Ihr habt den Lohn, der euch gehört

GeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P16
14.01.2019
14.08.2019
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1. Kapitel
Von lockigen Rosen und blonden Söhnen





Er hielt das Buch hoch.
»Ich lese es dir vor. Zur Aufheiterung.«
»Kommt auch Sport darin vor?«
»Fechten. Ringkämpfen. Folter. Gift. Wahre Liebe. Haß. Rache. Riesen. Jäger. Böse Menschen. Gute Menschen. Bildschöne Damen. Schlangen. Spinnen. Schmerzen. Tod. Tapfere Männer. Feige Männer. Bärenstrake Männer. Verfolgungsjagten. Entkommen. Lügen. Wahrheiten. Leidenschaft. Wunder.«
»Klingt gut«, sagte ich.
William Goldmann, Die Brautprinzessin





1. September 2017

Der Bahnhof ist voll von Menschen, die versuchen ihre Züge noch rechtzeitig zu erreichen. Inmitten der Hektik und des Gedränges klappern zwei große Käfige auf zwei schwer beladenen Gepäckkarren, die jeweils von einem Jungen und einem Mädchen geschoben werden. James Potter und seine zwei Jahre jüngere Schwester Ava, gefolgt von ihrer Mutter Ginevra  und ihrem Vater Harry Potter der seine jüngste Tochter Lilly auf den Schultern trägt.

Avas grauer Waldkauz, den sie Capricorn genannt hat, sitzt auf ihrer Schulter und zieht ihr ab und zu mit dem Schnabel an den Haaren. Es tut nicht weh, aber Ava erkennt die böse Absicht dahinter. Gekauft hat sie ihn in Eeylops Eulenkaufhaus. Fluchend hat sich die Verkäuferin über den Vogel beschwert, der ihr beinahe ein Auge ausgepickt hat.

„Geh einfach auf die Wand zwischen den Bahnsteigen 9 und 10 zu“, erklärt Ginevra Ava, die jetzt zum ersten Mal zum Gleiß 9¾ muss. „Bleib nicht stehen und hab keine Angst, dass du dagegen krachst, das ist wichtig. Wenn du nervös bist rennst du einfach drauflos“, fügte Harry hinzu. Schweigend lässt Ava ihre Eltern reden. Dass die Beiden nicht jedes Mal dasselbe sagten faszinierte Ava schon lange nicht mehr.

Harry, mit Lilly auf den Schultern, packt Avas Karren und Ginevra schließt sich James an und zusammen läuft die Familie durch die Absperrung. „Wow!“, ruft Lilly begeistert aus als sie die große, scharlachrote Lock sieht. Mit leuchtenden Augen sieht sie sich um. Capricorn hingegen scheint das ganze Prozedere nicht sonderlich gut zu gefallen. Er schlägt aufgeregt mit den Flügeln und klackert wütend mit dem Schnabel. „Hör auf dich hier so aufzuspielen und beruhig dich. Oder willst du, dass ich dich wie das letzte Mal in deinen Käfig sperre?“, zischt Ava leise. Capricorn gibt einen letzten entrüsteten Schrei von sich und ist still. „Braves Haustier“, kichert Ava und streicht ihm fürsorglich über seine weichen Federn. Capricorn pickt nach ihrer Hand.

Dichter weißer Dampf quillt aus der großen, roten Lock und hüllt den Bahnsteig ein. Und auch hier herrscht viel Trubel, doch statt zielstrebiger Menschen in eleganter Kleidung sieht man jetzt Hexen und Zauberer die Umhänge tragen und sich bereits von ihren Sprösslingen verabschieden.

„Onkel Ron, Onkel Ron!“, schrie Lilly plötzlich lauthals. Ron dreht sich um, während Lilly auf ihn zustürmt. Er umarmt sie lächelnd und hebt sie hoch. Ronald und Hermine sind ebenfalls mit ihren Kindern auf dem Bahnhof. Hermine hält ihren Sohn Hugo an der Hand während sich Rose mit ihrem Vater und Lilly unterhält.
   
Harry und Ginevra stehen da und sehen dem Zug nach, während Pfiffe über den Bahnsteig gellen. Sie unterhalten sich leise. „Und was würdest du davon halten wenn Ava… wenn sie tatsächlich…?“, fragt Ginevra ihn unsicher. Harry gibt ihr keine Antwort. Das war seiner Frau Antwort genug.





Zusammen mit Rose, durchquert Ava die Lock um nach einem freien Abteil zu suchen. Wie Ava, würde auch Rose ihr erstes Jahr in Hogwarts antreten. Die Imbiss-Hexe kommt ihnen entgegen. „Kleinigkeit vom Ibisswagen meine Lieben? Kürbispaste? Schokofrosch? Kesselkuchen?“, fragt sie freundlich und lächelt die beiden an. Capricorn richtet seine großen, schwarzen Augen auf die Dame und nur ein warnender Blick von Ava hält ihn davon ab, sich entweder auf die Frau, oder ihre Süßigkeiten zu stürzen. Ava jedoch, hätte gerne einen der Schokofrösche gekauft. „Ava wir müssen uns konzentrieren!“, wird sie von Rose getadelt.

„Warum denn konzentrieren?“, Ava verdreht gedanklich die Augen und sieht Rose gespielt fragend an. „Mit wem wir uns anfreunden wollen. Meine Eltern haben deinen Dad bei ihrer ersten Fahrt mit dem Hogwarts-Express kennengelernt, weißt du“, erklärt Rose. Ava hingegen ist davon weniger überzeugt. „Also müssen wir uns jetzt entscheiden wer unsere Freunde fürs Leben sein sollen? Eine fruchtbare Vorstellung“, erwidert Ava schlicht und es scheint, als hätte sie dieses Gespräch mit Rose schon hunderte mal geführt.

„Im Gegenteil, es ist spannend. Ich bin eine Granger-Weasley und du bist eine Potter! Sie wollen sicher alle unsere Freunde sein, wir können uns aussuchen wen wir wollen“, erklärt Rose weiter. „Aber ich möchte nicht mit jemandem befreundet sein der mich nur wegen meines Namens mag“, protestierte Ava. Doch Rose ist bereits weiter gegangen. Ava folgt ihr gezwungener maßen und öffnet dann ein Abteil. In diesem sitzt ein einsam aussehender, blonder Junge. Ava lächelt. Der Junge lächelt zurück. „Hallo. Sind die Plätze frei?“, fragt Ava leise. „Ja sind sie. Ich bin alleine hier“, antwortete der Junge. „Toll. Dürfen wir uns dazu setzten? Wenn es dir nichts ausmacht.“ „Ja, klar. Ich bin übrigens Scorpius“, stellt sich der blonde vor.

„Hallo Scorpius. Ich bin Ava“, stellt sie sich ebenfalls vor und wendet ihren Blick nicht eine Sekunde von seinen Augen. Rose Mine wird mit jeder Sekunde eisiger. „Rose“, stellt sie sich einsilbig vor. Scorpius, der Rose Blick bemerkt hat, wendet sich wider an Ava. „Möchtest du vielleicht ein paar von meinen zischenden Wissbies?“, fragend hält Scorpius Ava eine kleine Tüte hin. „Gerne, ich nehme mir welche. Ginevra erlaubt mir keine Süßigkeiten.“ „Ich habe auch ein paar Schokoschocker, Pfefferminzkobolde und Gummischnecken“, lächelt er.

„Warum guckst du denn die ganze Zeit so böse, Rose?“, fragend sieht Ava Rose an. Ihr eisiger Blick ist auch schwer zu übersehen. Scorpius macht an langes Gesicht. „Sie guckt wegen mir so“, antwortet ihr Scorpius. „Wieso denn das?“, fragt Ava und legt den Kopf schief. „Hör zu, ich weiß, wer du bist, deshalb ist es nur fair, wenn du auch weißt wer ich bin.“ Nun runzelt Ava die Stirn. „Was soll das heißen: Du weißt wer ich bin?“ Ava sieht Scorpius verwirrt an. „Du bist Ava Potter. Sie ist Rose Granger-Weasley. Und ich bin Scorpius Malfoy. Meine Eltern sind Astoria und Draco Malfoy. Unsere Eltern, die konnten einander nicht leiden“, erklärt Scorpius.

„Das ist ja wohl untertrieben. Deine Eltern sind Todesser!“ Rose ist empört. Scorpius wirkt vor den Kopf gestoßen. „Dad war einer, aber Mum nicht.“ Rose wendet den Blick ab und Scorpius weiß auch warum. „Ich kenne dieses Gerücht, aber es ist eine Lüge“, versucht Scorpius sich zu verteidigen. „Was für ein Gerücht?“, fragt Ava jetzt. „Es geht um das Gerücht das meine Eltern keine Kinder kriegen konnten. Dass mein Vater und mein Urgroßvater so versessen drauf waren einen mächtigen Erben zu haben, um das Aussterben der Familie Malfoy zu verhindern, dass sie… dass sie meine Mutter in die Vergangenheit schickten…“, erzählte Scorpius. „Es geht das Gerücht um, dass er Voldemort‘s Sohn ist, Ava“, beendete Rose.

Eine schrecklich, unbehagliche Stille herrschte zwischen den dreien. „Aber das stimmt gar nicht. Ich sehe aus wie mein Vater! Ich habe seine Nase, seine Haare und seinen Namen. Nicht dass es so toll wäre, dieses Vater-Sohn-Probleme, die habe ich nämlich auch. Alles in allem wäre ich trotzdem lieber ein Malfoy, als, ihr wisst schon, der Sohn des dunklen Lords.“ Scorpius und Ava sehen sich an und etwas passiert zwischen den beiden. Ava lächelt. Während sie sich wohl jedes Mal ein wenig verändert, schein Scorpius immer ihr Scorpius zu bleiben.

„Schön und gut, aber wir sollten uns vielleicht doch woanders hinsetzten. Komm Ava.“ Rose wollte schon weiter gehen als sie merkte das Ava ihr nicht folgt. Sie sieht Scorpius für ein paar Sekunden ununterbrochen in die Augen, ehe sie, ohne Rose noch eines Blickes zu würdigen, das Abteil betritt. „Geh du nur weiter… Ich finde es gut hier“, murmelt sie mehr zu sich selbst und setzt sich Scorpius gegenüber.

„Ava! Ich werde nicht auf dich warten!“, erwidert Rose. Ava konnte sich ein abfälliges Grinsen nicht verkneifen. Rose hasste es, wenn jemand sie nicht mochte. Natürlich, bei Leuten wie Scorpius war ihr das natürlich egal. Immerhin mochte sie ihn auch nicht. Doch das Ava, die Tochter von Harry James Potter, ihre Freundschaft ausschlug war für sie wie einem Tritt in den Magen. Das Ava ihre Cousine war, vergaß Rose schnell. „Macht dir keine Sorgen, liebste Rose. Ich bin mir sicher du findest schnell Jemanden, der sich liebend gern mit dir in ein Abteil setzt. Doch ich habe meines für diese Zugfahrt bereits gefunden.“

Jedes Mal war es diese Stelle, an der sich Avas weiteres Leben entscheid, Doch sie zögerte schon lange nicht mehr. Und mit einem letzten Blick in Rose blassblaue Augen schloss Ava die Abteiltür.

„Wow. Du hättest für mich nicht deine Cousine hängen lassen sollen“, sprach Scorpius und lächelte unsicher. Doch Ava verschränkte die Arme vor der Brust und reckte gespielt arrogant ihr Kinn. „Ich bin nicht deinetwegen geblieben, sondern wegen der Süßigkeiten“, dabei lächelte sie so ehrlich und glücklich, wie nur Kinder es können und ihre Augen funkelten.

Die Augen des jungen Malfoys weiteten sich. Es sollte dieses Lächeln sein, an das er sich noch nach all den Jahren die verstreichen und all den Dingen die noch geschehen, erinnern würde, wenn er an Ava Potter dachte.





In der großen Halle reden alle durcheinander. Erst, als die neuen Erstklässler die Halle betreten, wird es leiser. Der sprechende Hut teilt die neuen Schüler alle nach einander ein. Immer wieder hört Ava wie die anderen Kinder über sie reden. „Eine Potter! In unserem Jahrgang!“, hört sie einen kleinen brünetten Jungen sagen. Seine Stimme hört sich ehrfürchtig an. Wenn Capricorn jetzt hier gewesen wäre, hätte sie ihn auf den Jungen gehetzt. Doch der hat sich, während sie über den See getuckert ist, aus dem Staub gemacht. Verräter. „Und sie ist meine Cousine“, versucht Rose sich in den Vordergrund zu drängen. „Ich bin Rose Granger-Weasley. Nett euch kennen zu lernen.“

„Rose Granger-Weasley“, liest Professor McGonagall vor und Rose schreitet so selbstsicher nach vorne, als hätte sie in ihrem Leben noch nie etwas anderes getan. Nach nur wenigen Sekunden ruft der Hut „Gryffindor!“ durch die ganze Halle. Das war zu erwarten gewesen. Als Scorpius nach vorne gerufen wurde, wird er nach Slytherin eingeteilt. Nun, auch das war zu erwarten gewesen.

„Ava Potter“, las Professor McGonagall laut vor. Und wieder begannen die Schüler zu tuscheln, als sie ihren Nachnamen hörten. Obwohl Ava dieses Getuschel verabscheute, bestärkte es sie in ihrem Handeln. Sie strafte die Schultern und schritt selbstsicher, fast ein wenig arrogant, nach vorne und setzte sich auf den alten, hölzernen Schemel. Sie sieht James am Gryffindor Tisch, Rose sitze neben ihm. Ava wirft den beiden nur einen flüchtigen Blick zu, während Rose und James den Blick nicht von ihr wenden.

Das Getuschel der Schüler wurde lauter und auch einige Lehrer sahen erstaunt aus, als der Hut nach weniger als einer halben Minute seine Wahl verkündete. James hat es gewusst, dennoch überrascht es ihn negativ. Wütend sah er seiner kleinen Schwester nach, die auf den Slytherin Tisch zusteuerte. Wie konnte das Kind zweier Gryffindor’s, ein Kind, das in einer Familie voller Gryffindor’s aufgewachsen war, nach Slytherin kommen?! Weitsicht wird nie eine von James Stärken sein.

Ava wäre nicht Ava wenn sie ein paar wütende Blicke aus der Ruhe gebracht hätten. Gemächlich steuerte sie den Platz neben Scorpius an und setzte sich. Das Lächeln, welches im Zug noch ihr Gesicht geziert hat, ist restlos verschwunden. Stattdessen wirkt ihr Gesicht kalt und ihr Blick unnahbar. Scorpius scheint kurz verwirrt von Ava’s Stimmungswechsel zu sein. Doch er schweigt und lächelt sie noch einmal an, ehe er seinen Kelch mit Kürbissaft füllt. Ava ist ihm dankbar dafür. Und so essen die beiden still, während sich der Rest ihres Tisches leise unterhält.
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