The good part

von lunalinn
OneshotDrama, Romanze / P12 Slash
Shouta Aizawa Toshinori Yagi
11.01.2019
24.06.2019
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Aizawa hatte immer genau gewusst, welche Art von Held er garantiert nicht werden wollte. Allein der Gedanke, keinen Schritt machen zu können, ohne dass irgendjemand seinen Namen kreischte und ihn vollschwatzte, um ein Autogramm zu erhaschen, stieß ihn über alle Maßen ab. Täglich von hartnäckigen Reportern umringt zu sein, die von seinen Hobbies bis hin zur Farbe seiner Unterwäsche jede Information aus ihm herauszupressen versuchten…nein danke. Er war nie der Typ dafür gewesen, sich in Szene zu setzen, sodass er ganz gut damit fuhr, bei Nacht als Held zu arbeiten. Medienpräsenz machte einen Helden seiner Meinung nach nicht aus…und auch, wenn seine Einstellung wohl eher untypisch war, konnte er nicht behaupten, dass er unzufrieden mit seinem Leben war. Sein Job als Lehrer an der U.A. mochte nicht immer einfach sein, doch er erfüllte ihn…anders als die Vorstellung, sein eigenes Gesicht jeden Morgen auf irgendeiner Werbetafel sehen zu müssen. Gruselig.
Er nahm einen großen Schluck von seinem Bier, während seine rechte Braue genervt zuckte. Es war schwierig, ruhig zu bleiben, wenn eben jene Popularität, die er so sehr verabscheute, aufgrund seines Begleiters nicht zu unterbinden war. Dabei ging es noch nicht einmal um ihn selbst, schließlich war er ein Unbekannter für die Allgemeinheit. Zweifellos war es naiv gewesen, zu glauben, er könnte mit dem anderen entspannt den Abend ausklingen lassen. Zur Hölle mit der Entspannung, wenn gefühlt alle paar Minuten jemand auf den hageren Riesen an seinem Tisch zeigte und so laut flüsterte, dass es gleich noch mehr Leute mitbekamen.
Seit dem Kampf gegen All For One kannte die Bevölkerung die wahre Gestalt ihres Friedenssymbols und sie schien die Mehrheit nicht dazu zu bringen, ihm den Rücken zu kehren. Trotzdem dieser Kampf sein letzter gewesen war, hielt seine absurd große Fangemeinschaft weiterhin zu ihm. Aizawa fragte sich unweigerlich, ob das tatsächlich ein nennenswerter Trost sein konnte…in Anbetracht der Tatsache…
„Sheesh…“
Er blickte auf, als All Might hörbar die Luft ausstieß, sich dann verlegen lächelnd an der Schläfe kratzte.
„Ich hab mich noch immer nicht daran gewöhnt…“
Aizawa hob eine Braue, setzte die Flasche auf dem Tisch ab.
„An die Aufmerksamkeit? Schwer vorstellbar, wenn dein Gesicht auf jeder Frühstücksflockenpackung zu sehen ist“, erwiderte er trocken, woraufhin sich der andere räusperte.
„Eh…also, ich meine…schon gut, nicht so wichtig“, lenkte der Blonde schließlich ein und griff nach seinem Wasserglas.
Aizawa wusste, was er meinte, doch er schwieg. Es lag ihm fern, unnötig Salz in die Wunde zu streuen, auch wenn ihm der Sarkasmus auf der Zunge lag. Sei’s drum…zwar hatte er All Might bis vor kurzem noch für einen arroganten Idioten gehalten, doch selbst er konnte nicht verhehlen, dass dieser Mann Anerkennung verdiente. Dass er alles für die Welt gegeben hatte, konnte man nicht übersehen – und das meinte er wörtlich. Ihm war diese ausgemergelte Version des Blonden nicht neu, schließlich kannte er ihn so, seit er sein Kollege geworden war. Wenn er ehrlich war, fühlte er sich damit sogar wohler. Der Mann ihm gegenüber war…unauffälliger. Ruhiger. Er dachte nach, bevor er etwas sagte, und schmiss nicht mit vor Tatendrang strotzenden Sprüchen um sich, für die Aizawa ihm jedes Mal eine runterhauen wollte. Irgendwie schien es sein Fluch zu sein, dass er solch laute Quälgeister anzog, wenn er so an Mic, Midnight und diese verrückte Joke dachte.

„Also…uhm, noch mal danke für die Einladung…das wäre wirklich nicht nötig gewesen“, brach All Might die Stille, woraufhin Aizawa schnaubte.
„Ich halte mein Wort…und ein Glas Wasser macht mich nicht gerade arm.“
„Vermutlich nicht, nein…trotzdem danke.“
„Hn.“
Es war seltsam, dass sie einander nun schon eine ganze Weile persönlich kannten und sich dennoch nichts zu sagen hatten. Das lag nicht bloß daran, dass sie so unterschiedlich waren, schließlich traf das für Aizawa auf die Mehrzahl der Lehrkräfte zu und mit denen kam er trotzdem klar. Sie wussten ihn mittlerweile zu nehmen, doch All Might schien erpicht darauf, Konfrontation mit ihm um jeden Preis zu vermeiden. Zugegeben, er hatte anfangs keinen Hehl daraus gemacht, dass der Hüne die Art von Held war, die er am wenigsten ausstehen konnte.
„Du hast mir noch nicht erzählt, wie es mit Midoriya gelaufen ist.“
All Might blickte irritiert auf, zögerte merklich.
„Ehrlich gesagt lief es zuerst gar nicht gut“, gab er zu. „Seine Mutter sorgt sich sehr um ihn…verständlich, so oft, wie er verletzt ist.“
Aizawa nickte, hatte sich so etwas bereits gedacht und er selbst befürwortete das oftmals selbstzerstörerische Verhalten des Jungen nicht. Er konnte kaum zählen, wie häufig er diesen schon ermahnt hatte, seinen Körper nicht weiter zu schädigen. Seine Spezialität stellte für ihn selbst die größte Gefahr dar.
„Eigentlich war sie fest entschlossen, ihn von der Schule zu nehmen…nach allem, was passiert ist…“, fuhr All Might fort.
Er wirkte dabei so niedergeschlagen, als sei dies seine Schuld. Da er so etwas wie Midoriyas Mentor darstellte, traf dies sogar teilweise zu. Der Kerl musste aufhören, den Jungen bei seinen Selbstmordversuchen zu ermutigen, und stattdessen lieber nach einer Lösung suchen. Auch, wenn die beiden ein Geheimnis aus ihrer speziellen Verbindung machten, entging sie Aizawa keinesfalls. Nur, weil er etwas nicht hinterfragte, bedeutete das nicht, dass er es nicht wahrnahm.
„Du warst nicht anwesend, als es passiert ist“, stellte er klar. „Die Verantwortung für die Geschehnisse im Camp trage ich.“
Und noch war nicht klar, welche Konsequenzen dies haben würde, denn die Pressekonferenz hing ihm immer noch nach. Er würde im Nachhinein nichts an seinen Worten ändern, denn er war ehrlich gewesen, obwohl er sich die eine oder andere Bemerkung verkniffen hatte...doch ob er weiter unterrichten oder gar seine Lizenz verlieren würde, das würde sich noch entscheiden.

„Das ist es ja“, erwiderte All Might mit Bitterkeit in der Stimme und gesenktem Blick. „Ich war nicht da. Schon wieder war ich nicht da…“
Aizawa wusste direkt, wovon er sprach; dem Angriff auf das USJ, bei dem er zu spät gekommen war. Die Narbe unter seinem Auge erinnerte ihn jeden Tag daran, wie nahe er dem Tode gewesen war. Allerdings hatte er All Might nie die Schuld dafür gegeben.
„Keiner macht dir deswegen einen Vorwurf“, gab er knapp zurück.
Diese unsinnigen Schuldgefühle nervten ihn, denn was passiert war, war passiert. Was änderte es, sich dafür zu geißeln? Beide Male war es relativ glimpflich ausgegangen, keiner war umgebracht worden. Er und 13 waren schwer verwundet gewesen, doch sie hatten getan, was sie konnten, um die Schüler zu beschützen und es überstanden. All Might hatte seine Kräfte verloren, ja, aber er lebte.
„Ich mache mir Vorwürfe.“
Aizawa verengte die Augen, fixierte den anderen kühl, auch wenn es ihn nicht überraschte. Jemand, der es sich in den Kopf gesetzt hatte, das Schicksal der ganzen Welt zu tragen, musste so denken. Als ob ein einzelner Held dazu imstande wäre…selbst ein Held wie All Might nicht.
„Jeder von uns bereut gewisse Entscheidungen“, murrte er. „Das ist ein natürlicher Lernprozess, den wir alle irgendwann akzeptieren müssen.“
All Might lächelte immer noch sein freudloses Lächeln voller Verbitterung, das deutlich machte, dass ihm genau das schwer fiel.
„Lernprozess…es ist genau wie damals. Weil ich wieder nicht da war, konnten sie den jungen Bakugou entführen. Ich hätte-“
„Ich habe keine Lust, mir diesen Schwachsinn länger anzuhören“, fiel Aizawa ihm hart ins Wort und brachte ihn damit zum Verstummen. „Erstens warst du auf Anweisung nicht dort, weil wir es für einen guten Plan hielten, und zweitens kann selbst All Might nicht jeden retten. Jetzt sowieso nicht mehr.“
Ihm entging nicht, wie angespannt der Hüne unter dem Gesagten wirkte, wie er die unverletzte Hand zur Faust ballte und die dünnen Lippen zusammenpresste. Es ließ sein Gesicht mit den eingefallenen Wangen noch ausgemergelter erscheinen, die ungewöhnlich blauen Augen glommen aus den dunklen Schatten, die darum lagen. Wut, Verzweiflung…und die bittere Erkenntnis, dass es stimmte. Vielleicht war Aizawa zu harsch gewesen, doch es war die Wahrheit. Er würde sie nicht zurücknehmen, auch wenn er damit den wunden Punkt des einstigen Friedenssymbols getroffen hatte.
All Might ließ die knochigen Schultern, die in dem um einige Nummern zu großen Hemd steckten, sinken. Er widersprach ihm nicht, schaute auf sein mit Wasser gefülltes Glas hinab.
„Ja…“, hörte er ihn murmeln. „Das…ist mir bewusst.“
Vermutlich hätte er nun irgendetwas Aufmunterndes sagen sollen, doch das war weder seine Art, noch fiel ihm etwas Passendes ein. Dass seine Zeit als Held vorbei war, stellte eine Tatsache dar…und für jemanden, der scheinbar nie etwas anderes gewesen war, musste das unvorstellbar sein.
„Sich auf einen Einzelnen in Krisensituationen zu verlassen, ist fahrlässig“, murrte er. „Spätestens jetzt sollte das den Menschen wieder klar werden.“

All Might schwieg eine ganze Weile, die große Hand weiterhin um sein Glas geschlossen, als würde er es jeden Moment zerbrechen. Dann gab er ein freudloses Lachen von sich und schüttelte den Kopf, wobei seine struppigen, blonden Haare wippten.
„Du bist wirklich gnadenlos ehrlich, Aizawa-kun…“
Aizawa hob auf die Aussage hin eine Braue, fixierte den anderen; er konnte nicht heraushören, ob das positiv oder negativ gemeint war. Nicht, dass es ihn kümmern würde.
„…ich schätze, die Wahrheit wollen die wenigsten Leute hören. Du machst es mir nie leicht…“
„Ich mache es niemandem leicht“, korrigierte Aizawa ihn. „Die Welt ist zu niemandem freundlich und die Menschen zu täuschen, indem man sie in Watte packt, ist allenfalls dumm.“
Er funkelte sein Gegenüber an, ehe er tief seufzte.
„Das schließt dich nicht aus…aber es bedeutet auch nicht, dass ich Groll gegen dich hege.“
All Might sah wieder zu ihm auf, ein schiefes Lächeln auf den Lippen.
„Ich bin eigentlich fest davon ausgegangen, dass du mich nicht leiden kannst…uhm…ich bin mir auch ziemlich sicher, dass du das sogar gesagt hast…ein, zwei Mal…“, kam es nervös von dem Blonden und er kratzte sich an der Wange.
Ja, daraus hatte er keinen Hehl gemacht, demzufolge konnte er ihm das kaum übelnehmen. Wollte er auch nicht. Er brummte unverständlich gegen den Rand seines Bierglases, ehe er dieses sinken ließ, dem Blick des Älteren aber nicht auswich. Dafür gab es keinen Grund
„Stimmt“, gab er zurück und All Mights Lächeln wirkte plötzlich noch kläglicher. „Ich kann Menschen nicht ausstehen, die so laut und aufdringlich nach Aufmerksamkeit schreien. Dieses Getue der Medien, die alles verdrehen, nervt mich…als gäbe es keine Schattenseiten.“
Er schnaubte leise, bemerkte, wie still der andere ihm zuhörte, nicht einmal den Versuch machte, ihn zu unterbrechen.
„Du weißt ebenso gut wie ich, dass die Realität ganz anders aussieht. Dass man eben nicht alles mit einem Lächeln abtun kann. Dass es Tage gibt, an denen man nicht jeden retten kann. Tage, an denen man versagt.“
Jeder Held wurde irgendwann damit konfrontiert…Midoriya erst neulich, obwohl er noch ganz am Anfang stand. Mit solchen Niederlagen konnten viele nicht umgehen, verfielen dadurch in Selbstzweifel…manche sogar in Depressionen. Es war nicht immer einfach, die Kraft zu finden, wieder aufzustehen und weiterzumachen. Darüber berichteten die Medien ebenfalls…und oftmals verdrehten sie die Tatsachen auf eine Weise, die es den Helden noch schwerer machte, erneut vor die Öffentlichkeit zu treten. Aizawa hatte es vor kurzem zu spüren bekommen, als sie ihn bei der Pressekonferenz zu provozieren versucht hatten, indem sie Bakugou anzweifelten.

Aizawa beobachtete den Hünen dabei, wie dieser seine Hand wieder zu seinem Glas wandern ließ. Als bräuchte er etwas, an dem er sich festhalten konnte…dann fuhren seine Finger den Rand nach, sein Blick wurde abwesend. Er schien ihm nicht widersprechen zu wollen. Keine einzige Phrase über seine Rolle als Säule des Friedens. Aizawa hatte auch nicht damit gerechnet, wenn er ehrlich war…so gut kannte er Yagi Toshinori inzwischen.
„Meine Einstellung diesbezüglich wird sich nicht ändern“, fuhr er fort. „Ich bin jedoch nicht stur genug, um dir bloße Selbstüberschätzung und Arroganz vorzuwerfen. Ich sehe, wie viel du geopfert hast, um den Menschen Sicherheit zu geben…ganz gleich, was ich davon halte.“
All Might blickte auf, Irritation in den hervorstechenden, blauen Augen…doch dann legte sich langsam ein Lächeln auf die schmalen Lippen.
„In deiner Sprache heißt das wohl, dass ich gar nicht so übel bin, wie du dachtest?“
Aizawa zuckte mit den Schultern.
„So in etwa könnte man das vielleicht ausdrücken“, erwiderte er trocken und brachte den anderen damit zum Schmunzeln.
„Bei dir muss man wirklich immer zwischen den Zeilen lesen…aber nun, du hast Recht mit dem, was du sagst. Ich will gar nicht leugnen, dass ich den Ruhm gerade in meinen jüngeren Jahren genossen habe…die Schattenseiten, die du erwähnt hast, kenne ich allerdings ebenso gut.“
Das Lächeln wich nicht gänzlich, wurde allerdings eine Spur bitterer.
„Gerade jetzt…es ist…“
Anscheinend fehlten ihm die Worte, denn er sprach den Satz nicht zu Ende, presste bloß die Lippen aufeinander. Aizawas Miene blieb ausdruckslos, während er das leere Bier auf den Tisch stellte. Zu behaupten, er wisse, wie sich der andere fühlte, wäre wohl ebenfalls arrogant gewesen. Er versuchte es gar nicht erst, warf einen Blick zum Nebentisch, wo die Leute wieder zu tuscheln begannen. Jemand machte tatsächlich ein Foto mit seinem Handy. Dass man nie seine Ruhe haben konnte…jedenfalls nicht mit diesem Mann.
„Lass uns verschwinden.“
Verwirrt sah der Blonde zu ihm, neigte ein wenig den Kopf, während Aizawa ein Fläschchen hervorholte. Seine Augen wurden seit dem Vorfall im USJ noch schneller trocken, so dass er sich in jedes einen Tropfen verabreichte, bevor sie zu brennen begannen.
„Wohin? Ich meine…also, wir können natürlich gehen, wenn-“
„Ich meine an einen Ort, an dem sich weniger Menschen befinden“, stellte er seine Worte richtig und ließ die Augentropfen verschwinden.
Er hatte nicht das Gefühl, als würde All Might nach Hause gehen wollen…vermutlich erwartete ihn dort niemand. So wie es bei ihm selbst der Fall war und auch, wenn er in der Regel kein Problem damit hatte, so schien der andere gerade Gesellschaft zu brauchen…und da Aizawa nichts vorhatte…
„Oh…ja…also, sicher, wir können woandershin, wenn du möchtest…“
Aizawa holte brummend seine Geldbörse hervor, um ihre Getränke zu zahlen.
„Du solltest wissen, dass ich es sonst nicht vorgeschlagen hätte.“
„Vermutlich nicht…“
Aizawa äußerte sich nicht weiter dazu, sondern sah zu der Kellnerin, die gerade zu ihrem Tisch kam…und ihre Augen nicht von All Might lassen konnte. Es wurde wirklich allerhöchste Zeit, von hier zu verschwinden…


Im Endeffekt hatte er dem Blonden die Entscheidung überlassen, wohin sie gingen, so dass sie sich ein paar Minuten später an einem weitläufigen Strand wiederfanden. Aizawa lockerte den Knoten seiner Krawatte, während ihnen beiden der Wind durch die Haare fuhr. Er war froh, wenn er diese formelle Kleidung loswurde und wieder in seine bequemen Alltagsklamotten schlüpfen konnte. Ohne die verstärkten Bandagen fühlte er sich zudem einfach nicht wohl. Gedankenverloren blickte er auf das Meer, in dem sich die letzten Strahlen der untergehenden Sonne spiegelten. Der Himmel glühte noch rot-orange, würde sich bald dunkel färben. Er lehnte neben All Might an dem Geländer des überdachten Stegs und tatsächlich waren sie allein. Außer dem Rauschen des Meeres und dem Krächzen einiger Vögel empfand er es als angenehm still.
„Wegen Midoriya“, brach er ihr Schweigen dennoch nach einer Weile. „…du hast mir noch nicht gesagt, wie seine Mutter entschieden hat.“
All Might blickte ebenfalls in die Ferne, die Miene im ersten Moment nichtssagend. Dann aber schien etwas seine Stimmung aufzuhellen, denn seine heruntergezogenen Mundwinkel zuckten.
„Nun, wie gesagt…es war nicht einfach. Sie ist eine starke Frau…eine Löwin von Mutter. Es hat mich meine ganze Überzeugung gekostet, damit sie ihr Vertrauen erneut in die U.A. legt und ihren Sohn in unsere Obhut gibt.“
Aizawa neigte ein wenig den Kopf, die müden Augen weiterhin auf den Horizont gerichtet.
„In die U.A. oder in dich?“
Ertappt rieb sich der Hüne den Nacken, sah flüchtig zu ihm, ehe er das Gesicht wieder abwandte, verhalten hustete. Aizawa schnaubte leise, hatte sich das schon gedacht. Hätte er seine Bandagen umgehabt, hätte er den anderen damit dazu gebracht, ihn anzusehen…so aber griff er nach dessen spitz zulaufendem Kinn und drehte es ruckartig zu sich. All Might keuchte erschrocken auf, die gesunde Hand abwehrend erhoben, während er in seine finstere Miene blickte.
„Ich hoffe, du kannst deine Versprechen halten.“
All Might blinzelte, ließ die Hand langsam sinken, machte auch sonst keine Anstalten, sich aus dem Griff zu befreien. Er räusperte sich leicht, nickte dann aber…vielleicht ein bisschen zu zögerlich. Da steckte doch mehr hinter, als er bereit sein würde, ihm zu erzählen.
„Ja. Das werde ich“, erwiderte er jedoch unerwartet fest. „Mach dir bitte keine Sorgen.“
Aizawa zog die Stirn in Falten, sah dem anderen in die blauen Augen, in denen sich keine Unsicherheit mehr erkennen ließ.
„Sorgen, huh?“, wiederholte er grimmig, ließ ihn aber los. „Wenn man mit dir zu tun hat, macht man sich zwangsläufig immer Sorgen. Du bist nicht besser als die Schüler, All Might. Arbeite gefälligst an dir, wenn du ihnen ein Vorbild sein willst!“
Ein nervöses Lächeln legte sich auf die Lippen des anderen und nickte rasch.
„Uhm…werde ich. Keine Sorge…eh, ich meine…“

Aizawas Braue zuckte gefährlich weit nach oben, als ein lautes „Poof“ neben ihm erklang und ihm All Mights dauergrinsende Visage entgegensprang. Der aufgepumpte Körper schien das Hemd nahezu zu sprengen, als er sich vorbeugte und ihm den Daumen entgegenstreckte.
„Verlass dich ganz auf mich, Aizawa-kun! Ich werde ein Top-Lehrer, auf den du stolz sein kannst! Hahaha!“
Aizawa blickte ihn ohne jede Regung an, bemüht, ihm nicht die Faust ins Gesicht zu rammen. War nicht leicht, wenn dieser Kerl schon wieder blöde Sprüche klopfte. Allerdings dauerte es nur ein paar Sekunden, bis erneut ein „Poof“ ertönte und die hagere Version All Mights wieder neben ihm stand. Das Grinsen war verschwunden, machte einer verlegenen Grimasse Platz, die Hand ließ er sinken…und Aizawa begriff, dass es schwierig für ihn war, aus seiner Haut zu kommen. Dass das alles war, was All Might noch geblieben war. Das und seine Rolle als Lehrer. Ein Funken.
Aizawa schluckte seinen Ärger herunter, was ihm leichter als gedacht fiel, ehe er seufzte.
„Gut. Ich erinnere dich bei Gelegenheit daran“, antwortete er auf die Ansage.
Dies ließ den anderen zunächst stutzen, das schiefe Lächeln kehrte schließlich aber zurück.
„Beim…nächsten Bier?“
Aizawa blinzelte.
„Dachte, du trinkst nicht.“
„Ehm…ja, also, nein, aber ich…wollte dir ja auch was ausgeben. Wegen Bakugou-shonen, du weißt schon…“
Stimmte ja, da war was. Nun, das war wohl nur fair. Warum nicht? War ja nicht so, dass er etwas Besseres zu tun hatte, abgesehen von Schlaf nachholen. Sei’s drum, dann schlief er eben wieder in der Schule zwischen den Pausen. Ging schon irgendwie. Mehr Zeit mit All Might verbringen. Mit der Version von All Might, die Yagi Toshinori hieß und ihn nur halbwegs zur Weißglut trieb. Hm.
„Von mir aus.“
All Mights Lächeln wankte ein wenig.
„Das klingt nicht gerade euphorisch…“
Aizawa schoss ihm einen genervten Blick zu, woraufhin der andere abwehrend die gesunde Hand hob. Wirklich, allmählich sollte er ihn kennen. Er lehnte sich wieder gegen das Geländer, während er den Knoten aus seinen Haaren löste – seine Kopfhaut spannte schon.
„Wie bereits gesagt…ich tue nichts, was ich nicht will“, machte er noch mal deutlich.
Dazu zählte auch, mit dem anderen hier zu sein und sich den Sonnenuntergang anzusehen. Vermutlich würde es nicht mehr lange dauern, bis irgendein Paar hier auftauchte, um sich diese Art von übertriebener Romantik zu gönnen. Er fragte sich plötzlich, warum All Might überhaupt mit ihm hierhergekommen war. Sicher, Aizawa hatte nach einem ruhigen Ort gefragt…dennoch…

„Warum wolltest du hierher?“, fragte er direkt, woraufhin der andere merklich stutzte.
Er öffnete den Mund, sagte jedoch nicht gleich etwas, sondern fuhr sich mit der Hand durch die zausen Haare. Dabei blickte er mit zusammengezogenen Brauen vor sich hin, als überlegte er, wie er die Sätze formulieren sollte. Aizawa glaubte nicht, dass dies ein Problem war…sondern eher, dass es da noch etwas gab, das er ihm nicht sagen wollte. Was auch immer dieser Strand für ihn bedeuten mochte…
„…es ist um diese Zeit ruhig hier“, murmelte er schließlich, zuckte leicht die Schultern.
Aizawa bohrte nicht weiter nach, wartete lediglich, ob da noch mehr kam. Es dauerte einen Moment, All Might schloss seinen Mund und öffnete ihn dann wieder.
„Früher war der ganze Strand eine regelrechte Mülldeponie“, begann er leise. „Kaputte Elektrogeräte, Unmengen von Plastik…weder Mensch noch Tier haben sich diesem Ort gern genähert.“
Schwer vorstellbar, wenn man sich diese Idylle nun besah, und er fragte sich, wie lange es gedauert haben mochte, das in Ordnung zu bringen, was sich hier vermutlich über Jahre angesammelt hatte.
„All Might schützt also in seiner Freizeit die Umwelt?“
Der Blonde musste schmunzeln, schüttelte aber sofort den Kopf.
„Nein…also, ja, sagen wir, es ist mir nicht egal. Wenn ich helfen…konnte, habe ich geholfen. Egal, ob es um die Umwelt, Tiere oder Menschen ging. Ich finde es wichtig, dass man sich als Held nicht beschränkt…hm...aber das hier ist nicht mein Verdienst.“
Aizawa fiel plötzlich noch ein Zug an All Might auf, den er bislang nicht wirklich wahrgenommen hatte; seine Ehrlichkeit. All Might profilierte sich nicht mit fremden Taten und er übte harte Kritik an sich selbst, während er in seiner Rolle als Lehrer oft nachlässiger mit den Schülern war. Nun, es war sicher nicht das Schlechteste an ihm. Diese Ehrlichkeit jedenfalls…denn als Lehrer musste er definitiv noch an sich arbeiten.
„Hast du noch vor, mir zu sagen, wem die Aussicht zu verdanken ist?“
All Might grinste eine Spur zu gezwungen, sah ihn entschuldigend an.
„Eh…sagen wir doch einfach, dass es…jemand war…der sich ein hohes Ziel gesetzt hat und alles dafür getan hat. Jemand mit einem bemerkenswert starken Willen…“
Das war schwammig formuliert und auch, wenn Aizawa eine vage Ahnung bekam, äußerte er sich nicht dazu. Schweigend blieb er neben All Might stehen, der immer noch mit sich rang, wie es schien…auch wenn es eigentlich nichts hinzuzufügen gab. Er musste nicht alles darüber wissen, das ging ihn schließlich nichts an.
„…jemand…wie du“, schloss All Might unerwartet und brachte ihn damit zum Stutzen.
„Huh?“, entkam es ihm und er sah den anderen irritiert an.
Dessen Grinsen erschien ihm nun nervöser, was Aizawa darauf schließen ließ, dass ihm die Worte herausgerutscht waren. Interessant.
„Also, eh…ich meine…weißt du…“, stammelte das einstige Friedenssymbol und wedelte mit der gesunden Hand in der Luft herum.
„Ja?“
Leichter machte er es ihm damit nicht, doch neugierig war er schon, was der andere meinte. All Mights Hautfarbe wurde um ein paar Nuancen dunkler und der Mund stand in Ermangelung passender Worte immer noch offen. Dann schien er sich zu fassen, denn er straffte ein wenig die zusammengesunkenen Schultern, versuchte, seinem Blick standzuhalten.

„Du bist…auch so jemand“, erklärte er zögerlich. „Damals…beim USJ…du hast dein Leben riskiert, um die Schüler zu retten. Es hätte dich beinahe umgebracht und trotzdem…hättest du mir diese Zeit nicht verschafft…wer weiß, ob nicht doch jemand gestorben wäre…“
Verdutzt blickte er den Älteren an, der ihn derart verkniffen anstarrte, dass die Anspannung spürbar war. Aizawa musste es einen Moment sacken lassen, ehe er etwas erwidern konnte. Das kam irgendwie überraschend…und noch dazu fiel ihm etwas ein, an das er bis jetzt nicht gedacht hatte. Vielleicht weil er schwerer verletzt gewesen war, als er zugeben wollte…
„Schätze, sowas tun Helden“, brummte er und schob die Hände in die Hosentaschen. „Leben retten…sich in Gefahr bringen…außerdem bin ich für sie verantwortlich.“
Es war das, was jeder Held oder Lehrer tat, wenn es nötig war. Man reagierte reflexartig und wenn er daran zurückdachte, wie Asui beinahe zu Staub zerfallen wäre, drehte es ihm immer noch den Magen um. So verflucht knapp. Was war dagegen schon der Schmerz in seinen Augen gewesen? Er warf einen Blick zu All Might, der ihn nachdenklich musterte, ehe sich wieder diese Bitterkeit in seine Mimik mischte.
„Es war meine Schuld. Egal, was du sagst, Aizawa-kun…ich hätte da sein sollen. Dass ich es nicht war, tut mir leid. Was…mit dir passiert ist, tut mir leid. Ich hätte es verhindern können, we-mpf!“
Aizawa bedauerte wirklich, dass er seine Bandagen nicht trug. Finster blickte er in All Mights weit aufgerissene, blaue Augen, während er diesem die Hand auf den Mund drückte und seine Wangen zusammenquetschte. Er spürte den hektischen Atem, der gegen seine Handinnenfläche blies, als er ihn so festhielt.
„Ich wiederhole mich ungern“, murrte er und funkelte ihn an. „Deswegen sage ich dir bloß eins dazu.“
Aizawa holte Luft, schloss kurz die Augen und löste dabei seine Finger von All Mights Gesicht.
„Danke.“
Nun war es an All Might, seinem stoischen Blick mit Verwirrung zu begegnen. Er brauchte wohl kurz, um zu realisieren, dass keine weitere Standpauke folgte…sondern das, was Aizawa schon früher hätte tun sollen.
„Was?“
Aizawa schnaubte leise, zuckte mit den Schultern, wobei er zur Seite blickte. Allmählich wurde es dunkler, die Sonne war fast verschwunden, doch noch immer waren sie allein.
„Ich habe mich nie dafür bedankt, dass du mir das Leben gerettet hast“, führte er es unwillig weiter aus. „Deswegen…danke…und jetzt will ich nichts mehr davon hören. Für die Sache im Camp gilt übrigens dasselbe.“
Unter seinem strengen Tonfall blieb All Might zunächst stumm, schaute ihn perplex an. Aizawa beließ es dabei, richtete seine Aufmerksamkeit wieder aufs Meer, während ihm seine zotteligen Haare wieder in die Stirn fielen. War es denn wirklich so untypisch für ihn, sich für so etwas Offensichtliches zu bedanken? Ohne All Might hätte ihm der Nomu den Schädel vermutlich komplett zu Brei zermatscht – auf dem besten Weg dahin war er gewesen.

„Jederzeit, mein Freund.“
Aizawa stockte in seinen Gedanken und das lag weit weniger daran, dass All Might ihn Freund nannte. Als Freunde betitelte der Ältere die meisten Menschen um sich herum, das gehörte zu seiner Art, auch wenn Aizawa solchen Bezeichnungen kritischer gegenüberstand. Es gab nur einen engen Kreis von Menschen, die er als Freunde ansah – Mic und Midnight gehörten dazu, auch wenn sie ihn oft an den Rand seiner Selbstbeherrschung trieben.
Dennoch…was ihn bei All Mights Worten stutzen ließ, war dieses Versprechen, das er eigentlich gar nicht mehr geben konnte. Er würde nicht mehr die letzte Rettung sein können, wenn es brenzlig wurde. Jederzeit. Wie oft musste All Might Versprechen wie diese gegeben haben? Dabei dieses nervige Dauergrinsen auf dem Gesicht, das den Menschen Hoffnung gab…
Nein, stellte er wiederholt fest, so einfach war es nicht, aus seiner Haut zu kommen…und als er ihn ansah, wusste er, dass es auch ihm klar war. Die warm gesprochenen Worte standen in Kontrast zu dem wackligen Lächeln auf den ausgemergelten Zügen. Erneut mischte sich diese Bitterkeit in seinen Blick, trotzdem er es zu verbergen versuchte.
„Ich…“, setzte er an, doch Aizawa unterbrach ihn, bevor er mehr dazu sagen konnte.
„Schon gut.“
Es machte keinen Sinn, das Offensichtliche auszusprechen, das würde nichts ändern. All Might schloss den Mund wieder, senkte den Blick auf seinen verletzten Arm, ehe er bloß nickte. Mehr musste keiner von ihnen dazu sagen. Aufmunternde Worte erschienen Aizawa derart unpassend, dass er es nicht mal versuchen wollte; er würde nur Salz in die Wunde streuen. Der Ältere schien seine Meinung zu teilen, da er keinen weiteren Versuch für ein Gespräch unternahm. Keine heldenhaften Phrasen…nicht in dieser Situation. Und trotzdem…hatte er vermutlich nie mehr Sympathie für All Might empfunden, als in diesem Moment. Weil nichts davon aufgesetzt war, um irgendwem etwas vorzumachen. Mehr Yagi Toshinori als All Might.
Still blickten sie aufs Meer hinaus, während sie nebeneinander am Geländer des Stegs lehnten und zusahen, wie die Nacht allmählich hereinbrach.


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Mein erster EraserMight OS...und es war so eine Herausforderung. xD
Vor allem Aizawa war am Anfang wirklich nicht einfach von mir...der alte Grumpy, haha...
Seit mich Monstrosity infiziert hat, bin ich so ein Fan von bnha...echt unnormal, wie schnell das gehen kann.
Von daher musste das ja früher (!!) oder später kommen...
Na ja, man kann die zwei hier als Kollegen/werdende Freunde sehen oder man interpretiert halt n bisschen Romance rein...die nächsten OS, die ich irgendwaaaaaann schreiben möchte, werden dann darauf aufbauen.
Ich freu mich wie immer über Kommis, wenn's wem gefallen hat. <3

PS: Danke an LSiomha, die gebetat und dafür gesorgt hat, dass der OS sein dramatischeres, viel besseres Ende hat. :D

LG
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