Der Gefallen

GeschichteDrama, Romanze / P18
14.01.2019
15.09.2019
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Kapitel 13
Reden ist Silber ...




Der Arbeitstag im Meantime Coffe verlief erwartungsgemäß ereignislos, trotzdem hatte Lara regelrecht Hummeln im Hintern und konnte sich kaum auf etwas anderes konzentrieren, als die Frage, ob Ethan Allys Gesuch erneut ablehnen oder es eventuell doch noch annehmen würde.
Immer wieder hielt sie ihre Freundin dazu an, nachzusehen. Aber bis kurz vor Ende der Schicht tat sich nichts.
Es war Ally, die schließlich von sich aus sagte: „Na, sieh mal einer an … Dein Adonis scheint angebissen zu haben.“
Vor Schreck hätte Lara fast die Tasse Kaffee fallen lassen, die sie gerade in den Händen hielt. „Zeig her!“, forderte sie aufgeregt, doch Ally drehte sich mit dem Handy in der Hand in eine andere Richtung.
„Wow, er sieht ja tatsächlich richtig gut aus“, schob sie hinterher, was Lara fast wahnsinnig machte. Sie brannte darauf, zu erfahren, was Ethan so gepostet hatte und vor allem wollte sie ihn wiedersehen – wenn auch nur auf einem Foto.
„Und hier ist die Frage, vor der du dich so gefürchtet hast!“ Ohne einen weiteren Kommentar zeigte Ally ihrer Freundin dann doch das Display auf dem sich folgende Nachricht befand: >Tut mir leid, aber kennen wir uns?
Mit wild klopfendem Herzen sah Lara Ally an.
„Und jetzt?“
„Ich sag einfach, dass mich sein Bruder auf ihn gebracht hat“, erwiderte Ally leichthin und zuckte mit den Schultern, doch davon war Lara alles andere als begeistert.
„Das wird er nicht glauben. Und selbst wenn ...“ Sie hielt mitten im Satz inne, denn gerade fiel ihr etwas ein. „Du bist sicher, dass du alle Fotos von uns zusammen gelöscht hast, oder?“
„Ja, hab ich doch gesagt!“ Ally zog einen beleidigten Schmollmund. „Obwohl ...“ Sie drehte das Display erneut in Laras Richtung. „Das hier hab ich wohl übersehen.“
Lara erkannte das alte High-School-Foto sofort. „Verdammt, Ally!“ Verärgert boxte sie ihrer Freundin gegen den Oberarm.
„Tut mir leid! Ich denke nicht, dass er all meine Bilder unter die Lupe genommen hat. Und selbst wenn: Das Foto ist zehn Jahre alt!“
„Schon möglich. Aber findest du, dass ich mich seitdem sehr verändert habe?!“
„Na ja ... du hast Brüste bekommen.“
Lara verdrehte ernsthaft genervt die Augen.
„Jetzt spiel nicht die beleidigte Leberwurst. Er wird sich nur die ersten zwei, drei Bilder angeguckt haben und dann hat er mir geschrieben. Kein Grund zur Panik.“
„Und wenn du dich irrst?“
„Hm.“ Ally überlegte. „Ich glaub, ich hab da 'ne Idee“, sagte sie schließlich und tippte wie wild auf ihrem Smartphone herum.
„Was denn für 'ne Idee? Was schreibst du da?“ Panisch versuchte Lara Ally erneut über die Schulter zu spähen, doch auch diesmal drehte sich Ally immer wieder geschickt in eine andere Richtung und dachte augenscheinlich nicht daran, mit dem Tippen aufzuhören.
„Du hast doch gesagt, er ist Mechaniker, oder?“, hakte sie noch einmal nach, kurz bevor sie auf Senden drückte.
„Ja, wieso? Was hast du vor, verdammt?“
„Bleib cool! Ich hab ihm das hier geschrieben.“

>Persönlich kennen wir uns nicht. Aber meine Freundin ist sozusagen mit deinem Bruder liiert. Sie will mir ihren alten Roller verkaufen, doch ich fürchte fast, der läuft nicht mehr ganz rund. Könntest du ihn dir mal anschauen? Sie meinte, ihr habt 'ne Autowerkstatt. Liebe Grüße, Ally

„Na, was sagst du jetzt?“, fragte Ally und grinste breit. „Bin ich ein Genie oder bin ich ein Genie?“
„Du bist verrückt!“
„Ja, das kann sein. Aber Genie und Wahnsinn liegen ja bekanntermaßen verdammt nah beieinander.“ Mit sich und der Welt zufrieden machte Ally sich am Smoothiemaker zu schaffen. „Darauf sollten wir einen trinken. Mit etwas Glück hab ich hier gerade zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen.“
„Mit etwas Glück werde ich dich nicht umbringen! Wie kannst du nur schreiben, dass ich sozusagen mit seinem Bruder liiert bin? Wie klingt denn das?“
„Was denn? Hätte ich etwa schreiben sollen, dass Sean deine große Liebe ist? Denk doch mal nach … Willst du was bei Ethan erreichen oder nicht?“
Ein wenig haderte Lara noch mit Allys Plan, doch dann fügte sie sich ihrem Schicksal. Was blieb ihr auch anderes übrig?
Und wer konnte es schon vorhersagen – je nachdem was Ethan antwortete – vielleicht war Ally wirklich ein verkanntes Genie? Vielleicht würde sie Ethan doch früher wiedersehen, als sie gedacht hätte …

:::

Ein wenig ratlos betrachtete Ethan die Zeilen, die Laras Freundin ihm geschrieben hatte. Mit so einer Antwort hatte er nun wirklich nicht gerechnet.
Konnte es möglich sein? War des Rätsels Lösung tatsächlich so banal?
Einen Moment lang überlegte er, was er darauf erwidern sollte, doch noch bevor er dazu kam, etwas einzutippen, wurde er unterbrochen.

„Ethan!“ Laut hallte die donnernde Stimme seines Vaters durch die Werkstatt, was den sonst so furchtlosen, jedoch im Moment auf einer Decke schlummernden Rover einmal kurz zusammenzucken ließ. Abwesend blickte der Angesprochene von seinem Smartphone auf.
Die vergangene Standpauke wegen des verprellten Kunden hatte Ethan mehr oder weniger teilnahmslos über sich ergehen lassen, obwohl er ganz genau gewusst hätte, was er hätte sagen müssen, um seinen Vater den Wind aus den Segeln zu nehmen. Aber langsam ging ihm dieser Kasernenton, den Jeffrey ihm gegenüber eher selten anschlug, gehörig gegen den Strich.
„Dein Bruder und Sam sind zurück. Hilf ihnen gefälligst beim Abladen!“
Resigniert ließ Ethan das Smartphone in seine Hosentasche gleiten. „Perfektes Timing“, kam es ihm wenig begeistert über die Lippen, bevor er Rover – der schon im Begriff war, aufzuspringen – mit einem einzigen Wort davon abhielt, ihm nach draußen zu folgen.
Wenn er einen Menschen jetzt nicht gebrauchen konnte, dann war es Sean. Fehlte nur noch, dass er Veronica dabei hatte!

Widerwillig schleppte er sich nach vorne und hätte liebend gern auf dem Absatz kehrt gemacht, als er das breite, wissende Grinsen seines Bruders sah. Hatte er Sean gegenüber kurz zuvor noch so etwas wie ein schlechtes Gewissen empfunden, weil er ständig an dessen Freundin denken musste, verschwand dies nun gänzlich.
„Na, alles fit, großer Bruder?“, fragte Sean nachdem er vom Beifahrersitz gesprungen war. Das hämische Grinsen wollte einfach nicht mehr von seinen Lippen weichen.
„Alles bestens. Was habt ihr da?“
„Nur ein paar Teile vom Schrottplatz. Dad meinte, der Chevy könnte einen neuen Kolben gebrauchen.“
„Seit wann weißt du denn, was ein Kolben ist?“
„Seit wann bist du denn so schlecht drauf? Ist da etwa jemand angefressen?“
Auch, wenn solche Sticheleien bei den beiden Brüdern an der Tagesordnung lagen, war doch selten Sean derjenige, der die Oberhand hatte. Was das Ganze für Ethan noch schlimmer machte.
„Natürlich bin ich angefressen. Wegen euch muss ich meine Mittagspause opfern. Rover braucht seine Runde und ich hab Hunger, verdammt!“ Lustlos sah er sich die verschiedenen Teile an, während Samuel sich mit einem: „Ich muss ganz dringend schiffen.“ aus der Affäre zog.
„Aha, daher weht der Wind. Und ich dachte schon, er käme aus anderer Richtung.“
„Anderer Richtung?!“, wiederholte Ethan abwehrend und hielt dem bohrenden Blick seines kleinen Bruders stand.
„Keine Ahnung … Nur so ein Gefühl“, erwiderte dieser unbedarft und zuckte scheinheilig mit den Schultern, bevor er Ethan endlich beim Ausladen half.  
„Was sagst du eigentlich zu meiner neuen Freundin?“, fragte er ganz unvermittelt, als die beiden gerade damit zugange waren, eine Stoßstange von der Ladefläche zu hieven. Und obwohl Ethan damit gerechnet hatte, dass Sean seinen Trumpf ausspielen würde, traf ihn die Tatsache, dass er es so offen ansprach, dermaßen unvorbereitet, dass ihm vor Schreck besagter Gegenstand direkt aus den Händen glitt. Laut polternd krachte Ethans Seite der vormals unbeschadeten Stoßstange auf den harten Steinfußboden.
„Verdammt, ist das Teil glitschig!“, fluchte er und hob sie wieder auf. „Wo hast du das her? Aus 'ner Schlammgrube?“ Sie schleppten das schwere Ding an eine geeignete Stelle und legten es dort vorsichtig ab.
„Vom Schrottplatz, hab ich doch gesagt. Aber du hast nicht auf meine Frage geantwortet ...“
„Was willst du von mir hören?“, fragte Ethan nun vollends angefressen und blickte seinem Bruder herausfordernd in die Augen.
„Ich will wissen, was du denkst.“
Wortlos wuchtete Ethan einen weiteren Gegenstand von der Ladefläche und lud ihn Sean auf die Arme. Der taumelte kurz unter dem schweren Gewicht, hielt aber trotzdem die Balance.
„Auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn“, presste Ethan schließlich unwirsch hervor. „Das denke ich!“
Sean lachte triumphierend auf.
„Tja … sieht ganz so aus, als hätte ich diesmal die Nase vorn, was?“
„Gewöhn dich besser nicht dran!“
„Also gibst du es zu?“, bohrte Sean unablässig nach.
„Gebe ich was zu?“
„Dass ich dich eiskalt erwischt habe.“
„Erzähl keinen Unsinn und trag das nach hinten“, forderte Ethan, ohne weiter darauf einzugehen. Stoisch lud er seinem Bruder noch ein weiteres schweres Stück Metall auf die Arme.
Er würde den Teufel tun, und Sean diese Art von Genugtuung bescheren, auch wenn er fürchtete, dass sein Schweigen mehr verriet als jede Antwort es gekonnt hätte.
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