Mahlias Zorn

KurzgeschichteDrama, Freundschaft / P16 Slash
OC (Own Character)
11.01.2019
17.05.2019
15
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Kapitel 01 | Missmut


Selbstverständlich war ich froh gewesen, die Kontrolle über meinen Körper zurück zu erlangen, doch trotzdem konnte ich Daniel seine ungeheure Torheit nicht verzeihen. Er hatte einen Preis gezahlt, ohne zu wissen, ob ich überhaupt gerettet werden wollte und noch dazu von einer so seltsamen Frau wie Flemeth. Selbst, wenn wir nie wieder in eine so gefährliche Situation kommen würden, wäre es unklug gewesen, der Hexe der Wildnis zu vertrauen. Besonders, da sie ihre Bedingungen nicht näher erläutert hatte, was mir zusätzlich aufstieß.

Daniel lief schweigend neben mir her, sein ebenmäßiges, schönes Gesicht in Sorgenfalten gelegt, den Blick auf den Waldboden geheftet. Er dachte wohl ebenfalls über alles nach, was in den vergangenen Tagen geschehen war. Vielleicht war er auch beleidigt, weil ich ihm alles Mögliche an den Kopf geworfen hatte, nachdem ich wiederbelebt worden war.

Etwas Anderes kam nicht in Frage. Flemeth hatte meinen langsam dahinscheidenden Geist zurück in meinen Körper beordert. Jemand, der so viel Macht besaß, durfte nicht existieren. Es war falsch, so unfassbar falsch. Mir wollte nicht in den Sinn kommen, wie ein Gott seiner Schöpfung etwas Derartiges erlauben konnte. Deshalb war ich mir bewusst, dass sie für diesen Gefallen früher oder später ein Opfer einfordern würde, das wir nicht bereit waren zu zahlen.

Die Wildnis war ein entsetzlich kalter und dunkler Ort. Obwohl ich meinen Mantel enger um mich schlang und versuchte, mich auf das Positive zu besinnen, konnte ich ein Fluchen nicht unterdrücken. Kälte, Müdigkeit und Hunger waren keine guten Voraussetzungen für einen langen Marsch. Zudem störten mich die Geräusche des Waldes, die mir bereits in Ostagar die Laune verdorben hatten.

Rehe, Vögel, Hunde waren schon schlimm genug, aber dann war da noch die rhythmisch summende Dunkle Brut, die ihre Lobeshymnen auf ihren Sieg bei Ostagar feierte. Vor Jahren hätte mich diese Erkenntnis wohl wütend gemacht, mich zum Aufbegehren bewegt und mich meinem Temperament nachgeben lassen, doch ich war inzwischen abgestumpft.

Menschen starben oder siegten, Schlachten wurden verloren oder gewonnen. Ich lebte, mehr oder weniger.

Jedoch gab es nicht viel, was mir das Gefühl vermittelte, wirklich am Leben zu sein. Kämpfe spornten mich an. Aber selbst die dauerten nur Sekundenbruchteile an und waren nichts, wonach man streben sollte.

Das stetige Summen machte mich beinahe wahnsinnig. Und doch reichte es aus, um mir der Stille bewusst zu werden, die zwischen mir und Daniel seit gut zwei Tagen herrschte.

Seitdem wir Flemeth hinter uns gelassen hatten, waren nur wenige Worte gewechselt worden. Viele davon hätten wir für uns behalten können. Meist antwortete ich einsilbig oder beschränkte mich aufs Murren und Knurren, um ihn mit Ignoranz bestrafen zu können.

Allerdings hatte ich kein schlechtes Gewissen. Jedenfalls nicht zu diesem Zeitpunkt unserer Reise, schließlich sah ich mich im Recht, ihn derart unterkühlt zu behandeln, weil er über unsere Schicksale bestimmt hatte.

Er kannte mich gut genug, um zu wissen, wie wenig mir mein Leben bedeutete. Trotzdem hatte er aus purem Egoismus und der Angst, allein zurückzubleiben, diese folgenschwere Entscheidung getroffen. Es war, als würde ich all die Ungerechtigkeiten meines Lebens erneut erdulden müssen. Nur diesmal fühlte sich der Schmerz anders an - gewohnt. Vielleicht akzeptierte ich ihn, weil ich das Gefühl hatte, ihn verdient zu haben. Daniels Beteiligung daran war Karma.

In meinem Eifer fiel mir erst sehr spät ein seltsames Geräusch auf, das mich verharren und sogar nach meinem Gefährten greifen ließ, der unbeirrt weiterlaufen wollte. Dieses… Schnaufen… war es ein Tier oder ein verletzter Mensch? Ich spitzte meine Ohren.

„Hörst du das?“, fragte ich Daniel, um mich vergewissern, dass ich keine Gespenster hörte.

„Was denn?“, fragte er verwirrt. Ich sah ihm an, dass er in den Wald hineinhorchte. Aber offenbar kam er nicht zum selben Ergebnis wie ich.

„Na, dieses Schnaufen… das musst du doch hören“, erklärte ich und folgte den Geräuschen, die unmerklich lauter wurden. Es war definitiv die Stimme eines Lebewesens, doch ich konnte nicht einordnen, was die mögliche Ursache war.

„Keine Ahnung“, antwortete Daniel.

In diesem Moment verfluchte ich ihn dafür, dass er mich störte, den Ursprung zu finden. Ich zog mein Schwert, ließ mein Schild aber noch auf dem Rücken. Es sähe reichlich bescheuert aus, wenn ich, lediglich von einer Ahnung getrieben, wie eine Irre durch die Wildnis pirschte, nur um auf ein Reh oder ähnliches zu treffen.

Es war kein Reh. Wie ich zu meinem Verblüffen feststellen durfte. Daniel kam nur Sekunden nach mir an und lachte leise, als ihm klar wurde, welchem Geist ich da nachgejagt war.

In absehbarer Ferne standen zwei junge Menschen, das Mädel an den Baum gelehnt, der Mann hinter ihr - und nahm sie heißblütig...

Ich war erstaunt, weil ich es inmitten dieser Wildnis niemandem zugetraut hätte, seiner Lust zu frönen. Allerdings waren sie augenscheinlich Wildlinge und das war mir dann doch vollkommen gleichgültig.

Ich drehte mich weg und bedeutete Daniel, einen Umweg zu nehmen.

„Das ist ja nur ein Stelldichein“, seufzte er und wandte seinen Blick ab. „Wieso treiben die es überhaupt hier? Ist das nicht zu heikel?“ Seine Frage vermochte ich nicht zu beantworten, weil es mir unsinnig vorkam, dieser Art von Vergnügen nachzugehen, wenn eine derartige Gefahr lauerte. Selbst die Wildlinge durften gemerkt haben, dass der Wald zunehmend unsicherer wurde. Ich hatte kein Verständnis dafür. Und vielleicht wirkte ich deshalb besonders kalt.

„Sag, wenn du mir noch immer böse bist, darfst du ruhig darüber sprechen“, meinte er schließlich und holte zu mir auf. Er versuchte mich zu überreden, aber mein frostiges Verhalten hatte nicht unbedingt etwas mit seinem Fehltritt zu tun.

Natürlich war ich enttäuscht, weil er so eine wichtige Entscheidung ohne mich getroffen hatte, andererseits war ihm keine andere Wahl geblieben. Tatsächlich war ich wütend auf mich selbst und auf den Erbauer, dass er mir meine Rache gegeben hatte und sich mir somit jeglicher Lebenssinn entzog.

Diese Vergeltung fühlte sich nicht einmal befriedigend an und es war ein Jammer, dass ich ganze Jahre darauf verschwendet hatte, meiner Familie Genugtuung zu verschaffen, nur um mit dieser Leere bestraft zu werden.

Jetzt, nachdem ich diesen schändlichen Orden losgeworden war, jagte ich dennoch seinen Zielen hinterher. Für Daniel. Es war, als nähme das Schicksal seinen Lauf und ich war inmitten dieses Kreises gefangen, der kein Anfang und kein Ende kannte.
„Mahlia?“

Ich seufzte. „Ich frage mich, wer die beiden Grauen Wächter sind, die überlebt haben“, murmelte ich schließlich, bevor ich gen Himmel sah. „Es müssen Rekruten sein, wenn sie wie wir aus dem Kampf herausgehalten wurden.“

„Gab es nicht diese Neuen?“, dachte Daniel laut, während er sich das haarlose Kinn rieb.

„Stimmt. Einer hat, soweit mir bekannt ist, das ganze sogar überlebt“, fiel mir ein und ich seufzte ein weiteres Mal. „Dann sollten wir uns so früh wie möglich mit ihnen treffen. Sie haben womöglich keinen blassen Schimmer, wie es weitergeht. Es wäre sinnvoll, sich erst einmal nach Denerim zu begeben und die anderen Wächter zu informieren, wie Flemeth vorgeschlagen hat.“

Daniel nickte und lächelte sein unschuldiges Lächeln. Wahrscheinlich war er einfach nur froh, dass ich wieder mit ihm sprach. Dennoch würde ich ihm keine Antwort auf seine Frage geben. Wenn er eins wusste, dann, dass ich nachtragend war. Die Mörder meiner Eltern hatten dies auf ihre Weise zu spüren bekommen.
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