I can't pray (so lord, please forgive me)

von 400 Lux
OneshotAllgemein / P16 Slash
12.01.2019
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I can't pray (so lord, please forgive me)


justus/victor




mexican!justus und victor hugenay sind wieder back on track


(ernsthaft jetzt, für mich ist justus seit meinem 11. lebensjahr


lateinamerikaner, ich hoffe, ich bin da nicht die einzige).




ich hoffe dieses kleine bonbon-sequel zu there’s a bull and a matador


trifft den nerv.


über rückmeldungen würde ich mich, wie immer, sehr freuen.


all the love.




Can't handle my love
Can't handle your lies

No friend zone to my love

Quit burning all of my time


(no candle, no light,  zayn, nicki minaj)

Yo jamás iba a pensar, que mi existencia podría traer más
(I was never going to think
That my existence could bring more)
Yo nunca vi lo bueno de mi vida hasta que me enseñaste a volar
(I never saw the good in life
Until you taught me to fly)
Siempre veía a los contentos y más que nada a los enamorados

(I always saw the happy ones, and more than anything
The ones in love)
Jamás pensé que un día me harías uno de ellos
(Never did I think some day you would make me one of them)
Y ahora estamos aquí y yo en la luna
(And now here we are, you and me, on the moon)


(amor de siempre, cuco + english translation)





Robert Andrews, in „Die drei Satzzeichen, lol“, heute 7:18pm

Gott, just, ich sitze mit peter im auto und wir hören musik

Weißt du, wozu er gerade total abgeht?

Robert Andrews, heute 7:20pm

16 hours von higher brothers, erinnerst du dich? hab ich dir letztens in der zentrale gezeigt?

Just, ich glaube, wir überleben die autofahrt nicht, er lässt ständig das steuer los um mitzurappen





Justus Jonas schmunzelte und schob sein Handy zurück in seine Hosentasche, bürstete ein letztes Mal durch den unkontrollierbaren Mob schwarzen Haares auf seinem Kopf, blickte dann prüfend an sich hinab.

Er hatte lange überlegt, eigentlich seitdem er den Bus nach Hause betreten hatte, was er heute Abend tragen wollte und simultan versucht, sich einzureden, an dieser Überlegung sei nicht alarmierendes, sie sei völlig normal und harmlos.

Zuerst dachte er an seinen Prom-Anzug (all in und so weiter und so fort, wie Peter immer sagte), empfand das Ganze dann aber doch als too much (wie Bob immer sagte) und war dann kurz versucht gewesen, unter Einfluss des letzten erstickenden Restes rebellischen Teenagers in ihm, einfach so zu gehen, wie er zu dem Zeitpunkt noch ausgesehen hatte. Ihm kribbelten Gehirn und Fingerspitzen, als er daran dachte, wie die anderen Gäste des Urasawa (teuerstes und bestes Restaurant für japanische Küche und Sushi des Landes, wahrscheinlich auch weltweit, wenn man dem Internet trauen konnte) sich verhalten würden, wenn er als Anfang Zwanzig-jähriger in Checkerprint-Vans, Oversized-White Tee und mit Beanie in den Laden kommen würde und sich zu einem älteren Mann setzte, der (rein rechnerisch) sein Vater sein könnte. Ihm kribbelten die Finger, wenn er daran dachte, wie Hugenay gucken würde. Letztendlich hatte er sich für eine dunkelbeige Hose und ein einfaches weißes Hemd entschieden, da er aber nur seine Vans zur Hand hatte, entschied er sich etwas unzufrieden für diese Kombination.

Er warf einen Blick auf die Uhr seines Handys, in zehn Minuten kam sein Bus. Justus spürte Übelkeit in ihm hochkochen, drückend und zäh und er lehnte sich über das Waschbecken, starrte auf die weiße, reine Keramikoberfläche und versuchte, ruhig zu atmen. Es war völlig unlogisch, dass er jetzt nervös wurde und sein Körper versuchte, eben diese Nervosität auf diesem Wege loszuwerden.

Eilig verließ er das Badezimmer, in dem dringenden Wunsch sich von seinem rebellierenden Magen abzulenken und schlüpfte in seine Jacke, nahm den Schlüssel aus der kleinen Schale auf der Anrichte neben der Haustür und hatte fast schon die Tür geöffnet, als Tante Mathilda aus der Küche geschossen kam.

„Justus, wo willst du denn noch hin?“, sie wirkte sichtlich überrascht, Justus fühlte sich, als würde bei ihm gleich eine Sicherung durchbrennen.

„Ich treffe mich mit Peter und Bob. Wir gehen essen“, ohne auf ihre Antwort zu warten rauschte er aus der Haustür, hastete über den Schrottplatz in Richtung der Bushaltestelle.






„Victor!“, als Justus hinter Hugenay das Urasawa betrat, schoss hinter dem Tresen in der hinteren Ecke des Restaurants, direkt vor dem Durchgang in die offene Küche, ein glatzköpfiger und offensichtlich japanischer Mann mit ausgestreckten Armen hervor. Ob er in Hugenays Alter war, konnte Justus schwer beurteilen und er zog es vor, sich höflich lächelnd hinter den Männern zu halten, während diese in einer bizarren Mischung als Japanisch und Englisch einige Freundlichkeiten austauschten und sich in den Armen lagen.

„Justus, das ist Hiroyuki Urasawa, Sushimeister und Inhaber dieses Etablissements“, Hugenay wandte sich dem Jüngeren zu und deutete auf den anderen Mann, Justus lächelte freundlich und erwiderte die angedeutete Verbeugung, die der Japaner ihm erwies.

„Euer Tisch ist gleich hier drüben, am Fenster dachte ich, wäre nett? Setzt euch, setzt euch. Victor, seit wann bist du wieder in den Staaten?“

Nachdem die beiden, wie Justus vermutete, alten Freunde einige Nettigkeiten und Informationen bezüglich ihrer aktuellen Lebenssituation ausgetauscht und Hugenay für Justus und sich selbst das Grande Menu bestellt hatte, ging der ältere Mann an der anderen Seite des runden Tisches direkt in seinen üblichen Plauderton über.

„Ich denke und dachte in letzter Zeit häufiger an Rodin, Justus. Ich denke immerzu an diese spielerische, ja vielleicht sogar kindliche Leichtigkeit die er empfunden haben muss, als er mit den Konventionen der Welt, wie er selbst sie und die ganze Gesellschaft um ihn herum, kannte, brach. Es bezieht sich vielleicht nur auf seine Kunst und es mag ihm eventuell nicht sonderlich bewusst gewesen sein, aber für mich ist es da. Diese Befreiung, ich finde, man kann sie sogar in seinen Werken, besonders in den Skizzen und Studien besonders gut betrachten, nicht?“

Justus überlegte einen Moment und meinte in dem gedimmten Licht des Restaurants Hugenays Augen als etwas glasig, fast schon melancholisch wahrnehmen zu können. „Ich denke, wenn Sie damit Rodins Loslösung von den Vorstellungen aller Menschen ihn betreffend und um ihn herum beschreiben, dann würde ich auch davon ausgehen, dass sich diese neuerrungene Freiheit in dem, was er schaffte, manifestierte. Aber die Frage ist hierbei doch eigentlich, für welchen Künstler trifft dies nicht zu? Welcher Künstler kann Kunst frei von der eigenen Empirik, frei von eigenem Empfinden und Prägungen schaffen?“

Hugenay schien langsam nickend aus einer Art Trance aufzuwachen, hatte er doch die ganze Zeit an Justus vorbeigeschaut, schien sein Blick ihn nun zu durchbohren und er deutete zustimmend mit dem Zeigefinger auf den jüngeren Mann.

„Ganz recht. Ein solcher Künstler muss wohl wahrlich ein Genie ein, aber wir müssen uns dann auch der Frage stellen, ob ihn das noch zu einem Künstler macht oder ihm und seinen Werken nicht die wahre Seele der Kunst völlig raubt?“

„Sie meinen die Emotionen, nicht wahr? In jedem Bild, mag es noch so sehr versuchen nur darstellend oder historisierend zu arbeiten, findet sich ja bekanntlich immer eine Art der Wertung, immer eine Art der Emotion und sei es nur der emotionale Aufwand, das zeitliche Investment, welches der Künstler tätigte.“

„Der Künstler kann sich nicht davon befreien, sehr richtig. Aber ist es nicht erstaunlich wie, wenn wir bei ihm bleiben wollen, Rodin es schaffte, Skizzen so ausdrucksstark mit solch einfachen und wenigen Mitteln erscheinen zu lassen?“

„Das weiß ich nicht“, gab Justus leise zu und beinah wurde seine Antwort von dem lauten Lachen der Frau am Tisch nicht weit von ihnen, verschluckt.

„Nun, ich auch nicht“, Hugenay lachte ebenfalls, jungenhaft und entspannt, „Wie wir heute bereits feststellten, können wir nichts wissen. Wie wäre es, wenn wir es einfach als Möglichkeit annehmen?“

„Das würde mir ausreichen, in der Tat“, Justus schmunzelte und ließ sich von der Kellnerin das Weinglas auffüllen.

„Justus, darf ich dich etwas fragen?“

„Aber natürlich, Mister Hugenay.“

„Ich fühlte diese Leichtigkeit heute, als wir über den Moreau sprachen. In mir entstand eine Erkenntnis, die daraufhin eine Freiheit in mir auslöste und es egal werden ließen, was die Gruppe von Menschen, die wir wohl als Gesellschaft bezeichnen würden, von meiner Entscheidung halten würde. Erging es dir nicht auch so?“, Hugenay lehnte sich zurück und Justus konnte nur erahnen, dass der ältere Mann wieder die Beine überschlug, betont gelassen und selbstsicher und Justus verspürte den innigen Wunsch, zu wissen, ob die ganze Situation für Hugenay nur ein Spiel war (so wie es im ersten Moment auf den Jüngeren wirkte) oder er seine Attitüde vorlagerte, ihn versuchte zu blenden. Ein unangenehmes Gefühl machte sich in der Magengegend des ersten Detektives breit (es war definitiv kein Hunger, das kannte er zu gut), wie ein Loch, unruhig und leer, aber seltsam flatternd. Er wünschte, er hätte auch das Bedürfnis nach einem Spiel, seinen Gegenüber aus der Reserve zu locken, aber aktuell sah es eher weniger danach aus, was den Jüngeren zunehmend verunsicherte und (zugegeben) ängstigte.

„Sie haben recht, ja. Ich weiß, wovon sie sprechen“, erwiderte Justus, hörte wie seine Stimme leicht zitterte und zog es vor, eine Weile nichts zu sagen. Sie saßen dort und schwiegen, Justus versuchte Hugenays durchdringendem Blick zu entgehen, sah sich in dem Restaurant um. Das gedimmte Licht, die sorgfältig gepflegten Bambuspflanzen, teure Tischdecken und teures Porzellan, sowie traditionelle Papierleuchten, die sich beeindruckend leichtfertig in die luxuriöse Innenausstattung einfügten und den dunkel getäfelten Wänden Raum zum Atmen gaben. An der großen Fensterfront neben ihnen liefen dicke Rinnsale Regen hinunter, gegenüber hielt ein Rolls Royce und jemand stieg aus, unter dem Schutz eines großen Regenschirms, der gut Brad Pitt hätte sein können und sich schnell ins Trockene bei einem teuren Italiener auf der anderen Straßenseite flüchtete. Justus wusste, spürte, dass Hugenay ihn immer noch ansah, entschloss sich den Blick zu erwidern. Der ältere Mann lächelte.

„Weißt du Justus, Rodin ist einer der wenigen Künstler, eine der wenigen kreativen und malerischen Kräfte, lassen wir seine Skulpturen und Plastiken einmal außen vor, die ein Gewitter in mir entstehen lassen. Es war ein wenig wie mit dem Moreau heute Mittag, du erinnerst dich? Es war ein ähnliches Gewitter, aber ein Rodin ist wie ein Blitz. Ich bin ständig auf der Suche nach Werken, die sich so in mir verhalten. Hast du beim Herausgehen auch die Liegende mit den blauen Spielkarten von Félix Vallotton gesehen?“

Justus nickte und Hugenay lächelte erneut sanft.

„Dies war auch ein Blitz, wie Donner. Wie hat es dir gefallen?“

„Außerordentlich gut. Die grüne Farbgebung hat mir erstaunlich zugesagt und die Klarheit der Formen, ohne auf die Details zu verzichten war gewiss auf eine ganz eigene Art faszinierend.“

„Ja, die Tonalität ist schon etwas Besonderes, nicht? Dir gefiel es also?“

„Ich muss gestehen, ja, das tat es“, und wieder nahm Justus in den Augen seines Gegenübers dieses Funkeln wahr. Er konnte es nicht nur erahnen, er wusste, was der andere dachte.

„Tun Sie es nicht“, Justus‘ Stimme nahm einen verschwiegenen Flüsterton an, er lehnte sich ungewollt vor.

„Was denn, mein Junge?“, Hugenay hob leicht das Kinn, Justus‘ Augen wurden schmal.

„Stehlen Sie es nicht“, erwiderte er bestimmt und der Ältere hob überrascht (vielleicht etwas ertappt?) die Augenbrauen.

„Ich hatte nicht vor-„

„Der erste Gang, die Herren“, eine junge Kellnerin war mit einem großen Silbertablett an sie herangetreten und Hugenay zog es, sehr zu Justus Erleichterung, nicht vor, seine Diebstahlpläne weiter auszuführen, „Wir haben hier Goma Tofu, Junsai, Ishiyaki und Shabu Shabu, mit Kobe-Rind.“

Während die junge Frau die Gerichte auf dem Tisch verteilte, konnte Justus spüren, wie sie ihn betrachtete und ihr Blick gelegentlich zu dem älteren Mann auf der anderen Seite des Tisches glitt. Er wusste, was sie dachte. Ein junger Mann in Vans (es war eine schlechte Idee gewesen, er hatte es gewusst), der mit einem älteren Mann in maßgeschneidertem dunkelgrünen Samtanzug, der offensichtlich alles auf der Karte einmal geordert hatte, in einem der teuersten und exquisitesten Sushisrestaurants essen ging. Es wirkte gewiss bizarr, wenn nicht sogar abstoßend und für einen kurzen Augenblick sah Justus die Dinge vor sich, von denen Peter manchmal spaßhaft und ausfallend sprach, die er mit Bob tat und sich dafür von dem dritten Detektiv einen bösen Blick und einen Klaps auf den Oberarm fing. Justus errötete und wandte seinen Blick von der Kellnerin ab. Am liebsten wäre der erste Detektiv aufgesprungen und hätte ihr, jedem der hier in diesem Restaurant saß, entgegen geschrien So ist es nicht, verstehen Sie doch aber er zog es vor, dies nicht zu tun. Zumal etwas in seinem Magen ganz leicht zog, wie ein Haken und er sich plötzlich gar nicht mehr sicher war, ob er es überhaupt aufklären wollte. Obwohl er spürte, wie seine Wangen unter Flammen standen, hob er den Blick und ganz leicht sein Kinn, sah die junge Frau an. Für einen kurzen Moment glaubte Justus, er habe sie aus dem Konzept gebracht. Sie blinzelte ihn an und sah kurz zu Hugenay, vor Justus innerem Auge tanzten die Farben, dunkelgrün und helle Haut auf beige und sanfter Bräune.

„Ich wünsche den Herren einen guten Appetit, gestatten Sie, dass ich dazu einen neuen Weißwein serviere?“

Justus beobachtete einen Moment, wie die junge Dame die Gläser und den Wein austauschte, bevor sein Blick reflexartig nach oben glitt und den von Hugenay traf, unergründlich, die Pupillen seltsam dunkel.






„Isst du häufig japanisches Essen, Justus?“, Hugenay beugte sich leicht vor und inspizierte den Lachs, der neben vielen anderen Gerichten auf dem großen Tisch stand. Mittlerweile waren sie bei dem zweiten Gang angekommen und sogar Justus, der gerne viel aß, spürte eine leichte Sättigung.

„Zu meinem Bedauern nicht sehr häufig, nein. Bob holt manchmal für uns Sushi, aber ich nehme an, das kann man nicht mit den Gerichten hier vergleichen“, Justus lächelte milde und Hugenay lachte leise, sah ihn dann an.

„Robert isst also gerne Sushi?“, Hugenay wirkte tatsächlich überrascht.

„Tatsächlich, ja. Er ist jeder Kultur gegenüber sehr aufgeschlossen, ohne seine Überredenskünste, das muss ich wohl eingestehen, hätte ich es selber vermutlich nie probiert.“

„Dann lass mich einmal raten, Justus. Peter ist, was das angeht, nicht derart experimentierfreudig, nicht?“

Justus lachte, griff nach seinem Weinglas und nahm einen kleinen Schluck, schüttelte den Kopf. Er trank wirklich selten Alkohol, aber der leichte Schwindel, den er sonst so sehr verabscheute, war ihm in dem Moment willkommen. „Manchmal frage ich mich, wie die beiden je zusammengefunden haben, aber ich denke, es liegt nicht an mir, das zu beurteilen.“

Hugenay lächelte milde und nahm sich etwas von den Shiitakepilzen.

„Inwiefern, mein Junge?“

„Ich denke, Sie verstehen ganz gut“, erwiderte Justus, kühler im Tonfall als beabsichtigt.

„Ich denke, ich verstehe tatsächlich. Manchmal geht es gar nicht darum, wie viel wir miteinander teilen, wenn wir einander nicht einfach nur verstehen, nicht?“

Justus sah auf, doch Hugenay war bereits wieder mit einem der zahllosen Gerichte auf dem runden Tisch beschäftigt.

„Ich nehme an, deine Vorliebe liegt eher in der mexikanischen Küche, nicht?“, erkundigte sich Hugenay, nachdem einer der Köche zu Tisch mehrere hochwertige Stücke Rind zubereitet hatte und sich mit einer Verbeugung wieder zurückzog. Hugenay lehnte sich in seinem Stuhl zurück, legte seinen Ellenbogen ganz nonchalant auf der Armlehne ab.

„Ja, meine Mutter war Mexikanerin.“ Gelegentlich, wenn er mit Peter und Bob essen war, verging ihm für kurze Zeit der Appetit, wenn er an seine Eltern dachte. Ganz besonders, wenn sie Taccos in dem kleinen Laden am Strand holten.

Dieses Mal war es anders. Es würde vermutlich nie aufhören, wie sich seine Brust schmerzlich zusammenzog, aber in diesem Moment (und er war sich sehr, sehr sicher, dass es nichts mit seinem Alkoholgenuss der letzten Stunde zu tun hatte), empfand er dennoch eine fremde Art von Behaglichkeit. Er sah auf, fing den ungewohnt warmen Blick seines Gegenübers auf und wurde sich schlagartig der Quelle des ungewohnten Gefühls bewusst.

„Tante Mathilda kocht häufig ihr Chili, Titus sagt, es soll unvergleichlich gewesen sein“, hörte Justus sich selber sagen, so ruhig und friedlich, dass er nicht glaubte, dass er selber sprach.

„Oh, wirklich?“, ernsthaftes Interesse funkelte in den Augen des älteren Mannes, das Stück Rind auf seiner Gabel schien er vergessen zu haben oder willentlich zu ignorieren.

„Das Geheimnis ist wohl einen guten Löffel Creme Fraîche und reife Avocado unterzurühren“, vor Justus innerem Auge schoss das Bild einer Therapiesitzung vorbei, die Frau im Sessel ihm gegenüber, Es wird dir gut tun, dich so an sie zu erinnern, an beide meine ich und die zahllosen Abende, an den er sich gewünscht hatte, dies wäre nicht die unlösbar schwere Aufgabe des Schicksals für ihn gewesen.

Hugenay lächelte und deutete auf ein mariniertes Stück Lachs, auf dem eine feine Scheibe Avocado unter Goldstaub lag. „Dann solltest du dies probieren, Justus. Ich bestelle es immer, wenn ich hier esse.“

Justus blickte den älteren Mann kurz an und nahm das Stück Fisch mit den Essstäbchen auf. Es war für Justus Empfinden lächerlich klein, konnte er sich doch denken was es vermutlich kostete, aber der feine und klare Geschmack des Lachs mit der weichen Noten der Avocado und der interessanten Mischung der Gewürze in der hausgemachten Sojasoße ließen seine Mundwinkel überrascht und zufrieden in die Höhe gleiten.

„Es ist faszinierend, nicht?“, erkundigte sich Hugenay lächelnd an ihn gewandt, bevor er sich leicht herumdrehte und in fließendem Japanisch etwas zu einer der Kellnerinnen sagte, die daraufhin nickend verschwand.

„Sie sprechen Japanisch?“, erwiderte Justus etwas irritiert und ließ sich Wein nachschenken, Hugenay nickte nur.

„Ich war einige Zeit“, er hielt einen Moment inne, als die Kellnerin eine große Platte mit vielen weiteren Lachs-Avocado-Stücken brachte, „Nun, sagen wir doch einfach geschäftlich in Japan.“

Justus wollte gerade etwas erwidern, vielleicht, dass er gar keinen so großen Hunger mehr hatte oder dass es wirklich nötig sei, aber er wurde von der Vibration seines Handys in seiner Hosentasche abgelenkt. Er beschloss, es zu ignorieren. Ein wenig aus dem Konzept gebracht, brauchte er einen Moment um sich wieder an ihre Unterhaltung zu erinnern.

„Was haben Sie gestohlen?“, erwiderte Justus und ihm wurde schlagartig bewusst, wie beiläufig er dies gesagt hatte, während Hugenay ihm die kleinen Platten mit dem Lachs entgegenschob.

„Einige wunderschöne, sehr aufwendige Holzschnitte. Oh, und natürlich den großen farbigen Holzschnitt zu den 47 Rōnin  aus der Mitte des 18. Jahrhundert, diesen dort“, Hugenay lehnte sich in seinem Stuhl zurück und deutete auf eine beeindruckende Arbeit an der Wand am anderen Ende des Restaurants und Justus tat sein bestes, sich nicht an seinem Wein zu verschlucken. Sein Handy vibrierte erneut.

„Warten Sie, was?“, erwiderte er mit beinah kindlicher Überraschung, Hugenays Augen funkelten. Wieder vibrierte sein Handy in seiner Hosentasche.

„Das ist vielleicht eher eine Geschichte für ein anderes Mal, findest du nicht, Justus Jonas?“, Hugenay lächelte milde und widmete sich wieder seinem Essen, „Außerdem solltest du vielleicht doch mal nachsehen, es könnten deine Freunde sein.“

Perplex taxierte Justus ihn und blinzelte einige Male, nickte dann langsam und zog wie Trance sein Smartphone hervor, überflog die Nachrichten.

Peter Dunstan Shaw, in „Die drei Satzzeichen, lol“, heute 8:42pm

just
bro alles ok bei dir? wieso antwortest du nicht?

ist dir der
fleischmannschrank auf den fuß gefallen lol



Robert Andrews, heute 8:43pm

Fleischmannschrank?
peter hast du fieber?


Peter Dunstan Shaw, heute 8:43pm

willst du mal herkommen und fühlen???

fleischmannschrank weil die den doch vom toten metzger bekommen haben und auf den fuß gefallen wegen auntie m helfen, umräumen vielleicht


Robert Andrews, heute 8:44pm

Oh, peter


Peter Dunstan Shaw, heute 8:44pm

ja?
was??


Robert Andrews, heute 8:44pm

Ich liebe dich, das ist alles



Peter Dunstan Shaw hat ein GIF gesendet.

Robert Andrews hat ein GIF gesendet.


Robert Andrews, in „Die drei Satzzeichen, lol“, heute 8:57pm

Just, Peter und ich machen uns wirklich Sorgen
Du bist nie so lange unerreichbar

Peter Dunstan Shaw, heute 8:59pm

hallooo

jussus jonas vonnen drei detektiven???


Robert Andrews hat eine Sprachnotiz (3:49) gesendet.


Peter Dunstan Shaw, heute 9:03pm

an deiner stelle würde ich mir das niiiicht anhören
ist nicht pg13


Du, heute 9:18pm

Peter, wtf




Peter Dunstan Shaw, heute 9:18pm

OOOOH WTF

BOB SCREENSHOT SCHNELL

ER HAT WTF GESCHRIEBEN

MOM GET THE CAMERA


Peter Dunstan Shaw hat ein GIF gesendet.


Du, heute 9:19pm
Kann das gerade nicht hören, bon
*bob
Melde micxh spätee.



Robert Andrews, heute 9:20pm

Was ist denn los bei dir? stimmt was nicht?



Justus schob sein Handy zurück in seine Hosentasche, lächelte entschuldigend.

„Deine Freunde, nehme ich an?“, Hugenay nahm einen tiefen Schluck aus seinem Weinglas, hielt Justus dabei fragend im Blick.

„Ja“, begann er zögerlich, „Es geht um ein Collegeleague-Spiel, das Peter nächste Woche hat und zu dem er uns eingeladen hat.“

Hugenay schmunzelte und Justus wusste, dass der ältere Mann wusste, dass er gelogen hatte.

„Nun, Justus, wie sieht es aus? Bestellen wir noch etwas Sushi? Oder vielleicht ein Dessert, die Nachspeisen mit Matcha sind alle vorzüglich“, Hugenay stellte sein Weinglas ab und lehnte sich leicht vor, lächelte Justus so verschmitzt an, dass er für einen kurzen Moment glaubte, vor ihm säße ein junger Mann.

Justus wartete, bis er den schwarzen Wagen um die Ecke biegen sah und kramte sein Handy hervor, überflog die verpassten Nachrichten von Peter und Bob. Alles um ihn herum drehte sich und er hatte Mühe, während er las, den Schrottplatz zu überqueren.


Robert Andrews, in „Die drei Satzzeichen, lol“, heute 9:30pm

Justus alles ok?


Peter Dunstan Shaw, heute 9:30pm

jahaa, er hat dir doch jetzt geantwortet

chill pls baby


Robert Andrews, heute 9:31pm

Aber hast du gesehen wie? die ganzen typos?

Da stimmt was nicht, peter

Peter Dunstan Shaw, heute 9:32pm

bon babes, ich glaube der group chat ist nicht der richtige ort um das jetzt zu diskutieren


Robert Andrews, heute 9:32pm

????


Peter Dunstan Shaw, heute 9:33pm

cute, du schreibst sogar schon wie ich, bon baby


Robert Andrews, heute 9:33pm

PETER


Peter Dunstan Shaw, heute 9:35pm

jaja, ich hab den autoschlüssel schon hier, ziehe gerade jacke anchill

so, schuhe

fahre jetzt los, 10 min



Robert Andrews, heute 9:37pm




Peter Dunstan Shaw, in „Die drei Satzzeichen lol“ heute 10:35pm

just, langsam ists echt nicht mehr lustig

wo bist du was soll das

bitte sag einfach, dass alles ok ist



Seufzend kramte er nach seinem Schlüssel und ließ dabei fast sein Handy fallen. Leise verfluchte er den letzten Sake, den man ihnen zu der 5-stelligen Rechnung gebracht hatte, welche Hugenay ohne mit der Wimper zu zucken beglichen hatte.

Er war deutlich zu angetrunken, um noch zu tippen und nahm es sich vor, seine Kollegen am folgenden Tag darüber zu informieren, dass er tatsächlich nicht aufgehört hatte, zu existieren. Jetzt wollte er einfach nur schlafen, sein Herz klopfte schwer in seiner Brust (nicht nur vom Alkohol, wie er annahm) und irgendwie fühlte er sich seltsam gut. Er würde ihnen einfach sagen, dass er Migräne gehabt und sich früh zu Bett begeben hatte, sich für seine verspätete Antwort entschuldigen und es damit auf sich beruhen lassen.

Erneut seufzend steckte er den Schlüssel ins Türschloss.

„Justus, wo warst du denn so lange?“, Tante Mathilda war in dem Moment aus ihrem Sessel aufgesprungen und in Richtung Flur geeilt, in dem Justus die Haustür aufgeschlossen hatte. Die große Standuhr zeigte fast zwölf Uhr, das einzige Licht in dem offenen Wohnzimmer der Jonas‘ kam bläulich aus dem Fernseher. Titus schaute eine Spätausstrahlung Baseball an und nickte Justus zu.

„Habt ihr etwa auf mich gewartet? Wieso seid ihr nicht im Bett?“, Justus schloss die Tür hinter sich und warf seinen Schlüssel in das kleine Schälchen auf der Anrichte neben der Haustür.

„Justus Jonas, deine Freunde waren hier! Ich dachte ihr wärt gemeinsam weg gewesen!“, Justus nahm in Sekundenbruchteilen die Panik in ihrer Stimme wahr.

„Es ist alles gut Tante Mathilda, es gab eine außerplanmäßige Änderung“, sie schien es ihm eher weniger abzukaufen und Justus machte in dem spärlich beleuchteten Flur einige Schritte auf die Treppe zum Obergeschoss zu, „Du weißt doch, wie es ist. Mit den Ermittlungen, meine ich, gelegentlich laufen die Dinge eben nicht so wie geplant.“

„Justus, ich habe mir große Sorgen gemacht!“, rief seine Tante aus und Titus Jonas seufzte leise, drehte den Fernseher eine Lautstärkestufe nach oben, bewegte sich unruhig in seinem Sessel.

„Ich gehe jetzt ins Bett, gute Nacht ihr beiden!“, rief Justus über seine Schulter und hastete die Treppe empor, warf seine Zimmertür zu und lehnte sich mit rasendem Herz dagegen.

„Er wirkt so anders, schon seit er das erste Mal heute heimgekommen ist, findest du nicht auch?“, flüsterte Mathilda Jonas und ließ sich auf die Armlehne des Sessels sinken, in welchem Titus Jonas saß. Dieser legte ihr, leise brummend, liebevoll den Arm um die Taille, stellte den Fernseher auf stumm. „Oder etwa nicht?“

„Vielleicht arbeiten die drei Jungen tatsächlich wieder an einem Fall und er ist einfach total beschäftigt damit, im Kopf, meine ich“, versuchte ihr Ehemann sie zu beruhigen.

„Ach, ich weiß nicht“, erwidere sie skeptisch und legte die Stirn in Falten, „Er wirkt so abgelenkt. Meinst du er hat ein neues Mädchen kennengelernt? Wieso erzählt er es uns dann nicht?“

„Justus hat uns noch nie viel erzählt, ‘Tilda. Erinnerst du dich an das letzte Mädchen, Bethany, oder wie sie hieß? Von ihr hat er uns auch lange nichts erzählt, wäre es Peter nicht herausgerutscht. Nachdem sie einmal hier war, weißt du doch sicher auch noch?“

„Ihr Name war Brittany, Mensch Titus“, Mathilda lachte leise, wurde dann aber wieder ernst, „Es ist gut möglich, dass es ein Mädchen ist, du hast doch auch gesehen, wie er sich herausgeputzt hat!“

„Selbst wenn es ein Mädchen ist, dann wird er wissen, was er tut. Mach dir bitte keine Gedanken, Liebes.“




Justus sah in seinem Zimmer an die dunkle Decke, auf der sich federleicht bläuliches Licht abmalte, welches durch die geschlossenen Jalousien von der Straßenlaterne vor seinem Fenster in den Raum drang. Unten verstummten die Stimmen, Schritte bewegten sich auf der ersten Etage in Richtung des Schlafzimmers.

Er atmete tief aus, hörte sein Herz schlagen.

Wusste er, was er tat?



All I need is one
One
old man is enough
Babe, you got it wrong

Please turn your fears into trust, to trust


Where'd the love go?
You put the running into run

You asking me to stay

But I never met a girl I could trust


(thunderclouds,  sia, labrinth, diplo)
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