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Testsubjekt 152-13 | Teil 3 - Starkstrom

Kurzbeschreibung
GeschichteSci-Fi / P12 / Gen
Chell GLaDOS OC (Own Character)
07.01.2019
10.03.2019
21
53.573
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07.01.2019 2.240
 
Ich bekam kein Wort über die Lippen.
Der Versuch, mich aufzurichten, gelang nicht recht; meine Beine waren, wie der Rest meines Körpers, anscheinend noch nicht ganz wach. Stattdessen rückte ich nur ein Stück zurück.
Ich starrte in zwei braune Augen.
„Hey, sorry“, flüsterte der junge Mann, der da vor mir kniete und er rückte ebenfalls ein Stück zurück, „Ich will dir nichts tun! Keine Angst!“
Es war zu bizarr, so … ich weiß auch nicht. Er war ein Mensch, wie ich, aber die Tatsache, dass ich hier alles Mögliche, nur keinen Mitmenschen erwartet hatte, ließ mich noch immer zögerlich und in angespannter Haltung schweigen.
Er sprach weiter: „Du brauchst echt keine Angst vor mir zu haben! Ehrlich! Tut mir leid, wenn ich dich erschreckt habe.“
Ich entgegnete nichts. Vermutlich stellte ich mich gerade unglaublich dämlich an, immerhin schien er mir wirklich nichts tun zu wollen.

„Ich muss dich erschreckt haben. Das tut mir leid, wie gesagt. Du hast so geweint, das erste, was ich gehört habe, als ich aufgewacht bin, war dein Weinen und ich dachte, vielleicht brauchst du Hilfe, vielleicht … vielleicht tut dir was weh?“
„Ich … nein, nein, danke“, sagte ich und schüttelte den Kopf.
Seine Miene hellte sich ein wenig auf. Vermutlich, weil ich etwas von mir gegeben hatte.
„Okay. Ich wollte nur sichergehen. Ich … ich bin Cord.“
Er reichte mir vorsichtig seine rechte Hand. Er schien unsicher zu sein, ob er mich damit nicht vielleicht erschreckte. Aber ich hatte mich inzwischen gefangen. Ich streckte auch meine rechte Hand aus und ergriff seine.
„Hi. Ich bin Chell. Sorry für die Aktion eben. Ich … ich hatte eben nur nicht mit jemandem gerechnet.“
Sein Händedruck war schwach, aber ernst gemeint. Er wirke erleichtert.

Cord konnte, jedenfalls war das mein Eindruck, nicht älter oder zumindest nicht viel älter sein, als ich es war. Er wirkte sehr vorsichtig, als ob er jeden Moment erwarten würde, dass er auf ein plötzliches Ereignis reagieren müsste. Und er trug einen ähnlichen Anzug wie ich.
„Bist du auch …“, begann er, schwieg aber dann.
„… ein Testsubjekt?“, beendete ich seinen Satz, „Ja. Bin ich.“
Noch immer kniete er vor mir, nun aber setzte er sich in den Schneidersitz.
„Heißt das … du hast dich auch hier gemeldet?“, fragte er, „Als Freiwillige?“
„Ja.“
Ich nickte.
„Ist ein Scheißjob“, fügte ich hinzu. Für einen Moment konnte ich den Ansatz eines Lächelns in seinem Gesicht erkennen. Aber es schien, als habe es nicht ankommen können gegen die Angespanntheit und die Vorsicht in seinen Wesenszügen. Er wirkte irgendwie mitgenommen. Aber das verwunderte mich gar nicht. Im Gegenteil, ich verstand genau, wie er sich fühlte.
Noch immer hatte ich mich nicht vom Fleck bewegt, nachdem ich zurückgezuckt war. Nun zwang ich meine noch immer matten Beine, mir dabei zu helfen, ein wenig zu ihm zu rücken. Er wirkte zerbrechlich. Sein kurzes, braunes Haar war durcheinandergewuschelt, seine Hände zitterten leicht, selbst wenn er sie auf seine Beine legte, konnte man es erkennen. Ich wusste nicht, ob er das Zittern verbergen wollte.
„Chell, ich glaube…“, begann er leise, „Ähm … war doch ‚Chell‘, oder?“
Ich nickte.
„Gut, nur, den Namen habe ich noch nie gehört. Deswegen wollte ich nochmal fragen. Chell, ich glaube, wir sollten flüstern. Diese GLaDOS kann uns sonst hören.“
„Ich weiß“, sagte ich, „Hier sind überall Mikrofone, Kameras und Lautsprecher. Sie ist praktisch überall.“
„Wenn wir nicht wollen, dass sie uns hört“, flüsterte Cord, „sollten wir leise sein.“
„Ist das nicht egal?“, entgegnete ich, dämpfte aber ebenfalls meine Stimme, „Macht es einen Unterschied, ob sie uns hört oder nicht?“

„Naja, vielleicht nicht, aber…“, er dachte kurz nach, „… ich fühle mich irgendwie besser, wenn ich weiß, dass sie nicht alles mitbekommt.“
Ich nickte.
Wir schwiegen beide. Noch immer fühlte ich mich merkwürdig in seiner Gegenwart. Wie lange war ich schon hier unten? Wie lange hatte ich schon keinen anderen Menschen hier gesehen?
„Bist du auch hierfür … zugeteilt worden?“, fragte ich.
„Ja“, sagte er und nickte zögerlich, „Man hat mich in diese Abteilung geschickt, weil es hieß, ich hätte das Auswahltraining ganz gut gemeistert.“
„Willkommen im Club“, kommentierte ich matt.
„Und dann“, sagte Cord, „bin ich mit einem Fahrstuhl nach unten gefahren und habe in einem komischen Teil geschlafen, so eine Art Schlafbeschleuniger. Das sollte ich machen, um ausgeruht zu sein. War das bei dir auch so?“
„Ja. Genauso. Und dann bist du aufgewacht in einem gläsernen Quader oder so was, in Testkammer eins, und das mit den Portalen ging los.“
Er nickte.
„Diese Tests … erst dachte ich, die wären harmlos, aber … spätestens als es mit so Dingen wie Säurewasser oder diesen Lasern losging, da … tja, ich nehme an, du weißt, wovon ich spreche.“
Das wusste ich in der Tat.

„Wie kommt es, dass du hier … wo sind wir überhaupt?“, fragte ich. Ich blickte mich um. Der Raum war klein und karg eingerichtet, nur ein paar Steinhaufen befanden sich hier und da, wie bei einer Baustelle. Alles in allem wirkte das Zimmer wie eine Art Abstellraum, in den allerdings nur ein wenig Schutt hingeworfen worden war.
„Keine Ahnung“, entgegnete er, „Der Raum wirkt irgendwie zweckentfremdet. Als hätte man alle Einrichtung rausgeworfen und nur Bauschutt eingelagert.“
„Sieht so aus“, bestätigte ich.
„Bist du hierhergebracht worden“, fragte ich dann, „weil du die Tests geschafft hast?“
„Nein. Nein, wenn ich ehrlich bin, kann ich vielleicht sogar von Glück sprechen. Im Ernst – ich hätte keinen weiteren von diesen Tests geschafft. Eigentlich war es schon mehr als ein Wunder, dass ich überhaupt noch … naja. Als ich in die nächste Kammer gehen sollte, dachte ich schon: ‚Das war’s jetzt. Noch so eine packst du nicht‘.“
Er ließ seinen Kopf ein sinken.
„Und ich hätte vermutlich sogar recht gehabt. Aber dann hat GLaDOS irgendwas gesagt von wegen, sie müsste meine Tests für den Moment unterbrechen. Ich war gerade in so einem Gang auf dem Weg zum Aufzug, der mich zur nächsten Kammer bringen sollte. Sie sagte, ich solle warten. Und mir blieb auch gar nichts anderes übrig, weil der Aufzug nicht kam, den sie sonst immer geschickt hatte. Hinter mir waren alle Türen schon zu.“

Er zuckte mit den Schultern.
„Und dann passierte erst mal nichts mehr. Sie war auf einmal – weg, wenn man so sagen kann. Sie sprach nicht mehr mit mir. Keine Ahnung. Als hätte sie gerade etwas anderes zu tun. Und ich wartete eben die ganze Zeit. Viel mehr blieb mir auch nicht übrig.“
„Und dann?“, fragte ich.
„Irgendwann sagte sie wieder etwas. Nach vielleicht einer Stunde oder mehr, keine Ahnung. Ich weiß nicht, wie lange ich da gewartet habe. Es hat jedenfalls ewig gedauert. Dann kam auch der Aufzug. Ich erinnere mich an nicht viel mehr, aber schließlich bin ich hier aufgewacht. Ich vermute, dass sie mich irgendwie in Schlaf versetzt hat und mich dann hierher gebracht hat. So war es ja auch, als ich angekommen bin.“
„Du weißt ab dem Zeitpunkt nichts mehr?“
„Nein, nichts. Sollte mich vielleicht verängstigen, oder? Keine Ahnung. Man gewöhnt sich daran, dass merkwürdige Dinge passieren. Hab ich Recht?“
„Voll ins Schwarze“, sagte ich.
„Und dann bin ich eben hier aufgewacht. Dahinten irgendwo…“
Er deutete auf ein paar der Trümmerhaufen. Hinter denen war man von meinem aktuellen Sichtfeld abgeschirmt– und so aufmerksam, dass ich ihn vorhin dennoch bemerkt hätte, war ich anscheinend nicht gewesen. Für mich hatte es so gewirkt, als sei er einfach vor mir aufgetaucht, aus dem Nichts.

„Da bin ich wieder zu mir gekommen. Ich brauchte einen kurzen Moment, um wieder alles klarzukriegen. Und dann hab‘ ich jemanden weinen gehört.“
Ich wurde rot und wich seinem Blick aus.
„Du brauchst dich nicht schämen“, sagte er, „Was war denn? Oder einfach – alles hier?“
„Eher alles“, antwortete ich, „Das trifft es ganz gut.“
Cord stand vorsichtig auf.
„Puh, so langsam geht es wieder. Ich habe schon nach dem ersten, sagen wir mal, ‚eingeflößten‘ Schlaf eine Weile gebraucht, bis ich überhaupt wieder laufen konnte, ohne zu wanken.“
Auch jetzt stand er noch ein wenig unsicher auf den Beinen. Ich versuchte, mich ebenfalls aufzurichten, doch bei mir klappte es noch nicht so recht, beinahe, als ob der Schlaf noch in meinen Beinen steckte und sich nicht sicher war, ob er diese jetzt schon verlassen wollte.
Cord reichte mir seine Hand.
„Versuchen wir’s!“, sagte ich und ergriff sie. Mit seiner Hilfe kam ich tatsächlich unfallfrei nach oben.

Ich sah mich noch einmal in dem Raum um, aber natürlich gab er auch beim zweiten Blick kein viel hübscheres Bild ab. Hier drin gab es nichts, von den Steinhaufen abgesehen. Die Tür am anderen Ende vermittelte den Eindruck von kompromissloser Abgeschlossenheit. Es gab keine Fenster, die Wände waren grau und schmucklos.
„Das ist quasi ein Knast“, stellte ich fest.
„Ja. Scheint so.“

„Wie ich sehe, haben Sie sich bereits erfolgreich kennengelernt.“
Cord erschreckte sich vor GLaDOS‘ Stimme, versuchte aber, es sich nicht anmerken zu lassen. Ich schien bereits abgestumpft genug zu sein, sodass mir ihre plötzlichen Kommentare nichts mehr ausmachten.
„Das ist erfreulich, denn so muss ich nicht in die Situation eingreifen.“
Ich überlegte kurz, ob ich ihr etwas mitteilen wollte, entschied mich aber dagegen. Und es gab auch nichts, was ich sie fragen wollte. Auch wenn möglicherweise interessant gewesen wäre, wo wir uns befanden. Obwohl, andererseits – wen kümmerte es, wo wir uns befanden? Irgendwo in den schier unendlichen Weiten von Aperture. Und das juckte niemanden. Niemanden außerhalb dieses Raumes.

Auch Cord stellte keine Frage. Sein Gesicht war etwas blasser geworden. Er schien zu hoffen, dass sie möglichst bald wieder verstummte.
„Sie sollten sich ausruhen. 152-13, Sie sollten noch von der Spezialnahrung gesättigt sein. 152-14, verspüren Sie übergroßen Hunger?“
„Ähm, ich …“
Ich nickte ihm vorsichtig zu.
„Ja, ja, habe ich.“
„In Ordnung. Begeben Sie sich zur Tür.“
Er tat, wie ihm geheißen. Ich folgte ihm. An der Tür angekommen sah ich, wie sich eine kleine Klappe am unteren Ende des Stahls öffnete. Hindurchgeschoben wurde ein schmales Tablett mit dem seltsamen lila Pulver, das ich bereits probieren durfte, und zwei Gläsern, deren Inhalt ich mal als Leitungswasser einstufte.
Dann schloss die Klappe sich wieder.
„Testsubjekt 152-13, ich hatte mit Ihnen bereits das Vergnügen, über die Vorzüge von Maschinen gegenüber Menschen zu sprechen. Ich möchte dem etwas hinzufügen, was ich normalerweise als ausschließlichen Nachteil erwähnt hätte. Wissen Sie, Menschen machen Ausnahmen. Maschinen nicht. Üblicherweise bedeuten Ausnahmen Fehleranfälligkeit. Aktuell profitieren Sie allerdings von einer Besonderheit.
Dieses ehemalige Büro, in dem Sie stehen, weist so eine Besonderheit auf. Diese Klappe war tatsächlich einmal das, wonach sie aussieht. Eine Katzenklappe. Eine Mitarbeiterin wollte ihre Katze gerne mit auf die Station nehmen und nur dafür wurde diese Tür angefertigt. Hätten Sie das gedacht? Keine Frage, dass diese Klappe den Raum, in dem Sie sich befinden, geradezu prädestiniert für Ihren Aufenthalt.“
Ich nickte. Mehr, um sie zum Schweigen zu bringen, als zur Bestätigung meiner Aufmerksamkeit.
„Ruhen Sie sich aus. Sie werden es nötig haben. Zu Ihrer Information: Das Licht in Ihrer Kammer kann ich leider nicht ausschalten, selbst, wenn ich es wollte. Es ist nicht mit mir verbunden. Ich hoffe, das bringt keine größeren Schwierigkeiten für eine Ruhepause mit sich.“

Dann war es wieder still.
Cord wirkte noch immer angespannt und bewegte sich nicht von der Stelle.
„Hey, alles gut“, sagte ich, um ihn aus seiner Unsicherheit herauszuholen, und nickte dann in die Mitte des Raumes.
Er folgte mir. Ich setzte mich wieder auf den Boden, an die Stelle, an der ich aufgewacht war. Cord setzte sich vor mich. Langsam kehrte Farbe in sein Gesicht zurück.
„Du hast Angst vor ihr, oder?“, fragte ich und im selben Moment dachte ich mir: Wie blöd diese Frage eigentlich war! Erstens: Was erwartete ich? Und zweitens: Ich doch auch, oder?

Cord antwortete durch Nicken auf meine Frage und begann wieder zu flüstern, noch deutlich leiser als vorhin:
„Weißt du, ich dachte in den letzten Testkammern: Das war’s. Ende. Und dann war ich plötzlich hier. Und sie sagt, wir sollen uns ausruhen … Ich … ich glaube, dann gehen die Tests weiter, dann muss ich weitere solche Sachen machen, ich weiß …“
Er redete schneller, überholte sich fast selbst beim Sprechen.
„Es tut mir leid, ja … ich will jetzt auch nicht rumheulen … aber ich hab‘ echt Angst! Wenn ich die Tests weiter machen soll, dann … dann bin ich tot! Das überlebe ich nicht, ich kann das nicht! Ich … ich hatte schon ganz oft nur Glück, dass ich nicht irgendwo runtergefallen bin oder was weiß ich was …“
„Hey“, sagte ich, „Ich versteh‘ das. Du brauchst dich nicht entschuldigen. Ich hab‘ auch Angst. Wenn man darüber redet, dass man Angst hat, dann wird es schon ein bisschen besser. Klingt blöd, stimmt aber wirklich.“

Seine Augen waren gerötet. Er schwieg, aber ich hatte den Eindruck, dass ihm etwas auf der Seele lag.
„Wir sitzen im gleichen Boot, ja? Wir sind jetzt quasi ein Team. In Ordnung?“
„Ja … ja, in Ordnung.“
„Und wir kriegen auch alles wieder hin. Es wird alles wieder gut.“
Manchmal halfen die einfachsten Worte, auch wenn es nur Floskeln waren.
Er nickte zögerlich.
Dann fragte er:
„Bist du … schon länger hier unten … gefangen?“
„Ich habe kein Zeitgefühl mehr“, antwortete ich, „Aber vielleicht … ein paar Tage? Keine Ahnung. Wirklich.“
Er nickte wieder.
„Ich … ach, tut mir leid, wenn ich hier so … wenn ich …“, begann er und senkte den Kopf.
„Hey, hör mal: Wenn ich heule, darfst du das ja wohl auch!“, sagte ich.
Er blickte mir ins Gesicht und ich bekam den Eindruck, er würde gerne schmunzeln, zumindest kurz, für diesen Moment, und zumindest ansatzweise. Die Tränen auf seinen Wangen zeigten allerdings, wie er sich wirklich fühlte.
 
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