Zwölf Tage

KurzgeschichteSchmerz/Trost / P18
12.01.2019
12.01.2019
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Vor zwölf Tagen feiertest du noch glücklich das Abschließen des Jahres 2018 und begrüßtest herzlich das neue Jahr. Du hattest dir Ziele gesetzt und erhofftest vielleicht dieses Jahr dich zu fangen und endlich deine Träume zu verwirklichen.
Aber als die Feier zu ihrem Ende kam, musstest du etwas ganz Bestimmtes feststellen: Nur weil sich in deinem Kalender eine Zahl verändert hat, bedeutet das nicht automatisch, dass dein Leben das auch tun wird.

Die ganzen Laster, die du mit dir rumschleppst, sind dir ins neue Jahr gefolgt. Die neue Ziffer hatte sie nicht aufgehalten.

Zwölf Tage warst du schon im neuen Jahr.

Und bist du jetzt glücklich?
Nein bist du nicht...
Hast du irgendwas angefangen?
Nein hast du nicht.
Und ist irgendwas besser geworden?
Überhaupt nicht.

Denn deine schlimmste Befürchtung war nun pure Realität.


Von dem gemütlichen Abend mit deinen Freundinnen nachhause zu kommen und zu erfahren, dass sich im Hintergrund eine Tragödie abgespielt hatte, war die bitterste Enttäuschung, die du jemals geschmeckt hattest. Und das schlimme daran ist, dass du dir selbt die Schuld dafür gibst, obwohl du doch gar nichts dafür kannst. Dein Verstand legt dir die Fakten vor und du verstehst sie. Und trotzdem nagt das schlechte Gewissen an dir, raubt dir den Schlaf und zwingt dich diesen Text zu verfassen, in der Hoffnung diese Gedanken endlich los zuwerden und vielleicht etwas Frieden zu genießen. Doch du naives Stück Scheiße machst dir immer zu viele Hoffnungen.
Die Illusion nach der du dich sehnst, wird immer eine Illusion bleiben.

Die Idee, dich heute in dein Bett zu verkriechen und dich den ganzen Tag vor diesem Blick verstecken klingt unglaublich verlockend, aber du verstehst, dass das nur deine verhasste Schwäche zeigen würde.
Du warst es schon immer leid gewesen, für das kleine, schwache, unselbstständige Mädchen gehalten zu werden, das du nicht bist.
Doch du weißt, wenn du gleich in diese gebrochenen Augen schauen wirst, würdest du nicht mal ein einziges Wort über die Lippen bringen. Denn du weißt, dass Er die Bedeutung deiner Worte - deiner Gedanken und Gefühle niemals verstehen würde, weil Er in seiner eigenen, kleinen Welt lebt.
Dass seine Worte deine Narben wieder und immer wieder zum Aufplatzen brachten, interessierte ihn nicht, denn es ging ja alles immer nur um ihn.
Er war es Leid dich als Tochter zuhaben und nun nachdem dieses von dir verachtete Getränk seinen Verstand so vergiftet hatte, dass er es für richtig hielt, die Haut deiner Mutter blau zu färben, solltest du seine einfache Entschuldigung annehmen?
Jahrelang hatte er dich für seine Fehler verantwortlich gemacht und bereute es als ganzem Herzen, jemals diese Frau getroffen zu haben, die dich später zu Welt brachte.
Und nun, wo er die Grenze überschritten hatte, solltest du richtig handeln und Mitleid mit ihm haben?
Bei dem Gedanken an Vergebung würdest du dich am liebsten übergeben und trotzdem fühltest du dich schlecht, wenn du dir wünschtest er würde sein Versprechen, sich von dir abzuwenden, wahr machen und für immer aus deinem Leben verschwinden.

Du wolltest ihm nicht gegenüber stehen, denn du wusstest, dass sein "Ich liebe dich, meine Tochter" dich nur weiter verletzen würde. Du wolltest diese Worte nicht hören, denn du konntest diesen Worten keinen Glauben schenken.

Denn wie, wenn er einer der Gründe war, dass du heute weiße Linien auf den Armen trägst?

Du kannst ihm nicht mehr die letzte Chance geben, endlich zu dem Vater zu werden, den du dir schon immer gewünscht hattest, denn du hast dir eingestanden, dass diese zwölf Tage ohne ihn, die besten zwölf Tage deines gesamten Lebens waren.