Carry On

von Olympica
GeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P12
der Hausmeister Dr. Christopher Duncan Turk Dr. John Michael "J.D." Dorian Dr. Percival Ulysses "Perry" Cox Schwester Carla Espinosa
13.01.2019
13.01.2019
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Vorwort: Willkommen ihr lieben Leser!

Schnell möchte ich nur anmerken, dass es sich hier um meine erste Geschichte um die Figuren aus Scrubs handelt – und deswegen mag das ein oder andere vielleicht nicht ganz stimmig erscheinen. Natürlich habe ich mir so viel Mühe wie nur möglich gegeben, kann allerdings nicht versprechen, dass ich die Charaktere auf Anhieb getroffen habe. Genug aber der Ausreden; diese kleine Geschichte spielt ansonsten in etwa am Ende der achten Staffel, soll heißen, JD hat bereits verkündet, dass er das Sacred Heart Hospital verlassen wird. Und natürlich; ich habe niemals noch werde ich je Medizin studieren, also ist all das medizinische Gebrabbel nur wild gegoogletes Zeug. Vermutlich stimmt nicht mal die Hälfte XD

Und das war es dann auch schon von mir. Ich hoffe, die Geschichte findet bei dem ein oder anderen von euch Anklang und ich wünsche euch viel Freude beim Lesen!




Carry On





Es sollte ein guter Tag werden.

Nur noch zwei Wochen trennten JD von dem Monatsende, von dem Tag, an dem er schlussendlich Sacred Heart hinter sich lassen würde – und jeden einzelnen Tag hatte er auskosten wollen. Manchmal schien es ihm vollkommen surreal, dass er den Ort, den er über acht Jahre hinweg als ein Zuhause kennengelernt hatte, schlussendlich verlassen würde. Manchmal wusste er nicht, ob es die richtige Entscheidung war, er wusste nur, dass er Sammy ein guter Vater sein wollte. Und das konnte er nicht, wenn er über zwei Stunden täglich zwischen Orten pendeln musste.

Und genau deswegen sollte dieser Tag ein guter Tag werden, denn mehr als diese verbliebenen zwei Wochen hatte er nicht. Nur dass die Welt sich gegen ihn zu entscheiden schien. Mit müden Augen sah er auf das Krankenblatt von Timothy Carter; die Elektromyographie hatte auch im Ruhezustand kleine elektrischen Signale messen können, entstanden durch unwillkürlich auftretende Muskelanspannungen. Die Biopsie zeigte auf den Schwund von Muskelfasern hin, ganz zu Schweigen von dem CT, welches auf den Schwund der Hirnrinde verwies. JD hatte es bereits geahnt, nur noch nicht wahrhaben wollen.

Timothy Carter, ein unglaublich freundlicher junger Mann, hatte amyothrophe Lateralsklerose. In den kommenden Jahren würde er immer weiter unter Lähmungen leiden müssen und dabei war er nur wegen wiederkehrenden Krämpfen und Schluckbeschwerden ins Krankenhaus gekommen. JD seufzte schwer, ehe er das Krankenblatt mit den frischen Ergebnissen wieder schloss und sich abwesend an dem Tresen der Krankenschwesterstation anlehnte.

„Keine guten Nachrichten, Bambi?“

Carlas Frage schien nur entfernt in JDs Bewusstsein zu sickern und unwillkürlich konnte er spüren, wie er den Kopf schüttelte. Mit trägen Augen sah er zu der Krankenschwester, die sich ebenfalls mit einem sanften Gesichtsausdruck an dem Tresen anlehnte. JD konnte ihren abwartenden Blick auf sich spüren. „Du kennst doch Timothy Carter?“

„Du meinst den Mann, auf den die halbe Belegschaft fliegt?“

„Er hat ALS.“

Augenblicklich fiel Carla in ein beklemmendes Schweigen und auch JD wusste nichts weiter zu erwidern. Über die Jahre hinweg hatte er immer wieder schlimme Dinge sehen müssen, die guten Menschen widerfahren waren, und sehr oft, da hatte er nichts dagegen tun können. Er hatte immer und immer wieder nur zusehen können, während diese Menschen so viel Hoffnung in ihn setzten. Man könnte meinen, dass er damit umzugehen gelernt hatte, doch schien dem nicht so – es wurde nie einfacher. Und mit diesem letzten Gedanken richtete sich JD schwerfällig auf und zwang sich in Richtung von Timothy Carters Zimmer. Es war noch früh an diesem Tag, dachte sich JD, vielleicht mochte sich das ein oder andere noch zum Guten wenden.

Es sollte ein guter Tag werden.

Darauf hatte er beständig gehofft, selbst als er zu Mary Parker geeilt war, als ihr Herz nicht mehr geordnet kontrahierte. Er hatte den Defibrillator angesetzt, einmal, zweimal – JD hielt inne, sah hin zu dem Monitor mit der starren Linie. Ein langanhaltendes Piepen war zu vernehmen, alles andere schien stillzustehen. Eine Stunde später in einem anderen Raum setzte er die gleichen geladenen Platten an die Brust eines Mannes, Gordon Brent. Clear. Der reglose Körper zuckte. JD dachte an die Einlagerung von Zeramidtrihexosid. Es nützte ihm nichts. Clear. Vor einer halben Stunde hatte er mit ihm noch geredet. Platten drückten gegen die Brust. Und dann, endlich, ein regelmäßiges Piepen war zu vernehmen. JD empfand kaum Erleichterung; Gordon Brent hatte Morbus Fabry und bereits eine Niereninsuffizienz. Eine Nierendialyse würde nicht ausreichen und JD wusste nicht, wie lange Brent auf eine neue Niere warten konnte.

Es war ein langer Tag.

Müde saß er in der Cafeteria, ein Becher mit schwarzer Brühe gefüllt an seine Hände geschmiegt. Es war erst in diesem Moment, dass JD bewusst wurde, wie selten an diesem Tag seine Gedanken abgedriftet waren – kein einziges Mal hatte er seinen Kopf zur Seite gelegt, hatte sich die Zeit für einen Tagtraum genommen. Vielleicht fand selbst seine Phantasie an diesem Tag nichts Gutes. Und doch schüttelte er geradezu augenblicklich den Kopf; nein, der Tag sollte ein guter Tag sein. Er hatte nur noch zwei Wochen, jeder Tag sollte ein guter sein.

„Hey, man“, konnte er abwesend eine vertraute Stimme hören, ehe er Turk entdeckte, der den Stuhl an seinem Tisch etwas zurückzog und sich schließlich zu ihm setzte.  JD sah mit einem schwachen Lächeln auf, als sein jahrelanger Freund zu sprechen begann: „Carla hat gemeint, es gab einige schlechte Nachrichten.“

„Mary Parker hat es nicht gepackt. Und ich weiß immer noch nicht, was Stephen Grayson fehlt.“

„Schlechter Tag, mh?“

JD schnaubte leicht, ehe er rasch seine Augen schloss. Noch wollte er es nicht zugeben, noch wollte er glauben, dass es ein guter Tag werden konnte. Vielleicht, wenn er nur einmal wieder seine Gedanken schweifen ließ… Nur langsam nahm er wahr, dass Turk ihn noch immer mit einem leicht besorgten Ausdruck auf seinen Zügen beobachtete, auch wenn er kein Wort über die Lippen brachte. JD wusste, er war nur seinetwegen hier; er hatte die Namen auf dem weißen Board gesehen – Turk war für die nächste OP eingeschrieben. Normalerweise würde JD ihn auf dem Basketballfeld erwarten, nicht stillsitzend an einem Tisch in der Cafeteria. Er setzte ein gezwungenes Lächeln auf, versuchte seine Stimme leicht zu halten. „Du musst nicht hier bleiben. Mir geht‘s gut.“

„Ich sag dir was, heute Abend ziehen wir uns eine Staffel Gilmore Girls rein und bestellen Pizza.“

„Mir geht es gut, Turk. Ganz ehrlich.“

JD konnte die Unentschlossenheit seines Gegenübers erkennen. Er wusste, Turk wollte noch ein wenig seiner überschüssigen Energie loswerden, dennoch wollte er seinen Freund nicht alleine lassen – dabei wünschte sich JD nichts mehr als ein klein wenig Ruhe, zumindest für diesen einen Moment. Er schenkte Turk ein etwas mutigeres Lächeln, hoffte, dass es etwas von seiner sonst so aufgedrehten Ausstrahlung in sich trug. Schließlich konnte er ein nachgebenden Seufzer hören. Allmählich richtete sich Turk wieder auf, auch wenn er noch einmal innehielt. „Kommst du klar?“

„Ging mir nie besser.“

Sie beide wussten, dass es eine Lüge war. Und doch entschied Turk für den Augenblick, dass er sie seinem Freund glauben sollte – und JD war dankbar dafür. Er wollte nicht reden, schon gar nicht über die vergangenen paar Stunden. Was er wollte, das war der restliche Becher voll mit dem lauwarmen Kaffee und ein wenig Ruhe, ehe der Trubel von neuem losgehen würde. Es war auch das erste Mal, dass JD sich dabei ertappte, dass er froh darum war, dass Elliott einen Tag frei hatte; zwar musste er am Ende dieses Tages wieder in ihre gemeinsame Wohnung, nichtsdestotrotz musste er wenigstens sich innerhalb des Krankenhauses niemanden erklären. Wieder schüttelte er den Kopf, kaum dass dieser Gedanke urplötzlich aufgetaucht war. Ihm ging es gut. Es war ein guter Tag.

Vielleicht würde er diese Lüge selbst bald glauben.

Kaum hatte er den letzten Schluck an Kaffee verdrückt, da richtete er sich allmählich wieder träge von seiner Sitzgelegenheit auf, auf dem Weg hin zu den nächsten paar Menschen, die ihre Hoffnung in ihn setzten. Abwesend erreichte er die Krankenstation, wo ihm Carla bereits die Ergebnisse von dem CT in die Hand drückte, welches von Stephen Grayson angefertigt wurde. Wieder ein Test, in der Hoffnung irgendetwas zu finden – ihm war nicht einmal aufgefallen, dass sich Dr. Cox aus seinem Büro hinaus geschlichen und eine halbherzige Diskussion mit Carla führte. Erst als er ein ohrenbetäubendes Pfeifen hörte sah er schließlich auf – wie war es überhaupt möglich, so laut pfeifen zu können? JD konnte einen undurchschaubaren Blick auf sich spüren. „Wieso so schlecht gelaunt, Shirley? War der violette Pullover aus dem letzten Doll&Girl Katalog bereits ausverkauft oder wieso läufst du hier apathisch durch die Korridore? Die Patienten sollen glauben, dass sie von einem Doktor behandelt werden, nicht von einem ihresgleichen, und da du dich ohnehin so sehr um dein Äußeres kümmerst, solltest du wi-hi-hirklich-

„-meinen BH zurechtstutzen und erhobenen Hauptes und mit einem freundlichen Lächeln den Patienten entgegentreten, ich weiß“, unterbrach JD hingegen den Satz seines widerwilligen Mentors, noch während er noch immer auf die CT-Ergebnisse vor sich blickte. Seine Stimme hatte nicht unhöflich erklungen, sie war nur müde gewesen; er hatte einfach nichts davon hören wollen, er wollte den heutigen Tag nur noch hinter sich bringen. Den überraschten, wenn nicht sogar leicht fragenden Blick seitens Dr. Cox nahm er dabei nicht wahr, stattdessen klappte er nur das Krankenblatt zu und wandte sich ohne ein weiteres Wort von der Krankenstation ab.

Perry hingegen sah ihm einen raschen Moment perplex nach, ehe er sich mit gerunzelter Stirn an Carla wandte. „Ich hoffe, er hat einen wirklich guten Grund, mir ins Wort zu fallen. Wenn er sich wieder mit seiner schwarzen Freundin gestritten hat-“

„Seien Sie heute ein wenig nachsichtig mit ihm“, unterbrach nun auch Carla seinen Satz – Perry wusste, der nächste, der ihm ins Wort fallen würde, den würde er innerhalb weniger Sekunden erwürgen. Und doch hielt Perry inne, schwieg, als er den leicht besorgten Blick auf Carlas Zügen entdeckte. „Er hatte heute einen langen Tag. Einen hat er bereits verloren, ein anderer hat es gerade so geschafft. Einen Patienten hat er noch nicht diagnostiziert und einem anderen hat er im Grunde alle Hoffnung auf ein aktives Leben genommen.“

Einen kurzen Moment lang schwieg Perry; für die folgenden Worte hasste er sich selbst, auch wenn er sich nicht daran hindern konnte, sie zu sagen. „Dann soll er sich endlich die zwei Eier holen, die ich ihm schon so lange zuvor ausgeschrieben habe. Wir alle haben unser Päckchen zu tragen.“

Augenblicklich konnte er sehen, wie sich Carlas Züge verhärteten. Er wusste, er war einen Schritt zu weit gegangen; unwillkürlich erinnerte es ihn an die drei Patienten, die er vor Jahren allesamt verloren hatte, wegen eines einzigen, persönlichen Fehlers. Wegen seiner Obsession mit den Spendeorganen. Nur dass Perry intuitiv wusste, dass keines dieser heutigen Ereignisse durch Flachzanges persönliche Schuld enstanden war; es war schlichtweg einfach passiert. Menschen starben. Ohne ein weiteres Wort wandte sich Perry von dem Tresen der Krankenstation ab – auf ihn wartete noch ein verhasster Berg an bürokratischen Papieren. Zumindest glaubte er, dass es das war, was ihn zurück in sein Büro zog.

Die Stunden vergingen, unablässig eilte JD durch die Korridore. Mehr als nur einmal erwischte er sich dabei, wie er mit einem abwartenden Blick auf die Uhr blickte; und selbst als der Zeiger endlich anzeigte, dass er gehen konnte – so konnte er nicht. Es war, kaum dass eine Minute nach seiner Schicht verstrichen war, dass jeder etwas von ihm benötigte. Und als er endlich die Ergebnisse von der Stuhl-Analyse von Stephen Grayson erhielt, da wünschte er sich, sie nicht gesehen zu haben; Poliomyelitis. Kaum überraschend, dass sie zunächst alle fieberhaften Infektionskrankheiten durchsucht hatten, gab es doch kaum Symptome, die Poliomyelitis zu Beginn der Krankheit eindeutig kennzeichneten. Carla und Turk hatten das Glück, dass Krankenhaus bereits verlassen zu haben – das Glück? JD zwang sich, nicht weiter an seine eigene Wortwahl zu denken.

Es war dunkel, als er sich endlich durch die gläserne Tür des Sacred Heart Hospitals schleppte. Es war vorbei, der Tag hatte endlich sein Ende gefunden. Es war ein guter Tag. JD seufzte schwer, als er seinen Wagen ansteuerte. Vielleicht hätte er doch einfach Turks Angebot annehmen sollen – auf einmal erschien ihm Pizza und Gilmore Girls mehr als geeignet, um die vergangenen Stunden ein wenig zu vergessen. Nur dass sein Wagen nicht starten wollte. Perplex hielt JD inne, drehte nochmal den Zündschlüssel, doch nichts geschah. Sein Wagen wollte sich nicht in Bewegung setzen. Es konnte nur ein schlechter Witz sein, es konnte einfach nicht sein – nicht nachdem er solange in diesem Höllenhaus gearbeitet hatte, so viele schlimme Nachrichten erhalten und verbreitet hatte. Ein unbeschreiblicher Knoten bildete sich in seiner Brust und er wollte auch nicht verschwinden, als sich JD erschlagen zurück in seinen Sitz lehnte und die Augen schloss.

Kein Wunder, dass er fast einen Herzinfarkt bekommen hatte, kaum dass er hörte, wie die Tür zum Beifahrersitz geöffnet wurde und sich ein Mann schweigend zu ihm setzte.

Was zum-?

„Luft anhalten, Prescilla, ich bin es nur“, ertönte die vertraute Stimme in JDs Ohren und tatsächlich, er hatte sich nichts eingebildet; direkt neben ihm saß Perry Cox. Noch mehr als verwirrt und dank des Schocks auch etwas unfähig sich zu rühren konnte er seinen unwilligen Mentor nur ungläubig anstarren. „Was machen Sie hier?“

„Jee, Flachzange, ich wohne nicht in dem Höllenhaus. Ganz im Gegensatz zu Bobo, der selbst jetzt noch in der Cafeteria sitzt-“

„Lassen Sie mich es nochmal versuchen, was machen Sie hier?

Und erstaunlicherweise, da schwieg Perry einen flüchtigen Moment lang. Mit aufmerksamen Augen sah JD zu dem Mann neben ihm, der jedoch seine Augen starr vor sich gerichtet hatte; er schien sich selbst etwas im Unklaren zu sein, wieso er sich in ebendiesem Moment in diesem Wagen aufhielt. JD glaubte bereits, dass er keine Antwort mehr erhalten würde, ehe er schließlich ein schwerfälligen Seufzer vernehmen konnte. Endlich sah Perry zu JD. „Du lässt immer noch kein Dampf ab, habe ich nicht recht?“

Perplex öffnete JD leicht seinen Mund, suchte Worte auf eine Frage, die er nicht vollständig verstand. Schließlich schüttelte er den Kopf. „Mir geht es gut. Es war ein guter Tag.“

„Carter mit ALS, Grayson mit Poliomyelitis. Einen Mann mit Niereninsuffizienz gerade so wieder ins Leben geholt, weiß Gott wie lange, Parker kurz davor verloren“, listete Perry schließlich nach und nach auf und noch während er einen nach dem anderen aufzählte, da schloss JD schließlich wieder seine Augen, ließ seinen Kopf zurück auf die Lehne des Sitzes fallen. An jedem anderen Tag hätte es ihn überrascht, dass Perry von all diesen Patienten wusste, hätte sich darüber gefreut; doch heute verschärfte sich nur das sinkende Gefühl in seiner Brust. Die Stimme Perrys schien nur noch fern zu ihm zu gelangen. „Dir geht es nicht gut. Und es war bestimmt auch kein guter Tag.“

JD wusste nichts zu erwidern, musste es allerdings auch nicht. Perry war es, der wieder das Wort ergriff: „Und jetzt sitzt du hier, in deinem – Herrgott, ich will dieses Ding wi-hirklich nicht so nennen – Wagen, der nicht einmal mehr fahren will. Im Ernst, deine schlechte Ausrede eines Bruders hätte dir auch ein richtiges Auto kaufen können und nicht das hier. Was auch immer das hier ist.“

Ein halbherziges Lächeln legte sich auf JDs Lippen, aber zu mehr schien er nicht in der Lage zu sein. Es schien Perry nicht zu entgehen und innerlich verfluchte er alles, was ihm bekannt war; er hatte absolut keine Ahnung, wie er zu reagieren hatte. Seine Form der Reaktion war nicht die, die er JD ans Herz legen würde. Unwillkürlich fühlte er sich an jene Frau erinnert, die sich kurz nach einem letzten, zufälligen Treffen mit JD das Leben genommen hatte – wofür sich JD selbst die Schuld gegeben hatte. Nur dass es wohl eine naive Annahme von ihm gewesen war, dass dieses eine Gespräch JD vor jedem weiteren Tiefpunkt innerhalb des Krankenhauses bewahren würde.

„Ich habe bereits einige gute Ärzte gesehen, die sich die Schuld für den Tod ihrer Patienten gegeben haben. Ich habe dir das alles schon einmal gesagt; wenn du einmal damit beginnst, dann gibt es kein Zurück mehr“, begann Perry schließlich, wiederholte seine Worte, die er schon einmal vor Jahren an den gleichen Mann gerichtet hatte. Er hielt für einen flüchtigen Moment lang inne, ehe er seinen Blick von JD abwandte „Und nur fürs Protokoll, ich will dich nicht zu ihnen schreiben müssen.“

Er zählte mich zu den guten Ärzten. An jedem anderen Tag hätte JD diese Nachricht wohl in die Welt geschrien, doch an diesem Tag nahm er es nur stillschweigend an; er wusste, dass es Perry wohl einiges an Mühe abverlangt hatte, diese paar Worte an ihn zu richten. Er hob nur leicht die Schultern, unschlüssig darüber, was von ihm nun verlangt wurde. „Was schlagen Sie vor?“

„Ich würde sagen, du lässt etwas Dampf ab.“

Und keine fünf Minuten später, da fand er sich mitten in der Nacht alleine auf dem Dach des Krankenhauses wieder, eine Wassermelone in seiner Hand und keinerlei Ahnung, was zur Hölle sein Mentor von ihm erwartete. Perry hatte ihm die Melone aus den verbliebenen Resten der Cafeteria in die Hand gedrückt und ihn ohne ein weiteres Wort hinaus auf das Dach geschickt – und nun stand JD stillschweigend unter dem bewölkten Nachthimmel, unschlüssig, ob sich Perry nur einen schlechten Scherz mit ihm erlaubte. Und doch, als würde man seinen Gedanken das Gegenteil beweisen wollen, öffnete sich schließlich wieder die Tür, die auf das Dach führte. Mit einer Kiste unterm Arm kam Perry auf JD zu, der ihn nur verwundert beobachten konnte.

Einen flüchtigen Moment lang blickte er in das Innere der Box. „Soll das hier ein Picknick werden?“

Augenblicklich konnte er als Antwort ein Schnauben vernehmen, während Perry allmählich die Kiste abstellte. „Schön weiter träumen, Betsy.“

Und unwillkürlich, da konnte JD spüren, wie seine Mundwinkel nach oben zuckten. Ohne ein weiteres Wort fischte Perry derweil eine Honigmelone aus der Kiste, ehe er etwas näher an das Gerüst des Dachs trat und schließlich für einen flüchtigen Moment lang zu JD sah. „Jeden Abend schaffe ich es nicht, meinen eigenen Kindern eine Geschichte vorzulesen. Unter der Woche sehe ich sie inzwischen kaum noch. Verdammt, ich kann nicht einmal länger mehr Patienten behandeln!“

Und damit wandte er sich von JD ab und warf die Melone im hohen Bogen vom Dach.

Endlich schien sich in JDs Verstand ein Schalter umzulegen. Er konnte sich erinnern, wie er vor Jahren bereits einmal zusammen mit Elliot, Turk und Carla hier gestanden hatte – Melonen und gefüllte Plastikhandschuhe unterm Arm. Damals hatten sie einfach gemeinsam Dampf ablassen wollen; es hatte auch funktioniert, nur dass JD niemals wieder diese Methode angewandt hatte. Er hatte nicht einmal gewusst, dass Perry von ihrer kleinen Sauerei damals etwas mitbekommen hatte. Andererseits war er Perry Cox, der jährlich auch ein Labor auseinander pflückte, vielleicht war es einfach nur seine Art. Doch jetzt, mit einer Melone in der Hand, mitten in der Nacht, da verstand JD endlich, was sein Mentor von ihm verlangte. Und so näherte er sich ebenfalls langsam der Dachkante an, sah für einen Moment lang hinab; als er schließlich wieder zu Perry blickte, da glaubte er ein leichtes Zunicken entdeckt zu haben.

„Mein ganzer Tag war gottsbeschissen“, und damit war das, was er so lange nicht hatte laut aussprechen wollen, gesagt – und es fühlte sich unfassbar gut an. „Ich wollte, dass meine letzten Tage hier der Wahnsinn werden. Ich bin es einfach so satt.“

Und damit holte nun auch er aus und warf die Wassermelone vom Dach. Und es fühlte sich gut an.

„Wegen meinen Kindern werde ich emotional, ich werde sentimental. Mit dem Alleinsein komme ich einfach nicht mehr klar, verdammt!“ Ein Apfel zersprang auf dem Asphalt. „Alle erwarten von mir, dass ich immer lächelnd durch die Gegend spaziere – dass ich immer für alle da zu sein habe!“ Neben der aufgeplatzten Melone traf eine Birne auf. „Ich freunde mich mit Bobo an, weiß Gott wieso. Mit Satan, Flachzange!“ Einer der Schokomuffins knallte auf den Boden – ein Muffin, den Kelso wohl andernfalls gegessen hatte, schoss es JD schlagartig durch den Kopf.

„Ich verlasse Sacred Heart“, entkam es ihm schlagartig, noch ehe er sich hätte aufhalten können, ehe er die letzte Melone vom Dach hinab warf. Er musste sich nicht umwenden, um die verwunderten Augen von Perry auf sich zu spüren – bis zu diesem Moment musste sein Mentor wohl der Ansicht gewesen sein, dass er diese Entscheidung leichtfertig getroffen hatte. Zumindest glaubte JD es, anders wusste er sich die unangenehme Stille nicht zu erklären.

„Wieso gehst du dann?“

Und bei dieser Frage sah JD endlich auf, konnte den nachdenklichen Ausdruck auf Perrys Gesicht ausfindig machen, auch wenn die Nacht noch so dunkel zu sein schien. Er hatte seine Arme verschränkt und sein Tonfall war nüchtern gewesen, ließ nicht erahnen, ob er sich wünschte, dass JD weiterhin im Sacred Heart arbeitete. Es war eine schlichte Frage gewesen und die Antwort darauf war gleichermaßen einfach. Tief atmete er durch. „Ich will nicht gehen. Ich liebe das Sacred Heart, dass ich täglich mit Turk und Carla arbeite, dass ich täglich Elliot sehe. Herrgott, selbst den Hausmeister werde ich vermutlich vermissen. Nur… nur können Sie sich vorstellen, ein Fremder in dem Leben Ihres Sohnes zu sein?“

JD erwartete eine lange Rede darüber, dass er kein Mädchen sein sollte, dass er sich am Riemen reißen sollte, es hätte ihn nicht überrascht. Und doch kam von alldem nichts, vergeblich wartete er auf ein paar wütende Worte. Stattdessen nahm er nur eine erschlagene Stille war und der Ausdruck in Perrys Augen erschien ihm verständnisvoll – verständnisvoll. Schließlich konnte JD seinen Mentor nicken sehen können, wenn auch nur kaum sichtbar, und da wurde ihm schlagartig bewusst, dass es Perry nicht anders erging. Auch er wünschte sich mehr Zeit mit seinen Kindern, die er kaum gewinnen konnte. Und doch wusste JD, dass er alles für die gleiche Menge an Zeit tun würde, die Perry derzeit mit seinen Kindern verbrachte, auch wenn sie nicht so viel sein mochte; und wenn es bedeutete, dass er an einem anderen Krankenhaus arbeitete, dann würde er dieses Opfer bringen müssen.

„Komm. Wir haben morgen noch einen langen Tag vor uns.“

Und mit diesen Worten wandte sich Perry allmählich von der Kante des Daches ab, während JD ihm einen Moment lang noch unbeweglich nachsah; die Worte waren weder wütend noch vorwurfsvoll gewesen, sie waren stattdessen nahezu ergeben. Selbst wenn JD nicht wusste, was es bedeuten mochte – womöglich würde er seinem Mentor schlussendlich doch fehlen, auch wenn er es sich kaum zu hoffen erlaubte. Vielleicht würde er ihm noch ein paar Abschiedsworte entlocken können, ehe er das Sacred Heart Hospital verließ. JD legte nachdenklich den Kopf zur Seite.

„Nacht“, entkam es ihm schlicht, ehe er mit einem letzten Blick zu Perry den Korridor verließ. Eine der Assistenzärzte atmete erleichtert aus. „Endlich ist er weg, hat der immer ein Theater um nichts gemacht, was? Ich meine, Dr. Dorian war in Ordnung, aber auch nicht besser als jeder andere Arzt.“

Perry legte die Stirn in Falten, ehe er seinen Gegenüber mit einem scharfen Blick ansah. „Fürs Protokoll, John Dorian war der einzige Arzt, der hier gearbeitet hat und sich genauso sehr um für seine Patienten engagiert hat wie ich. Und du musst nicht nur glauben, dass er ein guter Arzt ist, die Wahrheit ist, er ist ein außergewöhnlicher Mensch. Deswegen haben die Leute ihn gemocht, deswegen habe ich ihn gemocht. Er ist mein Freund.“


„...er ist mein Freund“, entkam es JD geistesabwesend, ehe er ein schrilles Pfeifen vernehmen konnte. Aus seinen Gedanken gerissen – hatte er tatsächlich gerade einen Tagtraum gehabt? JD begann zu lächeln; es war der erste an diesem Tag – sah er schließlich wieder zu Perry, der inzwischen bereits wieder an der Tür zum Dach stand. „Wenn du nicht die ganze Nacht hierbleiben willst, dann solltest du endlich deinen Hintern in Bewegung setzen, Flachzange.“

„Moment, bieten Sie mir gerade an, mich nach Hause zu fahren?“

„Nichts reininterpretieren, Judy.“

„Darf ich vorne sitzen?“

„Ja sicher, am besten gleich am Lenkrad, damit du mich anfahren und erfolgreich umbringen kannst.“

Und kaum hatten sie beide das Dach verlassen, da fiel die Tür mit einem leisen letzten Geräusch ins Schloss – und der Tag kam schlussendlich zum Ende. Erst am nächsten Morgen schienen einige Menschen verwirrt auf den wortwörtlichen Obstsalat auf dem Asphalt vor dem Sacred Heart Hospital zu zeigen, der allmählich vom leicht gereizten Hausmeister zusammengefegt wurde. JD hatte früh aufstehen müssen, statt mit seinem eigenen Wagen hatte er sich an öffentlichen Verkehrsmitteln bedienen dürfen und freute sich daher auf den Tag, an dem er endlich seinen eigen Wagen wiederbekommen würde. Ohne ein Wort lief er an dem Hausmeister vorbei, der ihn mit misstrauischen Augen beobachtete.

„Ich weiß, dass du es warst!“

JD wandte sich nicht um, kaum dass ihm die Worte hinterhergeeilt waren, dennoch legte sich ein leicht amüsiertes Lächeln auf seine Lippen. Erst an der Schwesternstation kam er zum Stehen und wie am Tag zuvor erwarteten ihn Carla und Dr. Cox, die erneut in einer Diskussion zu sein schien – und Carla schien nicht sonderlich glücklich zu sein, entsprechend ihres Gesichtsausdruckes. Abwesend nahm er einige der gesprochenen Worte wahr: „-gestern war es Nancy hier, jetzt du. Mein Gott, geht hier eine Missmutwelle umher? Wer ist der nächste?“

„Sie wissen sehr wohl, weswegen ich sauer bin. Sie hätten auf Bambi gestern etwas Rücksicht nehmen sollen und was machen Sie, oh, natürlich, er soll sich ein paar Eier zulegen!“

„Ich finde auch, dass Sie etwas Rücksicht auf mich nehmen sollten, Dr. Cox“, entkam es JD unwillkürlich mit einer leichten Stimme, auch wenn er seine Belustigung etwas zurückzuhalten versuchte. Er konnte sehen, wie die unsichtbare, rote Leuchte bei dem älteren Arzt zu blinken begann. „Natürlich willst du, dass ich auf deine kleinen niedlichen Gefühle Rücksicht nehme, Brittany. Aber weißt du, wenn du mal wieder deine Tage haben solltest, dann nimm einfach eine Schmerztablette und sieh dir wie jedes andere gute Mädchen Sex in the City an, denn andernfalls schwöre ich dir, dass du das nächste Mal von einer Melone getroffen wirst, wenn ich wieder mal eine vom Dach werfen sollte!“

Und damit rauschte er von dannen. Carla sah ihm perplex nach, ehe sie ihren Blick auf JD richtete. „Worum bitte ging es in dem letzten Part? Melonen?

„Frag mich nicht. Lass uns einfach froh sein, dass er inzwischen Obst und nicht Krankenhausmaterial für seinen Frust nimmt“, erwiderte JD hingegen ungerührt, während er noch immer Perry nachsah; ein wissendes Lächeln lag auf seinen Lippen.

Es würde ein guter Tag werden.
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