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Der goldene Käfig

von Nessaa
GeschichteAngst, Familie / P16 / Het
Alphard Black Cygnus Black Orion Black Regulus Arcturus Black Sirius "Tatze" Black Walburga Black
08.01.2019
09.03.2019
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08.01.2019 3.376
 
Okay, ich grinse über jeden, der diese FF tatsächlich angeklickt hat und noch mehr freut es mich, falls jemand sich die FF und damit diesen Charakter tatsächlich antut! Hi erst mal! :)

Diese FF ist ein kurzes Projekt über Walburga Black aka Sirius’ Mutter. Ja, ich meine diese brüllende Dame im Porträt, deren Dialog zu 90% aus »Dreck! Abschaum! Scheusal!« besteht, und die es – wahrscheinlich zum Wohle von uns allen – nie in den 5. Film geschafft hat. :D Ich habe ihr eine 5-teilige Lebensgeschichte angedichtet, die aus mehr besteht als gehässigen Ausrufen. Um genau zu sein, kommen die erstaunlich wenig vor – eine Warnung wegen Schimpfwörtern ist daher, denke ich, nicht nötig.

Wo wir aber bei Warnungen sind, möchte ich darauf hinweisen, dass diese FF Themen wie Kindesmisshandlung sowie den übermäßigen Konsum von Zaubertränken anspricht. Beides wird nicht ausführlich beschrieben und liegt auch nicht im Fokus, aber es ist mir trotzdem wichtig, dass man als Leser vorgewarnt ist, falls man solche Themen – aus welchem Grund auch immer – nicht lesen möchte.

Allen, die jetzt noch geblieben sind, wünsche ich viel Spaß beim Lesen. :)
Und weil ich weiß, dass Sirius’ Familie einen echt verwirren kann (da heiraten Cousins!), verlinke ich euch am besten noch den Stammbaum der Blacks. Die Verwandtschaftsverhältnisse werden aber auch in der FF erklärt.

Ganz liebe Grüße
Nessa

PS: Auch wenn es vielleicht überflüßig ist, dies extra anzumerken, möchte ich trotzdem darauf hinweisen, dass Walburgas Ansichten nicht meinen eigenen entsprechen, und ich mich an dieser Stelle auch von ihrer Weltanschauung distanziere.

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D E R   G O L D E N E   K Ä F I G



Kapitel 1: Verloren


Seit sie denken konnte, war das Haus am Grimmauldplatz Nummer 12 ihr Zuhause.
Wenn Walburga sich später an die Tage erinnerte, die sie nicht zwischen den hohen Wänden, die mit Tapeten überzogen und mit Porträts und Teppichen verhangen waren, verbracht hatte, kam ihr kaum einer in dem Sinn, an dem sie glücklich gewesen war. Irgendwie hatte sie immer zu diesem Haus gehört, wie dieses Haus zu ihrer Familie gehörte. Ihre glücklichsten Erinnerungen hatten alle in diesem Haus stattgefunden und ihre schrecklichsten alle außerhalb.
Es war simpel; sie hatte schon früh gelernt, dass es besser war, das noble Haus der Blacks gar nicht erst zu verlassen.  

Walburga war bereits neun Jahre alt, bis ihr das erste Mal bewusst wurde, dass es ein Leben außerhalb der großen Fenster mit den schweren, dunklen Vorhängen gab.
Aufgewachsen unter den Augen von Eltern, die viel zu jung waren, um ihre elterliche Rolle zu verstehen, aber leider bereits alt genug, um sie innezuhaben, blieben ihr und ihrem jüngeren Bruder Alphard* nie viele Freiheiten. Und auch wenn sie ab und zu einen Blick aus dem Fenster wagte, ohne deswegen ermahnt zu werden, bekam sie in ihrer Kindheit nie die Erlaubnis, das Haus alleine zu verlassen. Sie kannte nichts anderes.
Die heißen Sommertage, an denen andere Kinder draußen spielten, wurden zwischen dicken Büchern und gespitzten Federn verbracht. Weil ihre Eltern so jung Kinder bekommen hatten, kümmerte sich ihr Großvater Cygnus größtenteils um die Erziehung und Bildung von Alphard und ihr. Aber obwohl Cygnus Blacks Unterricht meist nur daraus bestand, Alphard anzuherrschen, der mit der linken Hand die ganze Tinte auf dem kostbaren Pergament verschmierte, und Walburga Bücher in einem Englisch vorzusetzen, das sie auch Jahrzehnte später nicht verstehen würde, wünschte sich Walburga hin und wieder, dass sie die jüngere Schwester und nicht das älteste Kind ihres Vaters gewesen wäre. Gelegentlich vergaß sie sogar, dass ihre Eltern eigentlich Pollux und Irma hießen.
Ihre Großeltern lebten noch bei ihnen, bis Walburga eingeschult wurde, und es war wohl allein diese Tatsache, welche dafür sorgte, dass sie und Alphard sich nicht ganz so alleine fühlten.  
»Ich muss dir was zeigen!«, sagte Alphard, nachdem ihr Großvater Cygnus an diesem Dienstagmittag im Juli verschwunden war.
Sie schlichen sich in das kleinere Zimmer im obersten Stockwerk mit der kaputten Scheibe und dem schimmelnden Fensterrahmen, wo sich Kisten von kostbarem Geschirr, das nie verwendet wurde, stapelten. »Schau!«
Alphard wies auf einen kleinen Schrank, welcher mit Tischdecken befüllt war. Erst glaubte Walburga, ihr Bruder wolle sie auf den Arm nehmen, aber bei genauerem Hinsehen fiel ihr auf, dass sich in dem Schrank tatsächlich mehr befand als vergilbte Tischdecken. Zwischen den Stofffetzen bewegten sich zwei winzige Wesen, deren Aussehen an Katzen erinnerte.
»Das sind Knieselbabies«, schwärmte Alphard und hob eines der winzigen Tierchen hoch, strich ihm über die großen Ohren und streckte es Walburga entgegen.
»Leg es zurück«, sagte Walburga erschrocken. »Seine Mutter sucht bestimmt schon nach ihm.«
Alphard schüttelte den Kopf. »Sie wurden allein gelassen, ich war schon dreimal hier. Ich glaube, die Mutter wollte sie nicht.«
Walburga runzelte die Stirn. »Dann lass sie hier. Sie sind bestimmt krank.«
Doch Alphard hörte nicht auf sie, sondern nahm die beiden Knieselbabies mit sich auf ihr gemeinsames Zimmer und verkündete, dass sie ab sofort zwei Haustiere hätten.
Wie Walburga bereits geahnt hatte, verstarb eines der Tierchen nur eine Woche später. Alphard weinte verstohlene Tränen, die von ihrer Hauselfe Topsy verständnisvoll getrocknet wurden, nachdem ihre Mutter ihn angefaucht hatte, er solle darüber hinwegkommen.
Nur drei Tage danach, nachdem Alphard seinen Kniesel ihrem Vater, der ausnahmsweise interessiert gewirkt hatte, übergeben hatte und zu Bett gegangen war, verschwand auch das zweite Tier.
»Ihr habt ihn weggebracht!«, heulte er, als sein Vater verkündete, dass der Kniesel verschwunden war.
»Red keinen Unsinn, Alphard!«, sagte Pollux. »Du hättest besser auf ihn aufpassen müssen.«
»Ich habe geschlafen!« Alphard stapfte mit seinem Fuß auf und ab und warf seiner Schwester einen hilfesuchenden Blick zu.
Walburga schluckte, doch zuckte bloß die Achseln.
Ihr Vater wurde ungeduldig. »Kniesel kommen nur zu Menschen, die sie mögen. Wahrscheinlich mochte er dich nicht.«
Alphard schluchzte laut.
»Jetzt reiß dich endlich zusammen. Er ist eben abgehauen!«
Doch Alphard ließ sich so schnell nicht beruhigen, sondern wurde bei jedem Wort, das ihr Vater sprach, noch aufgebrachter. »Ihr habt ihn umgebracht!«
Es waren diese Worte, welche das Gespräch beendeten. Walburga schloss die Augen, als ihr Vater mit einer Hand ausholte und ließ sich von ihrer Mutter aus dem Wohnzimmer zerren. Sie fand Alphard eine Stunde später auf seinem Bett. Er hatte ein geschwollenes Auge, welches von ihrer anderen Hauselfe Turvy fürsorglich gekühlt wurde, und weinte noch immer stumme Tränen, doch ihm entwich ein scheues Lächeln, als sie ihm eine Schachtel Zuckermäuse, die sie unter ihrem Bett versteckt hatte, anbot und tröstend einen Arm um seine Schulter legte.
Alphards Kniesel blieb verschwunden und Pollux blieb bei der Geschichte, dass er auf die Straße abgehauen war. Es war der Tag, an dem Walburga lernte, dass jeder, der dieses Haus verließ, nicht zurückkehren würde.

Zwei Wochen später hatte Alphard ein neues Haustier gefunden.
»Darf ich die Schlange behalten?«, fragte er ihren Vater mit großen Augen, während er das kleine, dünne Tier, von dem Walburga fand, dass es eher wie ein überdimensionaler Regenwurm aussah, in den Händen wiegte. Zu ihrem Entsetzen willigte ihr Vater ein.  
Walburga hasste Schlangen, aber noch mehr hasste sie, dass Alphard die Erlaubnis bekam, die Schlange in ihrem Zimmer, das sie sich teilten, zu halten.
»Sie sieht jämmerlich aus«, sagte sie in gehässigem Tonfall am nächsten Morgen.
»Sie ist noch ein Baby«, sagte Alphard. »Sie wird wachsen. Willst du sehen, wie ich sie genannt habe?«
Nun doch etwas neugierig geworden, ließ sich Walburga näher zu dem Glaskasten, den Alphard mit krakeligen Buchstaben beschriftet hatte, heranführen: Beetlejuice.
Walburga sah ihn an. »Was soll das für ein Name sein?«
»Das war einer unserer Vorfahren. Weißt du nicht mehr? Beetlejuice Black, er war ein Tierforscher, glaub ich.« Alphard strahlte über beide Ohren.
Sie brauchte einige Momente, um zu verstehen, was ihr Bruder damit meinte. »Das heißt Betelgeuse**!«, stieß sie entsetzt hervor.
Alphard zuckte verwirrt die Achseln. »Sag ich doch.«
Walburga blieb der Mund offenstehen, als ihr bewusst wurde, dass ihr Bruder sich nicht einmal damit befasst hatte, wie man die Namen von erfolgreichen Familienmitgliedern schrieb. Eine Tatsache, die sie rückblickend nicht mehr sonderlich überraschend fand. Es dauerte lange, bis sie Alphard seinen Fehler klargemacht hatte und selbst dann hatte sie das Gefühl, bei ihm gegen eine Wand zu reden. Die Schlange behielt den entstellenden Namen »Beetlejuice«, und Walburga lernte mit der Zeit, dass Alphard sich nicht sonderlich für ihre Familiengeschichte interessierte.  

Orion war anders. Als sie ihn das erste Mal traf, war er gerade mal sieben Jahre alt und sprach noch besser Französisch als Englisch. Sein Vater Arcturus hatte mit seiner Familie einige Jahre in der Normandie gelebt und überlegte nun bei seinem Besuch in England, ob er seine Kinder in Frankreich oder Schottland zur Schule schicken wollte. Als männlicher Erbe wäre das Haus am Grimmauldplatz eigentlich ihm zugestanden, doch er hatte es für ein Haus in Frankreich bereitwillig seinem Cousin Pollux überlassen.
Während Arcturus sich mit Walburgas Großvater über die Vor- und Nachteile des französischen Bildungssystems unterhielt, schob Walburga ein Stück der von den Gästen mitgebrachten Bûche auf dem Teller hin und her und lauschte dem Gespräch zwischen Orion und seiner Schwester Lucretia.
Sie lernte Französisch nie zu Lebzeiten, und sogar Orion meinte, als sie bereits verheiratet waren, die Sprache vergessen zu haben, aber Walburga hatte noch Jahrzehnte später den Eindruck, dass er sich die Melodie der französischen Sprache nie ganz abgewöhnt hatte. Vielleicht war es das, was seine Ausdrucksweise immer entschlossener klingen ließ als ihre eigene.
Walburga versuchte, sich an einige französische Phrasen, die sie in ihren Lektionen mal aufgeschnappt hatte, zu erinnern, um einen guten Eindruck bei den Gästen zu hinterlassen, als Alphard ihr zuvorkam.
»Wollt ihr meine Schlange sehen?«, fragte er zwischen zwei Bissen Kuchen und einem Schluck Kürbissaft.
Walburga schreckte aus ihren Gedanken hoch. »Alphard! Sie verstehen kein Englisch und …«
»Klar«, fiel Orion ihr daraufhin ins Wort, und Alphard schenkte ihr einen triumphierenden Blick, während er Orion und Lucretia mit sich in ihr Zimmer führte.
Natürlich ging Walburga mit, obwohl sie Schlangen hasste. Alphard hob sein heißgeliebtes Haustier aus dem Glaskasten und ließ zu, dass es sich um Orions Arm schlängelte.
Derweil sah sich Lucretia um. »Warum teilt ihr euch ein Zimmer? Im Haus ist doch mehr als genug Platz.«
Walburga zuckte die Achseln. »Meine Eltern wollen das so.«
Tatsächlich hatte sie bis zu diesem Tag nicht darüber nachgedacht, warum sie kein eigenes Zimmer hatten, obwohl ihr Haus bestimmt fünf Familien auf einmal hätte beherbergen können. Aber die meisten Räume durften von ihr und Alphard erst gar nicht betreten werden – darunter auch Walburgas Lieblingszimmer im obersten Stock, welches vollgestellt mit Artefakten war und eine Renovierung mehr als nötig hatte. Manchmal, wenn ihre Eltern einmal wieder zu sehr mit sich selbst beschäftigt und ihre Großeltern außer Haus waren, schlich sie sich in dieses Zimmer, nur um ein wenig nachdenken zu können. Wenn sie die Wahl gehabt hätte, hätte sie in diesem Zimmer geschlafen, aber sie wusste, dass es ihr nicht zustand, ihren Vater um so etwas zu bitten.
Ihr Blick fiel zurück auf Alphard, der seiner Schlange, die sich um Orions Arm ringelte, über den Kopf strich. »Ihr Name ist Beetlejuice«, sagte er und sah dabei grinsend zu Walburga.
Orion horchte auf. »Betelgeuse … wie jemand aus unserer Familie?« Er wandte seinen Kopf ebenfalls in Walburgas Richtung.
Alphard hob die Augenbrauen. »Ja, so ähnlich.«
Walburgas Mundwinkel zuckten. Anscheinend war sie doch nicht die einzige, die sich mit der Geschichte ihrer Familie befasst hatte. Sie nickte Orion schüchtern zu.
Zu ihrem Unmut ließ sich Alphard von dem möglichen Themawechsel nicht beirren, sondern kam sofort wieder auf sein Tier zu sprechen. »Manche Leute denken, Schlangen seien eklig, aber das stimmt nicht. Sie sind bloß einzigartig und …«
»Schleimig«, warf sie bissig ein.
»Sie sind nicht schleimig!« Alphard schenkte ihr einen finsteren Blick und wandte sich wieder Orion zu. »Walburga verwechselt Schlangen mit Regenwürmern. Sie traut sich noch nicht mal, Beetlejuice anzufassen.«
»Tue ich sehr wohl, aber mich interessiert deine dumme Schlange nicht«, zischte sie.
»Sie ist nicht dumm!«
»Sie ist sogar zu dumm, um sich aus diesem Zimmer zu schleichen. Dein letztes Haustier hat immerhin das geschafft.«
Alphard wurde rot auf diesen Kommentar. Er packte Orions Arm, nahm die Schlange in seine eigenen Hände und kam auf seine Schwester zu. Noch ehe Walburga wusste, wie ihr geschah, hielt ihr Alphard dieses schreckliche Tier direkt ins Gesicht.
Sie schrie auf, stolperte nach hinten und fiel aus dem Zimmer. Alphard knallte die Tür zu, doch Walburga glaubte, Orion und Lucretia leise lachen zu hören. Wenigstens wussten sie, wer Betelgeuse Black war.

Dass sie trotz ihres Hasses auf Schlangen nach Slytherin kam, war beinahe ironisch. Auch wenn sie die Entscheidung des Sprechenden Hutes schon lange gewusst hatte, bevor sie ihn auf den Kopf gesetzt bekam, wurde ihr mulmig zumute, als sie das erste Mal den geräumigen Gemeinschaftsraum ihres Hauses direkt unter dem See betrat. An einigen Wänden hingen Banner mit Salazar Slytherins Wappen, und Walburga wäre am liebsten zurück in den dunklen Korridor geflüchtet, als ihr die Augen der Schlange entgegenblitzten.
Mit der Zeit gewöhnte sie sich an den Anblick und nach einigen aufmunternden Gesprächen mit Professor Slughorn, der ihr Verständnis entgegenbrachte, fand sie Schlangen gar nicht mehr so schlimm, doch trotz der Freundschaften, die sie in Hogwarts schloss, und des Unterrichtsstoffes, der viel interessanter als Großvater Cygnus’ Monologe war, konnte sie Hogwarts nie ihr Zuhause nennen.
Sie vermisste ihre Familie und das Haus, in dem sie aufgewachsen war. Die Einsamkeit war erdrückend. In ihren ersten beiden Schuljahren schrieb sie beinahe jeden Tag einen Brief nach Hause. Obwohl ihre Eltern sich enttäuschend wenig meldeten, kam regelmäßig eine Antwort in einer krakeligen Schrift und viel zu vielen Schreibfehlern.
Es war Alphard, der ihr berichtete, dass ihre Mutter wieder schwanger war.
Sie verpasste die Geburt ihres Bruders. Cygnus Black, der nach seinem Großvater, welcher ihre Eltern in den ersten Jahren so unterstützt hatte, benannt war, kam im Frühjahr 1938 zur Welt.
Als Walburga ihn im Sommer zum ersten Mal traf, konnte er bereits lächeln und mit seinen kleinen Händen nach ihren Haaren greifen. Ihre Mutter, die nun endlich selbst kein Kind mehr war und sogar alt genug schien, um eins großzuziehen, ließ nach einigem Betteln zu, dass Walburga ihren kleinen Bruder in den Arm nehmen und sich mit ihm in einem der weichen Sessel niederlassen durfte. Cygnus war ein großes Baby mit einem blonden Schopf Haar und roten Pausbacken. Er sah schon immer etwas älter aus, als er eigentlich war, und vielleicht war es genau das, was Pollux und Irma später dazu bewegte, den Fehler ihrer eigenen Eltern zu wiederholen und davon auszugehen, dass man ihm mehr zutrauen konnte als anderen Kindern in seinem Alter.
Doch in dem Moment, als Walburga ihn zum ersten Mal in ihren Armen hielt und versuchte, sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass er ihr Bruder und nicht ein fremdes Baby war, dachte sie nicht daran, wie seine Zukunft aussehen könnte. Sie dachte bloß an die Monate seines Lebens, die sie verpasst hatte, weil sie nicht zu Hause gewesen war.

Ihr fünftes Schuljahr war das schlimmste. Sie hatte bereits ein ungutes Gefühl, als sie und Alphard am 1. September in die rote Lok einstiegen. Die Muggel hatten die Welt zu einem unsicheren Ort gemacht. Walburga hatte vergessen, wie sich das Leben in London abgespielt hatte, bevor die Muggel diesen schrecklichen Krieg begonnen hatten.
Es war das erste Jahr, dass sie, ihr Bruder wie auch der Rest der Schule über Weihnachten nicht nach Hause fahren durften; eine Anordnung der Schule, welche aber von fast allen Eltern unterstützt wurde. Die Gespräche der Lehrer wurden von seltsamen Wörtern wie »Blitz«, »Bombardement« und »Bunker« dominiert und einige Schüler gingen so weit, dass sie Muggelzeitschriften lasen, um über das Geschehen informiert zu sein. Walburga konnte kaum fassen, dass sogar einige reinblütige Zauberer und Hexen so tief sinken konnten.
Sie selbst hasste Muggel. »Hass« war nicht das richtige Wort, wie sie sich oft sagte, aber letzten Endes konnte sie nicht leugnen, dass sie ihr Angst machten und sie sich oft wünschte, sie würden nicht existieren. Sie verstand nie, warum die Zaubererwelt zuließ, dass Muggel die Welt unsicher machten, obwohl Zauberer doch viel stärker als Muggel waren. Und sie verstand nicht, warum große Zauberer wie Grindelwald, welche beschworen, Frieden zu bringen, von vielen so verachtet wurden.
Am Weihnachtsmorgen 1940 weinte sie einige leise Tränen, während andere im Gemeinschaftsraum damit beschäftigt waren, Geschenke auszupacken.
»Wenn all das vorbei ist, geh ich zurück nach Frankreich«, verkündete Lucretia, die neben ihr auf dem ledernen Sofa saß und die Füße streckte. »Was wirst du tun?« Sie stieß Walburga, die in Gedanken versunken war, an.
»Also ich werde die Welt bereisen.« Alphard ließ sich zwischen ihnen nieder.
Lucretia verzog das Gesicht. »Dich habe ich doch gar nicht gefragt.«
»Und dir habe ich nicht geantwortet«, sagte er unbekümmert, während Lucretia sich beleidigt zurückzog.
Alphard wandte sich Walburga zu. »Willst du etwas unternehmen?«
Sie schüttelte den Kopf.
»Orion hat vorgeschlagen, dass wir unser Familienweihnachten zu viert abhalten könnten«, sagte er. »Und Slughorn will heute Abend noch mal ein Treffen des Slug-Clubs veranstalten. Du kommst doch mit, oder?«
Walburga zuckte die Achseln und wischte sich über ihr Gesicht.
»Komm schon«, meinte Alphard sanft, »es bringt dir auch nichts, wenn du hier vor dich hin weinst. Der Familie geht es gut, da bin ich mir sicher. Wir sind doch Zauberer.«
Seit vier Tagen hatten sie nichts mehr von ihren Eltern, welche dieses Schuljahr ausnahmsweise mehr Briefe als üblich schrieben, gehört. Alphard meinte, dass sie wahrscheinlich nur beschäftigt wären, aber Walburga fand vor Sorge keinen Schlaf mehr. Was, wenn ihrem kleinen Bruder oder ihren Eltern etwas zugestoßen war?
Sie ging auf Slughorns zweite Weihnachtsfeier, obwohl sie sich am liebsten in ihrem Bett verkrochen oder die Wand angeschrien hätte, allerdings nur um ihren Hauslehrer um einige Schlaftränke zu bitten. Professor Slughorn musterte sie auf diese eindringliche Frage durchdringend.
»Ich … ich schlafe schon seit Tagen nicht mehr«, stammelte sie vergeblich.
Slughorn schenkte ihr einige einfühlsame Worte, aber leider auch nicht mehr.
Trotzdem entfernte Walburga einige Tränke aus seinen Vorratsschränken, als er gerade damit beschäftigt war, ihrem Hausgenossen Tom Riddle im Detail zu erklären, wie gerne er kandierte Ananas aß.
Sie schlief die nächsten Nächte ruhig und war erleichtert, als fünf Tage später ein Brief ihres Vaters kam, dass ihre Familie vorübergehend in ein Landhaus in Devon gezogen war.

Sie lebten noch drei weitere Jahre in diesem Landhaus, welches ganz ohne Wandteppiche und geköpfte Hauselfen auskam. Ihr Großvater Cygnus verstarb zweieinhalb Jahre später, ohne dass jemand damit gerechnet hatte. Walburga hatte immer noch das Bild des kräftigen Familienoberhauptes, das ihr oft ein Vaterersatz gewesen war, im Kopf, als sie ihn an einem schwülen Sommermorgen in London beerdigten.
Ihr kleiner Bruder Cygnus umklammerte ihre Hand und Alphard stand mit betretenem Blick daneben. Selbst ihr Vater schien an diesem Tag emotional und verkündete nach der Beisetzung, dass er spazieren gehen würde.
Nur ihre Mutter schien kaum davon Notiz zu nehmen, wie betrübt die Stimmung war.
Als sie vom Friedhof in ihr Landhaus apparierten, in dem die Luft wesentlich kühler war, und Cygnus zurück über seine Bücher geschickt wurde, legte Irma Black einen Arm um ihre Tochter.
»Hast du schon einmal darüber nachgedacht, was du tun wirst, jetzt da du die Schule abgeschlossen hast?«, wollte sie wissen.
Walburga musste unweigerlich schlucken. Nein, darüber hatte sie tatsächlich noch nicht nachgedacht, auch wenn die Antwort auf der Hand lag. »Heiraten?«, sagte sie, wie man es von ihr erwartete.
Ihre Mutter nickte zufrieden. »Du solltest dich umsehen. Dein Vater kann dir bei der Auswahl helfen.«  
Walburga sah in das eifrige Gesicht ihrer Mutter und versuchte, eine Spur von Trauer darin zu finden, doch es gab kein einziges Anzeichen dafür. Dass ihr Großvater verstorben war, sie ihr Haus verlassen mussten, da draußen in der Welt ein Krieg tobte … all diese Dinge schienen Irma Black nicht zu kümmern.
Walburga hätte am liebsten erwidert, dass sie jetzt nicht über ihre Zukunft sprechen wollte, doch sie wusste, dass solche Wünsche bei ihrer Mutter auf taube Ohren stoßen würden.
Und in diesem Moment entstand in ihr der Wunsch, es eines Tages besser zu machen.

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* Alphard ist übrigens Brandloch Nr. 5 auf dem verlinkten Stammbaum, sollte jemand seinen Namen nicht entdecken.
** Falls sich jemand fragt, warum die Schlange so heißt: »Betelgeuse« wird in vielen englischen Dialekten ungefähr so ausgesprochen wie »Beetlejuice« (es gibt auch einen Film, der so heißt). Der Name hat gerade gepasst, weil Betelgeuse ein Stern ist und die Verballhornung irgendwie sympathischer für eine Babyschlange.
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