December Dreams

von Reno VII
OneshotRomanze / P16
Cyclops / Scott Summers Storm / Ororo Munroe
09.01.2019
09.01.2019
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Hey ihr Lieben!
Es ist so weit... Ich wage mich in das X-Men-Fandom vor und habe dazu, einen etwas älteren Oneshot ausgegraben. Meine Fanfiktions der X-Men beziehen sich hauptsächlich auf die ersten Filme, aber auch zu den Neueren wird sicher noch das eine oder andere kommen.
Lange Rede kurzer Sinn:
Viel Spaß beim Lesen! :)

Disclaimer: Der Inhalt meiner Geschichte ist rein fiktiv, alle bekannten Charakter gehören nur ihren Schöpfern und nicht mir. Ich verdiene mit dem Schreiben meiner Geschichten kein Geld.


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December Dreams


--- Westchester County, New York – 2. Dezember 1986 ---


Immer wenn es eisig kalt wurde, dann träumte sie vom Sommer, von der Sonne und dem warmen Sand unter ihren Füßen, als sie noch weit weg von diesem Ort gelebt hatte. Sie träumte von der trockenen Wüstenluft, von dem feurigen Prickeln auf ihrer Haut, wenn sie zu lange in der Mittagssonne gelaufen war. Sie träumte davon, wie ihre damals schwarzen Haare sich erhitzten und dann…
Dann wurde sie wach und fror am ganzen Körper. Sie zog ihre Bettdecke über ihre Schulter, kauerte sich zusammen und versuchte nicht mit den Zähnen zu klappern. Dabei war es eigentlich noch gar nicht so kalt. Obwohl sie schon Dezember hatten, lag draußen noch kein Schnee. Niemandem war kalt, darum brannten auch noch keine Feuer im Kamin und niemand drehte die Heizkörper auf.
Vielleicht war sie doch nicht an den richtigen Ort gekommen. Vielleicht hätte sie in Afrika bleiben und unter einer immer warmen Sonne wandeln sollen. Aber dort hatte es keine Zukunft gegeben. Hier schon und hier war sie nicht ungewöhnlich oder sogar unnormal. Hier fürchteten sich die Menschen nicht vor ihr und niemand bezeichnete sie als Hexe oder falsche Göttin. Hier war alles anders, aber eben auch fremd. Selbst nach all der Zeit noch.

Ihre Finger waren ganz steifgefroren, sodass sie sie an ihre Lippen hob und sie mit ihrem Atem zu wärmen versuchte. Wie sollte sie nur wieder einschlafen, wenn ihr so entsetzlich kalt war? Sie hatte geglaubt, dass sie sich daran gewöhnen würde, wenn sie erst lange genug hier war. Es war bereits ihr vierter Winter in diesem Land, auf diesem Kontinent und sie bibberte immer noch. Nur erzählen mochte sie das keinem.
Charles wusste das natürlich. Als könnte irgendjemand seine Gedanken vor dem Professor verbergen. Manchmal war das beängstigend, aber es erleichterte auch manches. So hatte sie sich nicht dazu durchringen müssen, ihm umständlich von ihren Problemen zu berichten, sondern er hatte sie bereits gekannt. Er hatte ihr angeboten, nach einer Lösung für dieses Problem zu suchen, doch das hatte sie abgelehnt. Ihr eigener Stolz stand ihr wohl im Weg, denn sie ließ sich nicht besonders gerne helfen.
Möglicherweise lag das daran, dass sie es gewöhnt war, sich alleine durchzuschlagen. Ihre Eltern waren früh gestorben, ihre Geschwister hatte sie nach und nach aus den Augen verloren, bis sie irgendwann vollkommen alleine gewesen war. Freundschaften hatte sie nicht lange aufrechterhalten. Es kam irgendwann immer der Tag, an dem sie enttäuscht wurde. An dem sie verraten oder verlassen wurde, also war sie allein geblieben.

Damit sollte ich aufhören! Diese finsteren Gedanken helfen mir auch nicht dabei, nicht mehr zu erfrieren!‘ Sie schüttelte den Kopf, nachdem sie die Bettdecke zur Seite geworfen und sich auf die Bettkante gesetzt hatte. Es gab jemandem, zu dem sie noch gehen könnte, der ihr angeboten hatte, ihr immer zu helfen, es war nur…
Sie seufzte leise in der Dunkelheit auf. Wahrscheinlich würde sie etwas dagegen haben, wenn sie ihn mitten in der Nacht aufsuchte. Ob sie sich das nur einbildete? Oder war sie vielleicht wirklich… naja… verliebt in ihn? Zumindest kamen ihr diese Blicke irgendwoher bekannt vor, auch wenn es sich schwer sagen ließ, ob er sie auch so ansah. Wer wusste schon, wohin er überhaupt sah?
Das sind auch keine sonderlich hilfreichen Gedanken!‘, rief es in ihrem Kopf. Warum machte sie sich überhaupt Gedanken darüber? Wenn die Zwei zusammen sein wollten, dann konnten sie das tun. Das hier mochte eine Schule sein, aber soweit sie wusste verbot der Professor seinen Schülern solche Dinge nicht und außerdem waren sie erwachsen und…
Und trotzdem störte sie etwas an diesem Gedanken. Sie wollte sich einfach nicht vorstellen, dass zwischen den Beiden etwas laufen könnte, weil… weil… Weil ihr diese Vorstellung einen schmerzhaften Stich versetzte. Und das fühlte sich nicht richtig an. Schließlich war sie auch ihre Freundin. Sollte sie es ihr dann nicht auch gönnen?

‚Ich kenne die Antwort darauf…‘, ging es ihr durch den Kopf und sie verzog gequält das Gesicht. ‚Es tut so weh, weil ich dummes Schaf mich selbst in ihn verliebt habe.‘ Und es war schon schwer genug, sich das nur in Gedanken einzugestehen. Wie sollte sie es da jemals vor irgendjemandem zugeben? Sie verdrehte die Augen über sich. ‚Wunderbar! Ich benehme mich wie ein Teenager… Ich bin zwanzig, verdammt noch mal!
Sie warf sich zurück aufs Bett, vergrub das Gesicht tief im Kissen und dämmte ihre verzweifelten Laute darin, damit es außer ihr niemand hörte. Das war unfassbar peinlich. Allerdings musste sie auch feststellen, dass sie bei den Gedanken an ihn immer errötete und dann war zumindest ihr Gesicht warm. Nur leider fror der Rest immer noch…
Als sie ihren Frust rausgelassen und mit den Fäusten ein paarmal in ihr Kissen geschlagen hatte, versuchte sie ihren Atem wieder zu beruhigen. Es gab keinen Grund, in Panik auszubrechen. Es war alles in Ordnung. Niemand musste das erfahren, solange sie nicht bereit dazu war und überhaupt…
Sie war wegen ihrer Fähigkeiten hier. Für ein neues Leben. Sie sollte sich auf sich selbst konzentrieren, dann hatte sie mit diesen Dingen auch keinen Ärger. Das war zumindest der Plan, doch da sie – wie sie selbst festgestellt hatte – kein Teenager mehr war, war sie auch nicht naiv genug um zu glauben, dass das wirklich funktionieren würde. Sie wusste, dass sie noch öfter wegen solcher Gedanken wachliegen würde.

Und warm ist mir immer noch nicht!‘, dachte sie nun frustriert und drehte sich wieder auf die Seite. Wenn sie ihren Kopf nur dazu zwingen könnte, an gar nichts zu denken, während sie nun die Augen schloss und bewusst versuchte, sich irgendwie zu entspannen. Nicht, dass ihr das sonderlich gut gelang…
Und dann sprangen ihre Augen plötzlich wieder auf, als ihr ein Gedanke kam, der ihr Herz urplötzlich noch schneller schlagen ließ. ‚Was, wenn Charles auch davon weiß?‘ Würde er es respektieren, dass sie das lieber nicht erzählen wollte? Würde er mit ihr darüber reden wollen? Sie hoffte, dass ihm bewusst war, dass ihr diese Sache etwas unangenehm war und respektierte, dass das ihre Privatangelegenheit war. So schätzte sie ihn eigentlich auch ein, nur…
Sie hatte trotzdem ein bisschen Angst davor.



Mitten auf der Treppe blieb sie wie vom Donner gerührt stehen und hätte fast ihre Zettel fallen lassen. Dort unten stand sie. Jean Grey. Das wohl netteste Mädchen an der ganzen Schule. Sie war niemals unfreundlich, sie hatte ihr alles gezeigt, als sie hergekommen war. Sie war eine gute Freundin, hatte immer ein offenes Ohr für sie und lächelte viel, aber nicht zu viel. Alles in allem ein sehr angenehmer Mensch, den man gerne um sich hatte, wäre da nicht…
Sie biss sich auf die Lippe, während sie beobachtete, wie sie ihrem Freund – und sie war sich immer noch nicht sicher, wie genau sie das definieren sollte – beugte, ihm etwas zuflüsterte und er über ihre Worte lachen musste. Sie fühlte wieder diesen Stich und eine leichte Kälte, die nichts damit zu tun hatte, dass sie hier sowieso seit einem halben Monat ständig fror.
Anfangs hatte sie geglaubt, es würde daran liegen, dass sie sich noch ausgeschlossen fühlte, wenn die Anderen etwas ohne sie machten oder sie an ihren Gesprächen nicht teilhaben konnte, weil ihre Sprachfähigkeiten dafür noch nicht reichten. Und nun wurde ihr langsam bewusst, dass es Eifersucht war. Die Eifersucht auf eine Freundin, die das nicht verdient hatte. So konnte das nicht weitergehen, aber dafür müsste sie den Mund aufmachen und sagen, was los war und das konnte sie unmöglich.

Glücklicherweise hatten die Beiden sie nicht gesehen, also blieb sie einfach stehen, bis sie weitergingen. Wenn sie nur wüsste, was sie tun sollte. Es war nicht fair, Jean für etwas verantwortlich zu machen, von dem sie gar nichts wusste und sie war schon viel länger hier, kannte jeden… Vielleicht war es wirklich nur eine gute Freundschaft und es gab für sie keinen Grund, deswegen eifersüchtig zu sein, nur…
„Nur fürchtest du, zwei gute Freunde zu verlieren, wenn du ihnen die Wahrheit sagst“, sagte plötzlich eine vertraute Stimme und ließ sie herumfahren. Ihre langsamen und nachdenklichen Schritte, hatten sie längst die Treppe hinuntergeführt, doch hatten ihre Gedanken sie daran gehindert, sich umzusehen. Nun saß Charles in seinem Rollstuhl an ihrer Seite, lächelte sie gutmütig und verständnisvoll an und sie…
Sie fühlte sich ertappt und ein bisschen hilflos. Charles hatte recht. Es war zwar richtig, dass sie die Wahrheit sagen musste, aber sie fürchtete sich davor, Freunde zu verlieren. Weil sie Freunde immer verloren hatte. Weil sie immer eine Einzelgängerin gewesen war und weil… Weil sie befürchtete, dass sie inzwischen vollkommen vergessen hatte, wie man sich anderen Menschen gegenüber verhielt.

„Es ist nicht fair, einfach meine Gedanken zu lesen“, murmelte sie und konnte nicht verhindern, dass sie dabei ein bisschen beleidigt klang. Schließlich waren das keine Gedanken, die man gerne mit jemandem teilte, allerdings wusste sie auch, dass der Professor das nicht immer mit Absicht tat und sie schätzte es auch, dass er ihnen im Grunde nur helfen wollte.
Ein verlegenes Lachen seinerseits machte ihr das wieder deutlich. Dass er es nicht böse meinte, dass ihm alle seine Schüler am Herzen lagen und er sich einfach nur selbst Gedanken um alle machte. Gedanken, die er nicht so einfach mitteilen, wie er sie bei ihnen lesen konnte. „Du hast recht. Es tut mir leid.“ Einen Moment wirkte er selbst ein wenig aus dem Konzept gebracht. „Manche Gedanken sind schwerer zu überhören, als andere.“
Für eine Entschuldigung war das gar nicht mal so schlecht. Sie konnte sich denken, was er damit meinte. Ihre eigenen Fähigkeiten durfte sie auch nicht unterschätzen. Sie war nur froh, dass sie lange keinen Wirbelsturm mehr ausgelöst hatte, weil sie unglücklich war. Die Jahre hier hatten es ihr leichter gemacht, aber sie musste nach wie vor an sich arbeiten.

„Meinen Sie nicht, dass es Dinge gibt die man vielleicht lieber für sich behalten sollte?“, fragte sie also, denn ihr war klar, dass sie um das eigentliche Thema nicht herumkommen würde und es war besser, wenn sie sofort erfuhr, wie Charles über die ganze Sache dachte. Eigentlich war sie immer davon überzeugt, dass er ihr helfen konnte. Nur diesmal war sie sich nicht so sicher.
Charles ging einen Moment in sich, überlegte, bevor er ihr einen undefinierbaren Blick zuwarf und ihr antwortete: „Solche Dinge gibt es ganz bestimmt sogar. Aber ich denke nicht, dass Herzensangelegenheiten dazugehören.“ Und damit hatte er es deutlicher auf den Punkt gebracht, als es ihr lieb war. Eine Herzensangelegenheit also…
„Und was soll ich tun? Riskieren, Freunde zu verlieren, wo ich endlich welche gefunden habe?“ Sie ließ dabei völlig außer Acht, dass Charles nicht nur ihre Gedanken kannte, sondern auch die ihrer Freunde. An diese Option konnte sie einfach nicht denken. Das überstieg einfach alles, was sie sich in diesem Moment vorstellen konnte.
„Verlieren? Oh, ich glaube nicht, dass du etwas verlieren kannst. Nicht hier. Aber es ist nicht an mir, dir zu sagen, was dich erwartet. Es ist an dir, das selbst herauszufinden“, meinte der Professor und wartete keine Entgegnung ab. Er ließ sie mit seinen gesagten Worten unten an der Treppe stehen und fuhr weiter.

Es ist an mir, es selbst herauszufinden…‘, ging es ihr wieder und wieder durch den Kopf. So betrachtet würde sie in der Tat nichts herausfinden, wenn sie die ganze Zeit nur nachdachte und sich überlegte, was wohl passieren könnte. Ihre Gedanken und Befürchtungen konnten ihr das nicht sagen. Wahrscheinlich musste sie es tatsächlich wagen…
Sie wandte sich wieder in die Richtung um, in die sie ihre Freunde hatte davongehen sehen und dachte nach. Sie konnte es unmöglich beiden sagen. Vielleicht sollte sie das lieber einzeln tun. Doch wie konnte sie am besten anfangen? Was waren die richtigen Worte? Und wieder begann ihr Herz bis zum Hals hinauf zu schlagen vor lauter Aufregung.
Scheiße! Warum um alles in der Welt muss das auch so kompliziert sein?‘ Denn die große Frage lautete nun, mit wem sie zuerst reden sollte. Immerhin waren sie ihr Beide wichtig und… ‚Warum mache ich mir nur diesen Druck? Ich könnte auch einfach abwarten und dann, wenn sich eine Möglichkeit ergibt, dann bin ich einfach ganz spontan!
Leider musste sie feststellen, dass Spontanität – gefühlt zumindest – nicht zu ihren Stärken gehörte…



Bis zum Abend hatte sie es geschafft, Jean nicht mehr zu sehen. Sie musste sich wohl eingestehen, dass sie ihrer Freundin am Ende doch bewusst aus dem Weg gegangen war und hoffte, dass sie sich darüber nicht allzu sehr wunderte. Sie musste vorsichtig sein. Wenn Jean sich nur genügend anstrengte, dann konnte auch sie in ihren Kopf eindringen und die Wahrheit schneller herausfinden, als ihr lieb war. Darauf wollte sie es unter keinen Umständen ankommen lassen.
Sie hatte sich entgegen der Absicht, es einfach auf sich zukommen zu lassen, den halben Tag auf ihr Zimmer verzogen und in irgendwelchen Büchern geblättert. Was genau sie gelesen hatte, konnte sie nicht einmal mehr sagen und nun, wo es draußen schon wieder dunkel wurde, war ihr wieder kalt und sie konnte nicht schlafen.
Frustriert war sie mit einem Stapel Bücher wieder auf dem Weg nach unten. Zumindest hatten ihre verwirrten Gedanken es zugelassen, dass sie sich noch erinnerte, sie aus den hohen Regalen im Gemeinschaftsraum mitgenommen zu haben. Jetzt musste sie diese nur wieder richtig einsortieren und dann…

Sie war überrascht, als sie den Raum betrat. Nicht, weil er vollkommen leer war, denn es war spät und die meisten vermutlich schon im Bett. Es wunderte sie viel mehr, das kleine Feuer im Kamin brennen zu sehen. Das konnte nur bedeuten, dass Charles ihr mal wieder in den Kopf gesehen und erkannt hatte, dass sie letzte Nacht halb erfroren war.
Gegen das Lächeln auf ihren Lippen konnte sie nichts tun. Es war so ungewohnt, dass mal jemand an sie dachte und versuchte, es ihr ein bisschen angenehmer zu machen. Sie würde ihm später noch dafür danken, aber jetzt konnte sie sich diese Einladung unmöglich entgehen lassen.
Den Bücherstapel legte sie auf dem Tisch ab, setzte sich so dicht wie möglich an die Flammen und entschied, es mit dem Lesen noch einmal zu versuchen. Vielleicht würde ihr ja dann endlich mal ein bisschen warm werden. Und vielleicht würde sie sich auch auf den Inhalt konzentrieren können, wenn sie dabei nicht vor Kälte schlotterte.

Nur Minuten später fühlte sie sich schon wieder deutlich wohler. Kein Gedanke mehr an die klirrende Kälte, die in den nächsten Wochen gewiss noch schlimmer werden würde. Wobei ihr schon der Gedanke gekommen war, weshalb sie das Wetter nicht auch auf diese Weise beeinflussen konnte. Warum konnte sie nur Unwetter heraufbeschwören und keinen Sonnenschein?
Sie schmunzelte beiläufig, als ihr über diesen Gedanken wieder einfiel, dass Charles eben diesen einmal selbst aufgegriffen hatte. Es stimmte natürlich. Wenn sie das Wetter auf diese Weise kontrollierte, würde die globale Erwärmung, von der neuerdings immer die Rede war, noch deutlich schneller voranschreiten und die Polkappen wohl endgültig schmelzen.
Trotzdem war es ein verlockender Gedanke, sich das Wetter immer schön und sonnig machen zu können. Wenigstens in ihrem eigenen Kopf existierte eine kleine Welt, in der sie solche Dinge tun konnte. Solche und noch ganz andere und das war der Moment, in dem sie wieder aufschreckte und sich fast ertappt umblickte, obwohl sie immer noch alleine war.

Es war ja nicht so, dass ihr solche Bedürfnisse völlig fremd waren. Sie wusste durchaus, wie es sich anfühlte, wenn man verliebt war, wenn es jemanden gab, in dessen Nähe man immer sein wollte, der die Gedanken und fast alles andere beherrschte, nur… Irgendwie hatte sie trotzdem das Gefühl, als sei es das allererste Mal. So, als würde alles, was davor mal gewesen war, gar nicht mehr zählen.
Ob sich das wohl immer so anfühlte? Sie wusste es natürlich nicht. Aber Fakt war, dass es sie völlig durcheinanderbrachte und ihr das Vorhaben, sich hier endlich etwas abzulenken, erheblich erschwerte. Wieso mussten manche Dinge auch so unglaublich kompliziert sein? Und dann war hier sowieso alles so ganz anders und diese Sprache…
Vielleicht hätte sie schon viel eher mal ein ungezwungenes Gespräch beginnen können, wenn sie nicht ständig Angst hätte, über irgendwelche Kleinigkeiten zu stolpern. Sie sprach gewiss Englisch wie ein elfjähriges Schulmädchen. Ganz brav und anständig, aber der Jugendslang machte ihr Schwierigkeiten. Sie verstand oft nicht, was ihre gleichaltrigen Mitschüler und Studenten sagten und hatte Angst, sich fürchterlich zu blamieren.

Sie seufzte genervt, als sie das Buch aus der Hand legte und sie sich anschließend etwas am Feuer wärmte. Eigentlich war sie ein ziemlich cooler Teenager gewesen. Ja, ihre Freunde waren nicht vorzeigbar gewesen und wenn man sich alleine durchschlug, dann vergas man leicht ein paar einfache Verhaltensregeln, aber…
Immerhin hatte sie es geschafft. Sie hatte sich durchgeschlagen, sie war sie selbst gewesen. Das war mehr, als manch amerikanische Teenager von sich behaupten konnten. Sie hatte von ihren Mitschülerinnen erfahren, wie hart es hier an den High-Schools zugehen konnte, wie schnell man Dinge tat, die man nicht tun wollte, weil man den anderen Schülern gefallen wollte.
So einen Blödsinn hatte sie nie nötig gehabt. Sie war sie selbst gewesen und was hinderte sie eigentlich daran, es hier auch zu sein? Sie kannte hier niemanden länger als vier Jahre. Sie musste niemandem gefallen oder etwas beweisen. Sie musste doch einfach nur sie selbst sein, wieder nach ihren Gesetzen leben. Gut, sofern sie sich mit der Schulordnung vereinbaren ließen, selbstverständlich…

Schluss damit! Ab morgen bist du wieder Ororo und zwar nur Ororo und niemand sonst!‘, ermahnte sie sich in Gedanken selbst und hoffte, dass diese Strategie funktionieren würde. Sie richtete sich auf und beschloss, gut aufgewärmt in ihr Zimmer zu verschwinden. Vielleicht würde sie diese Nacht ja mal schlafen können und nicht kurz vor dem Erfrieren wach werden…
Sie achtete darauf, leise zu sein. Sie wollte niemanden aufwecken, schlich sich die Treppe hinauf. Auch, wenn Charles wohl damit rechnete, dass sie seine Geste bemerkt und sie auch genutzt hatte, wollte sie den anderen jungen Leuten hier ja keinen Anlass geben, sich nicht an die Ausgehregeln zu halten. Allerdings hatte sie dabei einen nicht so ganz auf dem Schirm, denn es gab unter ihnen durchaus solche, die diese Regeln längst umgingen.
Ihr Zimmer lag recht weit hinten am Gang. Sie achtete nicht so genau auf ihren Weg, denn sie kannte ihn. Sie wollte sich beeilen und sah dabei nicht, dass sie nicht alleine auf dem Flur war. Das ging ihr erst auf, als sie mit irgendjemanden zusammenstieß, den sie in der Dunkelheit vollkommen übersehen hatte.

„Verflucht, tut mir leid!“, rief sie halb aus, dämpfte aber noch mitten im Satz die Lautstärke ihrer Stimme, denn sie wollte ja niemanden aufwecken. Ihr Herz schien ihren Brustkorb auch so schon sprengen zu wollen, doch als ihr aufging, wem sie da über den Weg gelaufen war, wäre sie am liebsten sofort im Erdboden versunken.
„Nichts passiert.“ Zwei Worte, die vollkommen ausreichten, damit sie gewahr wurde, wen sie vor sich hatte. Scott Summers. Ausgerechnet. Ausgerechnet der, der sie schon die ganze Zeit so durcheinanderbrachte. Und wie hatte sie ihn überhaupt übersehen können? Er war es doch, der sogar in tiefster Nacht mit Sonnenbrille rumlaufen musste.
Jetzt überlegte sie krampfhaft, was sie zu ihm sagen sollte, ohne dabei wie eine Idiotin zu wirken. Es war erstaunlich, fast verstörend, wie wichtig ihr seine Meinung war. Sie hatte sonst nie großartig darüber nachgedacht, was andere Leute von ihr halten mochten. Aber sie wünschte sich, dass er etwas Gutes von ihr hielt.

„Gut… das ist gut…“, hörte sie sich sagen und hätte sich die Hand vor die Stirn schlagen können. So etwas Geistloses hatte sie ja noch nie von sich gegeben! Was war nur los mit ihr? Sie unterhielten sich doch nicht zum ersten Mal. Sie kannten sich schon eine Weile. Sie waren Freunde… Nur, dass sie eben gerne mehr als eine gute Freundin wäre und dass sie bis heute nicht vor sich selbst hatte eingestehen können, dass sie solche Gefühle überhaupt hatte.
In der Dunkelheit konnte sie nicht sehen, dass Scott die Stirn über ihre Antwort runzelte und vermutlich war das auch besser so, sonst hätte sie erstrecht im Erdboden versinken wollten. Stattdessen hörte sie seine Verwunderung bloß aus seiner Frage heraus. „Und du rennst mich um, weil…?“
Sie biss sich auf die Lippe, konnte nur mit einiger Verzögerung darauf antworten, was ihm bestimmt auch nicht verborgen blieb. Es war ihr unendlich peinlich und je mehr sie versuchte, sich wie immer zu verhalten, desto auffälliger schien sie zu werden. „Ich war unten und hab noch gelesen!“
Das platzte so aus ihr heraus, dass sie Scott dabei fast anschrie. Und dann noch so plötzlich. Jetzt musste er sie erstrecht für völlig durchgedreht halten. Sie hörte ihn leise lachen und hätte sich zu gerne einfach in Luft aufgelöst. Hoffentlich lachte er sie nicht aus… Er war ihr wichtig, nur wie sollte sie ihm das jetzt sagen? Sie wollte eigentlich so vieles sagen, wusste aber nicht so richtig, wie sie das anstellen sollte.

Die Kälte fuhr wieder in ihren Körper und sie schlang die Arme um sich selbst, während sie angestrengt nachdachte, wie sie dieses peinliche Gespräch noch verbessern könnte. Dabei kaute sie beschämt auf ihrer Unterlippe herum. Dass sie draußen einen leichten Regenschauer auslöste, bemerkte sie gar nicht.
„Und du... ich meine… Wo kommst du denn so plötzlich her?“, versuchte sie nun ruhig und locker zu fragen, obwohl ihr nicht danach zumute war und in ihr alles verrückt zu spielen schien. Zumindest war ihr aufgefallen, dass Scott seine Lederjacke trug, also war er bestimmt heimlich unterwegs gewesen. Und im Augenblick fühlte sie sich wohler, wenn er redete und sie ihm nur zuhören brauchte.
Inzwischen hatten ihre Augen sich besser an die Dunkelheit gewöhnt. Sie konnte sehen, wie Scott eine Hand in den Nacken legte, etwas verlegen wurde und wusste natürlich sofort Bescheid. „Du verrätst mich doch nicht, oder?“ Sie konnte gar nicht verhindern, dass sie lächelte, als er das so fragte und schüttelte sofort den Kopf. Das würde sie niemals machen.
Und so erfuhr sie, dass er Kurt und Pietro mal wieder überredet hatte, einen nächtlichen „Ausflug“ zu machen. Schließlich waren sie hier so abgeschieden und langweilten sich eben schnell. Außerdem waren sie volljährig und da sollte Charles ruhig mal ein Auge zudrücken. War zumindest die Ansicht der drei Jungs.

Und sie war ebenfalls ihrer Meinung. Wieso sollten sie sich immer nur verstecken und sie traute ihren Freunden durchaus zu, dass sie sich soweit zurückhalten konnten, dass niemand ihre Fähigkeiten bemerkte, wobei… Bei Pietro war sie sich da ehrlicherweise nicht ganz so sicher. Trotzdem ließ es sie schmunzeln. Sie wäre gerne mitgekommen und…
„Frierst du immer noch?“, riss Scott sie plötzlich aus ihren Gedanken und sie konnte ihn einen Moment nur fragend anstarren. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass ihm das auffallen würde. Warum auch? Sie glaubte eher weniger, dass Jungs überhaupt in der Lage waren, auf so unwichtige Dinge zu achten.
„Was? Nein, Unsinn, ich friere doch nicht“, gab sie zurück, wobei da gewiss wieder der Stolz aus ihr sprach, der stets zu verhindern wusste, dass sie sich von anderen helfen ließ. Dabei war es eigentlich nett von Scott, dass er sie danach fragte. Vielleicht sollte sie aufhören, solche offensichtlichen Dinge abzustreiten.

Sie konnte nicht genau erkennen, dass er eine Augenbraue hochhob, sonst hätte sie gleich gewusst, dass er ihr kein Wort glaubte. Und sie hätte feststellen können, dass Scotts Worte meist netter als die Reaktion seines Gesichts war. „Dann zitterst du hoffentlich nicht, weil dir irgendetwas Angst macht oder… irgendjemand.“
Jetzt bekam sie schon einen kleinen Schreck, denn in seinem Unterton erkannte sie etwas, das ihr sehr bekannt war. Die Angst vor den eigenen Fähigkeiten und davor, wie andere Menschen darauf reagierten, wenn man sie ihnen offenbarte. Wahrscheinlich war es ihnen allen einmal so gegangen und das bewies ihr, dass Charles Projekt eine wirklich gute Sache war.
Es war mehr ein Reflex, als eine bewusste Entscheidung, als sie nach Scotts Hand griff, die überraschend warm war. Eigentlich hatte sie ihm sagen wollen, dass sie ihn verstand und dass sie gewiss keine Angst vor ihm hatte, doch diese überraschende Nähe ließ sie etwas ganz Anderes fragen. „Wie machst du das?“
„Wie mache ich was?“ Er konnte ihr natürlich nicht so ganz folgen. Schließlich konnte er den Leuten nicht in den Kopf gucken und darüber war sie gerade auch ziemlich froh. Dann wüsste er nämlich längst, was Sache war und dann würde sie ganz bestimmt noch viel mehr stottern, als sie es gefühlt ohnehin schon tat.

„Deine Hände…“, versuchte sie wieder mit einiger Verzögerung zu erklären. Sie musste in Scotts Gegenwart dringend an ihrer Reaktionszeit arbeiten, sonst würde er sie noch für langsam im Kopf halten. „Sie sind ganz warm.“ Wohingegen ihre eisig kalt waren. Dabei hatten sie immer noch zwölf Grad da draußen.
Dann bemerkte sie, dass sie seine Hände einen entscheidenden Moment zulange hielt und wollte sie wegziehen, doch ließ er sie nicht los. Sie sah ihn an, konnte aber nur unscharfe Konturen erkennen. Ob er über ihre Worte nachdachte? Ob er sie seltsam fand? Sie war verunsichert und spürte, wie ihr Puls in ungeahnte Höhen schoss.
„Es fällt dir schwer, dich an das Klima hier zu gewöhnen, oder?“, fragte er schließlich nach und sie war einen Moment versucht, wieder den Kopf zu schütteln und alles herunterzuspielen. Aber seine Frage war ernstgemeint. Er wollte es wissen und es wäre nicht fair, ihm falsche Antworten zu geben.
„Ja. Es kommt mir hier ganz schön kalt vor“, räumte sie also widerwillig ein und stellte fest, dass es gar nicht so schlimm war, sich das einzugestehen, wie sie angenommen hatte. Vielleicht war sie doch nicht so locker und entspannt, wie sie das immer von sich selbst gedacht hatte.

Einen Moment standen sie sich schweigend gegenüber, ohne ihre Hände zu lösen, bis sie bemerkte, dass sich Scotts Finger leicht bewegten. Sie wollte ihn am liebsten auch nicht loslassen, aber wenn er und Jean… Aber hätte er dann nicht etwas gesagt? Oder schätzte sie ihn falsch ein? Oder ihre Freundin? Ihre Unsicherheit ließ sie noch mehr zittern.
„Denkst du… wir sollten etwas dagegen tun?“ Das kurze Zögern verriet auch seine Unsicherheit. Sie fragte sich, was es war, das ihn unsicher werden ließ. Sie wusste, welche Antwort sie sich wünschte, aber war das auch die Wahrheit? Das erschien ihr alles so kompliziert und plötzlich doch ganz einfach, als sie entschied, darüber nicht länger nachzudenken.
Ob es wohl sehr billig klang, wenn… „Vielleicht… könntest du mir ein wenig helfen, mich wieder aufzuwärmen.“ Eigentlich wollte sie sich für so eine Aussage am liebsten die Hand vor die Stirn schlagen, wie sie es in letzter Zeit erstaunlich oft tun wollte. Das klang total bescheuert, aber scheinbar störte Scott das nicht sonderlich.
Ansatzweise konnte sie sogar das leichte Schmunzeln erkennen, das jetzt an seinen Mundwinkeln zog. „Das könnte ich bestimmt.“ Und es klang gar nicht mal so anzüglich, wie sie es vielleicht vermutet hätte. Oder waren es ihre seltsamen Gefühle, die sie dafür ein wenig blind machten?

Sie entschied, auch darüber nicht großartig nachzudenken. Stattdessen hielt sie sich lieber an seiner warmen Hand fest, als sie sein Zimmer betraten. Sie war noch nie hier gewesen und im Dunkeln konnte sie auch nichts erkennen. Das wollte sie gerade auch gar nicht. Ihre Gedanken waren damit beschäftigt zu realisieren, was gerade passierte.
Sie war fast erleichtert, als die Tür hinter ihnen geschlossen war und sie nicht mehr Gefahr liefen, von jemandem überrascht zu werden. Sie wusste in diesem Moment genau, was sie wollte, sie wusste nur nicht, ob sie das hinbekommen würde. Schließlich gab es da immer noch ein ungutes Gefühl, bezüglich ihrer Bedenken Jean gegenüber.
Vielleicht sollte sie das vorher ansprechen. Vielleicht sollte sie sich erst Klarheit verschaffen bevor sie… Zu spät. Sie hatte gar nicht bemerkt, dass sie sich dichter an ihn gedrängt hatte. Sie wusste nicht, wann er die Arme um sie gelegt hatte und wann sie sich dazu entschieden hatten, sich zu küssen. Sie wusste nur, dass sie damit viel zu lange gewartet hatte.
Warum hatte sie es sich immer so schwergemacht? Warum hatte sie so viele Bedenken gehabt? Und wie hatte sie übersehen können, dass er sowas auch im Sinn hatte oder… Oder spielte er nur mit ihr? Nein, das glaubte sie nicht. Seine Berührungen sagten eindeutig etwas Anderes. Dennoch blieb eine leise Furcht…

Eine Furcht, die sie ignorierte, die sie bei Seite wischte, als sie ihre kalten Finger unter weichen Stoff und auf warme Haut schob. Ein kleines Schmunzeln legte sich auf ihre Lippen, als er doch etwas zusammenzuckte, weil er darauf nicht vorbereitet und es eben doch ziemlich kalt war. Vielleicht hätte sie ihn doch vorwarnen sollen.
Doch ihre Hände wurden tatsächlich schnell warm, als Scott ihr das Gefühl gab, ihr Blut in Brand zu stecken. Die Gewissensbisse waren vergessen, dass ihr unendlich kalt war, war vergessen und dass sie sich vor diesen Gefühlen gefürchtet hatte, vergas sie ebenfalls, als sie weich auf dem Rücken landete und warmer Atem ihre kalte Haut streifte.
Ihre Finger vergruben sich in weichem Haar und warmer Haut, ihre Gedanken wirbelten so schnell, dass sie nicht mehr zu erfassen waren und ihr Puls raste an einen Punkt, der ihr unbekannt war. Sie schloss die Augen und ließ sich in diesen Augenblick fallen, wie sie es längst hatte tun wollen.
Sie wusste nicht, was das bedeutete, wohin das führen würde. Sie wusste nicht, ob es richtig oder falsch war, das hier zu tun. Sie wusste nicht, ob sie das vielleicht irgendwann – vielleicht sogar schon morgen – bereuen würde. Sie wusste nicht das Geringste und erstaunlicherweise war es ihr auch vollkommen gleich, solange sie diesen Augenblick hatte.



Kurze Zeit später lag sie auf der Seite und versuchte, ihr immer noch pochendes Herz zu beruhigen und zu erfassen, was geschehen war. Fakt war, dass es die beste Nacht ihres Lebens gewesen sein musste. Fakt war, dass ihr selten so warm gewesen war. Fakt war aber auch, dass sie immer noch Jean in ihrem Kopf hatte.
Sie war ihre Freundin. Wenn sie etwas für Scott empfand, dann hätte sie das nicht tun dürfen. Aber sie hatte es getan. Sie hatte es gewollt und sie würde es ganz sicher wieder wollen. Diese Nacht hatte ihr ihre Gefühle nur noch deutlicher gemacht. Was also sollte sie tun? Sie wollte ihre Freundschaft zu Jean nicht aufs Spiel setzen, aber…

In diesem Moment legte sich ein Arm vorsichtig um sie, zog sie etwas dichter und sie spürte, dass ihr wieder kalt geworden war, ohne es vorher zu bemerken. Sie schloss einen Moment die Augen, griff nach seiner Hand und verschränkte ihre Finger miteinander. Hier würde ihr nicht kalt werden, nur…
„Kann ich dich etwas fragen?“ Sie musste das jetzt klären, sonst würde sie nicht ruhig schlafen können. Das konnte sie zwar auch nicht, wenn sie etwas erfuhr, was ihr nicht gefiel, aber dann hatte sie wenigstens Gewissheit. Sie wusste ganz genau, was sie wollte und sie musste einfach wissen, ob sie es auch bekommen konnte.
„Sicher“, murmelte Scott an ihrer Schulter. Er klang müde und trotzdem bereit dazu, ihr zu antworten. Wenigstens hatte sie das Gefühl. Die leichten Bewegungen seiner Finger signalisierten ihr, dass er wirklich wach war. Es kostete sie Überwindung, diese Frage an ihn zu richten, aber jetzt war es schwierig, noch einen Rückzieher zu machen, also…

„Du und Jean… Ich meine… Seid ihr…?“ Sie geriet ins Stocken, denn das war doch ein bisschen schwerer, als sie gedacht hatte. Sie biss sich fest auf die Lippe, als sie wieder dieses unangenehme Stechen in der Brust spürte. Sie wollte niemandem wehtun, niemanden verletzen, aber sie wollte auch ihn…
„Nein“, hörte sie ihn dann leise sagen und runzelte die Stirn, fürchtete schon, dass das alles war, doch er fuhr kurz darauf fort. „Wenn du wissen willst, ob wir zusammen sind, lautet die Antwort nein.“ Auf seltsame Weise überraschte sie das jetzt. Sie war sich eigentlich recht sicher gewesen, dass es da Gefühle gab. Zumindest Jean wirkte so, oder hatte Scott das einfach vollkommen übersehen.
Sie zögerte einen Moment. Sie wollte Jean auch nicht verraten oder etwas in der Art. Dennoch wollte sie Klarheit. „Bist du dir sicher? Ich meine, so wie sie dich ansieht, habe ich gedacht, dass da mehr sein müsste.“ Sie kam sich etwas dumm vor, aber da kam sie wohl nicht drum herum, wenn sie das geklärt haben wollte.
„Jean ist mir… eher eine Schwester. Ich könnte nie etwas mit ihr anfangen“, versicherte er ihr und das beruhigte sie für den Moment, sodass sie sich gegen ihn sinken ließ und irgendwann wieder die Augen schloss. Das war nur Scotts Sicht der Dinge… Aber wie stand es mit Jean? Sie war sich noch nicht ganz sicher…



Sicherheit verschaffte ihr dann erst ein Gespräch mit ihrer Freundin. Wieder hatte sie lange gezögert, sich aber schließlich doch noch überwunden, Jean von ihrer Nacht mit Scott zu erzählen. Sie hatte sich darauf gefasst gemacht, dass die Ältere traurig, enttäuscht oder wütend reagieren würde.
Doch Jean hatte gelächelt, sie in die Arme geschlossen und ihnen viel Glück gewünscht. Auch nach Wochen hatte sie keine Anzeichen dafür gefunden, dass ihre Freundin eifersüchtig oder etwas in der Art war. Erst, als sie das so nach und nach realisieren konnte, war sie wirklich beruhigt.
Jetzt musste sie nicht mehr von warmen Sonnenstrahlen und heißem Wüstenstand träumen, wenn es vor ihrem Fenster schneite und stürmte. Jetzt hatte sie Scott, bei dem ihr niemals kalt werden würde. Es war, als wären diese Träume endlich Wirklichkeit geworden, nur dass diese Wirklichkeit viel besser war, als es ihre Träume gezeigt hatten.
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