In der Kälte gefunden

von Votani
OneshotDrama / P16
11.01.2019
11.01.2019
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I
Big Mamas Territorium hat sich vergrößert. An sich ist diese Tatsache nicht überraschend, ganz besonders da sich einige Inseln, die unter Whitebeards Schutz gestanden haben, nah an Whole Cake Island und den umliegenden Gewässern befinden.
Bei dem Gedanken an seinen alten Herren zieht sich noch immer etwas schmerzhaft in Marcos Brust zusammen, obwohl sein Tod Jahre her ist. Aber manche Wunden heilen nicht so einfach, während andere immer wieder aufplatzen und wehtun, als ob sie erst gestern entstanden sind.
Wenn ihn einer der Jungs „Captain" nennt, dann denkt Marco an Whitebeard. Wenn er Feuer sieht, denkt er an Ace. Viel zu viele Nächte denkt er an die Feuerfaust, die etliche Zeit nicht nur das Schiff und sein Leben, sondern auch sein Bett geteilt hat.
Doch auch das ist eine lange Zeit her. Zu lange. Die Erinnerungen drohen zu verblassen, ganz gleich wie sehr Marco an ihnen festhält. Das Leben geht weiter, das hat er schon lange begriffen, auch wenn es nichts erträglicher macht.
Marcos Blick gilt der Karte, die ausgebreitet auf dem überdachten Tisch vor ihm liegt. Vier unförmige Steine ruhen auf ihren Ecken, um sie trotz der eisigen Windböen davon abzuhalten, davon zu flattern oder seine Sicht einzuschränken.
Ruhig wandern seine Augen über die Inseln, die auf der Karte abgezeichnet sind, während er die behandschuhten Hände aneinander reibt, um Wärme zu erzeugen. Seine Teufelskraft ist in vielen Sachen hilfreich, aber sein Feuer kann weder ihn noch irgendjemand anderen wärmen. Das gilt ganz besonders bei den schnell wechselnden Jahreszeiten, die auf der Grandline herrschen. Die Winter in der Neuen Welt sind kälter, die Temperaturen niedriger, und die Blizzards heftiger.
Sie können sich froh schätzen, dass der Schneefall für den Moment ein Ende gefunden hat, denn das Deck der neuen Moby Dick ist bereits zugeschneit. Die Jungs schaufeln ihn fort, während sie sich mit Sake warm halten, was ihre Arbeit nicht sonderlich produktiv macht.
„Boot, ahoi!“, unterbricht ein Ruf vom Krähensnest seine Gedanken. Die Stimme von Rico ist nur ein leiser Ausruf über den heulenden Wind, der die breiten Segel des Schiffs füllen.
Marco sieht zu dem jungen Burschen hinauf, der sich ihnen erst einige Monate zuvor trotz ihres schwindenden Rufs angeschlossen hat. Er hält ein Fernrohr an sein Auge und gestikuliert wild. Marco wandert über den Schnee hinweg zur Reling, um ebenfalls in die angegebene Richtung zu schauen. Das kleine Boot ist mit seinen braunen Holz einfach auf dem Wasser auszumachen, auf dem gelegentliche Eisstücke schwimmen, die wahrscheinlich von der Winterinsel stammen, die das Wetter erst auslöst.
„Es liegt jemand drin!“, ruft Rico über seinem Kopf aus und mehrere von seinen Jungs sammeln sich um ihn, die Schaufeln und Sakeflaschen in den Händen tragend.
„Schiffbruch!“, murmelt jemand.
„Marco“, sagt Vista, als er sich durch die Traube an Männern hindurchzwängt und ihn erreicht. „Bei den Temperaturen in so einer winzigen Nussschale...“
Marco nickt. „Die Chancen, dass das jemand überlebt, sind gering.“



II
Der Wind gleitet durch seine Federn, an denen das blaue Feuer leckt, als er die Flügel schlägt. Obwohl der Abstand zwischen dem Boot und der Moby Dick alles andere als klein ist, hat Marco ihn bereits in wenigen Momenten überbrückt.
Mit Füßen, die Krallen formen, landet er auf dem Bug des Boots, welches unter ihm trotz seiner Vorsicht ein wenig nachgibt und zu ruckeln beginnt. Mit der zurückverwandelten Hand stützt sich Marco sich ab, um das Gleichgewicht zu halten, während er die Gestalt betrachtet, die in dem kleinen Boot mit seinen fehlenden Rudern liegt.
Die bewusstlose Frau ist völlig in pink gekleidet, in einem Kostüm, welches einer bunten Motte ähnelt. Lange Stiefel reichen fast bis zu ihren Knien hinauf, doch die langen Beine sind nackt und bis auf den Umhang, der um sie gewickelt ist, der Kälte ausgesetzt. Ein langer Schlitz in ihrem Kostüm zieht sich bis zu ihrem Bauch hinunter und hinterlässt noch mehr freie Haut. Pinkfarbene Haarsträhnen bedecken ihr Gesicht, doch ein schwacher Atem bewegt ein paar Strähnen.
Vorsichtig steigt Marco über eine hölzerne Sitzbank zu ihr hinüber und beugt sich über sie, um ihr die Haarsträhnen aus dem Gesicht zu streichen. Unter dem vorsichtig aufgetragenen Make-up ist sie furchtbar bleich und ihre Lippen haben eine bläuliche Farbe angenommen.
Sie blinzelt bei seiner Berührung, aber ihr Blick ist glasig und fokussiert sich nicht, bevor sie wieder das Bewusstsein verliert.
Seine Hand an ihre Wange legend lässt Marco blaues Feuer seiner Haut entlang lecken. Seine Teufelkraft ist anders als die von Ace es gewesen ist, die nun seinem todgeglaubten Bruder gehört. Marco kann niemanden wärmen, aber er kann den Heilungsprozess antreiben und den Körper eines anderen stärken.
Etwas Farbe kehrt binnen weniger Sekunden in die Wangen der Frau zurück. Als sie das nächste Mal die Augen aufschlägt, sind die Ringe unter ihnen noch immer tief, aber ihr Blick ist ein wenig klarer.
„Kannst du mich hören, yoi?“, fragt Marco.
„Wer... bist du?“ Ihre Stimme ist kratzig und heiser, als ihre Augen über sein Gesicht wandern, doch mit der dicken Winterjacke, welche seine Tätowierung verdeckt, ist er nicht so schnell erkennbar. Allerdings spielt es keine Rolle, ob sie ihn erkennt, denn selbst wenn sie auf unterschiedlichen Seiten stehen, so kann sie ihm in ihrem Zustand nichts anhaben.
„Halt dich an mir fest, dann bringe ich dich an einen wärmeren Platz“, sagt er stattdessen.
Anstatt seiner Aufforderung Folge zu leisten, zucken ihre farblosen, rauen Lippen und sie bringt ein müdes Lächeln zustande.
„Für gewöhnlich nennen mir Männer zuerst ihren Namen, bevor sie mich entführen“, antwortet sie, obwohl ihr jedes Wort sichtlich schwer fällt. Doch das kecke Funkeln in ihren Augen verrät ihm, dass sie eher das Verführen anstelle des Entführens meint.
Für einen Moment schaut Marco sie an und hält ihren Blick, bevor er wortlos einen Arm unter ihren Rücken schiebt und sie hochzieht, direkt an sich, da sie ansonsten ewig auf diesem kleinen Boot festsitzen würden.
Sie schließt die Arme um seinen Hals und kalte Fingerkuppen berühren seinen Nacken, bis sich die feinen Härchen dort aufstellen. „Reiju. Mein Name ist Reiju“, wispert sie gegen den Kragen seiner Jacke und ihr Atem schwappt wie warmes Wasser über diesen hinüber und stößt gegen die Unterseite seines Kiefers.
„Halt dich fest, yoi“, warnt Marco, als seine Arme sich erneut in blau entflammte Flügel verwandeln und er sich vom Boot abstößt.
Kein Laut entflieht Reijus Kehle, als sie sich in die Lüfte begeben, als wäre sie das Fliegen gewöhnt. Stattdessen presst sie das Gesicht enger gegen ihn, bis er ihre Lippen an seinem Hals spüren kann – und Marco meint, dass sie sich zu einem schmalen Lächeln verziehen, als sie an ihm festhält.



III
„Hier, meine Liebe.“ Vista breitet eine warme Wolldecke aus und legt sie Reiju um die Schultern, welche sie eng um ihren Körper zieht.
Obwohl sie sich unter Deck in der kleinen von Marco eingerichteten Krankenstation befinden, beginnt Reiju zu zittern. Sie sitzt auf der schmalen Liege, die Beine dicht an ihren Körper gezogen und die Arme um sie geschlungen.
„Etwas zum Aufwärmen“, sagt Rico, der ebenfalls bleich vor Kälte aussieht. Er zieht sich einen Handschuh mit dem Mund aus, bevor er den Deckel von dem kleinen Flachmann abschraubt, den er stets bei sich trägt. Er reicht ihn Reiju.
„Ich bevorzuge zwar Wein, aber ich werde nicht wählerisch sein“, sagt sie mit ruhiger Stimme, obwohl Marco sehen kann, wie viel Mühe es ihr kostet. „Habt beide vielen Dank.“ Ein Lächeln begleitet ihre Worte und der Mund einiger Jungs klappt auf, die im Gang stehen und durch die geöffnete Tür einen Blick auf die Schiffbrüchige werfen. Sie haben nur noch selten eine dermaßen gutaussehende Frau an Bord, nach dem Paps gestorben und die Krankenschwestern sie sitzen gelassen haben.
Marco kann es seinen Männern nicht verübeln, doch ein Augenrollen kann er nicht unterdrücken, als er Vista einen vielsagenden Blick schenkt.
„Lassen wir Reiju erst einmal etwas aufwärmen“, sagt der Schwertkämpfer und packt Rico am Kragen seiner Jacke, um ihn mit sich nach draußen zu ziehen und die Tür zu schließen.
Reiju nimmt einen Schluck aus dem Flachmann, bevor sie ihn beiseite stellt.
„Wirklich nicht dein Geschmack“, stellt Marco fest, denn die Frau vor ihm stammt offensichtlich aus gutem, reichem Hause. Dies verraten ihre Manieren und ebenso ihr Aussehen und Verhalten.
„Wenn du mit mir allein sein möchtest, hättest du das nur sagen müssen“, sagt sie, anstatt auf seine Worte einzugehen. Etwas Anzügliches liegt in ihrem Blick, obwohl ihr Körper immer wieder bebt, um sich selbst ein wenig zu wärmen, und ihre Augen blutunterlaufen sind.
Es ist eine Schutzmauer, geht es Marco durch den Kopf.
Trotz der Kälte, die Reiju noch immer gefangen hält, bildet sich ein Schweißfilm auf ihrer Stirn. Ihre Wangen sind errötet und es ist ein Wunder, dass sie keine Kälteschäden erlitten hat. Doch ihre Hände und Füße hat Marco bereits als erstes untersucht. Ihr Körper verhält sich nicht wie der eines normalen Menschen, das ist eine weitere Tatsache, die Marco aufgefallen ist.
„Ich weiß, wer du bist, Phönix“, fügt sie hinzu, als er an die Liege herantritt. Vielleicht will sie ihn aus dem Konzept bringen oder testen.
„Da weißt du mehr als ich im Moment, yoi“, erwidert Marco, denn nach dem Krieg im Marinefort erscheint ihm sein Ruf und seine Position nicht mehr allzu wichtig. Obwohl schon Jahre zurückliegen, versucht er immer noch sich zu finden und er nimmt an, dass es seiner Mannschaft nicht anders ergeht. Sie sind Whitebeards Söhne gewesen. Doch was sind sie nun?
Er legt eine Hand an Reijus Stirn, die überrascht blinzelt, jedoch stillhält. „Du hast Fieber.“
„Du hast es sicher bereits bemerkt, dass mein Körper erstaunlich gut mit der Kälte zurechtkommt“, sagt sie als Erklärung.
„Du solltest tot sein, nach dem du ihr so lange ausgesetzt gewesen bist“, antwortet Marco und zieht seine Hand zurück. Er bleibt vor ihr stehen, doch sie weicht seinem Blick aus.
„Wer hätte gedacht, dass ich meinem Vater jemals etwas zu verdanken habe.“ Ein freudloses Lächeln zeigt sich auf den Lippen, die schon längst wieder Farbe angenommen haben. Sie umarmt ihre Knie fester und plötzlich wirkt sie nicht mehr wie die verführerische Frau, die sie vorgibt zu sein.
Stattdessen bricht eine andere Erinnerung über Marco hinein, die ihn in die Vergangenheit zurückversetzt. Plötzlich befindet er sich auf der richtigen Moby Dick an einem sonnigen Nachtmittag, als er eine Schlüssel Suppe an Deck bringt und vor der Feuerfaust abstellt. Ace hebt den Blick, um der Schale einen finsteren Seitenblick zuzuwerfen, bevor er das Gesicht wieder mit den Armen abschirmt und ein unterdrücktes Schluchzen Marcos Ohren erreicht.
„Hat das mit den Tätowierungen auf deinen Oberschenkeln zu tun?“, erkundigt sich Marco und Reiju sieht auf. Ihre Augen weiten sich ein wenig und Tränen schwimmen in ihnen, die sie fortblinzelt.
„Du weißt also auch, wer ich bin.“
Marco legt den Kopf schief. „Ich habe eine Vermutung, aber es spielt hier kaum eine Rolle.“
Ihr Mund öffnet sich, doch bevor sie nachfragen kann, was er damit meint, wendet sich Marco bereits ab und steuert die Tür an.
„Ruh dich ein wenig aus. Ich denke, dass selbst dein Körper das gebrauchen kann.“



IV
Als er nach einigen Stunden zur Krankenstation zurückkehrt, reagiert sie nicht auf sein Klopfen. Leise öffnet er die Tür, um nach dem Rechten zu sehen, obwohl er nicht erwartet, dass sie reißaus genommen oder dass sich ihr Zustand verschlimmert hat.
Viel weiß er über die Vinsmoke-Familie nicht, doch er weiß, dass sie aufgrund Genmanipulation Übermenschen sind. Gerüchte haben sich im Laufe der Jahre eben doch verbreitet. Wahrscheinlich ist das Fieber als Nebenwirkung entstanden, während ihr Körper die Schäden repariert, welche die Kälte hinterlassen hatte. Wie lang hat sie in dem Boot verbracht? Und wieso überhaupt?
Reiju liegt auf der schmalen Liege, den Rücken zur Tür gedreht. Die Decke hat sie hoch bis zum Kinn gezogen und ihre langen Beine sind leicht angewinkelt. Doch als er einen Schritt in den Raum setzt und die Diele unter seinem Stiefel quietscht, bewegt sie sich und wirft einen Blick über ihre Schulter. Eine eintrainierte Vorsicht, die nie zulässt, dass sie sich vollends entspannen kann.
„Wir haben ein paar frisch Kleider für dich gefunden“, erklärt er und sieht auf den Stoff hinunter, den er auf dem Arm trägt. „Am besten fragst du nicht, woher sie stammen. Aber sie sind frisch gewaschen.“
Reiju setzt sich auf und die Decke rutscht von ihren Schultern. Sie entblößt ihr freizügiges Kostüm, welches sie bisher nicht abgelegt hat. Nur ihre Stiefel und ihre Handschuhe liegen auf einem Stuhl neben der Tür.
„Bitte reich mir meinen rechten Handschuh“, sagt sie und Marco geht zum Stuhl hinüber, um ihr besagten Gegenstand zu überreichen.
Aus einer Vorrichtung am oberen Rand zieht sie eine winzige Kapsel und presst den dortigen Knopf. Marco weiß nicht, was er erwartet hat, aber sicherlich nicht, dass ihr rosafarbenes Kostüm wortwörtlich in die Kapsel gesaugt wird und ihren Körper nackt hinterlässt.
„Oi, was zum Teufel...!“, brummt Marco, als er die Tür rasch mit dem Fuß zutritt und die Augen schließt. Diese Frau kennt scheinbar kein Schamgefühl.
„Hätte ich dich warnen sollen, dass ich meinen Raid Suit so einfach verstauen kann?“, fragt sie neckend. „Ich dachte, dass du das vielleicht auch über mich weißt.“ Ihre Stimme kommt näher während sie spricht und senkt sich, als sie genau vor ihm steht und ihm die Kleidung abnimmt. „Falls du mir geholfen hast, weil du dir eine Belohnung von meinem Vater versprichst, muss ich dich leider enttäuschen. Ich bin ihm nicht viel wert.“ Ihre Fingerkuppen berühren seine stoppelige Wange und hinterlassen eine Gänsehaut.
„Ist das der Ruf, der mir vorauseilt?“, fragt Marco, während Kleidung raschelt.
„Du kannst deine Augen öffnen“, erwidert Reiju, die seine Frage abermals unbeantwortet lässt. „Ich werde nicht zu ihm zurückkehren. Eigentlich hatte ich gehofft, dass ich bei dem Kampf gegen Big Mom sterbe. So sollte es sein, aber...“ Sie bricht ab und als Marco die Augen öffnet, liegt dieselbe Traurigkeit wie vorhin in ihren Augen, die ihn an Ace erinnert. Daran, dass sie alle aus einem bestimmten Grund auf diesem Schiff sind und das sich dies auch nach Whitebeards Tod nicht geändert hat.
„Ich habe mich schon gewundert, was du in dem Boot gemacht hast“, sagte er, als er Reiju betrachtet, die in einem kurzen, weißen Minikleid gekleidet ist und nun den Wintermantel anzieht, der irgendeiner Frau gehört haben muss, welche die Jungs an Bord gebracht haben. „Wenn du nicht zurück möchtest, können wir dich gern auf einer Insel deiner Wahl absetzen. Oder du kannst an Bord bleiben.“
„Und ein Teil deiner Mannschaft werden?“, erkundigt sich Reiju und schaut ihn an, bis sie merkt, dass sie ihn nicht mit ihrem Blick in Verlegenheit bringen kann. Am Ende ist sie es, welche den Augenkontakt bricht, um in die mitgebrachten Stiefel zu schlüpfen.
„Wir sind alle Streuner hier. Keiner von uns hat einen Vater“, sagt Marco. „Hast du Hunger, yoi?“



V
Wahrscheinlich ist der Speiseraum der neuen Moby Dick kein Vergleich zu den Sälen in denen die Prinzessin der Germa 66 für gewöhnlich isst. Doch wenn dem so ist, lässt sie sich davon nichts anmerken.
Ohne ein Zögern folgt sie ihm durch die Tür und ignoriert die Blicke der Jungs. Oft geschieht es nicht, das etwas Interessantes passiert, denn sie bewegen sich unter dem Radar, um ihre Kräfte zu sparen und kalkulierend vorzugehen, bis irgendwann der Tag kommt, an dem sie Rache an Blackbeard nehmen können. Marcos erster Versuch hat bereits fehlgeschlagen und er hat aus ihm gelernt.
Er leitet Reiju zu einem freien Platz, bevor er zwei Schlüsseln holt und sie bei ihrem Koch mit dem Reisgericht füllen lässt, das er zubreitet hat. Eine von den Schlüsseln stellt er Reiju vor die Nase, bevor er sich ihr gegenübersetzt.
„Danke. Es riecht gut.“
„Unser Koch ist auch ziemlich gut“, sagt Haruta, der neben ihr sitzt und sich den eigenen Reis in den Mund schaufelt. Er greift zu dem Ständer hinüber, um ihr eine Packung Stäbchen zu reichen, die Reiju in aller Ruhe auseinander bricht.
Der Speiseraum ist gefüllt von Ausrufen, Wortfetzen, Grölen und dem gelegentlichen Rülpsen einiger seiner Brüder, während sie schweigend essen.
Reijus gekräuselte Augenbraue zuckt amüsiert, als sie Marcos Blick bemerkt. „Ewig hätte mein Körper der Kälte nicht standhalten können“, sagt sie schließlich.
Marco betrachtet sein Essen, das feingeschnittene Gemüse, das unter den Reis gemischt ist. „Ich verstehe, dass es gewöhnungsbedürftig hier ist.“
„Ich habe einen Bruder, der auch ein Pirat ist.“
Ihre Worte lassen Marco aufsehen. Seine Augen bleiben an ihrem Lächeln hängen und etwas Stolz zeigt sich auf ihrem Gesicht. „Ich habe mir ein wenig von ihm abgeschaut, denke ich.“
„Vielleicht kreuzen sich eure Wege irgendwann mal wieder“, meint Marco. „Die Neue Welt ist nicht so groß, wie man immer annimmt, yoi.“
Reiju legt die Stäbchen beiseite. „Ich hoffe, sie ist groß genug.“ Ihre Worte bleiben vage, als sie aufsteht und aus dem Speisesaal wandert, hinaus an Deck und die verschneite Kälte, aus der sie gekommen ist.
„Sie sieht des Lebens müde aus“, bemerkt Haruta, der ihr kauend hinterher sieht.
Auch Marco sieht ihr nach. „Wunden brauchen Zeit zum Heilen.“ Er versteht das besser als alle anderen, obwohl auch er sich nicht sicher ist, ob die Jahre ausgereicht haben, um seine zu heilen.
Seufzend schiebt Marco seine Schüssel fort und erhebt sich. Obwohl er sich einredet, dass es seine Rolle als Captain entspricht, sich um das Wohlbefinden seiner Mannschaft und sämtlichen Leuten an Bord seines Schiffs zu kümmern, weiß er, dass seine Motive nicht ganz so edel sind, wie er sich einredet.
An Deck schneit es wieder und ein beißender Wind weht, der ein Fluchen von Marcos Lippen reißt. Er schließt mit Reiju an der Reling auf, als sie den kalten Ozean mit seinen Wellen beobachtet.
„Ich war noch nie allein“, gesteht sie, da sie das Knirschen des Schnees unter seinen Stiefeln wahrnimmt.
Marco bettet die Unterarme auf das verschneite Geländer, um sich auf ihm abzustützen. Das eisige Nass frisst sich durch den Stoff seiner Winterjacke, doch er ignoriert es. „Du musst nicht allein sein.“
„Ich habe schlechte Erfahrungen mit Familien gemacht“, kontert sie, doch Marco zuckt mit den Schultern.
„Dann nenn uns Nakama, yoi“, sagt er und dreht den Kopf in ihre Richtung, um zu beobachten, wie sich Schnee in ihren kurzen Haaren verfängt und ihre Nasenspitze vor Kälte errötet. Ihr Körper hat ihre Nahtodverfahrung bereits überwunden, aber ganz immun gegen die Temperaturen ist sie nicht. Genauso wenig, wie seinem Blick oder seinem Angebot, sich hier mit ihm und seinen Brüdern ein neues Zuhause aufzubauen.
Eine Träne hinterlässt eine nasse Spur auf ihrer Wange und Marco hebt eine Hand, um diese fortzuwischen
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