Sprung ins Glück

GeschichteRomanze / P12
Andreas Wellinger Markus Eisenbichler OC (Own Character)
07.01.2019
26.06.2019
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KRACH! Es schmetterte die Fenster regelrecht aus ihren Angeln und ließ mich unsanft aus meinem Reich der Träume aufwachen.
Was soll`s, dachte ich mir. In letzter Zeit wäre es mir sogar lieber gewesen gar nicht zu träumen. Die ganze Zeit drehten sich meine Gedanken nur um diesen Typen Marcel. Viel hatte ich über ihn ja leider nicht mehr in Erfahrung bringen können, obwohl er mir immer sympathischer wurde. Eigentlich war es gut so gewesen, dass uns die Apothekerin am nächsten Morgen schon früh unsanft aus unseren Träumen geweckt hatte. Mit einem entschuldigenden Blick hatte sie uns erklärt, dass sie selbst eingeschneit wurde und aus dem Schneesturm einfach nicht mehr herausgekommen war.
Abwechslungsreich war die Situation allemal gewesen. Aber bevor ich noch länger in diesem Escape Room versauern und meine Krankheit mich gänzlich zum Erliegen bringen würde, schnappte ich mir das Medikament, was sie uns als Entschuldigung dann doch gratis gab – was natürlich auch das mindeste war – und verschwand ohne weiteren Kommentar. Die Rufe hinter mir konnten mir gestohlen bleiben. Von wem auch immer sie waren. Lieber machte ich jetzt einen auf Cinderella. Besser schön in Erinnerung bleiben, als hustend mit rot angeschwollenen Bäckchen. Wobei mein Schnarchen für Marcel wohl alles andere als schön gewesen war.
Mein Freund neben mir hatte sich dagegen schon daran gewöhnt. Tagtäglich musste er das aushalten. Schließlich war das auch eins der Emilias-Ausschlusskriterien: Hält einer mein Schnarchen nicht aus, brauch er es erst gar nicht bei mir zu versuchen. Mein kleiner Japaner neben mir musste die plötzliche Stille gemerkt haben, denn auf einmal drehte er sich zu mir um und öffnete leicht seine Augen. Sanft musterte er mich und streckte seine Arme aus, um mich zu sich heranzuziehen und somit wieder zum Einschlafen zu bringen. Ich konnte gar nicht verstehen, wie er an einem für ihn so wichtigen Tag schlafen konnte. Irgendwie musste ich ihn ja wach bekommen. Das Training in Kuusamo begann zwar erst um 7 Uhr abends, aber die Finnen nehmen das mit der Anzugskontrolle immer ganz genau. Ich musste mich also anderen Mitteln bedienen, um ihn wach zu bekommen.
Es tat mir schließlich wirklich leid, dass ich letztes Wochenende nicht im Stadion dabei sein konnte, um ihn anzufeuern. Und das alles nur wegen dieser bescheuerten Sherlock-Holmes-ich-muss-mich-emanzipieren-Sache. Obwohl mir Mr. Watson mit seinen grünen Augen schon sehr gefallen hatte, war es das trotzdem nicht wert gewesen. Und so musste ich mich die nächsten 3 Tage allein mit meinem Bett begnügen und das Springen im polnischen Fernsehen beobachten. Ich beherrschte zwar Englisch, Deutsch, Japanisch und Latein (aber die Sprache war ja fast schon so tot wie ich zu dem Zeitpunkt), aber diese Worte wollten einfach keinen Sinn in meinem Kopf ergeben. Dementsprechend musste ich zusehen wie der Pole (so viel verstand ich bei dem wilden Gekreische der Kommentatoren noch) allen davon sprang und somit das Team zum ersten Sieg der Saison führte.
Und da ich jetzt wieder fast gesund war, musste Schadenersatz betrieben werden. Ich wollte ihm einen besonders schönen Start in den Tag bescheren. Zwar hatte er die Augen schon wieder geschlossen, aber so leicht lässt sich eine Emilia Bauer nicht abschütteln. So sanft es ging - um ihm nicht alle Knochen zu brechen - stürzte ich mich auf ihn und bevor er sich noch irgendwie wehren konnte, verpasste ich ihm den wundervollsten Kuss, den er seit langen bekommen hatte. (Zumindest von mir.) Überrascht von der Zärtlichkeit packte er mich sanft und erwiderte den Kuss voller Freude. So kullerten wir noch eine Weile im Bett herum und vergaßen eigentlich den ursprünglichen Plan: Nämlich ihn so schnell wie möglich wach zu kriegen und ihn bereit für den heutigen Tag zu machen.
Jemand anderes hatte das aber anscheinend nicht aus den Augen verloren. Als wir es klopfen hörten, wurden wir in die Realität zurückgeworden. Es war Akito Watabe, der uns lediglich mitteilen wollte, dass das heutige Training und die anschließende Qualifikation aufgrund der schlechten Windverhältnisse abgesagt wurden. Für mich war das eine gute Nachricht. Ich konnte mehr Zeit mit meinem Freund verbringen. Ich wusste aber auch zugleich, dass das weniger Trainingssprünge hieß. Und das war schlecht. Wabbi der wabbelnde Senior, wie wir ihn immer so schön gegen seinen Willen nannten, verschwand mit einem Augenzwinkern wieder aus dem Raum.
„Und was machen wir jetzt?“, fragte mich mein Freund.
„Sag du es mir, Jojo.“, erwiderte ich freudestrahlend. Wohl wissend, mehr Zeit für uns gewonnen zu haben.

Ryoyu Kobayashi war kein Mann der halben Dinge und so musste ich mit ansehen wie unser entspannter Tag wie Sand zwischen den Fingern hindurchrieselte. Deswegen liebte ich meinen Jojo auch so. Dem Namen hatte ich ihm gegeben, weil er zum einen leichter aussprechbar war, - für eine Deutsche Kartoffel wie mich - obwohl ich sagen muss, dass mein Japanisch auch nicht von schlechten Eltern ist, und zum anderen war der Jo-Jos meine Lieblingsspielzeug in der Kindheit gewesen. Zwei Sachen die ich geliebt habe…
„Immer noch liebe“, verbesserte ich mich still im Kopf selber. Der Tag war relativ schnell vergangen und so bemerkte ich gar nicht mehr wie Jojo spätabends in unser gemeinsames Zimmer geschlichen kam und sich fix und alle sofort in das Reich der Träume begab.

Das Samstag immer noch nicht mein Tag war, musste ich zu bedauern leider schon in der Früh feststellen. Da Jojo, wie immer in seinem Leben, noch schlief und ich ihn an seinem großen Tag nicht wecken wollte, begab ich mich auf kleine Erkundungstour durchs Hotel. Leise tappste ich also durch die Flure, um niemanden zu wecken. Geschwungene Muster auf Tapeten, folgten eleganten Pflanzen bis hin zu einem kunstvoll verzierten Geländer. Die Treppe bot mir den Weg, entweder schon zum Frühstück zu gehen oder meine kleine Expedition weiter oben noch fortzusetzen. Natürlich entschied ich mich für letzteres.
„Erster Stock: Japan“, las ich mir selber laut vor. Im zweiten befanden sich dann Nationen wie Norwegen, Polen, Tschechien und im dritten hielten sich dann die Deutschen, zusammen mit ihren österreichischen und schweizerischen Freunden, auf. Irgendwie fühlte ich mich unwohl so durch das Hotel zu schleichen. Am Ende hielten die Nationen mich noch für einen Maulwurf, der versuchte Informationen bei den anderen Teams zu erschnüffeln.
Wobei… bei meiner Tollpatschigkeit… wahrscheinlich eher für ein wild gewordenes Fangirl.
Ich wollte schon umdrehen, da sah ich auf einmal die Buchstaben POTFOOR vor mir.
Die Finnen sprechen aber eine komische Sprache.
Da merkte ich, dass sich nur irgendein Spaßvogel wohl einen Scherz erlaubt haben musste. Denn wenn man das Schild umdrehte, ergaben die Buchstaben auf einmal einen Sinn: Rooftop. Sowas wie Dachterrasse.
„Wenn das Schild schon von jemandem umgedreht wurde, bedeutet das, dass hier schon mal jemand gewesen sein musste.“ Kombinierte ich zusammen mit meinem Superbrain.
Triumphierend über diese Erkenntnis und auch ein bisschen neugierig stieß ich die Tür auf und landete damit einen Volltreffer in einem mir wohl zu gut bekannten Gesicht.

„Oh, das tut mir so verdammt leid.“ Schrie ich und hörte dann aber sofort auf, als ich merkte, wer da vor mir lag.
„Nicht schon wieder.“ Murrte ich resigniert.
Enttäuscht kniff ich mir in den Arm und wollte mich schon wieder aus dem Reich der Träume in mein echtes Leben katapultieren, als ich feststellte, dass dieser Mordanschlag von mir leider Realität war.
Der Mann vor mir hatte die Fassung schneller als ich wiedergefunden.
„Freut mich, dass wir uns erneut über den Weg laufen. Das Schicksal ist wohl ein mieser Verräter und hat dir gezwitschert, wo du deinen Traummann suchen musst.“ Flötete Marcel.
Nicht schon wieder. Warum musste immer mir so etwas passieren.
„Ich habe dich weder gesucht,… noch wollte ich dich umbringen.“ Gab ich mit einem entsetzten Blick auf seine rot angeschwollene Beule zurück. Er folgte meinem Blick und als er die Stelle am Kopf mit seiner Hand berührte, verzog er schmerzerfüllt das Gesicht.
Egal, was für ein blöder Macho er war, irgendwie tat er mir schon leid. Schließlich hatte er letztes Mal versucht mir zu helfen, und jetzt lag er da halb tot auf dem Dach eines Hotels in einem finnischen Dörfchen.
Ein bisschen stutzig machte mich die Situation schon. Was will ein Fan hier oben? Zumindest hatte er sich letztes Mal so selbst betitelt. Noch dazu würde ihn hier keiner rein lassen und, wenn er sich hier nicht auskennt, würde er auch niemals diese Dachterrasse finden. Irgendwas lag da im Busch. Er hatte mich angelogen und ich war mir ziemlich sicher, dass Marcel nicht sein echter Name war.
Als ich mich umblickte, musste ich feststellen, dass die Sicht wirklich atemberaubend war. Ich sah die kleinen Häuser, manche beleuchtet, manche noch dunkel, die Straßen, auf denen sich schon das ein oder andere Auto tummelte und in der Ferne die Skisprung-Schanze…
MIST! Das Springen. Ich drehte mich schon um und wollte schnell zu unserem Zimmer zurücklaufen bevor Jojo mein Verschwinden bemerkte. Doch da hatte ich nicht die Rechnung mit meiner kleinen Klette gemacht.
Natürlich lief ich ihm sofort in die Arme. Woher der jetzt schon wieder die Kraft genommen hatte, sich so schnell von meiner Attacke zu erholen und aufzurichten, wusste ich auch nicht. Aber natürlich wollte er mich nicht schon wieder gehen lassen. Was auch sonst! Mir blieb ja nichts erspart…
„Halt, halt, halt. Nicht so schnell. Wohin des Weges? Ich lass dich nicht so einfach gehen. Nicht bevor du mir wenigstens deinen Nachnamen verrätst. Sonst hol ich meinen Hund oder wohl eher doch die Polizei. Dann könnte ich dich wegen Körperverletzung anzeigen“, meinte er und zeigte dabei auf seine – zu meinem Bedauern – noch größer angeschwollene rote Beule.
Man, war der Typ hartnäckig.
„Bauer.“ Entgegnete ich ihm und wandte mich aus seinem Klammergriff.
„Ich merke Kletti der Klette, geht es schon wieder ganz gut und er benötigt meine Hilfe schon gar nicht mehr.“ rief ich ihm noch über der Schulter zu, bevor ich wieder die Treppen runter verschwand.

Der Samstag war für mich gelaufen. Das Fieber hatte mich erneut eingeholt und somit blieb mir nichts anderes übrig, als auf den Sonntag zu warten. Diese Aktion auf dem Dach am Morgen hatte mir einfach nicht gut getan. Meinen Gedanken und Träumen im Übrigen auch nicht.
Der Sonntag verlief dann schon wieder besser. Und so fand ich mich in Mitten lauter jubelnder Fans wieder. Natürlich hatte ich mich über den Sieg meines Freundes am Vortag schon gefreut, aber so eine Portion extra Glück konnte nicht schaden. Und was wäre da besser, als die eigene Freundin im Publikum zu haben, die einem zujubelt? Ein persönlicher und einzigartiger Talisman also.
Den ersten Durchgang meisterte Jojo mit Bravour und somit beschloss ich, mich in der Pause doch noch ein wenig umzusehen. Da hatte ich aber nicht die Rechnung mit meiner besten Freundin Lena gemacht. Als mein Handy „Baby you light up my world like nobody else” spielte, versuchte ich irgendwie, mein Handy mit Handschuhen aus meiner Tasche zu fischen. Klar, dass es mir als Erstes natürlich herunterfiel und ich es in Mitten der Traube an Menschen vor willkürlichen Fußtritten retten musste. Als ich dann schließlich auf annehmen drückte, brüllte mir auch schon eine vertraute Stimme ins Ohr.
„EMMMI, ich schau schon die ganze Zeit das Springen, aber ich kann dich einfach nicht entdecken.“
„Liegt daran, dass ich nicht springe, sondern einfach nur zuschaue.“ Wollte ich schon entnervt entgegnen, aber meine beste Freundin ließ mich einfach nicht zu Wort kommen.
„Weißt du, dass kann aber auch daran liegen, dass meine Aufmerksamkeit, wem ganz anderen gilt.“
„Ich weiß Jojo springt toll.“, meinte ich schon etwas freudiger und gleich dazu auch noch freundlicher.
„Nein, das ist es nicht. Egal. Also weißt du, ich hab da von einer ganz tollen Sache gehört…“
Spätestens jetzt wusste ich, dass das noch die nächste halbe Stunde so weiter gehen würde.
„Also der DSV bietet so ein `Meet and Great`in na Art Date-Form für ihre Fans an. Also die weiblichen natürlich. Ist mit irgend so einer Spende für nen guten Zweck verbunden. Hab ich zumindest so verstanden. Naja, ist ja eigentlich auch egal… Es gibt da so einen süßen Typen... Übrigens machen da nur die Singles von den deutschen Springern mit.“
Langsam konnte ich ihr echt nicht mehr folgen. Und da sag noch einer ich rede viel.
„Naja. Und ich dachte mir. Du hast da deinen süßen Skispringer... Natürlich gibt es auch besser aussehende... Okay, er sieht jetzt nicht so schlecht aus, aber du weißt schon was ich meine. Naja, auf jeden Fall, wäre das doch super cool - ich meine, du und ich, beide mit einem Skispringer zusammen.“
„Findest du nicht, dass du da gerade ein bisschen was überstürzt.“, unterbrach ich sie.
„Außerdem, wer sagt, dass ich da mitmache?“
Ich liebte sie zwar für ihren Enthusiasmus, aber jetzt musste ich erst einmal meine Gedanken sortieren. Der eigentliche Plan war, dass ich mich mit meiner ehemalig besten Schulfreundin, die ich schon seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen hatte (liegt wohl daran, dass ich in Japan wohne!), in Titisee zum Skisprung-Weltcup treffe. Irgendwie war mir zu diesem Zeitpunkt schon klar gewesen, dass sie irgendeinen Skispringer im Auge haben musste. Vor allem, weil ich ihr die besten Kontakte bot. Sie verguckte sich immer schnell in irgendjemanden und steigerte sich dann in etwas rein. Süß war das irgendwie schon.
„Du, was hältst du davon, wenn wir später weiter sprechen? Ich hab schon die ganzen deutschen Springer nicht gesehen. Jetzt will ich nicht auch noch Jojo verpassen, wie er sich seinen 2. Weltcup-Sieg in dieser Saison Holt.“ Versuchte ich sie schnell abzuwimmeln und bevor sie noch etwas sagen konnte, legte ich auch schon wieder schnell auf.
Ich realisierte gar nicht wirklich, wie mein Freund sich den nächsten Sieg holte. Denn meine Gedanken kreisten immer noch um diese absurde Idee. War das wirklich ihr Ernst?
Das würde auf jeden Fall noch Gesprächsstoff geben…

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Hey, na?
Die Kapitel werden immer länger. Sorry, aber wenn ich einmal anfange, dann gerate ich einfach in den Schreibflow.
Aber dafür gibt es zu jedem Weltcup-Ort nur ein Kapitel. Sind dann halt ein bissale länger.
Wenigstens wisst ihr jetzt schon eine der beiden Herren. (Marcel ist natürlich nicht der echte Name. Das wäre dann ja schon zu einfach. xD) Hättet ihr damit gerechnet und wie denkt ihr, geht die Story weiter?
Ich hab mir überlegt, dass ihr jetzt selber interaktiv mitgestalten könnt, wie die Story weiter geht.
Einfach ein Kommentar unter dem neuesten Kapitel schreiben, mir dann eine Nachricht mit einem Element, dass ihr gerne in der Story haben wollt, dazuschreiben und anschließend auf meine Rückmeldung warten.
Nichts nehme ich natürlich auch zur Kenntnis. ;)
LG Lilli :)
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