Die Frage Nach Dem Ich

von oOVioOo
OneshotAllgemein / P12
Rephaim
08.01.2019
08.01.2019
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Selbst nach all den Jahren war das Gefühl, welches er empfand, als er das alltägliche Treiben auf der Straße beobachtete, ungewohnt, wenn nicht sogar Fremd. Wenn er dazu gezwungen wäre dieses Wort zu umschreiben, würde er es als beachtenswert bezeichnen.
Beachtenswert, wie Menschen im Stande waren miteinander zu interagieren und wie sie ihr (wenn auch sehr kurzes) Leben leben. Seit seiner Kindheit, die wie es ihm scheint viel zu lange her lag, wusste er, dass das Leben nicht dazu verpflichtet ist gerecht zu sein. Es war nie einfach und in dieser Welt zu überleben war nun wirklich kein Zuckerschlecken. Schließlich waren die Umstände seiner Geburt auch nicht sehr erfreulich.
Während Menschen Freude und Erleichterung empfinden, wenn ein neues Licht die Welt betritt, hatte sein Stamm all ihren Hass und Misachten, den sie in sich trugen, ihm auf seinen Weg mitgegeben. Es ließe sich darüber streiten, wer die waren Monster waren: Die, die es äußerlich zu seinen scheinen oder die, die aus Furcht heraus versuchen ein Neugeborenes zu beseitigen.
Was ihn am Meisten fesselte, waren die Umstände, unter denen Menschen ihr Leben lebten. Obwohl sie wissen, dass ihre Zeit irgendwann kommen wird, diese Welt zu verlassen, versuchen sie sie in vollen Zügen auszunutzen und sorgen sich um ihr Erbe. Sie müssen etwas schaffen, etwas was für die Nachwelt erhalten bleibt. Ist das eine Stärke oder doch die fatale Schwäche, die manche Menschen in den Ruin treibt? Darauf hat er bis heute keine Antwort gefunden.
Emotionen (von denen er bis vor ein paar Jahren nicht dachte, dass er mit ihnen fertig werden konnte) bestimmen zwischenmenschliche Kommunikation. Er fragte sich ob das was Gutes war. Auch nach all diesen Jahren hat er manchmal Probleme damit, dass auszudrücken was ihn beschäftigte und sich jemanden der ihm Fremd war gegenüber zu öffnen.
In den Spiegel schauend sah er doch genau das: Emotionen. Seine Emotionen. Emotionen, welche seine Innere Unruhe reflektierten. Bestimmt von Unwissenheit, Sorge und Furcht.
War er denn das was er vorgab zu sein? Ein Mensch? Man könnte davon ausgehen, jetzt, da er einen menschlichen Körper besaß, er als Mensch galt...
Und doch spürte er die allzuvertraute Verbundenheit zu der Quelle, die wie er schwor vor all den Jahren gekappt zu haben, das Gefühl der Überlegenheit und der Macht, welche sich in dem tiefsten Abgrund seiner Gestalt verankert haben und nur darauf warten, dass seine monsterischen Züge wieder zu Tage kommen. Nein. Das wird er zu verhindern wissen.
Aber kann man denn jemanden als Menschen betrachten, der tagsüber die Welt als Vogel erkundet?  Außerdem: Nur weil Vampyre einen menschlichen Körper haben, macht er sie nicht menschlich, oder?

Nach all den Jahren sah er dem gleichen Jungen ins Gesicht, dem die Göttin ihre Barmherzigkeit zeigte, indem sie ihn von seinem Fluch befreite. Ein vertrauter Fremder sah ihn an.
Sein zersaustes Haare waren mittlerweile ein wenig gewachsen, stach aber in alle Richtungen hervor (dabei beließ er es auch, schließlich musste er nicht alle alten Gewohnheiten
fallen lassen, egal wie oft man ihn zum Friseur zerren wollte). Dazu kommen die paar Zentimeter die er gewachsen ist.
Aber ansonsten? Nach fast zwanzig Jahren hatte er sich kaum verändert.
Diese Tatsache beschäftigte Ihn. Was war er? Ein Mensch? Menschen altern, er allen Anschein nach nicht. Ein Gott? Götter schlafen nicht, er tat's. Ein Vampyr? Vampyre tranken Blut - er trank, wenn es hoch kam im Durchschnitt zwei Tassen Kaffee pro Woche.
Es war dieselbe Frage, die ihn immer wieder zu plagen scheint. Egal wie oft er es versuchte, er könnte sie weder beantworten, noch sie aus seinen Gedanken verbannen. Es war ein hoffnungsloses Unterfangen. Wahrscheinlich hätte er eine höhere Chancen gehabt seinem eigenen Schatten zu entfliehen, als dass er sich von dieser Frage losreißen konnte.
Und es war dieselbe Furcht, die ihn scheinbar nicht mehr losließ.
Wenn er nicht altert, bedeutet es, dass er niemals sterben würde. Sie schon.
Er war schon lange genug auf dieser Welt unterwegs, um zu wissen, dass das Leben ermüdend ist, wenn man keine Aufgabe, kein Leitstrang hatte. War es früher für seinen Vater, ist es heute für sie. Sie war einer der wenigen Gründe, weshalb er sich auf jeden neuen Tag (Nacht) freuen konnte und er wusste, dass er etwas gefunden hatte, für das es sich zu leben lohnt.
Hatte es die Göttin damals gut mit ihm gemeint und seine Unsterblichkeit mit der Lebensdauer eines ausgewachsenen Vampyrs ausgetauscht, sodass sie ihr Lebensende miteinander verbringen konnten (und ihm deswegen bisher keine Veränderungen aufgefallen sind) oder muss er doch mit der Furcht leben, dass wenn diese Tage vorbei und seine Liebste von ihm gegangrn ist, er wieder einmal auf sich allein gestellt auf dieser großen, aber doch sehr einsamen Welt leben muss?

Er schaute in den Spiegel und seufzte.
Manchmal reicht eben nicht nur ein Blick In den Spiegel um dahinter zukommen, was man ist und was einen erwartet.











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Ich erwarte nicht, dass das hier viele Leute lesen werden, aber hiermit möchte ich mein Gemüt erleichtern. Denn zu oft habe ich mich gefragt, wie unser lieber kleiner Vogeljunge altern tut. Ich finde die Idee ihn als Mensch abzustempeln einfach nicht schön, schließlich haben Kalona, Zoesy Bande und selbst Nyx einen menschlichen Körper, was sie aber nicht zu Menschen macht . Und das ist meine Version ^^
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