Blut und Spiele

von Amatra
OneshotAngst, Familie / P16
11.01.2019
11.01.2019
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Blut und Spiele


„Papa! Bitte …“

Han Solo seufzt und schiebt den Jungen vor die Tür: „Hör mal Kleiner, das geht nicht, okay? Ich habe hier ein paar wichtige Dinge zu besprechen. Das wäre alles nur langweilig für Dich.“

„Und was soll ich jetzt machen?“ trotzt Ben, "Ich will hier nicht alleine bleiben … Ord Mantell ist voll doof."

Es nützt nichts.

„Such Dir jemanden zum Spielen! Ein paar Freunde … Hier laufen 'ne Menge Kinder in Deinem Alter rum.“
Der Corellianer strubbelt seinem Sohn über die dunklen Haare und deutet in Richtung einer kreischenden Horde: Schmuddelige kleine Gestalten die durch die Straßen von Worlport rennen. Gran, Rodianer, Ithorianer,  sogar ein Zabrak. Und ein dicker kleiner Hutte folgt ihnen. Seine fleischigen Ärmchen rudern dabei wild durch die Luft. Sie alle jagen einem schwarzen Ding hinterher, das scheppernd über den Boden hüpft. Dabei rempeln und schubsen und beschimpfen sie sich gegenseitig auf allerhand Sprachen. Aber sie lachen dabei auch. Ben ist irritiert.
Er kann nicht erkennen, was das für ein Spielzeug sein soll, vermutet aber ein Stück Schrott, vielleicht vom Raumhafen.

Mitten auf dem weitläufigen Hinterhof, durch den die Gasse führt, werfen sie sich zwischen geparkten Gleitern übereinander und ziehen und zerren sich gegenseitig an jeden erdenklichen Gliedmaßen. Der Zabrak zu Unters scheint in den Besitz des Altmetalls gekommen zu sein, das die anderen jetzt für sich beanspruchen. Sie zanken. Nein, sie prügeln sich! Plötzlich halten sie inne und starren zu Ben und Han Solo.
Vermutlich aufgeschreckt durch das Shyriiwook des haarigen Ungetüms, des gerade den Kopf durch den Türrahmen streckt.
Oder durch Ben, der sein Entsetzen nicht zurückhalten kann und im selben Moment, tadelnd über den Platz zur Meute weist: „Mit denen da?“, ist es zu laut aus ihm herausgesprudelt.

Alle Blicke sind auf Ben gerichtet.

Mit den Fingern bringt er seine zerzauste Frisur in Ordnung und lamentiert: „Ja, Straßenkinder! Ich will nicht mit denen spielen, die gaffen mich alle so blöd an!“

Chewbacca fordert Han auf, endlich hereinzukommen.

Han Solo schaut kurz zu den Kindern, setzt sein schiefes Lächeln auf und wiegelt ab:  „Ach was! Das sind alles nette Jungs, glaub‘ mir! Ihr versteht Euch schon. Äh … Chewie, sag Decca, ich komme gleich. Nur noch einen Moment …“

Mockierend verschwindet der Wookiee wieder nach drinnen.

„Mama will das aber nicht, sie sagt, die sind nicht gut für mich“, protestiert Ben weiter. Er zupft an der Weste seines Vaters, der das wiederum überhaupt nicht leiden kann und seinen Sohn fortschiebt: „Mama ist aber gerade nicht hier und ich sage-"

Ein schmächtiges Wesen mit viel zu großem Sturmtruppenhelm hat sich das schwarze Ding geschnappt und rennt gackernd damit fort, sodass die Zöpfe, die unter dem Helm hervorbaumeln, durch die Luft peitschen.
Die anderen dividieren ihre Gliedmaßen auseinander und folgen mit Gebrüll.

"Was machen die da?" verlangt Solos Sohn zu wissen.

"Na … ich schätze, sie spielen Huttball? Du, ich habe wirklich keine Zeit …"

Der kleine Ben verzieht das Gesicht: "Hutt-was?"

"Was, das kennst Du nicht?" Han reagiert verblüfft.
Sein Sohn blinzelt ihn erwartungsvoll an, also seufzt er und versucht es mit einer Erklärung: "Tja, also … das ist sowas wie Fangen mit Ball. Nur … ein bisschen grober … das kennt doch jeder. Dachte ich. Sag mal, was treibst Du den ganzen Tag?"

Ben schiebt die Hände ganz tief in die Hosentaschen und zieht die Schultern hoch. "Naja … Lernen. Mama sagt-"

Genervt rollt Vater Solo mit den Augen, der Junge bringt ihn regelmäßig an die Grenzen seiner Geduld: "Mama, Mama, Mama! Ich kann es nicht mehr hören! Mama ist nicht da. Du bist mit mir hier und mit mir darfst Du auch mal ein bisschen Spaß haben und ein bisschen toben, wie normale Jungs in Deinem Alter, klar?"

Sie taxieren einander an. Ihre Mienen verfinstern sich gleichsam. Der Junge schiebt die Unterlippe vor und verschränkt die Arme vor der Brust. Schließlich murrt er: "Kann ich wenigstens zurück zum Falken?"

"Nein."

Von drinnen ist Chewbaccas ungeduldiges Rufen zu hören.
Han Solo stemmt die Hände in die Hüften. Allerdings setzt er nicht zu einer Wutrede an, wie so oft, sondern lächelt Ben mild an mit diesem unwiderstehlichen, süßigkeitenverheißenden Papaschmunzeln: „Junge. Ich bin innerlich zerrissen, glaub mir, es tut mir im Herzen weh. Ich möchte das eigentlich nicht tun - ich möchte frei sein von diesem Schmerz.“ Kurz holt er Luft und geht mit seinem Sohn auf Augenhöhe. Schwer lastet er ihm die Hände auf die Schultern und wispert: „Hör zu, Ben, ich weiß, was ich zu tun habe, aber ich weiß nicht, ob ich die Kraft habe es zu tun. Wirst du mir helfen?“

Ben schöpft neue Hoffnung: „Ja, Papa! Ich helfe Dir! Ich will alles tun!“

Für einen Augenblick sehen sich Vater und Sohn tief in die Augen. Für einen Moment werden Han Solos Gesichtszüge weich, doch im nächsten steht er auf und hält Bens Schultern fester: „Gut. Dann sei schön brav und warte hier draußen.“
Er schiebt seinen überrumpelten Sohn über die Schwelle, zwinkert ihm zu und flüstert: „… Danke.“

Die Tür schließt sich endgültig zwischen ihnen.

„Aber - Papaaaaaa!“

Ben Solo ärgert sich. Schon wieder ist er auf den miesen Trick seines Vaters hereingefallen. Er hätte es wissen müssen! Ein Teil von ihm hat es längst geahnt … Es ist nicht das erste Mal gewesen. Aber es sollte das Letzte gewesen sein, das schwört er sich. Und dass er es seinem Vater mit gleicher Münze heimzahlen wird. Han Solos Sohn ballt die Fäuste. "Irgendwann. Wenn er nicht mehr damit rechnet." Zornig kickt Ben einen kleinen Stein von der Rampe.

Zwei Monde schimmern als schmale Sicheln am taghellen Morgenhimmel über Worlport.
Der Junge blickt zu den beiden Himmelskörpern und seufzt.
„Nichtmal die sind allein …“ flüstert er, „Nur ich.“

Unschlüssig schaut Solos Sohn über den Hof. Er befindet sich hier auf der huttenfreundlichen Schräge des Hintereingangs zu einem dieser berühmten Casinos. Das Geländer ist abgegriffen und dreckig.
Nichts hier lässt auch nur ansatzweise den pompösen Schein erahnen, den der Bau von vorne abgibt.
All der Glanz und die einladenden Werbeholos sind nur künstlich. Attrappen, die die Augen der Touristen über die Armseligkeit dieser verdorrten, verderbten Welt hinweg täuschen sollen. Wehe dem, der dahinter blickt.

Einige Evaporatoren ragen hoch auf, rostig und alt.
Dahinter wandelt eine ziemlich große, hagere Person entlang. Nein, sie wandelt nicht: Sie schreitet. Menschen und andere Spezies eilen an ihr vorbei. Niemand beachtet diese Person, was erstaunlich ist, denn Bens Blicke zieht sie auf sich. Im nächsten Moment ist das Wesen in einer kleinen Seitengasse verschwunden. Neugierig reckt Ben das Kinn, doch die Gestalt ist fort.

Und jetzt? Lustlos spaziert Ben um das Gebäude. Sand wirbelt bei jedem Schritt auf, man sinkt aber nicht ein, so festgetreten ist der Untergrund. Vielleicht war die Straße früher befestigt und die Wüste holt sich zurück, was ihr gehört? Soll sie doch ganz Ord Mantell verschlingen!

Eine wie ein Geschenk ausstaffierte Twi‘lek eilt an Ben vorüber. Hektisch schaut sie sich immer wieder nach allen Seiten um, dann huscht sie durch eine unscheinbare Tür.
Tagsüber ist in den Seitengassen wesentlich mehr los als auf der Hauptverkehrsader, stellt der Junge verwundert fest.
Der Geruch nach stark gewürzten Speisen steigt ihm in die Nase.

Das Casino steht ganz in der Nähe von einem der vielen Seitenzugänge des monströsen Palastes mitten im Regierungsbezirk.
Dort gibt es kleinere Geschäfte und viele dubiose Händler, die den Touristen ihre überteuerten Souvenirs andrehen wollen.
Ben tingelt weiter bis er zu der großen Freifläche vor dem Regierungssitz von Ord Mantell kommt.

Hinter der Pforte, die den Palast von den Zivilisten trennt, erhebt sich die Fontäne eines Springbrunnens in die Höhe und plätschert unstet vor sich hin.
Eine wahre Augenweide in der Wüstenstadt.
Ben hat Durst.

Gleiter fliegen über den Platz, die Hauptstraße, den sogenannten Pfad der Münzen entlang. Es herrscht aber nur wenig Verkehr.
Wahrscheinlich ist erst gegen Abend mehr los, wenn die unzähligen Spielhallen auf dem Pfad der Münzen ihre Tore für die Kundschaft öffnen, die dort ihren Lohn verprassen will, vermutet Ben. Sein Vater hat ihn mal in sowas mitgenommen. Zusammen mit diesem Lando. Am Anfang ist alles unglaublich aufregend gewesen, recht schnell ist Ben aber bewusst geworden, dass er sich in der Zeit, die sein Vater am Sabacc-Tisch verbringt, allein beschäftigen muss.
So, wie auch hier.
Mal wieder.

Zu der wilden Bande Straßenkinder will er jedenfalls nicht. Credits für ein Erfrischungsgetränk hat er auch nicht bei sich. Er hätte es sich denken können. Aber zu groß ist die Verlockung gewesen, mit seinem Vater durch den Raum zu reisen. Bei ihm darf er meistens tun wonach ihm der Sinn steht, hat viel mehr Freiheiten als bei seiner Mutter. Das ist toll! Aber jetzt fühlt er sich gerade ziemlich allein und verlassen und sehnt sich nach seiner Mama, auch wenn sie so gut wie nie Zeit für ihn hat.
Mama ist eine wichtige, vielbeschäftige Frau. Sagt Papa.

Ben Solo setzt sich auf die unterste Stufe einer Freitreppe, um zu warten.
Ord Mantell ist schmutzig und fremd.
Mit den Ellenbogen auf den Knien stützt er seinen Kopf in die Hände und starrt vor sich hin.
Seine Füße malen unterdessen mit der Schuhsohle Furchen in den Sand. Er langweilt sich.
Niemand kümmert sich um ihn.
Niemand beachtet ihn.

Plötzlich schwebt ein lustiger Omnigleiter mit offenem Verdeck vorbei. Drinnen sitzen einige Leute unterschiedlichster Spezies und bestaunen die Häuser. Touristen. Auf mehreren Sprachen dringen Wortfetzen an Bens Ohr, darunter auch Basic: „…efinden uns hier vor dem Regierungssitz von Ord Mantell. Gut zu erkennen sind zwischen den Verwaltungsgebäuden die hoch aufragenden Türme des prunkvollen Palastes, wie im klassizistischen Corellianischen Renaiss …“

Ben sieht dem Omnigleiter lange nach. Er hat diesen oder einen ähnlichen bei ihrer Ankunft am Raumhafen gesehen. Wie gern würde er auch mal mit so etwas fliegen, aber sein Vater meint, diese Taugenichtse würden einem nur die Credits aus der Tasche ziehen für gähnend langweilige Rundflüge. Das sei nur was für Leute mit zu viel Zeit. Ben hätte jetzt Zeit. Unendlich viel Zeit …

Der „Pfad der Münzen“ führt von hier aus vorbei an zahllosen Casinos und Geschäften bis hin zum Raumhafen. Es ist die Hauptstraße, man kann sich überhaupt nicht verlaufen. Ben überlegt, ob er einfach zum Falken spazieren soll. Dann müsste er hier jedenfalls nicht mehr rumhocken und Sandkörner zählen.

Und schon gleitet der nächste Touristenrundflug vorüber. In einer anderen Färbung, doch die Stimme ist dieselbe wie beim ersten Mal: „…ragenden Türme des prunkvollen Palastes, wie im klassizistischen Corellianischen Renaissance-Stil üblich. Zu Ihrer rechten sehen Sie gleich das Rote Haus. Dort befindet sich das Hauptgefängnis der Sta …“

Die Rasselbande kommt wieder, den Pfad der Münzen herauf. Der Lärm und das Kinderlachen kündigt sie an, bevor sie zu sehen sind.
Jetzt scheint der Ithorianer im Besitz des Balls zu sein. Wenn man das schwarze Etwas wohlwollend als solches bezeichnen möchte.

Ben ist schon ein bisschen neidisch auf die Kinder - sie sind Freunde und sie lachen und spielen miteinander.
Er hat nicht so viele Freunde.
Ob er sie vielleicht doch fragen soll, ob er mitspielen darf?

Ein eigenartiges Gefühl bricht sich in Bens Innerstem Bahn. Ein Gefühl, das er schon öfter empfunden hat, wenn er ausgelassen spielende Kinder gesehen hat. Fast jedes Mal. Es schürt das Bedürfnis, sofort und auf der Stelle in etwas beißen zu müssen, etwas kaputt zu machen oder einfach nur ganz weit wegzulaufen. Er versucht, dieses Verlangen tief in seinem Herzen einzuschließen. Sein Papa nimmt ihn ja doch nicht ernst, wenn er mit ihm darüber sprechen möchte. Er sagt, das sei so eine Phase. Und Mama sagt, es würde wieder vergehen. Tut es aber nicht. Es ist noch immer da. Und es wird stärker. Jedes Mal.
Diese Angst.

So genau weiß Ben auch nicht vor was er sich fürchtet, aber oft kippt diese Furcht in Wut. Und dann macht er doch etwas kaputt, bekommt Ärger und noch mehr Angst.
Unbewusst ballt er die Fäuste.

Tief in unangenehmen Gedanken gefangen bemerkt Ben Solo überhaupt nicht, dass die Kinder längst auf dem Platz angelangt sind. Erst als ihm das schwarze Blechding in hohem Bogen direkt vor die Füße fliegt, schreckt er auf.
Der Ball! Das wäre eine passende Gelegenheit, die Kinder zu bitten, mitspielen zu dürfen.

Sie kommen schon! Sie rufen ihm etwas zu.
Ben versteht die Sprache nicht, aber es klingt freundlich.

Ben Solo hebt den verbeulten Gegenstand auf. Dieser Ball sieht aus wie … Er dreht ihn herum und erschrickt so sehr, dass er ihn gleich wieder fallen lässt: Leere Augenhöhlen starren ihn an. Das ist ein Helm. Ein echter Helm! Und nicht nur das, er hat auf den ersten Blick gewisse Ähnlichkeiten mit dem gruseligen Helm, den sein Großvater getragen haben muss - Ben hat Holoaufnahmen davon gesehen.

Aber das kann doch nicht sein! Nein, die Holos haben ganz anders ausgesehen, viel glänzender und größer und beeindruckender.

Wie viele es wohl davon gibt? Der Junge kommt ins Grübeln. Ob es überhaupt mehr als einen …? Aber der würde doch niemals hier auf so einer unbedeutenden Schrottwelt herumliegen und schon gar würden keine Kinder damit Fangen spielen - oder doch?

Ja, er hat seinen Vater einmal mit Luke reden hören, dass der Echte 'ne Menge Credits wert sei, weil er als verschollen gelte; aber auch dass es schon minderwertige Fälschungen gäbe. Ist dies eine Fälschung? Woran erkennt man das?
Ben dreht und wendet das Objekt, in dem sich der vordere Teil, diese Maske, verkeilt hat. Vorsichtig reibt Ben mit seinem Daumen über das verbogene Mundstück der Maske und befreit es vom Sand und Dreck. Es fühlt sich komisch an. Kalt und warm zugleich.
Das Teil sieht insgesamt ganz schön ramponiert aus als ob es zu lange Hitze ausgesetzt gewesen wäre und es müffelt irgendwie nach Lagerfeuer, Urin und verschmorter Technik. Großvaters Anzug wurde auf Endor verbrannt, das hat Onkel Luke erzählt. Ob das Ding in seinen Händen wirklich echt ist? Der Helm und die Maske seines Großvaters? Es schaudert ihn bei dem Gedanken.

Aber … wenn es wirklich so wäre, kann er das Relikt doch unmöglich diesem lärmenden, dummen Rotte überlassen!
Ohne über die Folgen nachzudenken springt er auf und rennt los. Fort von den Straßenkindern. Den schwarzen Helm klemmt er sich unter den Arm. So fest wie er nur kann packt er Großvaters Überrest, um ihn nur nicht zu verlieren.

Die Kinder haben schnell kapiert, was er vorhat und nehmen mit Geschrei die Verfolgung auf.

Ben stürmt die Hauptstraße hinunter, an dem auffällig roten Gebäude vorbei in Richtung Raumhafen - dort ist er mit Vater und dem Wookiee hergekommen.

„…ptgefängnis der Stadt. Bevor wir weiter den Pfad der Münzen entlang zum Morro Raumhafen kommen, beachten Sie bitte links die Überreste der antiken Stadtmauer Worlports, die…“
Die laute Stimme aus dem nächsten Gleiter schwillt im Hintergrund an und wird wieder leiser. Ben hat gar keine Augen mehr dafür, er konzentriert sich voll und ganz auf die Reliquie.

Stadtmauer? Vielleicht gelingt es ihm, die Kinder in einer Seitengasse abzuschütteln?
Je weiter er sich vom touristischen Bereich entfernt, desto schäbiger werden die Behausungen und desto dreckiger die Straßen. Kopflos rennt er kreuz und quer.

Die Kinder sind fort.
Und Ben hat sich verlaufen.
Verzweifelt sucht er den Weg zurück zum Pfad der Münzen oder zum Raumhafen oder … irgendwohin.
Das rote Gefängnis muss doch zu finden sein oder der Regierungsbezirk? Besorgt schaut sich Ben in alle Richtungen um: Ist er von rechts gekommen oder von dort hinten links? Irgendwie sieht hier alles gleich aus!
Ob er jemanden nach dem Weg fragen soll?
Aber was, wenn ihm dieser Jemand dann den Helm seines Großvaters abnehmen will?
Gibt es hier überhaupt so etwas wie Sicherheitskräfte?
Da ist sie wieder. Die Angst.

Nachdem er eine Weile umhergeirrt ist, beschließt er, einfach zu Boden zu schauen und seinem Gefühl zu vertrauen. Intuitiv läuft er los. Und landet in einer Sackgasse.
So bemerkt er auch nicht, dass ihm die Straßenkinder bereits auf den Fersen sind. Im Tonfall weit weniger freundlich als zuvor:

„Haku doth uba wanta che? Babatpiuh, lee chalya tee pisua bata!“

Überrascht schaut Ben auf.

Mit seinen fleischigen Fingern zeigt der kleine dicke Hutt auf den Helm.
Ben gibt ihn nicht frei, hält ihn stattdessen noch fester.
Er versteht zwar die huttische Aufforderung nicht, kann sich aber denken, was es bedeutet: Sie wollen ihr Spielzeug zurück.

Die Kinder kommen.
Ben schaut sich panisch um – es gibt keinen Ausweg.  Er ist eingekesselt.
Betreten starrt er zu Boden.
Sie tuscheln und kichern. Zumindest klingt es so. Der Ithorianer schiebt das Kind mit dem viel zu großen Sturmtruppenhelm vor. Dieser Helm hat auch schon bessere Tage gesehen. Ben schielt hoch und stellt fest, dass eine böse Fratze auf den Helm gekritzelt ist. Von der Entfernung ist das nicht zu erkennen gewesen. Der kleine Mensch raunzt ihn mit einem kaum verständlichen Randweltdialekt an: „Echuta! Hea mitm Ding!“

Ben hält seinen Fund fest umklammert und zuckt verständnislos mit den Schultern.
Da nimmt das Kind den vormals weißen Helm ab - es ist ein kleines Mädchen! Vielleicht zwei oder drei Jahre jünger als Ben. Breitbeinig baut sie sich vor ihm auf und stemmt die Hände in die Hüften.

"Hey Koochoo, biste dumm oda was? Haste nich gerafft, dass wia unsern Ball wieda ham wolln?"

Eine richtige Rotzgöre mit zerzausten Zöpfen und heruntergekommener Jungenkleidung. Sie macht ihm ein bisschen Angst mit ihrer forschen Art.
Er schweigt.

"Oha! Der redet wohl nich mit jedem? Biste wohl zu fein, he?"

Ben trägt in der Tat einen hochwertigen Gehrock über den sich die Kinder nun lustig machen. Zumindest vermutet er das nach den Gesten, denn verstehen kann er sie nicht.
Sie drängen sich um Ben, werden immer aufdringlicher und fangen sogar an, an seiner Kleidung zu zupfen. Stocksteif steht er da und lässt es über sich ergehen. Seine Furcht lähmt ihn.
Mit den Fingern krallt er sich in die Vertiefungen der schwarzen Maske. 
Plötzlich trommelt etwas von hinten gegen seinen Kopf.

"Hallo? Jemand zu Hause im Obastübchen?" will ein älterer Menschenjunge mit geschwollenem, blutunterlaufenem Auge wissen. Ihn hat das Spiel der Kinder wohl heftiger mitgenommen als die anderen. Er ist es gewesen. Und er klatscht noch ein bisschen fester auf Bens Hinterkopf: "Ball her!"

Endlich findet Ben seine Sprache wieder: "Nein!"

Sie diskutieren, schubsen Ben. Es kommt zum Streit. Dreckige Hände grapschen.
Tapfer hält er seinen Fund fest. Mit ruckartigen Schulterbewegungen versucht er den zudringlichen Mob abzuschütteln.

"Lasst mich!"

Nun wirken alle auf ihn ein. Sie ziehen und zerren an ihrem Ball, versuchen Bens Finger davon zu lösen. Er wehrt sich, windet sich und versucht sich zu befreien. Jemand hält ihn zu fest - die Ärmelnaht seines Mantels platzt auf. Das wird Ärger mit Mama geben!

"Hört auf! Bitte! Wisst Ihr überhaupt, mit was Ihr da spielt?" versucht er es halb flehend. Zumindest halten sie kurz ein.

"Is doch egal" - "Geht Dich gahnix an" - alle reden jetzt wild durcheinander. Das Mädchen versucht noch einmal, das schwarze Blechteil zu schnappen und beißt Ben in die Hand. Er schreit vor Schmerz. Da er stärker ist, kann er sich losreißen. Sie fällt hin. Der Zabrak springt in die Bresche für seine Spielkameradin, er beschimpft Ben, packt den Helm in Bens Händen und zieht daran. Ben zerrt zurück. Der Zabrak zeigt angriffslustig die hässlichen Zähne, fasst in die aufgesprungene Naht und rupft am Ärmel herum, dass es Ben von den Füßen zieht und er  gleich mit zu Boden geht.
Das Objekt der Begierde entgleitet ihm.

„Och, schau ma eina an, jetz hockta da wie bestellt unnich abgeholt, dea feine Herr …“

Die Kinder kichern.
Wut entbrennt in Ben. Er lässt sich nicht auslachen. Von niemandem! Schon gar nicht von ein paar räudigen Straßenlümmeln … Mit wackligen Knien rappelt er sich auf und stolpert auf den Zabrak zu: „Du …“

„Ich … was?“ knurrt dieser und verschränkt die Arme vor dem Bauch.

„Du …!“ droht Ben nur. Der kaputte Ärmel hängt an ihm herunter und er ist über und über voll Staub und Dreck. Wie das Lumpengesindel dem er gegenüber steht.

Der Bursche lacht überlegen. Da fährt Ben die Faust aus. Der Zabrak weicht aus und Ben stolpert ins Leere. Doch schneller als erwartet fängt er sich und attackiert den Gehörnten erneut.
Sie prügeln sich.

Der Helm ist vergessen. Die Gruppe steht im Kreis um die beiden Kontrahenten und feuert ihren Freund an. Der kräftige Zabrak ist weitaus erprobter im Straßenkampf als der schmächtige Mensch und hat leichtes Spiel mit ihm. Er zieht und zerrt Solos Sohn am Mantel umher, der losgelöste Ärmel versinkt längst im Staub. Ben will den aggressiven Kerl auf Abstand zu halten. Er fasst dessen Handgelenke so fest er nur kann. Der Zabrak versucht erst gar nicht, sich aus Bens Griff zu befreien, sondern donnert stattdessen seinen hornumkränzten Schädel gegen den des Menschen.
Ben unterliegt.

Er geht in die Knie und krümmt sich. Doch der Schläger lässt nicht ab von ihm,  nach mehreren Tritten wirft er sich auf ihn und bearbeitet ihn weiter mit den Fäusten. Ben gelingt es immerhin, ihn am Kragen zu packen und zur Seite zu drücken. Sie wälzen sich durch den Sand. Niemanden interessiert es. Niemand kommt dem Menschenkind zu Hilfe.
Die wenigen Leute, die an der Sackgasse vorbeikommen, schauen weg.
Es sind ja nur Straßenkinder.

Schon völlig benommen tastet Ben mit der Hand über den Wüstenboden auf der Suche nach etwas Greifbarem. Nur sein Zorn hält ihn noch bei Bewusstsein. Er entdeckt einen faustgroßen Stein knapp außer Reichweite, reckt sich danach, aber er kommt gerade so nicht mit den Fingerspitzen dran. Schließlich fällt sein Blick auf den verschwommenen schwarzen Helm, der achtlos im Sand liegt und zu ihm herüberglotzt.

Unter Tränen wimmert Ben: „Großvater … Wäre ich nur so stark wie Du! Bitte … hilf mir!“

Da hüllt ihn plötzlich eine dunkle Aura ein und verleiht ihm neuen Mut.
Er streckt die Hand aus. Mit den Fingerspitzen fühlt er schon die raue Oberfläche. Er reckt sich, soweit er kann. Der Stein vibriert. Und Ben packt zu.
Nun muss er nur noch einmal kräftig zuschlagen!
Aber Ben Solo zögert.

Eine patriarchalische Stimme in seinem Verstand flüstert: Tu es!

„Großvater?“ wundert er sich.

Ein weiteres Mal trifft ihn die Faust des großen Jungen. Ben rührt sich nicht, da wird die Stimme massiver: Tu es - jetzt! Wenn Du so sein willst wie Darth Vader - oder willst Du für immer so verweichlicht bleiben?

Nein … Er hält den Stein fester und schlägt zu.
Der Zabrak kippt um. Einfach so. Entsetzt starrt Ben in seine eigene Hand, auf den blutigen Stein, der dort gefangen liegt. Er öffnet seine Finger und beobachtet, wie die Schlagwaffe daraus zu Boden kullert.

Sehr gut, schnurrt die Stimme, Steh auf.

Ben tut, was ihm die Stimme befiehlt und quält sich in den Stand. Ihm tut alles weh.  

Komm zu mir. Ich werde Dich lehren, die Macht zu nutzen.

Er schaut sich vorsichtig um und meint plötzlich, die Stimme orten zu können: Sie scheint von einer hageren großen Gestalt auszugehen, die ihn beobachtet. Sie ist in einen dunklen Umhang gehüllt, umgeben von zwei weiteren ebenso verhüllten Schatten. Eine Präsenz wie ein König mit ebensolchem Gebaren, doch scheint ihn niemand zu beachten?
Er ist jedoch viel zu weit weg als dass er Ben hätte etwas zuflüstern können.

Das Huttenkind kommt dafür bedrohlich näher.

Der Gran stürzt sich vor den leblosen Zabrak und befühlt ihn,  stupst ihn vorsichtig an. Keine Regung. Er rüttelt an dessen Schultern. Nichts. Der Gran blinzelt mit seinen drei Augen. Entsetzt ruft er den anderen etwas in einer fremden Sprache zu. Nun kommt das kleine Mädchen hinzu. Der Hutte beachtet sie nicht. Er fixiert mit seinen Blicken den jungen Ben Solo. Bis er direkt vor ihm steht. Der Mensch ist minimal größer, dafür von wesentlich schmälerer Statur. Und er weicht keinen Schritt von der Stelle.
Er fühlt sich furchtlos und stark.

Ben ist durchaus schon in der Lage, die Macht zu nutzen. Mehr als seine Eltern ahnen. Er hat sie nur noch nicht völlig unter Kontrolle, diese Macht.

„Geh weg!“ zischt er dem Mollusken zu, „Du lässt mich jetzt in Ruhe.“

Der Hutt lacht höhnisch und tippt Ben auf die Brust: „Woy uba maoue canta uba doth Darth Vader, cha uba?“
Ben runzelt die Stirn und schlägt den dicken Finger weg.

"Der Boss will wissen, ob Du Dich für Darth Vader hältst?", übersetzt das Mädchen, das gerade neben dem Zabrak kniet. Sie scheint ihn aufgegeben zu haben, denn rasch steht sie auf und begibt sich an die Seite des Hutten.

Der Menschenbursche mit dem verletzten Auge neigt sich zu seinem reptiloiden Nachbarn und raunt: „Was‘n das überhaupt? ‘n Darth … wie hatta g‘sagt?“ Der Rodianer zuckt nur mit den Schultern. Der Ithorianer haut seinen Menschenkumpel an der Schulter an und weist auf den Helm, der achtlos im Staub liegt, woraufhin dieser nur blafft: „Hä? Nee, jetz‘ nich.“

Auch Ben zeigt nun auf den Helm und entgegnet der Göre: "Darth Vaders Blut fließt durch meine Adern. Sag ihm das!"

Der Hutte taxiert ihn eine Weile. Plötzlich bricht er in Lachen  aus, so lauthals, dass er sich den schwabbelnden Bauch dabei halten muss. Seine Freunde gucken überrascht, fallen aber schnell ins Gelächter ein, krümmen sich und zeigen mit dem Finger auf Ben, der wie ein Häuflein Elend in ihrer Mitte steht.
Er ballt die Hände zu Fäusten. Der Biss des Mädchens tut fürchterlich weh. Tränen entfliehen seinen Augen ohne dass er etwas dagegen tun kann. Die anderen lachen noch mehr. Er stolpert Schritt für Schritt rückwärts. Warum lassen sie ihn nicht endlich in Frieden?
In seiner Verzweiflung brüllt er: „Es ist aber wahr! Er ist mein Großvater!“

Mit einem Schlag sind alle stumm.

Nur der kleine Hutt bewegt sich auf Ben zu, spuckt ihm vor die Füße und brummt:„Jee cha phaba uba.“ – „Er glaubt Dich kein Wort. Un‘ ich auch nich.“ Auch das Mädchen hat ihre Sprache wiedergefunden. Sie schneidet nach der Übersetzung eine Grimasse und streckt vorwitzig die Zunge heraus.

Die Macht verdichtet sich. Ben spürt konkrete Gefahr.
Jemand hat den blutigen Stein aufgehoben und zielt auf ihn.
Die Wucht des Wurfs sollte ihn direkt ins Gesicht treffen. Aber der Stein kommt unmittelbar vor Bens Nasenspitze zum Stehen als hätte ihn dort jemand festgemacht.

Stille.

Da pflückt Ben das erstarrte Geschoss aus der Luft. Er droht, ihn dem Hutten überzubraten und wiederholt noch einmal: „Geh weg! Du lässt mich jetzt in Ruhe.“

Die Kinder weichen verstört zurück – alle bis auf den Hutt: „Heee bmeheka koudanwohola wohot tee joday cay mi! Ha ha ha …“
Er lacht und verpasst Ben eine Ohrfeige. Das Mädchen ist auf Abstand gegangen, übersetzt aber weiterhin, wenn auch nunmehr zögerlich: „Er sacht, diese Tricks funktioniern nich bei ihm.“

„Was für Tricks?“ wundert sich Ben, doch er ahnt, worauf der Huttenjunge hinaus will: Manchmal, wenn Ben etwas ganz unbedingt möchte und auf diese spezielle Art darum bittet, bekommt er es. Oft sogar. Er hat immer gedacht, dass es an seinen Argumenten gelegen hat oder an einem besonders beklagenswerten Gesichtsausdruck, aber tief im Herzen hat er stets gespürt, dass es mit dieser Macht zu tun hat, die ihm innewohnt. Instinktiv sucht Ben den Blickkontakt zu dem königlichen Herrn auf der anderen Seite der Sackgasse. Ob dieser auch …? Weiter kommt er nicht mit seinen Überlegungen, denn sie werden jäh durch einen Schlag ins Gesicht beendet, der ihn von den Beinen holt.

Bald hockt der Hutt auf dem Jungen und prügelt mit beiden Fäusten auf ihn ein.
Ben sieht den königlichen Mann, der ihn weiter beäugt, nur noch ganz verschwommen. Doch dessen Stimme hört er klar und deutlich: Ich spüre den Zorn in Dir. Warum hältst Du Dich zurück?

„Ich kann nicht mehr … bitte … hör … auf …“ Ben jammert nur noch undeutlich.

Die Stimme dringt weiter in ihn: Du hast die Fähigkeit Deines Großvaters.

„Ich … kann … nicht.“

Du bist erbärmlich!

Die fremde Präsenz lässt schlagartig von ihm ab und Ben fühlt sich schwächer als je zuvor. Er bekommt kaum noch Luft.
Die hagere Gestalt verschmilzt mit dem Hintergrund zu undeutlichen Schemen.

Faustschläge treffen ihn abwechselnd links und rechts, am Kopf, im Gesicht, in den Körper. Ben tut schon alles weh. Er sehnt sein Ende herbei und überantwortet sich der Macht. Der Schmerz wird zu einem ubiquitären Taubheitsgefühl.
Also schließt er die Augen und hofft einfach, dass es bald vorüber ist. Und er denkt jemanden, der ihn liebt. Den er von ganzem Herzen liebt: „Mama …“

Von fern hört Ben animalisches Schnauben und Grunzen. Er fühlt wie der Boden vibriert. Jemand nähert sich zügig. Und dieser jemand scheint schwergewichtig und schlecht gelaunt zu sein.
Ein letztes Mal zwingt er seine Augenlider einen Spalt auseinander: Es ist ein Gamorreaner. Wutschnaubend stapft er herbei, hebt den Helm auf und grollt vorwurfsvoll.
Ben spürt, wie der Hutt von ihm ablässt und er unsanft angehoben wird, dann verliert er das Bewusstsein.

„… läd das Imperial Palace Casino Hotel allabendlich zu einem Erlebnis in gehobenem Ambiente ein. Besuchen Sie …“

Als er vom rhythmischen Wanken unter sich erwacht, findet er sich über der Schulter des stinkenden Koloss wieder, an der andern Seite zerrt dieser offensichtlich den zeternden Huttenjungen mit sich. Ben versteht kein Wort.

Es geht eine Treppe hinauf. Stufe für Stufe bohrt sich der Schulterpanzer des Trägers in Bens Eingeweide. Nach und nach kommt er zu sich und versucht, sich dem Griff der Pranke zu entwinden. Erfolglos. Es geht hinein in ein Gebäude. Drinnen ist es kühl und viel dunkler als in der mantellianischen Mittagshitze. Ben Solo macht eine eigenartige Entdeckung: Seine Finger halten noch immer den Stein umkrampft. Als hinge sein Leben davon ab.
Erst als der Gamorreaner ihn unsanft ablässt, poltert der Stein aus seiner Hand über blanken Boden.
Wo sind sie?

Etwas umständlich kommt Ben zuerst auf die Knie. Jede einzelne Faser seines Körpers brennt wie Feuer und der Geschmack nach Blut liegt ihm auf der Zunge. Aber er will wissen, wohin er verschleppt worden ist. Es ist schwer, die Augen offen zu halten, zumindest eines scheint dick angeschwollen zu sein. Trotzdem zwingt er sich dazu. Wenn er sich anstrengt verschmelzen die Doppelbilder zu relativ deutlichen Umrissen. Er kauert inmitten eines fensterlosen, dafür umso pompöser gestalteten Raums, der aussieht wie ein Museum. In der Ecke steht eine geöffnete Vitrine vollbesetzt mit allerlei Kunstgegenständen. Fast vollbesetzt. Ein Fach ist leer.

Einige Schritte vor Ben entbrennt eine Diskussion. Auf Huttisch. Ben neigt den Kopf zur Seite und beobachtet den kleinen Hutt wie er vor einem großen, perlenkettenbehängten Hutten gestikuliert. Die Szene kommt ihm erschreckend bekannt vor.
Ganz wie daheim, denkt er bei sich.

Die Mutter des Jungen scheint stinksauer zu sein, dass er Vaders Helm aus ihrer Sammlung entwendet und als Spielzeug benutzt hat. Sie wedelt damit vor seiner Nase herum und schimpft: „Haku nan bai mee bmeheka, wei? Uba tee caie ritke paknee ata mah catabola. Tah kaa doth tee wa jibei!“

„Bu koudaue kougine cah taneee dayan cuee“, verteidigt sich der Sohn. Trotzig wirft er die Hände in die Luft.

Han Solo stürzt herein.

Er atmet deutlich auf als er sein Kind mehr oder minder wohlauf sieht: „He, mein Junge …“

„Papa?“ wundert sich Ben, „woher wusstest Du, wo ich bin?“

„Ich habe gehört, dass ein Menschenkind Ärger mit dem Sohn vom Casino-Oberboss hatte. Tja, da gibt’s nicht viele Möglichkeiten auf Ord Mantell.“ Im Flüsterton fährt er fort: „Leia hat mich per Kom gerufen und nach Dir gefragt. Keine Ahnung, woher sie schon wieder gewusst hat, dass Du in Schwierigkeiten bist. Mach Dich darauf gefasst, dass sie stinksauer ist. Auf uns beide.“

Der kleine Hutt zeigt anklagend auf Ben und jammert: „Henaa, tah yae kung gee killya mah yuna shag!“

Bens Vater wird hellhörig und fällt sofort in den Disput ein: „Was? Nein! Das ist bestimmt ein Irrtum - mein Junge schlägt niemanden tot, das könnte er gar nicht!“ Zu Ben geneigt raunt er: „Hast Du doch nicht, oder mein Junge?“
Da Ben nur trotzig die Stirn runzelt und schweigt, richtet sich Han auf und grinst schief: „Kinder … eine blühende Phantasie haben die.“

Die Huttin scheint sich nicht von ihm einlullen zu lassen. Sie wirkt zwar zuzustimmend, doch sie fordert: „Hocan, kuna kee wamma um baw wah cuane sewapka, Solo.“

„Schaden? Welcher Schaden? Decca, wir wissen beide, dass Sklavenhandel verboten ist - für was soll ich belangt werden?“
Mit einem triumphierenden Lächeln breitet Han Solo die Arme aus.

„Solo! Uba …“

Von hinten ist Getrappel zu vernehmen, Ben dreht sich um: Die kunterbunte Kinderschar kommt hereingeschlichen wie geprügelte Tiere. Auf den Schultern des Menschen und des Gran abgestützt stolpert der totgeglaubte Zabrakjunge herein. Er wirkt ganz benommen und sein Gesicht und seine Kleidung sind blutverschmiert und besudelt. Eine Platzwunde an der Schläfe des Burschen zeugt eindeutig von Bens Tat. Aber er lebt. Ben Solo atmet erleichtert auf.

„Da ist er doch!“, entfährt es ihm. Mit spitzem Finger deutet er auf den Zabrak.

„Na also“, atmet auch Han auf, „hab ich doch gesagt.“

Han und die Huttin reden über Kinder und Vader und den Helm. Ben hört gar nicht richtig hin, er versteht kein huttisch. Ganz im Gegensatz zu seinem Vater.
Die kleine Rotzgöre streckt Ben schon wieder die Zunge heraus. Im Schatten eines anderen zeigt sie ihm Drohgebärden. Verunsichert schaut Ben auf seine eigenen Füße: Er ist schmutzig. Mutter wird traurig sein.

„Cay bu heee, Solo, kaee gee saconba che mee Wei. Goo naa ben kae Snoke. Mah dotmuaha ritke toupee mi kouciukoee kaniaka bankop. Woy uba bla jen?“

Irgendetwas muss Decca gesagt haben, das Bens Vater missfällt, denn er hat es auf einmal sehr eilig.
„Eh, ich danke Euch für Eure Gastfreundschaft, Decca, gerne würde ich noch länger plaudern, aber ich muss los. Meine Frau … sie ist immer sehr ungehalten, wenn ich mich verspäte …“ Solo macht auf dem Fuße kehrt, packt das Handgelenk seines Sohns und läuft los: „Komm mein Junge …“
Überrumpelt stolpert Ben hinterdrein.

Deccas lautes, abgehacktes Lachen begleitet sie hinaus und geht ihm durch Mark und Bein. Ben hat das Gefühl, es nie wieder vergessen zu können.

Die Kinderhorde spielt längst wieder draußen. Ben kann sie durch die geöffneten Tore hören.
Der Gamorreaner, der Ben hierher gebracht hat, stampft an ihnen vorbei. In einer Hand trägt er einen schwarzen Gegenstand. Darth Vaders Helm! Ben gehen schier die Augen über. Wo will er damit hin? Er beobachtet, wie der Koloss in einem abfallenden Gang verschwindet.

Stopp!

Nur einen Wimpernschlag später bleibt Han Solo stehen und gibt das Handgelenk seines Sohnes frei. Bevor sie den Schutz des Casinos verlassen will er noch einen Komruf absetzen: „Chewie, wir kommen. Starte die Triebwerke!“

Ein Heulen kommt ihm durch das kleine Gerät entgegen.

„Ja, alles in Ordnung. Was soll denn sein? Tu einfach mal, was ich Dir sage!“

Er erhält ein enttäuschtes Wimmern zur Antwort.

„Es ist mir egal, was Du gerade isst! Starte die Triebwerke, Du verfressener …“

Ben nutzt die Gelegenheit und schleicht zurück.
Sein Vater schnappt ihn im letzten Moment an der Schulter und schaut ihn fragend an. Dass Ben unter seinem Griff zusammenzuckt, bemerkt der Vater nicht. Nebenher diskutiert er weiter mit Chewbacca: „Was? … Das gibt’s doch nicht! Dann geh jetzt zum Raumhafen, verdammt! Und beeil Dich!“

„Ich … möchte mich noch bei dem Wachmann bedanken. Dass er mir geholfen hat“, raunt Ben mit Unschuldslächeln.
Das findet der Vater offenbar anständig, denn er entlässt seinen Sohn mit einem genervten Kopfnicken.

Han Solo rauft sich die Haare und wettert sein Komlink an: „Natürlich sofort!“

Flink springt Ben dem Gamorreaner hinterher, dem er angeblich seinen Dank aussprechen möchte. Dieser ist vermutlich unterwegs, um das Relikt Vaders an einen sicheren Ort zu bringen. Schwer schnaubend stapft er den Korridor entlang. Seine muskelbepackten Arme schwingen dabei raumgreifend vor und zurück.

Sowie er bemerkt, dass er verfolgt wird, dreht er sich um und grunzt furchteinflößend.
Für eine gefühlte Ewigkeit starren sie einander nur stumm an. Ben und der Wächter. Endlich nimmt der Junge all seinen Mut zusammen und spricht im Brustton der Überzeugung: „Du gibst mir jetzt den Helm!“

Der Gamorreaner kratzt sich am Kopf. Er scheint nachzudenken. Es funktioniert nicht! Verwirrt schnaubt er und will sich schon wieder weiter, da wiederholt Ben eindringlich: „Du gibst mir jetzt diesen Helm. Danach gehst Du weiter.“
Der Koloss folgt Bens Anweisung.

Überwältigt, dass das tatsächlich geklappt hat, nimmt Ben den Helm seines Großvaters entgegen. Seine Hände zittern ein bisschen. Er hat sich noch gar nicht überlegt, was er nun damit anfangen will. Einfach so hinaus spazieren wird wohl kaum möglich sein.
Ben hat eine Idee: Ohne den Helm aus der Hand zu geben zieht er seinen zerschlissenen Gehrock aus und wickelt ihn sorgsam um das schwarze Objekt. So muss es gehen. Das fällt gewiss nicht auf.

Zurück bei seinem Vater will dieser wissen, was Ben für ein Bündel schleppt.

„Das ist nur mein zerrissener Mantel. Mir ist heiß.“

Vom darunter verborgenen Familienerbstück erzählt er lieber nichts. Das hat Zeit, bis sie im Hyperraum sind. Vater wird stolz auf ihn sein … das erspart ihm bestimmt jede Menge Ärger wegen dem Mantel und den Spuren der Prügelei in seinem Gesicht.

Sie eilen den Pfad der Münzen entlang zum Morro Raumhafen.
Han Solo hält seinen Sohn fest an der Hand.

Das Gedränge ist groß. Individuen verschiedenster Spezies kommen ihnen entgegen, die meisten sind auf dem Weg in die Casinos der Hauptstadt.
Ein Passant stolpert gegen Han und rennt infolgedessen Ben beinahe um.

„He! Aufpassen!“

„Echuta!“

Angerempelt an der Bisswunde öffnet Ben reflexartig die Hand vor Schmerz. Unter dem zusammengeknüllten Stoffbündel, das einst sein Mantel gewesen ist, löst sich das heraus, was er verbergen hat wollen: Darth Vaders Helm.

„Nein!“

Die Reliquie fällt zu Boden. Genau vor die Füße eines Hünen. Ben stemmt sich gegen den unerbittlichen Zug seines Vaters. Die Augen, bisher nur auf seinen Schatz gerichtet, wandern langsam an der schwarz umhüllten Wand hinauf bis zu den violetten Handschuhen. Die Hände sind riesig. Lange dürre Finger und sie vollführen eine einladende Bewegung, der nichts zu folgen scheint als Vaders Helm!
Mittels der Macht aufgehoben schwebt dieser in die geöffnete Hand des hageren Mannes.
Entsetzt beobachtet Ben, wie der den Helm ganz ruhig unter seinem weiten schwarzen Mantel verschwinden lässt. Äußerst vornehme Kleidung blitzt darunter hervor. Ob er doch ein König ist?

„Aber …“ holt Ben Luft und angelt vergeblich danach. Sein Vater zieht ihn unaufhaltsam fort.

Der hagere Mann verzieht seinen Mund zu einem schmalen Lächeln: „Ich werde ihn für Dich verwahren, bis Du Dich seiner würdig  erwiesen hast.“

Ben erschaudert. Diese Stimme! Er hat sie heute schon mehrfach gehört.
Scheu wagt er einen Blick ins Gesicht.
Viel ist nicht davon zu sehen, das meiste bleibt unter der Kapuze verborgen. Kurz erhascht er die Sicht auf eisblaue Augen. Das menschenähnliche Geschöpf ist Ben unheimlich. Und doch geht eine große Anziehungskraft von ihm aus.

„Du wirst zu mir kommen und ich werde Dich unterweisen. Schon sehr bald.“

Ehe sich Ben versieht ist der Mann in den Massen verschwunden. Nur seine markante Stimme ist noch da: Lass Deine Vergangenheit hinter Dir … töte sie, wenn es sein muss.

Verängstigt hält Ben die Hand seines Vaters fester und erkundigt sich: „Papa? Hast Du gehört, was der Mann gerade zu mir gesagt hat?“

Han Solo hat nichts bemerkt und zerrt Ben weiter.
Und Ben beschließt, niemals wieder einen Fuß auf Ord Mantell zu setzen.

Sie sind schon fast an der richtigen Landebucht angelangt. Weit und breit spricht niemand mit ihnen, es wäre auch viel zu laut, um irgendjemanden zu verstehen, dennoch hört der Junge die Stimme weiterhin in seinen Verstand flüstern und kann sich nicht dagegen verschließen: Ich kenne Deine Zukunft. Du wirst die Ära Skywalker beenden. Du wirst den Namen Solo hinter Dir lassen und Du wirst mächtiger sein als Du Dir vorstellen kannst. Komm zu mir und ich werde Dich unterweisen. Damit Du beenden kannst, was Dein Großvater begonnen hat. So ist es Dir vorherbestimmt.

„Da! Papa!“ Ben zuckt vor Schreck zusammen, der Schmerz fährt wie ein Blitz in ihn hinein: Neben ihm steht blau und durchscheinend eine Gestalt! Sie hat gerade ihre Hand nach dem Jungen ausgestreckt ...

„Lass nicht zu, dass der mich holt!“

Han Solo schaut sich argwöhnisch um: „Wer?“

„Der!“ Ben wagt kaum, mit den Finger auf seine Entdeckung zu zeigen. Er deutet nur ganz vorsichtig die Richtung an. Ein Machtgeist? Onkel Luke hat davon erzählt … Bange klammert er sich an den Arm seines Vaters und vergräbt sein Gesicht unter dessen Ärmel.
„Kommen Sie zu uns, bei uns ist der Kunde König.“

„Ben, das ist nur ein Holo. Komm weiter, wir sind gleich da.“

Ein Holo? Ihm wird schwindelig. Alles um ihn herum beginnt sich im Kreis zu drehen.
Ben fiebert. Er hat Schmerzen. Überall. Und ihm wird bewusst, dass er den Namen des Königs kennt. Woher, das vermag er nicht zu sagen, er war plötzlich da. In seinem Kopf. S-n-o-k-e.
Auf der Rampe des Falken bricht er zusammen.

„Ben? Oh nein … Chewie!“ Han hebt ihn auf, da kommt schon Chewbacca heraus und trägt Ben Solo das letzte Stück unter sorgenvollem Jaulen in den alten Frachter.

 

 

 

***

Hallo liebe Leser,


Ich hoffe, dieser Oneshot hat Euch gefallen? Er ist ursprünglich als Backstory eines Kapitels meiner aktuellen Geschichte „Die Symmetrie der Macht“ entstanden, dann aber etwas ausgeartet. Da ich aber so viel Herzblut hineingesteckt habe, fände ich es schade, ihn unveröffentlicht zwischen meinen Notizen abzulegen und stelle ihn Euch hier als Add-on zu Kapitel 13 zu Verfügung (das demnächst auch hier eintrudeln wird).

Es ist quasi die extended-Prosa-Version von Erlkönig Snoke.

Mit der Symmetrie wird es natürlich auch weitergehen – es tut mir leid, dass ich mich hiermit doch ein wenig verzettelt habe, aber es war zu verlockend, dem „Helm-Fetisch“ von Kylo Ren eine Basis zu geben.

Für das huttisch habe ich wieder den Coruscant Translator bemüht.



@saphsaq:

Hey, das hier ist für Dich! Wir wollten doch unbedingt wissen, was mit Vaders Helm geschehen ist, dass der in TFA so ramponiert aussieht – jetzt haben wir alles abgehakt: Helm, Erstkontakt zu Snoke und warum Kylo Ren mit dem ollen Ding quasselt. Was sagst Du zu diesem Plotbunny-Ragout fin?
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