die Gesetze von Natur und Logik

KurzgeschichteDrama, Romanze / P16 Slash
Draco Malfoy Harry Potter Hermine Granger Ronald "Ron" Weasley
11.01.2019
16.02.2019
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~ Zeit und Geduld ~


Harrys Zuversicht, dass er irgendwann irgendetwas von Draco erklärt bekam, hielt sich auch einen Monat später noch in Grenzen. Entweder war er es, der abends seinen Kram nahm und verschwand, oder er sah Draco dabei zu, wie dieser sich müde aufrappelte und ging, bevor er einschlief.

An einigen Tagen kam Harry nicht umhin, Draco nachdenklich zu beobachten und zu überlegen, ob er es einfach aus Draco herauspressen sollte, warum er sich jeden Abend aus dem Staub machte. Aber Harry bezweifelte, dass das sinnvoll wäre. Schließlich hatten sie innerhalb der letzten Monate festgestellt, dass es nichts nützte, den anderen zu belagern und Geduld und Zeit mehr bringen konnten, als Druck auszuüben.

Heute, nachdem sie den ganzen Tag bei den Weasleys verbracht hatten und draußen im Garten gewesen waren, um mit den Kindern die neuen Schlitten auf den schneebedeckten Hügeln einzuweihen, schien Draco ausnahmsweise keinen einzigen Gedanken daran zu hegen, nach Hause zu gehen. Harry bemerkte zufrieden, dass es fast so aussah, als wäre es Draco tatsächlich egal, ob er hier einschlief oder nicht. Und den Gedanken, dass Draco eventuell einfach schon zu müde war, um sich darüber noch den Kopf zu zerbrechen, verdrängte Harry.

Draco lag unter einer flauschigen Decke auf Harrys ausgeklapptem Sofa; leise Musik aus der Küche war zu hören, wo sie eben noch gemeinsam gekocht und gegessen hatten, und schien Draco träge und schläfrig werden zu lassen. Er hatte noch immer ganz rosige Wangen von der Kälte und seine Haare machten Harrys ernsthafte Konkurrenz, da sie in alle Richtungen abstanden. Den ganzen Tag unter einer Mütze gefangen zu sein hatte ihnen zugesetzt, und nachdem Harry gesagt hatte, dass er es mochte, wenn Draco mal nicht wie aus dem Ei gepellt aussah, hatte dieser ausnahmsweise keinen Zauber auf seine Haare gesprochen, um sie wieder zu richten.

Es herrschte eine angenehme Ruhe im Haus und die Musik aus der Küche wurde zum Hintergrundgeräusch, als Harry ins Wohnzimmer kam und Draco beobachtete. Er sah entspannt aus und bereit, jeden Moment einzuschlafen, als Harry seinen Zauberstab schwang und das Zimmer in dämmriges Licht tauchte.

Er wollte Draco nicht dazu verleiten hierzubleiben, aber insgeheim freute Harry sich diebisch über die guten Chancen, dass Draco die Nacht hier verbringen würde. Dabei ging es Harry nicht mal um den Sex, den sie eventuell haben könnten, sondern viel mehr um den Wunsch, neben Draco einzuschlafen und ihn morgens, kurz nach dem Aufwachen, in seine Arme ziehen zu können. Allein die Vorstellung ließ Harrys Herz ein wenig schneller schlagen, denn, bei Merlins Bart, noch waren sie in der Phase ihrer Beziehung, wo in gewisser Weise alles Neue besonders aufregend war. Ganz gleich, ob es schon über ein halbes Jahr war, das sie nun zusammen waren oder nicht.

„Noch eine?“, fragte Harry, als er sah, dass Draco sich die Decke fröstelnd bis zum Kinn zog. Er wusste nicht, weshalb Draco die größte Frostbeule der Welt war und weder der Wärmezauber noch der heiße Tee richtig geholfen hatten, als sie den ganzen Tag draußen gewesen waren. Aber ohne lange zu zögern, holte er schließlich eine weitere Decke und Draco hüllte sich darin ein, wie eine Raupe in ihren Kokon. Harry sah noch einen Moment zu ihm, ihre Blicke kreuzten sich und Draco sah ihn dankbar und müde an, bevor Harry in die Küche verschwand, um die pfeifende Wasserkanne vom Herd zu nehmen und den Tee aufzugießen.

Während Harry die Teeblätter aufgoss, sich das Wasser leicht färbte und der Duft von Jasmin sich in der Luft ausbreitete, fing in seinem Bauch die unschöne Mischung, aus Vorfreude und schlechtem Gewissen, zu brodeln an. Denn es war offensichtlich, dass Draco kurz davor war einzuschlafen, obwohl er sonst so penibel darauf geachtet hatte, dass sie nicht beieinander übernachteten. Sollte Harry ihn bitten zu gehen, obwohl er eigentlich wollte, dass Draco bei ihm blieb? Dass Draco ihm das Vertrauen entgegen brachte, schlafend neben Harry zu liegen?

Harry atmete tief durch, sah zu den zwei dampfenden Teetassen und knetete nervös seine Hände, bevor er zu seinem Zauberstab griff. Mit einem Wink dessen, begannen die Tassen zu schweben und folgten Harry ins Wohnzimmer, wo sie sich von selbst auf den kleinen Tisch stellten. Harry sah unentschlossen zu Draco, der mit geschlossenen Augen unter den zwei Decken lag und tief und langsam atmete.

Vorsichtig, als würde der ruhige Moment sonst wie dünnes kostbares Glas zerbrechen, kniete Harry sich neben Draco auf die Couch und legte zögerlich seine Hand auf Dracos Schulter.

„Hey“, flüsterte er leise und wartete einen Augenblick lang ab, aber nichts geschah.

„Draco?“, fragte Harry leise, aber wieder ohne, dass irgendetwas passierte. Er lehnte sich zurück und sah wieder zu den zwei dampfenden Tassen, ehe er sich neben Draco legte und die Lippen aufeinander presste. Stumm beobachtete er Dracos Gesicht, als wäre es etwas, das er zuvor noch nie gesehen hatte. Und in gewisser Weise stimmte das auch.

Dracos Gesichtszüge waren entspannter denn je, die feinen Fältchen, die manchmal auf seiner Stirn entstanden, wenn er besorgt oder wütend war, waren verschwunden. Sein Mund war leicht geöffnet und seine Brust hob und senkte sich in regelmäßigen tiefen Atemzügen. Draco sah verletzlich aus und jünger, als er eigentlich war. Es faszinierte Harry, ihn so gelöst zu sehen, obwohl Draco sich sonst immer dagegen gesträubt hatte. Fast erwartete Harry, dass in den nächsten Minuten irgendetwas Aufregendes oder Besonderes passierte, aber nichts geschah, außer, dass ihm warm wurde und er sich den Pullover über den Kopf zog.

Er griff nach einem Kissen und vergrößerte es, ehe er es sich neben Draco bequem machte. Es war nicht spannend, aber trotzdem womöglich das Beste, was er seit Langem getan hatte. Und würde es jemand anders mitbekommen, dann wüsste Harry nicht, ob es ihm peinlich sein sollte oder nicht, aber er verbrachte mehr als eine Stunde damit, Draco beim Schlafen zuzusehen, ehe auch er selbst müde wurde.

Mit schläfrigen Bewegungen griff er nach einiger Zeit noch mal zu seinem Zauberstab und versuchte, den Raum etwas abzukühlen. Harry wusste nicht, ob er es geschafft hatte oder nicht, denn wirklich angenehm temperiert kam es ihm nur kurz vor, ehe ihm wieder warm wurde und er sich aufrappelte, um eines der Fenster sperrangelweit zu öffnen. Er erwartete, dass Draco durch die Kälte wach werden würde, aber nichts geschah, außer, dass Draco sich grummelnd auf die Seite drehte und bis zur Nase unter den weichen Decken verschwand.

Erst nach fünf Minuten schloss Harry das Fenster, ging zurück zum Sofa und verwandelte ein Kissen in eine Decke, da es beinahe zu kalt war im Zimmer, und schlief langsam ein, nachdem er das Licht ausgeschaltet und noch einen Blick zu Draco geworfen hatte.

Es war keine entspannte Nacht, wie Harry nach einigen Stunden enttäuscht feststellen musste. Er wachte auf und strampelte die Decke von seinen Beinen, ehe er sich aufsetzte und mit der Hand durch die feuchten Haare fuhr. Er war durchgeschwitzt und fühlte sich ausgetrocknet, doch da schien er der einzige zu sein. Draco neben ihm schlief ruhig und unbekümmert weiter, noch immer mit den zwei Decken über sich, und Harry stand kopfschüttelnd auf.

Er nutzte seinen Zauberstab und öffnete wieder das Fenster, um die kühle Nachtluft hereinzulassen, bevor er noch kurz ins Badezimmer verschwand, um sich frisch zu machen. Erst nach einer Weile ging Harry dann zurück, ließ die Zimmertür offen und ging zum Kamin rüber, wo die Glut noch glomm. Er wusste nicht mehr, ob sie den Kamin am Abend angemacht hatten oder nicht, und löschte mit seinem Zauberstab auch die restliche glimmende Hitze aus.

Harry hatte erwartet, dass Draco mittlerweile kerzengrade auf dem Sofa sitzen würde, weil es so kalt war, aber er schlief noch immer. Mit einem Seufzen legte Harry sich schließlich neben Draco und sah zu dem Fenster, welches er wieder geschlossen hatte. Während er sich fragte, ob er es diese Nacht noch einmal öffnen musste, holte ihn die Müdigkeit wieder ein.

Wach wurde Harry erst, als er neben sich ein leises Fluchen hörte. Müde öffnete er seine Augen und blinzelte der hellen Morgensonne entgegen, die ihn blendete. Er drehte sich weg und legte den Arm über die Augen, um weiter in der falschen Dunkelheit zu dösen. Wieder wurde geflucht und Harry erinnerte sich, weshalb er überhaupt wach geworden war. Er hob den Arm und schielte neben sich, doch Draco lag nicht mehr neben ihm. Die Decken waren aufgewühlt und Harry brauchte einen Moment, ehe er realisierte, dass Draco neben dem Sofa kniete.

„Alles klar?“, fragte Harry mit verschlafener Stimme und Draco hob den Kopf. Harry wusste nicht was, aber irgendetwas gefiel ihm ganz und gar nicht an Dracos Blick. Er sah sauer, besorgt und nachdenklich zugleich aus. Eine Mischung, die Harry eine Gänsehaut bescherte.

„Draco?“, fragte er, nachdem er keine Antwort bekommen hatte. Doch Draco schien ihm auch jetzt keine Antwort geben zu wollen oder zu können.

Er rappelte sich vom Boden auf, ging am Sofa vorbei und verschwand wortlos durch die geöffnete Tür aus dem Wohnzimmer. Harry lag noch immer verschlafen da und starrte an die Decke, während er Draco durchs Haus laufen hörte.

„Suchst du was?“, wollte Harry wissen, als Draco zurückkam und sich im Wohnzimmer umsah.

„Fällt dir irgendetwas auf?“, fragte Draco zurück und fuhr sich mit der Hand durch die weißblonden Haare. Harry saß schneller aufrecht, als es seinem Gehirn lieb war. Kurz wurde ihm schwindelig, dann sortierte er seine Gedanken wieder und bekam Panik, dass ihm irgendwas hätte auffallen müssen. Draco hatte keinen Geburtstag, es war ein normaler Samstag und es war nicht mehr so erdrückend warm wie letzte Nacht. Mehr stellte Harry im schläfrigen Zustand nicht fest.

„Nein?“, meinte er fragend und sah Draco unsicher an. Dieser bückte sich, strich mit den Fingerspitzen über den Boden und Harry beobachtete seine Bewegung. Hatte Draco vielleicht eine morgendliche Marotte und kontrollierte, ob der Ort, an dem er geschlafen hatte, auch sauber genug war, um in den Tag zu starten?

„Kommt dir irgendwas anders vor als sonst oder tut dir irgendwas weh?“, fragte Draco, nachdem er sich wieder aufgerichtet hatte, und Harry schüttelte den Kopf. Er sah sich kurz um, entdeckte die zwei Teetassen, von denen gestern Abend keiner mehr etwas getrunken hatte, und das allgemeine Chaos, welches irgendwie immer in seinem Haus zu herrschen schien.

„Ne“, sagte er schulterzuckend und sah Draco dabei zu, wie er rüber zum Kamin ging und zögerlich die Hand nach der Glut ausstreckte. Vorsichtig berührte er das verbrannte Holz, als wolle er wissen, ob der Kamin in letzter Zeit gebrannt hatte oder nicht, und richtete sich dann wieder auf. Kopfschüttelnd griff er zu seinem Zauberstab, reinigte seine rußschwarzen Finger und sah dann zu dem Platz, an dem er geschlafen hatte.

„Ich hätte gestern gehen sollen“, sagte Draco und Harry fiel nichts Eloquenteres ein, als ein zurückgebliebenes „Hä?“ hervorzubringen.

„Hast du etwa nicht gut geschlafen?“, fragte Harry dann und beobachtete, wie Draco nach einer der Tassen griff und den Tee mit seinem Zauberstab erhitzte. Draco nippte an dem dampfenden Getränk und warf Harry einen besorgten Blick über den Tassenrand zu.

„Doch“, gestand Draco schließlich und senkte seinen Blick.

„Hast du durchgeschlafen?“, fragte Draco und Harry sah, wie Draco nervös am Bund seines Pullovers pfriemelte.

„Ich schlafe eigentlich immer durch, aber letzte Nacht war es zwischendurch einfach zu warm“, antwortete Harry und kam schließlich zu Draco herüber. Harry legte von hinten seine Arme um Dracos Taille und verteilte dann zarte Küsse auf seinem Nacken. Er genoss die Wärme, welche von Draco ausging, und atmete den Duft des Jasmintees ein, welcher sich schon letzten Abend ausgebreitet hatte.

Eigentlich hatte er sich den Morgen anders vorgestellt, dachte Harry dumpf. Er hatte erwartet, dass Draco neben ihm liegen würde und ihre Beine, wie in einer kitschigen Romanze, miteinander verwoben waren, während sie einander verschlafen anlächelten und Draco dann plötzlich feststellte, dass es doch gar nicht so schlimm gewesen war, wie …

„Hast du irgendwas gesehen, als du wach geworden bist?“, fragte Draco zögerlich und stellte die Tasse ab, um sich dann in Harrys Armen zu drehen.

„Nein, es war Nacht. Was soll ich da sehen?“, fragte Harry mit gerunzelter Stirn zurück und Draco nickte scheinbar erleichtert. Er sah ein wenig aus, als würde er am liebsten Harry die Schuld dafür geben, dass er ihn nicht geweckt und nach Hause geschickt hatte, aber sein Verstand schien Draco daran zu erinnern, dass Harry nicht verantwortlich für ihn war.

„Und war es jetzt so schlimm hier zu schlafen?“, fragte Harry nachdenklich, als sich die Rädchen in seinem Kopf vergebens weiterdrehten, um einen Sinn in Dracos Fragen zu erkennen. Es machte einfach nicht Klick.

Er hatte seine Hände auf Dracos Rücken ineinander verschränkt und beobachtete, wie Dracos Blick über seine Schulter hinweg vom Kamin zum Boden und dann zum Fenster wanderte. Als wäre er auf der Suche nach etwas, von dem Draco selbst nicht so richtig wusste, ob es überhaupt existierte.

„Nein, war es nicht“, sagte Draco schließlich und seine Mundwinkel hoben sich ein Stück. Die Andeutung eines Lächelns, welches seine Augen nicht mal annähernd erreichte. Und obwohl er erleichtert aussah, etwas gemeistert zu haben, was nur für ihn selbst eine Art Prüfung gewesen zu sein schien, änderte sich im Großen und Ganzen nichts.

~*~


Weihnachten, Silvester und das neue Jahr kamen, der Winter verzog sich und machte dem Frühling Platz, erweckte das Land aus seiner Starre und hauchte allem wieder Leben ein. Doch Draco hütete sich in all der Zeit davor, wieder bei Harry einzuschlafen. Harry konnte nur dabei zusehen, wie Draco sich aufmachte, wenn er müde wurde oder Harry abends bat zu gehen. Es nützte nichts, Draco klarzumachen, dass es kein Problem gab, und Harry verkniff es sich, Draco zu Erklärungen zu zwingen. Draco war hartnäckig und konnte, wenn er wirklich wollte, genauso stur sein wie Harry selbst. Da nützte auch die Erinnerung nichts, dass ein Morgen zu zweit besser war, als einer alleine.

„Was ist das Problem? Hab ich irgendwas getan, fühlst du dich bei mir unwohl oder habe ich Mundgeruch?“, fragte Harry, als sie durch eine Parkanlage spazieren gingen. Die Frühlingssonne zeigte sich an diesem Nachmittag kräftig und in seiner Jacke kam sich Harry fast schon zu warm angezogen vor, weshalb er den Reißverschluss ein Stück weit öffnete.

Harry spürte, wie Draco kurz seine Hand nahm, drückte und wieder losließ, wobei er das Schmunzeln in Dracos Gesicht trotz der gekräuselten Stirn erkannte.

„Hättest du Mundgeruch, würde ich dich weder küssen noch meinen Schwanz lutschen lassen“, sagte Draco in einem gespielt beiläufigen Ton und Harry sah errötend weg. Er brauchte einen Moment, um sich wieder zu fangen, dann sah er Draco von der Seite an.

„Ich meine es ernst“, sagte Harry und sah, wie Dracos Blick unwohl umherschweifte und er tief durchatmete.

„Du hast nichts getan“, versicherte Draco Harry und sie sahen beide auf, als ein Mann seinem Hund nachlief, der sich von der Leine losgerissen hatte. Ein paar Meter weiter spielten Kinder Fangen und auf der Bank saß ein Pärchen, das so nervös aussah, als wäre es ihr erstes Date. Um sie herum schien alles seinen Weg zu gehen, jeder wusste, was er zu tun oder zu lassen hatte, nur Harry wusste nicht so recht, was er mit Draco anstellen sollte.

„Wir reden doch sonst auch immer über alles“, meinte Harry und wurde dann von Draco nach links gelenkt, um sich auf eine hölzerne Bank zu setzen. Draco ließ seinen Stab ein Stück weit aus seinem Ärmel herauslugen und sprach einen Zauber, damit die Feuchte aus dem Holz verschwand, und als sie saßen, schwiegen sie beide.

Der fremde Mann hatte mittlerweile seinen Hund wieder eingefangen und Harry betrachtete das große schwarze Tier, um anschließend seinen Blick zu senken. Er dachte an Sirius, nur ganz kurz, denn seine Brust schien enger zu werden und er hatte andere Dinge hier in der Gegenwart zu klären, die wichtiger waren, als die Vergangenheit.

Denn es stimmte, was Harry sagte. Draco und er sprachen verhältnismäßig oft über das Erlebte; den Krieg, die Verluste und Dinge aus dem Hier und Jetzt, so wie ihre Tage auf Arbeit zum Beispiel. Ganz gleich ob nur die Stille zwischen ihnen mit Worten zu füllen oder um Sachen loszuwerden, die zu schwer waren, um sie schweigend alleine auf den Schultern zu tragen.

„Mir geht’s nachts manchmal nicht so gut“, sagte Draco und er lehnte sich etwas nach vorne, stützte seine Ellenbogen auf den Oberschenkeln ab und fuhr sich mit den Händen übers Gesicht. Einen Moment lang sagte Harry gar nichts, weil er annahm, dass noch irgendetwas von Draco kommen würde, doch dieser schwieg.

„Gerade deshalb sollten wir doch zusammen schlafen. Ich … Ich kann dir helfen, wenn es dir nicht gut geht“, schlug Harry vor und Draco lachte knapp und freudlos auf. Es erreichte seine Augen nicht und Harry sah gebannt zu, wie Draco sich wieder aufrecht hinsetzte und zögernd Harrys Hand in seinen Schoß zog. Er fuhr mit seinen Fingern die Linien auf Harrys Handinnenseite entlang und seufzte dann kaum hörbar.

„Es ist nichts, womit du mir helfen kannst, Harry“, sagte Draco und klang dabei enttäuscht von sich selbst.

„Und es sind nicht die Albträume. Nicht immer“, schob Draco sofort hinterher, als er zu Harry sah und bemerkte, wie dessen Gedanken sich überschlugen.

„Ich brauche einfach Zeit“, sagte Draco nachdenklich und Harry fragte sich stumm wieviel noch.

Einen Moment lang sagte niemand etwas und beide sahen geradeaus, beobachteten die Leute um sie herum, während frischer Wind durch die Bäume pfiff, die erst langsam wieder an Blattwerk gewannen. Als die Bäume ganz kahl gewesen waren, hatte Harry schon einmal gefragt und er zögerte, ob er es noch einmal wagen sollte oder nicht.

„Wovor hast du Angst?“, fragte Harry schließlich und Draco schwieg, anstatt zu antworten. Er fuhr mittlerweile nicht mehr die Linien auf Harrys Hand entlang, aber hielt sie nun ausnahmsweise fest in seiner eigenen. Damals hatte Draco geantwortet, dass er es irgendwann erklären würde, aber Harry bezweifelte, dass dieser Zeitpunkt heute wäre.

„Davor, dass du dich verletzt. Dass ich dich verletze“, antwortete Draco nach einigen Augenblicken und seine Stimme klang seltsam leise, als hätten ihn die wenigen Worte all seine Überwindung gekostet. Harry runzelte die Stirn und beobachtete, wie Dracos Blick starr gerade ausgerichtet war. Hinter seinen Augen mussten sich Bilder abspielen, von denen Harry sich nicht sicher war, ob er sie auch sehen wollte oder nicht. Denn manchmal blieben gewisse Dämonen lieber verschwiegen, bis man die Kraft hatte, sie irgendwann ans Tageslicht kommen zu lassen und zu bändigen.

„Schlafwandelst du?“, fragte Harry schließlich neugierig und unsicher zugleich. Draco schüttelte den Kopf und atmete tief durch, um sich aus seiner Trance wieder zu fangen. Er stand auf und zog Harry mit sich hoch, um ihn dann schief anzulächeln.

„Lass uns gehen und das Geschenk für Weasley besorgen“, sagte Draco und Harry machte den Mund auf, um zu widersprechen, denn er wusste nicht, wann er Draco das nächste Mal wieder so weit haben würde, dass er mit ihm darüber sprach. Aber Draco brachte ihn mit einem kurzen unschuldigen Wangenkuss zum Schweigen und sie gingen anschließend los, um ein passendes Geburtstagsgeschenk in der Winkelgasse zu finden.

Immer wieder sagte Harry sich an diesem Tag, dass es nur Zeit und Geduld brauchte, ehe Draco ihm alles erzählen würde. Nur war es nicht gerade einfach, Geduld für etwas aufzubringen, das man nicht verstand, und Zeit … nun gut, die hatte Harry, wie er widerwillig feststellen musste. Schließlich hatte es auch eine Menge Zeit gekostet, Draco überhaupt um den Finger zu wickeln.

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Euch allen ein schönes Wochenende! Lasst mir doch gerne etwas Feedback mit eurer Meinung da und ob es euch gefällt oder nicht :)


Eigenwerbung: Hier ein Link zum Oneshot Ich sehe dich, den ich gestern hochgeladen habe.
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