Sprung ins Glück

GeschichteRomanze / P12
Andreas Wellinger Markus Eisenbichler OC (Own Character)
07.01.2019
09.09.2019
22
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„Halt, halt haaalt!“ schrie ich auf einmal wie am Spieß und blieb abrupt stehen, um dem verdutzten Blick meines Gegenübers zu sehen.
„Ich geh nicht einfach mit Möchtegern-Machos mit. Sich von Fremden in einem anderen Land durch ein Dörfchen entführen zu lassen zählt definitiv nicht zu meinen Hobbys. Wenn du mir nicht sofort deinen Namen erzählst, brüll ich nochmal!“
Anscheinend beunruhigte ihn diese Drohung kein bisschen, musste ich zu meinem Bedauern feststellen. Aber das kommt mir gerade noch in die Tüte! Ein Mann der mich nicht ernst nimmt. Verzweifelt durchwühlte ich meinen Kopf nach brauchbaren Gedanken. Doch Emilias-Superbrain war mal wieder null Komma null zu gebrauchen. Also auf ein Neues…
„Ich jag meinen Hund auf dich.“ Motzte ich ihn eher schon patzig an. Seine Reaktion war erneut wieder einmal nicht, dass gewünschte Ergebnis und bevor ich jetzt noch anfing zu heulen – das gehörte nämlich zur nächsten Stufe meiner Stufen der Emotionen – war mein Gehirn dann doch mal zu etwas nutze.
„DANN RUFE ICH DIE POLIZEI!“ prahlte ich triumphierend und war kurz davor einen Luftsprung zu machen.
„Ich frage mich zwar wie du das mit deiner nicht vorhandenen Orts- und Sprachenkenntnis anstellen willst…“ erwiderte er schelmisch, aber ich merkte ihm deutlich an, dass ich ihn ein wenig in die Zwickmühle gebracht hatte. Eigentlich war er doch relativ leicht durchschaubar: Seine Augen, die mich starr fokussierte, um herauszufinden, ob ich aus meinen Drohungen Realität machen würde, sein Harre, die er angeregt durch die Nervosität doch heftig verwuschelte, seine ganze Körperhaltung…
Ich wusste gar nicht, was an einem Namen so Mysteriöses war, aber irgendwas gab ihm da zu denken. Da ich aufgrund meiner schroffen Art doch ein wenig reumütig geworden war, empfand ich plötzlich Mitleid mit ihm. Etwas war da und egal was es war, es machte ihm zu schaffen. Also kam ich ihm netterweise ein wenig entgegen.
„Ich heiße Emilia.“ Das sollte wohl vorerst mal reichen. Bevor er nicht irgendeinen Buchstaben seines Namens rausrücken würde, würde er weder meinen Nachnamen, meinen Geburtstag oder Adresse bekommen.
„Stopp mal, wieso sollte er das überhaupt wissen wollen.“ Murmelte ich etwas verwirrt zu mir selbst. Da ich die letzten 10 Minuten ein gefühltes Selbstgespräch geführt hatte, war es doch längst mal an der Zeit Mr. Ich-Mach-Einen-Auf-Pantomime aus seinem Winterschlaf zu wecken. Um nicht schon wieder das Wort zu ergreifen, musterte ich ihn nur scharf in der Hoffnung er würde den Wink verstehen und sich nicht ganz so dämlich wie die restliche Männerwelt anstellen.
Dumm war er auf jeden Fall nicht, denn meine Körpersprache schien zu funktionieren.
„Ich bin M…“ er hielt inne. „…arcel Kraft.“ Brachte er dann doch schließlich noch heraus.
„Na siehst du. Schwierige Geburt, aber du hast es ja doch geschafft. Toll gemacht!“ sagte ich leicht ironisch und tätschelte dabei seine Wange. Einen kurzen Augenblick hielt ich inne, schüttelte dann leicht den Kopf und verwarf alle Gedanken, die soeben durch meinen Kopf geströmt waren. Um etwas davon abzulenken, fragte ich neugierig:
„Bist du irgendwie mit dem Ski-Springer Stefan Kraft verwandt. Ich mein… Wisla liegt 5 Min. Fußmarsch…“ ich schaute mich um und gab resigniert zu „… okay eventuell doch etwas länger von hier entfernt. Da ist morgen so ein Springen. Außerdem sprichst du Deutsch oder Österreichisch oder wie man das nennt.“
Einen Hauch einer Sekunde bildete ich mir ein, Furcht durch seine Augen blitzen zu sehen, aber im nächsten Moment war davon schon gar nichts mehr zu sehen. Wahrscheinlich einfach nur Einbildung.
Schmunzelnd blickte er zu mir und antwortete. „Obwohl ich deine ganzen Annäherungsversuche sehr wertschätze, muss ich dich leider enttäuschen, ich bin leider nur Fan. Auch wenn mein athletischer Körper da was ganz anderes sagt.“
Ich wollte schon protestieren, aber auf einmal kam aus Marcel so viel heraus wie schon die ganzen letzten 20 Minuten nicht. Er schien langsam Gefallen an der ganzen Situation zu finden. Und nur weil ich gewissermaßen Abhängig von ihm war, ließ ich auch so mit mir umgehen.
„Willst du jetzt zur Apotheke oder nicht: Wenn du weiterhin so viel redest und mit mir flirten willst, dann gerne, aber gesund wirst du durch mein wundervolles Antlitz leider nicht.“ Bei diesen Worten marschierte er los und ich musste ihm nach, ob ich wollte oder nicht.

Umhüllt von Vanille sah ich in der Ferne die Aufschrift Apteka aufblinken. Ich wollte meinen Begleiter schon erneut anmaulen, dass ich doch jetzt nicht auch noch Zeit für einen Besuch in der Bäckerei habe, bis ich feststellte, dass der Geruch von seiner Jacke kam, die ich ja immer noch anhatte.
Angekommen bei dem kleinen etwas, was mir nicht wie eine ganz legale Apotheke aussah – eher wie ein Drogenumschlagplatz – hielt mein fröhlicher Geselle mir die Türe offen und trat nach mir in das gemütliche Stübchen ein. Der äußere Eindruck hatte getäuscht. Sofort umhüllte mich ein Geruch wie man ihn aus dem Krankenhaus kannte. Nur etwas angenehmer, musste ich feststellen. Ich wusste nicht was es war, aber irgendetwas hier drin, vermittelte mir ein wohliges Gefühl. Eine nette Apothekerin lächelte uns warmherzig an und hielt uns wohl für ein Pärchen, da sie sofort die Augenbrauen etwas hochzog, als sie mich eingemummelt in seiner für mich XXL-Jacke hereinkommen sah. Schnell wollte ich erklären wie wir eigentlich zueinander stehen - dass er nur irgendein Fremder war, der in seiner Freizeit gerne Pantomime spielte und irgendwelche anderen Mädchen belästigt - aber dazu kam ich gar nicht. Tat wohl auch nicht viel zur Sache.
Marcel machte kurzen Prozess und ergriff das Wort. „My friend has a flu and we want to know, if you may have a medicament for her.”
Ich wollte mich zwar schon beschweren, dass nur durch das Leihen einer Jacke man schon lang keine Freunde sei, aber die leider ebenfalls hübsche Frau antwortete ihm auf gekonntem Englisch. Sie sah verdammt gut aus und es ärgerte mich wie Marcel sie schon wieder mit seinem Flirt-Blick ansah. Wir waren hier aus ganz anderen Gründen, da sollte er mal aufhören mit seiner blöden Angewohnheit.
„Sure, for couples we have a special offer today. Just let me take a look for a second…”
Auch wenn es mir nicht passte, dass er sie mit ihren Flirtattacken von seinem zu meinem Bedauern vorhandenen Charme überzeugen wollte, passte es mir ganz und gar nicht in den Kram, wenn sie uns als Paar bezeichnete.
„Hast du überhaupt Geld dabei?“ Als er meinen entsetzten Blick sah, entgegnete er nur schnell:
„Ich nur ein bisschen, kann ja nicht ahnen, dass so etwas passieren würde. Spiel jetzt einfach mit…“
Ich war ganz schön verdattert, als er mich in den Arm nahm und mir plötzlich einen Kuss auf die Stirn gab. Da ging mit plötzlich ein Licht auf. Er wollte sich das Sonderangebot nicht durch die Lappen gehen lassen und tat mir zu Liebe so, als wären wir zusammen. Obwohl mir durchaus bewusst war, dass meinem Freund das hier definitiv nicht gefallen würde, war das unsere einzige Chance. Also kuschelte ich mich eventuell etwas zu demonstrativ an ihn heran und schenkte ihm einen „Ach-ich-bin-so-verliebt-und-kann-nicht-mehr-ohne-dich-leben“-Blick.
Die Verkäuferin bekam von dem ganzen Spiel gar nicht so viel mit.
Resigniert musste sie feststellen, dass sie schnell ins Lager musste, um das fehlende Medikament zu besorgen. Anscheinende musste ja entweder der ganze Ort krank im Bett liegen oder das hier war die einzige Apotheke weit und breit. Ich tippte ja eher auf Zweiteres.
„I`ll be back in a minute.” Flötete sie uns an und lächelnd entgegnete Marcel ihr „We`ll stay just where we are.“
Bei diesen Worten zog er mich noch mal näher zu sich heran und schmiegte sich an mich. Ich dagegen wusste aber noch nicht wie lange ich das hier noch durchhalten würde. Während sie den Raum verließ, verließ mich zugleich die ganze Anspannung, die ich vorher noch gar nicht bemerkt hatte. Ich löste mich von ihm, ob er das nun wollte oder nicht.
„Und was machen wir jetzt?“

Als die Frau nach 3 Stunden immer noch nicht zurückkam, waren wir uns sicher, dass wir entweder verarscht wurden oder die Frau durch das Schneegestürm einfach nicht mehr zur Apotheke durchkam. Der Eingang war komplett zugeschneit und als ich einen waghalsigen Versuch riskierte und mit voller Wucht gegen die Tür sprang, bewegte sich nichts. Außer eventuell mein Knochen aus seinem Gelenk.
„Mist!“ fluchte ich. „Keiner kann zu uns kommen und wir kommen nicht raus. Mein Handy hat natürlich auch keinen Empfang. Aber klar, verpass ich natürlich gleich mal das erste Springen von J…“ ich stockte. Fast hätte ich mich verplappert.
Aber Marcel schien das gar nicht aufgefallen zu sein. Stattdessen schnappte er sich mein Handy, um festzustellen, dass er auch keinen Empfang hatte. Klugscheißer. Misstrauisch beobachtete ich ihn dabei, wie er jeden Stuhl erklomm und jede Ecke der Apotheke auskundschaftete, nur auf der Suche nach einem Loch vom Funkloch. Bei meinem Wortspiel und seiner akribischen Suche musste ich lachen.
Nach einer Weile gab er auf und gesellte sich zu mir, um zuzusehen wie ich aus einem Kartenspiel, dass ich hinter dem Tresen gefunden hatte, versuchte ein Haus zu bauen, während im Hintergrund irgendein polnisches Radio seinen Senf dazu gab.
„Musikgeschmack haben die auf jeden Fall auch nicht. Wir könnten ja mal versuchen einen Notruf abzusetzen. Ne Rakete oder sowas in der Art. Wie bei der Titanic.“ Meinte ich schmunzelnd.
Marcel musste lachen und als er zitterte, merkte ich, dass ich noch immer seine Jacke trug.
„Hier, ich glaub, du brauchst die momentan eher als ich.“
Obwohl er schon entgegnen wollte, dass ich sie lieber bei mir behalten sollte, akzeptierte ich kein nein. Ich zog sie aus und auch wenn ich jetzt schon den Geruch von Vanille vermisste, konnten wir nicht 2 Kranke gebrauchen. Polnische Medikamentenbeschreibungen entziffern gehörte definitiv nicht zu meinen Stärken.
Die Zeit verging. Ein Kartenhaus folgte dem anderen und so recht wussten wir auch nicht, wie wir mit der ganzen Situation umgehen sollten.
Als `you belong with me` anfing im Radio zu laufen, grinste ich.
“Zu diesem Song habe ich mit meinem ersten Freund getanzt.“ Erinnerte ich mich anscheinend laut, denn als er plötzlich vor mir stand und mir seine Hand zum Tanzen anbot, erschrak ich.
„Ich glaube, du schuldest deinem Retter noch einen Tanz.“ Entgegnete er grinsend.
Mein Retter war er zwar noch lange nicht, aber irgendwie tat er mir leid, da ich ihn ja eigentlich regelrecht mit hier reingezogen hatte. Zögernd nahm ich sein Angebot an und so tanzten wir nicht nur zu diesem, sondern auch zu den nächsten Songs.
Irgendwann war ich erschöpft und wollte mich schlafen legen. Als wir merkten, dass die Heizung hier wohl auch nicht funktionierte und ich schon wieder fror, gab er mir seine Jacke und legte sich in einem angemessenen Abstand neben mich. Ich starrte in seine treuen grünen Augen und als er irgendwann einschlief, musste ich feststellen, dass meine Augen auch schon bleischwer geworden waren…

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So, das war es erstmal von mir. Diesmal sogar noch etwas länger. Eventuell seid ihr euch ja jetzt schon sicherer, wer die zwei netten Herren sein könnten. Die nächsten Weltcup-Orte werden wahrscheinlich in nur einem Kapitel behandelt. Ich dachte nur, dass das eventuell ein spannenderer Anfang wäre.
UND vielen lieben Dank für die vielen Empfehlungen innerhalb so kurzer Zeit. Weiter so. Hihihi.
Habe noch viele Ideen. Also freut euch, was noch auf euch zukommt.
LG Lilli :)
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