Erinnerung und Schuld und Lüge

von Thainwyn
OneshotMystery, Übernatürlich / P12
09.01.2019
09.01.2019
1
1800
1
Alle Kapitel
1 Review
Dieses Kapitel
1 Review
 
 Datenschutzinfo
 
 
 
A/N: Dies hier ist mein dritter Beitrag zur Challenge 1 Beginn, 1 Ende, 1 Wort von Liz Tonks.
Meine Nummer war die Nummer 179, langsam. Dies hier ist zudem eine direkte Fortsetzung zu dem OS Weiß und Gold und Grau und dem OS Feuer und Klauen und Blut.
Vielen lieben Dank an Súlime für die Hilfe bei der Recherche und den Namen! *-*
Ort und Zeit: Wie letztes Mal – klassisch viktorianisches London/Siebenbürgen, wobei es mittlerweile wohl mehr auf Siebenbürgen hinausläuft.





Erinnerung und Schuld und Lüge





Es ist merkwürdig, wie es Erinnerungen an sich haben, langsam zu verschwinden. Mit der Zeit werden sie undeutlicher, sodass man sich fragt, ob all das wirklich passiert oder nur ein Traum gewesen ist. Und manchmal braucht es noch nicht einmal Jahre – manchmal braucht es nur Stunden, bis dieser Zustand erreicht ist.
Manchmal Minuten.

„Ich erinnere mich nicht, Mael“, knurre ich und zucke zusammen, als mir einfällt, weshalb ich im Moment nicht die Arme vor der Brust verschränken kann. Die Wunden, die die scharfen Krallen des Monsters mit dem ironischen Namen Schuld gerissen haben, schmerzen noch immer.
Ich versuche, soweit es geht, aus dem rechten Mundwinkel zu sprechen, denn meine linke Gesichtshälfte ist von weißen Verbänden bedeckt. Mr. Cassius mag zwar gesagt haben, dass mein Auge nicht verloren ist, doch es ändert nichts daran, dass mein Blickfeld eingeschränkt ist dank des dicken Verbandes. Meine Wange pocht und zieht. Und das Sprechen schmerzt; wobei ich nicht ganz ohne Absicht nuschele.
Mael schnaubt und zieht die Schultern hoch.
„Zauberer verschwinden nicht einfach so“, sagt er, und seine dunklen Augen durchbohren mich. „Vor Allem nicht einer, der sich ein Monster als Schoßtier hält und es dazu benutzt, uns anzugreifen. Vor Allem nicht jemand wie er.“ Er hält inne, runzelt die Stirn. „Du bist dir sicher, dass es Vladislaw war? Du hast viel Blut verloren, und so etwas veranlasst den Kopf häufig dazu, einem Dinge vorzu -“
„Seine Stimme“, antworte ich gepresst, und Mael schweigt. Tatsächlich ist das ein deutlicher Beweis, und ich bin froh, dass der Bader im Moment nicht mehr im Raum ist. Wer weiß, was für Kunden er noch hat, und was er an diese weitergeben könnte? Mich ein wenig unwohl bei dem Gedanken fühlend, verlagere ich mein Gewicht auf der hölzernen Pritsche, auf der ich sitze.
Mael jedoch tut mir nicht den Gefallen und schweigt lange, sondern stellt dann auch noch die Frage, der ich versucht habe, auszuweichen.
„Doch du sagtest, er sei fort, und das Biest mit ihm. Du bist dir sicher, dass du nichts gesehen hast?“
Ich versuche, seinem Blick standzuhalten, den Meinen fest wirken zu lassen, als ich leicht den Kopf schüttele.
„Ich erinnere mich nicht“, antworte ich, und es ist schließlich nicht so, als wenn dies nicht auch die halbe Wahrheit wäre, wenn nicht sogar drei Viertel.
Etwas Silbernes blitzt in meinem Blickfeld auf, etwas Weißes rauscht vorüber, etwas Gold.
Ich weiß schließlich nicht, was genau dies gewesen ist. Und wie Mael mir ja auch sagte: Ich habe viel Blut verloren. Es kann gut sein, dass ich mir das eingebildet habe.
Mael wendet sich ab, geht zur Tür, schaut hinaus. Ich höre, wie er gedämpft einige Worte mit Géza wechselt, einem Kollegen, der uns hierher begleitet hat. Um genauer zu sein, haben sie beide mich halb tragen müssen, da der Blutverlust doch seine Spuren bei mir hinterlassen hat – ich bin den gesamten Weg über nur halb bei Bewusstsein gewesen, in den Armen der beiden Männer hängend.
Ich nutze die Gelegenheit, mich ein wenig genauer umzuschauen. Der Raum ist mit dunklem Holz getäfelt, wie der gesamte zweite Stock des Badehauses, in dem wir uns befinden. Er ist recht klein, mit einem Fenster, vor das jedoch nun der Schicklichkeit wegen die schweren Vorhänge gezogen worden sind. Eine Kerze brennt auf einem kleinen Tisch an der Wand mir gegenüber, und die letzten Instrumente des Mr. Cassius glänzen in ihrem Schein. Die Schüssel mit dem blutigen Wasser hat er mit hinaus genommen.
Über dem Tisch hängt eine kleine Ikone der Zwillingsbrüder Kosmas und Damien, den Schutzpatronen der Bader.
Ich merke auf, als ich höre, dass sich die Tür schließt und schaue dorthin, halb erwartend, dass Mael hinausgegangen ist.
Dies ist nicht der Fall.

Mael steht mit dem Rücken gegen die geschlossene Tür gelehnt, eine Hand noch auf der Klinke. Er holt tief Luft, stößt sie in einem Seufzen wieder aus, während er zu Boden starrt.
Ich runzele leicht die Stirn. Er wirkt müde, als wenn ihn das Gewicht der Gewissheit, dass der Zauberer wieder in der Stadt ist, zu Boden zu drücken versucht. Und ich kann es ihm nicht verübeln.
Mael hat im Laufe unserer gemeinsamen Jahre mehrmals Andeutungen gemacht, dass er Vladislaw besser kennt, als er möchte. Er hegt einen besonderen Groll auf den Zauberer, doch nie hat er näher darüber gesprochen, und niemand hat ihn dazu gedrängt.
„Wir haben den Tatort untersucht“, sagt mein Kollege unvermittelt. Er hebt den Kopf und sieht mich an, und in seinem Blick liegt alles Andere als Müdigkeit. „Traian kam vor nicht allzu langer Zeit vorbei und berichtete. Die Hunde haben Vladislaws Spur verloren, doch das Biest haben sie gerochen – kein Wunder, da du es ja angezündet hast.“ Er lacht kurz leise, wird dann wieder ernst. „Einige der Männer folgen jetzt schon seiner Spur. Und die Hunde haben einen oder mehrere Vampire gerochen, die sich in der Nähe aufgehalten haben.“
Mir wird schlagartig kalt, nur verstärkt von dem beiläufigen Klang von Maels Stimme. Er hat während der ganzen Zeit nicht den Blick von meinem Gesicht gewendet; sicherlich hat er mein Entsetzen gesehen.
Ich kann nicht sprechen, meine Lunge hat sich zusammengezogen, als wenn Schulds Klauen sich um sie geschlossen hätten und zudrücken.
„Deshalb fragte ich, ob du etwas gesehen hast, und dein Gesichtsausdruck sagt deutlich, dass dem so ist und du mich belogen hast.“ Er verzieht das Gesicht. „War es Loe? Sagst du deshalb nichts?“
Ich schweige, während mein Herz hart gegen meine geschundenen Rippen klopft. Es ist die Wahrheit, als ich sagte, dass ich nichts genaues gesehen habe, dass ich mich nicht erinnere. Ich kann mir nicht sicher sein.
Vielleicht ist das Aufblitzen von Gold nur dem Blutverlust geschuldet gewesen, eine Einbildung, eine Illusion. Wunschdenken.
Maels Blick ist unbarmherzig. „Du weißt, dass es keine Heilung für Vampirismus gibt. Und selbst wenn, besteht immer noch die Frage, ob sie überhaupt geheilt werden wollen würde. Sie geht gegen uns vor; es kann gut sein, dass der Zauberer sie zu sich genommen hat und sie unter seinem Befehl steht. Wir wissen zudem nicht, ob sie beide nicht auch etwas mit dem Politiker zu tun haben. Wir wissen nicht, wer sie zum Vampir wandelte, und ob dieser jemand eine größere Gefahr darstellt; wir wissen insgesamt nur verflucht wenig, was diesen Fall angeht. Sicher ist nur, dass sie nun gegen uns ist.“ Er zuckt mit den Schultern. „Doch wem sage ich das? Du hast sie schließlich letztlich umgebracht.“
Ich zucke zusammen, stöhne gleich darauf vor Schmerz auf. Die Hand auf meine Seite gepresst, blinzele ich zu ihm.
„Verdammt, ich erinnere mich nicht, Mael!“ würge ich hervor. „Wenn ich dies täte, würde ich doch -“
„Dann sage mir, was du gesehen hast. Das Letzte, das du gesehen und gehört hast, ehe du das Bewusstsein verlorst.“
Für einen Moment schließe ich die Augen, hole so tief Luft, wie meine schmerzende Seite es zulässt.
„Ich habe nur Schulds Geheul gehört, während es brannte“, sage ich leise. „Etwas hat mich am Kopf getroffen, und dann flog da nur etwas… etwas Silbernes, oder vielleicht Metall, vorüber.“ Ich zögere kurz, sehe dann jedoch ein, dass Mael mir nicht glauben wird, sollte ich die Einzelheiten auslassen. „Etwas Weißes war dort, etwas Goldenes. Das war das Letzte, was ich gesehen habe.“
Stille folgt auf meine Worte, die den kleinen Raum ausfüllt.
Schließlich lässt Mael ein tiefes Seufzen hören.
„Das ist wahrlich nicht viel“, bemerkt er trocken. „Gut, dann sei dem so. Ich werde mich selbst noch einmal zu der Straße begeben, nachsehen, ob den anderen etwas entgangen ist. Géza wird vor deiner Tür bleiben; sage ihm Bescheid, wenn Mr. Cassius erlaubt, dich nach Hause zu schicken, er wird dich bringen lassen.“
Als ich die Augen öffne, hat er sich schon bereits zur Tür gedreht.
„Danke, Mael.“
Mein Kollege hebt nur die Hand zum Zeichen, dass er gehört hat, was ich sagte; nimmt seinen Hut und geht. Ehe sich die Tür hinter ihm schließt, bilde ich mir fast ein, ein leises „verdammte Vampire“ von ihm zu hören.
Ich lasse mich langsam wieder rücklings auf die harte Pritsche sinken und warte darauf, dass mein Zittern nachlässt.


ENDE
Review schreiben