Der Gefallen

GeschichteDrama, Romanze / P18
14.01.2019
26.09.2019
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Kapitel 1
Die Idee




Ungeduldig betätigte Lara die klebrige Stopptaste. Die Haltestelle war trotz des Nieselregens, der unablässig auf die Scheibe prasselte, schon in Sichtweite. Unglücklicherweise schaltete die Ampel in diesem Moment jedoch auf Rot, was den Fahrer dazu brachte, den klapprigen Bus mit einem heftigen Ruck abbremsen zu lassen.
Seufzend überprüfte sie das Display ihres Smartphones. Die großen Zahlen sprangen ihr anklagend entgegen. Eine Minute nach sechs. Jetzt war es offiziell: Sie war zu spät. Schon wieder!
Natürlich herrschte beim Yogakurs keine Anwesenheitspflicht, also würde es auch niemanden interessieren, ob sie erschien oder nicht. Aber sie hatte sich nicht ohne Grund angemeldet und so ganz stimmte es auch nicht, dass sich keiner darum scheren würde, wenn sie plötzlich fernblieb. Eine Person würde es sehr wohl bedauern ...
Bei dem Gedanken an Sean stahl sich unwillkürlich ein Lächeln auf Laras Lippen. Nicht etwa, weil sie romantische Gefühle für ihn gehegt hätte, sondern viel mehr weil sich inzwischen eine richtige Freundschaft zwischen ihnen entwickelt hatte.

Erst war ihr der in sich gekehrte junge Mann mit dem schmalen Gesicht und den hängenden Schultern gar nicht weiter aufgefallen, doch als sie ihn eines Abends dabei erwischt hatte, wie er nach Kursende bedächtig seine Matte zusammenrollte und dabei Carlos, dem Trainer, unauffällig schmachtende Blicke zuwarf, wurde ihr einiges klar. Als sie ihn eine Woche später mit ihrer Beobachtung konfrontierte, hatte sie das abwehrende Zögern in seinen Augen gesehen und gesagt: „Hey, ist doch keine große Sache. Ich werde es schon nicht herumerzählen. Ehrenwort!“
Exakt dreißig Sekunden hatte Sean noch mit sich gehadert, doch dann war es, als wäre ein sprichwörtlicher Damm in ihm gebrochen. Gramerfüllt erzählte er ihr von seiner Misere. Davon, dass er sich zu dem eigenen Geschlecht hingezogen fühlte, dies allerdings niemandem offenbaren konnte. Es rührte Lara, dass sie die einzige war, die von seinem kleinen Geheimnis wusste, auch wenn es ihr im Herzen wehtat, dass sich ein Mensch in der heutigen Zeit noch für seine sexuelle Gesinnung schämen musste. Glücklicherweise war ihre Familie die gefühlt aufgeschlossenste in ganz North Carolina. Eine Tatsache, die sie immer für selbstverständlich gehalten hatte und die ganz und gar nicht auf Seans Verwandtschaft zuzutreffen schien.

„Ich versteh immer noch nicht, wieso du dich deinem Vater nicht einfach anvertraust. Ich meine ... du bist sein Sohn und deswegen wird er dich doch nicht weniger lieben“ , hatte sie in ihrer grenzenlosen Naivität gesagt und eine Antwort erhalten, die sie in ihren Grundfesten erschütterte.
„Glaub mir, Lara, mein Vater ist die letzte Person auf der Welt, der ich mich anvertrauen könnte. Er ist nicht nur ein erzkonservativer Sturkopf, sondern auch noch der homophobste Mensch der Welt.“
„Ach komm, jetzt übertreibst du aber!“
„Schön wär‘s! Vertrau mir einfach, wenn ich dir sage: er würde es niemals gutheißen. Das weiß ich, so wahr ich hier stehe. Er würde mich lieber tot sehen als an der Seite eines anderen Typen.“


:::


„Du bist zu spät“, zischte Sean mit geschlossenen Augen, als Lara ihre Matte neben seiner ausbreitete und sich im Schneidersitz niederließ.
Die enge Yogapants machte ein verdächtiges Geräusch, was sie daran erinnerte, wie ärgerlich es war, dass sie ihre Größe bei Macys nicht hatte finden können. So kam sie sich unweigerlich vor, als wäre sie eine Wurst in der Pelle und das, obwohl sie keineswegs zu Übergewicht neigte. „Was du nicht sagst“, zischte Lara in gedämpftem Tonfall zurück – doch Carlos hätte sie nicht mal gehört, wenn sie in normaler Lautstärke miteinander gesprochen hätten.
Beharrlich schwebte der dunkelhaarige Trainer mit dem olivfarbenen Teint durch die Reihen und wiederholte seine Anweisungen zur Atemtechnik, bis auch der letzte Kursteilnehmer ihn verstanden hatte.
„Was war es diesmal? Hat Matt dich wieder nicht gehen lassen?“
„Mein Boss mag ja ein Ausbeuter vor dem Herrn sein, aber den selben Fehler lass ich mit mir nicht zweimal machen. Nein, ich hab mich mit Ally verquatscht und plötzlich war es kurz nach fünf.“
„Wie auch immer ... Hast du im Anschluss Zeit? Ich muss dringend mit dir reden.“
„Dringend?“, wiederholte Lara und zog die Augenbrauen in die Höhe. „Das klingt beängstigend. Was ist passiert?“
„Nicht jetzt!“ Erneut schloss Sean die Lider, denn in diesem Augenblick war Carlos bei ihnen angekommen.
„So ist es richtig“, hauchte der drahtige Lockenkopf mit warmer Stimme. Er lächelte selig. „Du musst den Rucken gerade halten.“ Sanft korrigierte er Seans Körperhaltung, indem er seine großen Hände auf dessen Schultern legte und sie leicht nach hinten zog.
Sean, der bei dieser Berührung den Atem angehalten hatte, ließ ihn – nun, da Carlos weitergezogen war – langsam wieder entweichen.
Lara konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Ob der Trainer ahnte, was in seinem Schüler vor sich ging? Sie war sich nicht ganz sicher.
„Hast du gehört, Sean? Immer schon den Rrrucken gerade halten.“ In dem vergeblichen Versuch Carlos' Akzent zu imitieren, ließ sie das R besonders lange auf ihrer Zunge rollen, erntete dafür jedoch nur ein zuckendes Lächeln ihres Sitznachbarn, der sich ansonsten aber nicht regte.

„Also was ist los bei dir, du Geheimniskrämer?“, fragte Lara unumwunden, als sie nach der Stunde mit Sean vor seinem Spind stand und darauf wartete, dass dieser seine Sachen im Rucksack verstaute.
Doch so ganz schien er nicht mit der Sprache herausrücken zu wollen. „Ach, es geht um meinen Vater.“ Abwesend kaute er auf seiner Unterlippe herum.
„Sag bloß, du hast dich geoutet?“
„Was? Nein! Bist du verrückt geworden? Das würde ich nie!“
„Ach, komm schon, Sean ... Mach es nicht so spannend! Was genau ist passiert?“
„Was passiert ist? Carlos ist passiert!“
„Carlos? Unser Trainer?“
Sean nickte unbestimmt, schulterte seinen Rucksack und schlenderte dann in Richtung Ausgang, wo Lara erfreut feststellte, dass es zumindest aufgehört hatte, zu regnen. „Als du letzten Montag nicht da warst, hat er mir Privatunterricht angeboten. Was auch immer er darunter versteht ...“
„Warte – wie jetzt?“ Lara stellte sich vor ihn und brachte Sean somit dazu, anzuhalten. „Carlos kam zu dir und hat dir Privatstunden angeboten?“, wiederholte sie skeptisch.
Erneut nickte Sean, setzte sich aber sofort wieder in Bewegung.
„Das ist doch wunderbar! Und was genau ist jetzt das Problem?“
„Mein Dad! Oder besser gesagt die Tatsache, dass mir langsam die Alibis ausgehen. Ich würde Carlos' Angebot ja gerne annehmen, aber was genau sage ich meinem Vater? Ich weiß: Mit 24 sollte ich ihm keine Rechenschaft mehr ablegen müssen, aber du kennst das doch: solange du unter meinem Dach wohnst ...“ Sean seufzte gequält. „Schlimm genug, dass er eigentlich denkt, ich besuche diesen Abendkurs für Buchhalter. Jetzt stell dir mal vor, was er täte, wenn er wüsste, dass ich in Wahrheit zum Power-Yoga gehe ...“
Unbeabsichtigterweise entwich Lara ein schnaubendes Lachen. Dass Sean trotz allem zu Selbstironie in der Lage war, machte ihn zu einem wirklich angenehmen Gesprächspartner. Dennoch kam sie nicht umhin, Mitleid mit ihm zu empfinden, denn selbstredend war sein unbekümmerter Tonfall nur Fassade.
„Lange Rede, kurzer Sinn ... Diesen Sonntag veranstaltet mein Dad eines seiner legendären Barbecues.“ Wie sie es von Sean gewöhnt war, unterstrich er seinen Unmut mit einem Augenrollen. „Und weil er mir in den letzten Wochen fast täglich in den Ohren damit gelegen hat, dass es langsam an der Zeit für mich wäre, sesshaft zu werden und immer wieder die Frage aufkommt, was mit mir nicht stimmt, weil ich die Mädels nicht reihenweise nach Hause schleppe, dachte ich, na ja ...“ Er zuckte die Schultern und Lara zog instinktiv die richtigen Schlüsse.
„Dass es nicht schaden könnte, ihm allmählich den Wind aus den Segeln zu nehmen. Verstehe.“
Sean nickte mit zusammengekniffenem Mund. „Ich weiß: Es ist idiotisch, aber als ich nach dem letzten Kurs mit einem breiten Grinsen im Gesicht nach Hause kam, hat er mich in die Mangel genommen und da wusste ich mir einfach nicht anders zu helfen. Ich hab ihm von dir erzählt. Mir fiel auf die Schnelle nichts anderes ein, denn ich bin es so leid, verstehst du?“
„Klar.“ Lara nickte und dachte nach. „Und jetzt hast du dir überlegt, dass ich dich zu diesem Barbecue begleite, damit die nervige Fragerei endlich aufhört?“
„Ich weiß: Das ist eine dumme Idee. Vergiss es einfach wieder. Das kann ich nun wirklich nicht von dir verlangen.“ Mit zerknirschter Miene ließ er sich an der Haltestelle nieder und betrachtete seine Schuhspitzen, doch Lara sah keinen Grund, ihm diesen Gefallen abzuschlagen.
„Wieso? So blöd finde ich das gar nicht. Ganz abgesehen davon, dass ich es immer noch besser fände, wenn du vor deiner Familie mit offenen Karten spielen würdest, hätte ich nichts dagegen, mich zu einem traditionellen Barbecue einladen zu lassen. Und wenn du dadurch deine Ruhe hast ...“ Sie setzte ein zuversichtlich wirkendes Lächeln auf und Sean hob vorsichtig den Kopf. Prüfend musterte er sie.
„Dir ist aber schon klar, dass du als meine Freundin beim Essen auftreten müsstest.“
Jetzt war Lara es, die die Augen verdrehte.
„Natürlich. Wovon reden wir denn die ganze Zeit?“
„Es muss echt aussehen, verstehst du?“
„Willst du mir etwa die Zunge in den Hals schieben oder was stellst du dir unter echt aussehen vor?“
„Natürlich will ich das nicht!“ Seans Tonfall klang so pikiert, als hätte man ihn soeben dazu aufgefordert, sich eine Hand voll Sand in den Mund zu schieben, was Lara ein wenig kränkte.
„Wie ich schon sagte: meine Familie ist so konservativ, dass sie es sowieso nicht gutheißen würde, wenn wir bei Tisch wild miteinander rumknutschen würden. Aber mein Dad wird dich mit Fragen bombardieren und na ja ...“
„Keine Sorge. Ich glaube, ich war im früheren Leben mit Audrey Hepburn verwandt. Ich hab die Schauspielerei also im Blut“, ulkte Lara und ließ sich jetzt ebenfalls auf dem kalten Metallsitz nieder. Doch so ganz wusste sie nicht, worauf sie sich da einließ. Unsicher strich sie sich eine Strähne ihres langen blonden Haares hinter das Ohr. „Wer wird denn alles kommen?“, hakte sie nach. „Nicht, dass auf einmal eine vierzehnköpfige Großfamilie auf mich einredet. Denn ich bin gut, weißt du, aber so gut nun auch wieder nicht.“
„Quatsch. Außer meinem Dad und meiner Mom kommt nur noch mein großer Bruder und seine sogenannte Pseudo-Freundin.“
„Ist er etwa auch ...“
„Nicht doch! Aber Veronica ist in ihn verknallt, seit sie damals mit ihrer Familie nach Durham gezogen ist und mein Dad fände es auch super, wenn die beiden sich näherkommen würden. Sie ist nämlich so ziemlich genau das, was er sich unter der perfekten Schwiegertochter vorstellt.“
„Ich liebe sie jetzt schon“, erwiderte Lara im trockenen Anflug von Sarkasmus. Gähnend lehnte sie ihren Kopf an Seans hängende Schulter.
„Jetzt mach dir nicht so viele Gedanken. Das wird witzig werden!“
„Wenn du dich da mal nicht irrst.“ Seans Miene wurde finster. „Meine Familie ist total verkorkst. Meine Mutter ist das Paradebeispiel einer devoten fünfziger-Jahre-Hausfrau und mein Vater ein regelrechter Tyrann. Aber du wirst ihm mit Sicherheit gefallen.“
„Hm, sollte ich mich jetzt darüber freuen oder ärgern?“
„Das kannst du halten wie du willst. Aber vergiss nicht, Lara: Das Ganze darf auf keinen Fall auffliegen. Wenn du mir diesen Gefallen wirklich tun möchtest, muss die Sache zu hundert Prozent wasserdicht sein!“
„Keine Bange: Für dich und Carlos tu ich doch alles“, scherzte sie lächelnd. „Und solange du echt nicht auf die Idee kommst, mich plötzlich küssen zu wollen, ist doch alles in Butter.“
„Darüber brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Die Gefahr besteht nun wirklich nicht“, erwiderte Sean und diesmal erhielt er dafür einen festen Kniff in die Seite.












Hallo meine Lieben!

Dies ist es also: Mein neues Projekt!

Lange habe ich überlegt, welche Idee ich verfolgen werde und halte diese hier für die vielversprechendste. Ich hoffe, ich werde euch hiermit ein wenig unterhalten können und würde mich sehr freuen, wenn ihr mich auch bei dieser Geschichte mit eurem lieben Feedback - gerne auch mit konstruktiver Kritik - und vielleicht der ein oder anderen Empfehlung verwöhnen würdet. Im Gegenzug verspreche ich euch auch, wieder Mal mein Bestes zu geben! ;-)

Als kleine Anmerkung/Warnung möchte ich noch folgendes loswerden: Dies ist KEINE Slash-Story. Auch wenn einige das vielleicht gerne sehen würden, liegt der Fokus hier nicht auf Sean und seiner Misere. Zumindest nicht vorrangig.

Für all diejenigen, die meine alte, abgeschlossene Geschichte noch nicht kennen und vielleicht mal reinlesen möchten, hier der Link dazu: Schmutzige Gedanken
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