Forever is composed of Nows

von Sisu
GeschichteDrama, Romanze / P16 Slash
Castiel Dean Winchester
08.01.2019
15.01.2019
14
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Kapitel 7: Wasserdicht

Ich erinnere mich, wie ich ein paar Tage später in der Küche saß. Es war mitten in der Nacht und still um mich herum. Ich stöberte in einem Buch über Engel und während ich vor mich hin las, musste ich hin und wieder lächeln über die Art und Weise wie der Mensch, der dieses Werk vor langer Zeit verfasst hat, über Himmel und Hölle spekulierte, ganz eindeutig, dass er nie dort gewesen ist. Menschen und ihre unendliche Fantasie. Sie bauen sich ein Bild auf, und selbst, wenn sie Beweise für die wahren Begebenheiten finden, werden ihre eigenen nicht ersetzt, sondern lediglich angepasst. Nie könntet ihr die Realität über eure eigenen Schöpfungen stellen. Und am Ende seid ihr genau dafür erschaffen worden. Erschaffen, um selbst zu erschaffen.

Ich hörte leise Schritte in den Gängen und hob meinen Blick. Wenig später fand ich dich in der Tür, barfuß und in deinen grauen Sweatpants. Dein freier Oberkörper starrte mich an, oder vielleicht starrte ich ihn an, als gäbe es nichts anderes mehr in diesem Raum. Es war nur Haut, wenn auch mehr, als ich gewohnt war. Aber es war deine Haut. Deine Hand fuhr über deine Brust, als wollte sie meinen Blick abstreifen, und ich konzentrierte mich wieder auf dein Gesicht.

„Hey“, sagtest du mit kratziger, verschlafener Stimme, die zu deinen wirren Haaren und deinen müden Augen passte. Erst jetzt kamst du ganz herein und wandertest zum Kühlschrank. Ein Snack mitten in der Nacht. Es schien zu unserer Sache zu werden. Jede Nacht wachtest du auf und kamst in die Küche. Jede Nacht setztest du dich zu mir und aßt. Unsere eigene kleine Routine. Und wirklich, sie war der einzige Grund warum ich hier saß.

„Hey“, antwortete ich und beobachtete jede deiner Bewegungen. Du saßt dich an den Tisch und aßt dein Erdnussbutter-Sandwich. So war es immer. Kaum ein Wort zwischen uns, nur Nähe. Unser stilles Nebeneinandersein. Heilig und geheim, zwischen uns beiden. Und du erlaubtest mir dich anzusehen, fast zu starren sogar, und du sagtest nichts. Du ließt mich fortfahren. Vielleicht hattest du dich daran gewöhnt oder vielleicht sahst du endlich, dass du es genosst. Ich war hier für dich und wegen dir. Und ich sah dich und nur dich. Und vielleicht wusstest du endlich, dass ich der Einzige bin, der dich sieht. Wirklich sieht.

Ich stand auf und ging, um dir ein Glas Scotch einzuschenken. Ich tat es immer, denn ich wusste, das war, was du brauchtest. Du schläfst besser, wenn dein Blut zu Alkohol wird. Und auch wenn man sagen könnte, dass es nicht gut ist, jemanden darin zu unterstützen, ich weiß, was du brauchst. Und ist es Alkohol, den du zum Schlafen brauchst, werde ich immer derjenige sein, der ihn dir gibt. Denn eines Tages wirst du erkennen, dass ich dir nicht nur gebe, was du willst, sondern bin, was du willst. Ich kam wieder zurück zum Tisch und stellte das Glas vor dir hin. Dein Kopf hob sich und du sahst mich an mit diesem Blick voller Dankbarkeit und dem Lächeln, das mich schmelzen ließ. Ich lächelte zurück und versuchte den Augenkontakt eine Weile zu halten.

„Cas?“, sagtest du dann, als dein Blick sich etwas nach unten bewegte und deine Hand sich plötzlich an meinem Trenchcoat hielt und ihn etwas aufmachte, „Was ist das?“

Meine Augen sahen an mir herunter, während deine ihr Lächeln verloren. Ich verstand sofort wieso, denn ich fand einen kleinen roten Fleck auf meinem Hemd. Ein Spritzer nur, so klein, dass ich ihn übersehen hatte.

„Bist du verletzt?“, fragtest du mit aller Sorge in deiner Stimme, über die ich mich nicht einmal freuen konnte, denn übertönt wurde alles von der Panik des ertappt Werdens und diesem dunklen Fleck in mir, der Angst hatte, ich würde mich verraten, und so gut passte zu dem Blutfleck, der mich verraten würde. Deine Finger fummelten über meinen Brustkorb, als du aufstandest, um mich zu inspizieren.

„Nein, mir fehlt nichts“, antwortete ich und wagte nicht dir in die Augen zu sehen. Ich bemerkte, dass du sie suchtest, vielleicht um etwas darin zu finden. Doch ich konnte es dir nicht zeigen. Aber vielleicht hätte ich sie etwas fälschen lassen sollen, denn ich weiß, dass es dich misstrauisch macht, wenn ich dir nicht in die Augen sehen kann.

„Cas?“, fingst du erneut an, „Wessen Blut ist das?“

Ich zögerte. Ich wusste nicht, was verdammt ich antworten sollte. Ich konnte dir nicht die Wahrheit sagen. Darüber, dass es das Blut der unschuldigen Frau war, die du gefunden hattest. Die ich für dich getötet hatte. Aus Versehen. Die Wahrheit vor dir zu verbergen ist einfach, dich anzulügen unmöglich. Ich starrte die graue Wand an und dachte über meinen nächsten Schritt nach. Ich wusste, ich musste etwas sagen, aber welche Wahrheit würde es diesmal sein?

„Ich… keine Ahnung…“, stotterte ich, „Ist wohl ein alter Fleck“

Und endlich sah ich wieder in deine Augen und du glaubtest mir kein Wort und das zerquetschte mich. Ich war ertappt. Ich musste einen Weg aus diesem Labyrinth finden, das ich mir selbst gebaut hatte. Einen Weg, um dich nicht zu verlieren. Eine Lüge. Eine Lüge, die du glauben würdest, eine Lüge, die ich selbst ertragen konnte dir zu erzählen. Und es würde schwer. Ich ertrug nicht einmal den Blick, mit dem du mich in diesem einen Moment ansahst. Als hätte dich alles Gute verlassen, als hätte ich dich enttäuscht, als hättest du verloren.

„Am Anfang sind wir alle wasserdicht, aber dann passieren Dinge - Leute verlassen uns, lieben uns nicht oder verstehen uns nicht, oder wir verstehen sie nicht, und wir verlieren und scheitern und tun einander weh. Und so bekommen wir Risse. Und ja, sobald ein Schiff leck ist, ist das Ende unvermeidlich.“
(John Green, „Margos Spuren“)
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