Noch eine Young

GeschichteRomanze, Familie / P12
Claire Young Emily Young Leah Clearwater Paul Quil Ateara Sam Uley
07.01.2019
15.07.2019
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Es war früher Nachmittag als Sam in die Küche geplatzt kam. Seinem feierlichen Gesichtsausdruck nach hätte er etwas sagen sollen wie „Es ist vollbracht!“, „Euer sicheres Heim wurde geschaffen!“, „Unsere harte Arbeit hat sich bezahlt gemacht!“ oder etwas ähnlich Hochtrabendes – vor allem da er die Fleischgewordene Legende alter Traditionen war. Anstatt dessen meinte er bloß: „Der Schuppen ist fertig.“, und schlang die Arme um Emily, der ich beim Hausputz geholfen hatte.
Ja … Sam Uley, kein Mann großer Worte.
„Der Schuppen ist ganz gut,“ fügte er noch hinzu, bevor er das Gesicht in Emilys Haaren vergrub und die beiden mich quasi abschrieben – süß, aber auch fies. Außerdem war mir bereits klar, dass der Schuppen „ganz gut“ war. Ein Kind in einem Haus großzuziehen, das von allen nur „der Schuppen“ genannt wurde, war nicht „ganz gut“, aber immerhin ein Übergang. Ich würde anfangen zu sparen.
Quil kam rein, was Claire sofort ihre Malhefte zuschlagen ließ. Es war fast wie in einer dieser überkitschigen Szenen in Liebesfilmen, in denen die Hauptprotagonisten in einem Blumenfeld in Zeitlupe aufeinander zuliefen, als Claire von ihrem Stuhl sprang und Quil sich in Gestaltwandler-Geschwindigkeit auf sie zubewegte. Die beiden trafen sich nicht in der Mitte und Quil hätte Claires Beine fast gegen die Tischkante gedonnert, während er sie herumwirbelte und sie vor Freude quietschte.
Ich kam mir zwischen den ganzen geprägten total fehl am Platz vor.
„Kriegen wir den Schuppen jetzt auch noch zu Gesicht?“, oh man, jetzt war „Schuppen“ auch schon in meinen Wortgebrauch übergegangen.


„Aha,“ machte ich bestimmt schon zum vierten Mal. Quil plapperte fröhlich über die neutrale Farbe des Badezimmers – hellgrau - , die gemütliche hellgelbe Farbe des Wohn-Ess-Küchen-Zimmers und die Kinderfreundliche Tapete im Zimmer der kleinen Königin. Claire war über alles begeistert – klar es war ja auch neu. Sie verstrahlte Quil dermaßen mit ihrem Lächeln, das sein Gehirn nur noch Wandfarben-Informationen und Hoffe-es-gefällt ausspucken konnte. Emily, die zusammen mit Sam auch mitgekommen war, betrachtete interessiert die Holzböden, über die schon Carry und Quil gestaunt hatten. Sam nickte den Möbeln – alles was zusammengebaut hatte werden müsse – anerkennend zu, augenscheinlich lobte er sein Rudel – gedanklich, obwohl sie ihn nicht hören konnten. Und ich … nun ich musste zugeben, dass die Gestaltwandler auch gut als Innenarchitekte hätten arbeiten können. Das wäre doch sicher ein lukratives Nebengeschäft zum Gestaltwandler-Sein, oder nicht?
Das Wohn-Ess-Küchen-Zimmer war so vollgestellt, dass es schon wieder gemütlich wirkte. Im Wohnbereich hatten die Gestaltwandler die gemütliche Taubenblaue Couch aus meinem alten Zimmer vor einer Miniatur von Fernseher platziert. Hinzu kam noch eine staubige Zimmerpflanze und einige Schränke, in denen Bücher und Alltagsgegenstände verstaut waren. Der Teppich, der das ganze bedeckte, war aus dem Badezimmer unseres alten Hauses. Ein Elfenbeinfarbener Flusen-Teppich, der nicht einen cm zu kurz war – das sagte wohl einiges über die Schuppengröße aus.
Der „Essbereich“ bestand im Grunde nur aus zwei nicht zusammenpassenden Stühlen, die man vor eine ausziehbare Platte, an eine der Küchentheken, stellen konnte und ansonsten in der Ecke stapelte, um Platz zu sparen.
Der Küchenbereich bestand lediglich aus dem Nötigsten – aus den verschiedensten Jahrzehnten. Quil war nicht all den Schrott im Schuppen losgeworden. Komischerweise – wie ich fand – waren am meisten Küchen-Möbel übriggeblieben. Jedenfalls hatten wir jetzt eine ziemlich spektakuläre Vintage-Küche. Einen hellen türkisenen Kühlschrank, der vor gut 10 Jahren aus Quils Haus ausrangiert worden war. Das Exemplar war von einem Amateur-Automechaniker repariert worden, wofür ich Jacob Black sehr dankbar war. Ansonsten hätten wir nur eine Kniehohe Gefrierbox und eine Kühltasche zur Verfügung gehabt. Der Herd war noch Gasbetrieben und ich fürchtete schon jetzt um Claires Finger. Den Ofen wurde durch ein kleines Gerät ersetzt, das auf einer der 70er-Theken – ein Exemplar mit Spiralförmigen Mustern in allen möglichen Gelbtönen – dampfte und ja, es klang selbst dann, als würde man Wasser verdampfen, wenn es ausgesteckt war. Das Lila Waschbecken war von jemandem mit viel Humor und wenig Geschmack in eine knallig rote Theke eingelassen worden. Irgendjemand hatte daran gedacht, dass ich gerne Kochte und hatte deshalb dafür gesorgt, dass es vier Theken gab. Zwei Theken in verrückten Mustern aus den 70er Jahren, die knallrote und eine Cyanfarbige, die zum Kühlschrank gehören könnte, wäre sie nicht etwa 50 Jahre vorher entstanden. Übrigens diente uns eine andere Theke mit Spülbecken im winzigen Badezimmer als Waschbecken. Dieses Exemplar jedoch war weiß und hellgrau. Überhaupt war alles im Badezimmer hellgrau oder weiß. Auch wenn es da nicht viel gab. Bloß Toilette – weiß -, Waschbecken -weiß-grau -, Hüfthohes Regal voller Hygiene-Artikeln – weiß – und die kleinste Badewanne, die ich je gesehen hatte – weiß.
Das Zimmer der kleinen Königin dagegen wirkte als wäre es aus einer anderen Welt. Die Tapete – die Quil mehr als zehnmal in den Himmel lobte – war in einem zartrosa gehalten auf dem sich Einhornfarbende und Violette Zuckerwatte-Lollipops in Richtung der Magenta-Wolken streckten. Quil hatte so viel wie möglich aus Claires altem Zimmer mitgenommen, um ihr den Übergang zu erleichtern. Das weiße Kinderbett mit dem rosa Baldachin stand in der Nähe des Fensters, so dass sich die bauschigen Vorhänge mit dem Stoff des Baldachins zu einer Einheit zu vermischen schienen. Claires Prinzessinnen-Schloss wurde durch ein hölzernes Puppenhaus ergänzt, das Quil auf dem Dachboden der Atearas ausgegraben hatte, als er nach einer Tapete suchte. Die Schränke im Zimmer waren weiß und Puppenhaft klein, so dass der Raum viel größer wirkte als er war. Die Illusion wurde nur durch zwei Kommoden gestört, die halb so hoch, wie die Schränke und aus dem Schuppen waren. Claire hatte einen Wohnzimmertisch, zu dem Quil nichts Näheres erzählen wollte – ich war mir sicher, irgendjemand suchte schon danach -, den sie als Maltisch verwenden konnte. Der Tisch war niedrig genug, dass sie keinen Stuhl brauchte und sich einfach auf den Teppich setzten konnte, der aus dem ehemaligen Spielzimmer von Pauls kleiner Schwester stammte – wie dieser lautstark verkündet hatte, um sie in Verlegenheit zu bringen. Er war weicher als der Flusen-Teppich im Wohnzimmer und passte zum Rest, obwohl er blau war und ein riesiges Karnickel zum Besten gab. Die Schränke quollen bereits über mit dem Zeug der kleinen Königin, das sie großzügig auf dem Boden verteilen musste, um es Quil vorzuführen.
Zu guter Letzt war da also nur noch ein Raum übrig, immerhin bestand der Schuppen nur aus vier Räumen – zwei kleine und zwei große.
Ich hätte froh sein müssen, dass überhaupt noch Platz für mich war. Claire hatte natürlich das größte Zimmer bekommen und der Ess-Wohn-Küchen-Bereich ließ sich kaum in ein kleines Zimmer quetschen. Es war der Tatsache geschuldet, dass wir eine Badewanne hatten und keine Dusche, dass mein Zimmer der reine Witz war – ein geschmackloser Witz. Fairerweise musste gesagt werden, dass die Jungs versucht hatten alles aus dem Raum rauszuholen was ging, aber bei einer Abstellkammer, die noch winziger war, als das Badezimmer, hatte man quasi schon von Anfang an verloren. Mein altes Bett hatte nicht ins Zimmer gepasst, deshalb hatte ich ein schmales Metallgestell bekommen, das ein wenig aussah wie ein Lampenhalter. Die Matratze hätte genauso gut auf dem Boden liegen können, wobei das wahrscheinlich noch unbequemer gewesen wäre, da keine Teppiche mehr übrig waren. Alles was sonst noch in das Zimmer gepasst hatte, war ein schmaler Schrank, dessen Fächer man ausklappen konnte, ein Fenster zur Westseite zeigte und eine Holzkiste, die man unter dem Bett vorziehen konnte. Die Kiste passte nämlich nicht mehr in den Raum, wenn man genug Platz haben wollte, um sich einmal um sich selbst zu drehen. Natürlich passte mein ganzes Zeug nicht in dieses Zimmer. Deshalb befanden sich meine Anziehsachen – stark minimiert – in den Wohnzimmerschränken und ein gefühltes Viertel hatte bei Mom bleiben müssen.
Im Grunde konnte ich damit leben, solange Claire es guthatte und Quils Mom uns erlaubte unsere Wäsche bei ihnen zu waschen.
Quil hatte erzählt, dass Sam dafür verantwortlich war, dass meine Zimmerwände dunkelgrün gestrichen worden waren, was mich zum schmunzeln brachte. Immerhin hatten wir uns nur dank dunkelgrüner Farbe kennen gelernt – aber das war eine andere Geschichte. Jedenfalls sorgte das Grün dafür, dass die Bäume vor dem Fenster fast wie ein Teil des Raums wirkten. Und der Raum deshalb ein winziges bisschen größer schien. Am Ende war es doch so, dass ich nur in dem Raum schlafen musste. Aber vielleicht versuchte ich auch nur es mir gut zureden, als ich sah wie sehr Claire, Sam und Quil beim Anblick unseres neuen Zuhauses strahlten. Mit jedem Fall musste ich noch eine Einweihungs-Party veranstalten – nicht zuletzt wegen Mom.
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