvermittelt wandte er sich ab, murmelte etwas, das sich wie: „Ich geh dann mal ins Bad“ anhörte und ließ eine reichlich verwirrte Lara zurück.
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