Forever is composed of Nows

von Sisu
GeschichteDrama, Romanze / P16 Slash
Castiel Dean Winchester
08.01.2019
15.01.2019
14
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Kapitel 8: Vergessen

Ich erinnere mich. Vor vier Tagen und drei Stunden hattest du den Blutfleck auf meinem Hemd entdeckt. Ich hatte gesagt, ich wüsste nicht, wessen Blut es war, und es abgetan. Und wenn du auch alle Zweifel dieser Welt in deinen Augen gehabt hattest, hattest du es gelten lassen. Für den Moment zumindest. Seit vier Tagen und drei Stunden war etwas anders zwischen uns. Du antwortetest nur noch knapp auf meine Worte, tatsächlich versuchtest du Worte generell zu vermeiden. Hin und wieder bemerkte ich, wie du mich anstarrtest, wann immer du dachtest, ich würde es nicht sehen. Und du sahst immer weg, wenn ich zurück starrte. Du vermiedest zwar den Augenkontakt, dennoch konnte ich es sehen. Die Idee in dir. Etwas arbeitete in deinem Kopf. Etwas zweifelte an mir. Doch das Schlimmste an all dem war unsere Routine. Du brachst mit unserer Routine. Jede Nacht saß ich in der Küche und wartete darauf, dass du aufstehen und in diese Küche kommen würdest. Für deinen Snack. Für deinen Scotch. Für mich und unser Nebeneinandersein. Aber jede Nacht blieb ich allein.

„Ich fürchte das Vergessen wie der sprichwörtliche Blinde, der die Dunkelheit fürchtet.“
(John Green, „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“)


Ich erinnere mich, als ich die Gänge entlang wanderte, wie ich es oft tat zu dieser Zeit. Mein kleiner, eigener Zeitvertreib. Manchmal frage ich mich, ob ich soweit gekommen war, dass das das Einzige war, das ich noch alleine tun konnte. Manchmal macht es mir Angst, wie wichtig du mir bist. Und manchmal frage ich mich, ob in Wahrheit ich derjenige bin, der dich braucht, und nicht anders herum. Und das Wandern durch die Gänge deines Bunkers machte all diese Gedanken erträglicher und gab mir die Möglichkeit über all die Unmöglichkeiten nachzudenken. Ohne Ablenkung und ohne dich. Also ja, es war das Einzige, das ich ohne dich tun musste.

Ich kam den Gang entlang, der in der großen zweigeteilten Halle endete, dem Eingangsbereich mit dem großen leuchtenden Tisch, an dem ich gesessen hatte, als ihr zurückgekommen ward, und dem anderen Teil, in dem ich dir immer beim Lesen zusehe. Ich hörte dich sprechen, konnte die Worte jedoch nicht klar ausmachen. Ein Lächeln formte sich auf meinem Gesicht, denn lange nicht mehr hatte ich so viel deiner Stimme gehört.

„Hey“, sagte ich fröhlicher als beabsichtigt und setzte mich zu euch.

„Hey, Cas“, antwortete dein Bruder, nicht du. Du starrtest stur in dein Handy und schienst mich kaum zu beachten. Sam allerdings spürte die Spannung in der Luft, die alles anzuzünden drohte. Wie die Ruhe vor dem Sturm. Oder als hätte ein gewaltiges Gewitter uns heimgesucht, nur dass der vorherzusehende Streit noch gar nicht stattgefunden hatte. Ich wusste, du hattest einen Gedanken, eine bloße Anschuldigung, die auf der Spitze deiner Zunge lag und nur darauf wartete ausgesprochen zu werden. Es war als würde ich gefesselt auf der Folterbank die Instrumente betrachten, die mir Schmerz zufügen werden. Und irgendwie hoffte ich, du würdest sie endlich benutzen. Denn erst dann würde ich wissen, wie tief sie wirklich schneiden.

„Also ähm, Cas…“, begann Sam und gerade erst fiel mir wieder ein, dass er auch hier war. Ich sah ihn an und wartete. Doch es folgte… nichts. Sein Blick fuhr zu dir und ich sah, wie du ihm förmlich telepathisch zu verstehen geben versuchtest, dass er sprechen soll. Doch er sprach nicht. Ein tiefes Schnaufen drückte sich aus deinen Lungen.

„Wessen Blut war das, Cas?“, fragtest du plötzlich und ich merkte, wie sehr du dich anstrengtest ruhig zu bleiben. Es hörte sich an wie Druck, es fühlte sich aber an wie eine rhetorische Frage. Als kenntest du die Antwort bereits und fragtest nur aus Höflichkeit. Doch in deinen Augen sah ich so etwas wie Hoffnung. Hoffnung falsch zu liegen. Und es zerquetschte mich, dass ich dir diese eine Sache, die du brauchtest, nicht zu geben können schien. Etwas simples wie ein neues Hemd hätte all das hier verhindern können. Und ich hasste meine Unaufmerksamkeit und ich hasste meinen Fehler. Doch ich habe ihn gemacht und ich musste damit umgehen. Wüsste ich nur wie.

„Ich verstehe nicht“, stammelte ich fast.

„Beantworte die Frage“, feuertest du und deine Stimme wurde zorniger und deine Augen verloren ihre Hoffnung. Ich starrte auf meine Hände, dann schloss ich meine Lider, als würde ich hoffen, würde ich es nicht sehen, würde es auch nicht passieren. Ich seufzte und beschloss Ehrlichkeit war der einzige Weg aus dem Labyrinth.

„Die Frau“, sagte ich nur und spürte buchstäblich, wie dein Herz einen Schlag aussetzte. Mehr brauchte es nicht, du wusstest sofort, wen ich meinte. Ich hatte deine Hoffnung gebrochen und war deiner Erwartung gerecht geworden. Und ich sagte mir, es würde alles gut, und ich sagte mir, ich würde mich über deine Enttäuschung hinweg arbeiten können. Ich würde alles tun und du würdest es sehen. Du würdest mir verzeihen und alles würde wie zuvor. Du würdest mir wieder antworten und mir diese kleinen Nachrichten schicken, wenn du weg bist, und du würdest unsere Routine wiederaufnehmen und nachts zu mir kommen. Und unser Nebeneinandersein würde weitergehen.

„Wieso?“, fragtest du nach zu vielen Momenten des Schweigens, während die Luft schwer hing und die Zeit stillzustehen schien.

„Es war ein Missverständnis, Dean“, antwortete ich mit einer Stimme so klein und leise, dass ich fürchtete man könnte sie nicht hören.

„Ein Missverständnis?“

„Ich dachte, sie wäre der Ghoul, Dean“

„Du dachtest? Seit wann ist das unsere Art die Dinge zu händeln, Cas?“

„Ich…“, begann ich, doch du ließt mich nicht ausreden. Und endlich sah ich all die Instrumente und spürte die ganze Tiefe ihrer Schnitte. Ich hatte so sehr versagt.

„Cas, mal davon…“, und du stopptest dich selbst für eine Sekunde, um zu atmen und um nicht laut zu werden, „… mal davon abgesehen, dass du eine unschuldige Frau getötet hast, das OPFER, Cas, mal davon abgesehen, dass du es kolossal verbockt hast. Was zum Teufel hattest du überhaupt dort zu suchen?!“

Und ich dachte und ich dachte nach. Ich suchte dich. Ich suchte nach deiner Sicherheit. Ich suchte danach, dich zu beschützen. Ich suchte nicht nach Anerkennung dafür, denn ich tue das alles nicht für mich. Ich tue es für dich. Und ich versagte. Für einen Moment hatte ich wirklich alles kolossal verbockt.

„Ich bin euch gefolgt“, sagte ich leise.

„Du bist uns gefolgt?!“

„Dean, ich…“

„Wieso?!“

„Ich wollte nur sichergehen, dass es…“, und bevor ich es aussprach, verschluckte ich es und wusste, ich musste es anders sagen, „… euch gut geht“

„Wir brauchen keinen Babysitter“, und kurz fragte ich mich, wo Sam in dieser Unterhaltung war. Still und offensichtlich stumm saß er uns gegenüber und verfolgte unsere Worte mit seinen Blicken, ohne je etwas zu kommentieren. Fast wollte ich ihn nötigen, sich zu beteiligen, doch vermutlich wäre er ohnehin nicht auf meiner Seite gewesen.

„Dean“

„Du kannst uns nicht einfach nachlaufen wie ein verdammter Stalker“

„Dean“

„Und du kannst nicht rumlaufen und Unschuldige umbringen, nur weil du ‚denkst‘ sie sind irgendwelche Monster“

„Dean“, und es war als hoffte ich, je öfter ich deinen Namen wiederholte, desto weniger würdest du mir vorwerfen. Doch das Gegenteil schien der Fall zu sein.

„Wir hatten alles im Griff, bis du aufgetaucht bist und wie ein verdammter Idiot alles vermasselt hast“

„Dean“

„Cas!“, schriest du plötzlich viel zu laut und ich schreckte zusammen, „Ein Mensch ist tot. Deinetwegen“

„Ich weiß“, flüsterte ich und stand auf, „ich sollte gehen“

Und ich hoffte, du würdest mich aufhalten, doch alles, was ich hörte, war Stille. Dein Blick wie Stein und deine Augen wie Feuer. Und plötzlich war er verschwunden, der dunkle Fleck der Lüge in mir, der alles aufzufressen gedroht hatte. Und ich wusste es war die Wahrheit, die mich gerettet hatte. Und ich hoffte, du würdest darüber vergessen. Und mir verzeihen.

„Du kannst bleiben“, sagtest du plötzlich völlig unerwartet, „Aber sehen will ich dich nicht.“

Langsam bewegte ich mich zurück in die Gänge deines Bunkers. Ich war noch immer willkommen, und zugleich völlig unsichtbar. Ich weiß nicht was schlimmer war, die Tatsache, dass ich dich enttäuscht hatte, oder dass du mich nicht sehen wolltest. Und ich versprach mir selbst, nie wieder einen solchen Fehler zu machen. Und ich redete mir ein, dass alles besser würde. Du würdest mir verzeihen. Du würdest es vergessen. Du würdest mich sehen wollen. Es würde ein Punkt kommen, wie weit er weg war, wusste ich noch nicht, doch es würde der Punkt kommen, da würdest du mich vermissen.

„Wir sagen diese Dinge, um nicht zu zerbrechen. Vielleicht machen wir die Zukunft wahr, indem wir sie uns vorstellen, vielleicht auch nicht, aber wir müssen sie uns vorstellen.“
(John Green, „Margos Spuren“)
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