Mahlias Zorn

KurzgeschichteDrama, Freundschaft / P16 Slash
OC (Own Character)
11.01.2019
17.05.2019
15
20986
4
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Dieses Kapitel
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Vorwort


Hallo und herzlich willkommen zu meiner kleinen Kurzgeschichte!

Diese Geschichte setzt voraus, dass zwei weitere Wächter die Schlacht bei Ostagar überlebt haben. Die Geschichte spielt unmittelbar nach der Schlacht und es werden auch einige bekannte Figuren aus dem Spiel eine Rolle spielen. Unter anderem Flemeth, Isabela und Loghain.

Die Geschichte ist schon fertig geschrieben und die letzten Kapitel befinden sich noch in den Händen meiner Betaleserin. Wenn also nichts dazwischen kommt, wird wöchentlich (freitags) ein neues Kapitel erscheinen.

Betaleser für diese Geschichte sind:
lilithtochter und Schelmin

Das Cover zur FF: Cover

Über Feedback würde ich mich natürlich sehr freuen~

Liebe Grüße,
Riiru

Triggerwarnung: Suizid, Prostitution und Charaktertod

~ ~ ~


Prolog | Unfähig


Daniels Gesicht manifestierte sich vor meinem inneren Auge. Mit einem Ausdruck, der wie festgefroren wirkte, ließ er seinen Daumen über meine Lippen gleiten. Diese zärtliche Geste hätte ich meinem besten Freund und langjährigen Gefährten in dieser Situation nicht zugetraut. Statt zu lächeln, wie er es sonst getan hätte, lehnte er mit seiner Stirn an meiner und schluchzte herzzerreißend. Diese Geste verwirrte mich, da er überaus selten Gefühle wie diese nach außen trug und sehr um Beherrschung bemüht war.

In meinem Kopf hörten sich die Umgebungsgeräusche widernatürlich dumpf an, als würde man meinen Kopf unter Wasser halten. Für gewöhnlich lösten seine und andere Berührungen einen Schauer auf meiner Haut aus, weil ich es nicht mochte, angefasst zu werden, doch diesmal spürte ich nichts.

Ich fühlte nicht das geringste dabei, ihm zuzusehen, wie seine Hand über meine Haut strich. All meine Sinne – nicht nur das Hörvermögen - waren getrübt. Die Welt hatte an Farbe verloren, wirkte grau und eintönig.

Ich wollte meine Hand nach ihm ausstrecken, ihn anderweitig auf mich aufmerksam machen, wenn ich schon das Gefühl hatte, nicht sprechen zu können. Aber auch meine Extremitäten waren bleischwer. Ich versuchte, meine Arme zu bewegen und ihn zumindest fortzustoßen. Diese Nähe war unüblich. Ich wollte etwas Abstand zwischen uns bringen. Ihm mitteilen, dass es mir gut ging. Aber er war mir zu nah.

Es war, als wollte mein Körper mich verhöhnen, indem ich mit meinem Bewusstsein in diesem Käfig – meinem eigenen Körper - gefangen war. Und ich konnte diese Wut nicht unterdrücken, die sich bemerkbar machte.

Doch dadurch wurde mir auch klar, dass ich nicht Herrin meiner Sinne war. Ich schaute praktisch auf meinen am Waldboden liegenden leblosen Körper hinab. Natürlich hatte ich angenommen, darin zu stecken, schließlich war das der Blickwinkel, den ich mein ganzes Leben lang gewohnt war und die Sicht von hier oben, ließ alles noch seltsamer erscheinen. Ich kam mir so unvollständig vor, wie eine Marionette.

Und ich zog nicht die Fäden.

„Wird sie je wieder aufwachen?“, hörte ich schließlich Daniels Stimme, die vor Angst zitterte und mir den Eindruck vermittelte, etwas falsch gemacht zu haben. Was war geschehen, dass er schien, als würde er meinen Tod erwarten? Er starrte auf mich hinab, da ich ohnehin nur so wirkte, als würde ich schlafen. Dennoch hatte ich das Gefühl, dieser Anblick riss Daniel förmlich das Herz aus der Brust. Vielleicht, weil es mir ebenso ergangen wäre, wenn er in meiner Haut steckte?

„Natürlich wird sie das. Ihr Herz schlägt noch, ihr Atem ist ruhig. Ihr Geist ist zwar irgendwo in der Ferne, aber wenn er zurückkehrt, wird sie die Kontrolle über ihren Körper wiedererlangen und die Augen aufschlagen“, antwortete die alte Frau, die sich unweit von ihm befand und auf uns beide hinabsah.

„Was… was war in diesem Flakon, die Ihr ihr verabreicht habt?“, fragte Daniel schließlich. Ich bemerkte die grün glänzende Flüssigkeit auf meiner Lippe und war dennoch überrascht, dass ich sie nicht schmeckte. Dabei hatte ich davor als Kind immer furchtbare Angst gehabt, weil mir der bittere Geschmack noch lange danach auf der Zunge lag.

Es war seltsam unpersönlich, mich aus diesem Blickwinkel zu betrachten. Aber irgendwie auch so ungemein vertraut. Vor allem, weil Daniel, wie immer, die Fakten geklärt haben wollte. Bisher hatte mich diese Angewohnheit immer sehr aufgeregt, da sich Dinge dadurch verzögerten, so wie jetzt. Jedoch konnte ich es ihm nicht übelnehmen. Nicht in diesem Moment, wo er doch so verzweifelt war.

„Es ist ein Schmerzmittel“, sagte die alte Frau. „Wir wissen nicht, wie viel sie von alldem wirklich mitbekommt, aber Ihr wollt doch nicht, dass Eure Freundin leidet, oder?“ Die Dame war mir direkt sympathisch. Mich lange zu quälen hätte uns beiden nichts genützt. Vielleicht würde ich tatsächlich friedlich schlafend sterben. Denn ich glaubte, mich in einem todesähnlichen Zustand zu befinden. Anders konnte ich mir das nicht erklären. Für einen Traum wirkte es zu real.

Obwohl mich der Gedanke erschreckte, derart locker mit meinem Ableben umzugehen, hatte ich dennoch das Gefühl, der Nachwelt nicht ausschließlich Trauer zu hinterlassen. Daniel würde ohne mich mit dieser Situation fertig werden - er war stärker als ich.

Auch wenn ich das Gefühl hatte, seine Sorgen zerstreuen zu müssen oder ihn zumindest ansatzweise zu beruhigen, ließ ich mich dahintreiben. Daniel in einer Situation wie dieser zu belauschen erschien mir schamlos, aber ich hatte ohnehin keinen Einfluss darauf.

Irgendwie war es dennoch schön, geliebt und vermisst zu werden, einen Sinn im Leben gehabt zu haben.

„Du musst durchhalten, Mahlia. Die Wächter brauchen dich. Ich… brauche dich.“ Sein warmer Atem peitschte an meine Wange und gleichzeitig auch nicht. Es wirkte seltsam intim.

„Ihr habt keine Zeit, Euch zu sammeln, Junge! Wenn sie in den nächsten Stunden nicht aufwacht, müsst Ihr allein aufbrechen“, mahnte die Alte. Ich schluckte.

Würde ich das noch miterleben?

„Ich kann sie doch nicht hier zurücklassen!“ Die Worte verließen seinen Mund, ehe ihm bewusst wurde, was er vor sich hin brabbelte und ließen mich eine Wärme spüren, die ich nicht für möglich gehalten hätte. „Sie ist meine Freundin. Wir sind Graue Wächter. Wir müssen einen Gegenangriff planen.“

Also hatte er doch nicht den Verstand verloren. Er funkelte die Alte böse an und baute sich schützend vor mir auf. Meine Brust kribbelte taub dort, wo einst mein Herz seinen Ursprung gehabt hatte.

„Die Zeit reicht für Euer Vorhaben leider nicht aus. Wichtig ist, dass Ihr die Wildnis hinter Euch lasst und die anderen Wächter findet, damit Ihr euch verbünden könnt.“ Die Alte verschränkte die Arme vor der Brust. „Ihr habt eine Aufgabe, wisst ihr? Das Land einen, den Verräter zur Rechenschaft ziehen…“

„Andere Wächter? Also sind wir gar nicht allein?“, fragte Daniel hoffnungsfroh und ich lächelte zufrieden. Ich wurde gar nicht benötigt. Er schaffte es, aus seiner eigenen Kraft zu schöpfen, was sich gar wunderbar auf mich und mein Befinden auswirkte. Vielleicht war ich tatsächlich bereit zu gehen.

„Es gibt noch zwei weitere Graue Wächter, die diese Schlacht überlebt haben. Aber sie besitzen, anders als Ihr, keine langjährige Erfahrung. Sie sind Kinder, verglichen mit Eurer Zeit bei den Wächtern, dennoch sind sie noch heute Morgen aufgebrochen, die Verderbnis aufzuhalten.“

Ich spitzte die Ohren, versuchte, mit meinen Füßen den Boden zu berühren. Irgendwie klang es doch ganz interessant, was sie da sagte und ich war neugierig, wer das wohl überlebt haben sollte. Immerhin wusste ich, dass Loghain die Wächter verraten hatte; freiwillig würde er niemanden am Leben lassen, der seine gut vorbereitete Lüge auffliegen lassen konnte. Dabei war ich nur halb so traurig darüber, wie ich hätte sein sollen.

Trotzdem spürte ich Verzweiflung in mir aufwallen, was ich so recht nicht verstehen konnte. Ich hasste die Wächter, nur Daniel hielt mich bei ihnen. Jetzt, nachdem alle anderen, so wie ich, den Tod gefunden hatten, fühlte es sich beinahe danach an, als wollte mir der Erbauer bei meiner Rache behilflich sein. Wie könnte ich dieses Gefühl gegen ein anderes tauschen wollen?
„Ich kann das nicht, nicht allein“, sagte Daniel.

Mir wurde bewusst, dass ich seine Verzweiflung aufgenommen haben musste. Beim Erbauer, wie schändlich es war, derart beeinflussbar zu sein?

„Wenn Ihr weiterhin so verzweifelt seid, könnt Ihr sie vielleicht noch zurückbeordern“, murmelte die alte Frau und lächelte zufrieden, weil Daniel so ahnungslos war. Ich jedoch verstand sehr wohl, weil sie ihren Blick hob und mich betrachtete, als wäre ich gar nicht tot. Sie wusste zweifelsohne, dass ich anwesend war.

„Ich muss leben“, sagte ich, weil ich wusste, dass es anders nicht ginge.

Daniel war ein hoffnungsloser Fall. So sehr ich ihn auch liebte… er war mein Novize und ich seine Mentorin. Wenn ich schon nicht um meinetwillen überleben wollte, dann wenigstens um seinetwillen.

„Seid Ihr denn bereit, den Preis zu zahlen?“, fragte die Alte laut in die Runde und ich war mir sicher, dass sie mich genauso wie Daniel meinte. Aber im Gegensatz zu mir, die sich Zeit mit der Beantwortung dieser Frage ließ, antwortete Daniel unumwunden: „Natürlich!“
Zur großen Überraschung von uns beiden schien er sich sicher. Zum ersten Mal bereute ich, ihn nicht überreden zu können. Was auch immer diese Frau vorhatte, war garantiert nichts Anständiges.

Wenn jemand den Preis für mein Leben zahlen sollte, war ich die Einzige, die dazu fähig war. Nicht Daniel und auch niemand sonst. Außerdem war er so viel jünger als ich und seine Welt bunt, wo meine nur schwarz-weiß war. Es war eine Verschwendung, seine Möglichkeiten zu opfern, damit eine Verräterin wie ich leben konnte.

„Ja, ich will den Preis zahlen“, spie ich ihr entgegen, doch sie tat so, als gäbe es mich nicht, als wäre ich unsichtbar.

„Zu meinen Bedingungen wird Eure Freundin leben. Euer Eifer erfreut mein Herz, Daniel von den Grauen Wächtern. Ich verspreche, dass mein Vertrag mit Euch das Leben Eurer Freundin um ein Vielfaches verlängern wird. Sie wird auf diese Weise Liebe sowie einen neuen Sinn im Leben finden . Ihr werdet sie nicht wiedererkennen, das verspreche ich“, beschwor die Alte. Allein bei ihrer Wortwahl zitterte mein Körper unmerklich. Was auch immer sie vorhatte, es fühlte sich falsch an, ihren Worten so blauäugig zu vertrauen.

Doch ich konnte Daniel nicht davon abbringen, das unvermeidliche Wort zu sprechen.
„Einverstanden.“
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