Another Love (Arbeitstitel)

GeschichteDrama, Romanze / P16
06.01.2019
11.02.2019
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Kapitel  5

„Den Schmerz vertraut man nur dem Freund, das Glück teilt man mit jedem.“
(Otto Ludwig)

Seine Haare waren noch etwas feucht und hingen deshalb um so strähniger in seinem Gesicht. Er hatte natürlich nicht auf sie gehört, war nicht liegen geblieben, aber nachdem sie ihn endlich soweit hatte, dass er frühstückte und einwilligte mit ihr spazieren zu gehen, sagte sie nichts weiter dazu.
Gemeinsam gingen sie über das Schlossgelände, am See entlang, durch ein kleines Waldstück. Der Himmel war noch immer grau, wolkenverhangen, aber es regnete nicht. Schweigend gingen sie nebeneinander her. Es war kühl und die Luft roch nach nasser Erde und Laub.
„Ich verstehe es nicht.“, durchbrach ihre zarte Stimme die Stille um sie herum. Ihr Blick war starr auf die Erde gerichtet. „Was verstehen Sie nicht?“ „Was um alles in der Welt Sie dazu bringen konnte, etwas derartiges zu tun.“ Zögerlich sah sie ihn von der Seite her an. „Was? Alkohol trinken? Ich bin erwachsen. Da darf man ab und zu ein Gläschen genießen.“ Er sagte es dahin, als wäre es nichts, als wäre überhaupt nichts weiter geschehen. Ihr Blick richtete sich wieder auf den Weg vor ihnen. „Das war weder nur ein Gläschen noch hatte das etwas mit Genuss zu tun. Das wissen wir beide.“
Erneut breitete sich die Stille zwischen ihnen aus, nur unterbrochen von dem Rascheln des Laubes unter ihren Füßen und dem leisen Gezwitscher der Vögel. Der Wind rüttelte an den Ästen und Zweigen und riss die letzten verbliebenen Blätter zu Boden.
„Wieso sind Sie überhaupt in meine Räume gegangen?“, fragte er und ein beinahe herausfordernder Unterton lag in seiner dunklen Stimme. „Ihre Schüler haben sich Sorgen gemacht, weil Sie nicht zum Unterricht erschienen sind.“  „Und das gab Ihnen das Recht, einfach in meine Räume zu kommen?“ Es war, als hätte die Erde einen Moment gebebt. Erschüttert und entsetzt blieb sie stehen, den Mund ungläubig, leicht geöffnet. „Nein!“, ihre Stimme zitterte beinahe, „Aber Ihr schlechtes Passwort, das Sie mir mit Ihrem Whiskeyatem entgegen genuschelt haben schon.“ Er drehte sich zu ihr um. Sein Gesicht verriet kaum eine Rührung. „Wenn es so schlecht war, wieso sind Sie dann nicht selbst darauf gekommen?“ Ihre Augen verengten sich zu Schlitzen. Das konnte er doch jetzt unmöglich ernst meinen. „Ist schon in Ordnung. Nächstes Mal lasse ich Sie einfach so liegen.“ Sie war hoch angespannt. Ihre ganze Körperhaltung verriet ihre Wut, ihre hochgezogenen Schultern, der leicht nach vorne geneigte Kopf und nicht zuletzt auch die geballten Hände. Wie konnte jemand nur so undankbar sein?
Sich auf dem Absatz umdrehend, wollte sie gerade zum Schloss zurück gehen, doch seine Hand auf ihrer Schulter hielt sie zurück. „Entschuldigung. Und danke… dass sie mir geholfen haben.“ Die Überwindung, die ihn das kostete, war ihm förmlich anzusehen. Aufmerksam und mit zusammengezogenen Augenbrauen musterte sie sein Gesicht. „Schon gut.“, antwortete sie und nach einer kurzen Pause, „Werden Sie mir also erzählen, warum Sie das getan haben?“ „Nein.“ Die Antwort war schlicht und klar. Es gab nichts weiter hinzuzufügen.
Sie seufzte, ließ sich allerdings darauf ein, weiter mit ihm am See entlang zu gehen. Ihr Blick glitt wieder zu Boden. Mit nachdenklichen Blick betrachtete sie das bunte Wirrwarr aus Blättern und Zweigen zu ihren Füßen. Er hielt sich stets ein, zwei Schritte hinter ihr. Sein Blick glitt immer wieder über ihre zarte Gestalt, die hochgesteckten blonden Haare, den dünnen Hals, die schmale, von einem hellblauen Umhang umhüllte Figur, ihr portraitgleiches Profil.
Kaum merklich schreckte er zusammen, als sie sich ihm plötzlich wieder zu wand. „Wie kommt es eigentlich, dass Sie in Ihrem zarten Alter von…was?“ „Vierundzwanzig.“, beantwortete er ihre Frage. „Von vierundzwanzig Jahren schon unterrichten? Ich hielt mich schon für arg jung zum lehren.“ „Eigentlich habe ich mit einundzwanzig angefangen.“ Ein verwunderter Blick glitt zu ihm hinüber. „Einundzwanzig?“ Er zog eine Augenbraue hoch. „Warum so überrascht?“ „Naja. Ich dachte eigentlich, dass Dumbledore so junge Lehrer gar nicht einstellt. Zumindest erzählt man sich das.“ „Und Sie glauben Gerüchten, die sich irgendwelche Leute erzählen!?“ Wieso musste er immer gleich so abwertend werden? Sie zwang sich tief durchzuatmen. „Und Sie haben an allem und jedem was zu kritisieren.“, erwiderte sie. „Dafür bin ich, könnte man sagen, bekannt.“ Sie konnte sich den Sarkasmus nicht verkneifen: „Offensichtlich. Deswegen haben Sie wahrscheinlich auch so viele Freunde.“ „Natürlich. Ich habe kaum Zeit sie alle zu besuchen.“ Fast musste sie lachen.
„Sie glauben mir also nicht?“, fragte er und seine dunklen Augen fixierten ihre. „Spielt das für sie eine Rolle?“ Sie hielt dem Blick stand. Strahlendes Blau traf auf kühles Schwarz. Keiner von beiden war gewillt zuerst nach zu geben und den Augenkontakt zu unterbrechen. „Warum glauben Sie mir nicht?“ „So wie Sie sich mir gegenüber zeigen, kann ich mir einfach nicht vorstellen, dass Sie jemals jemandem nahe genug kommen, um ihn Freund nennen zu können. So kalt und unnahbar wie Sie sich geben…“, entgegnete sie, doch ihre Stimme war weich, weder vorwurfsvoll noch zynisch.
Er hob eine Augenbraue. „Ich zeige mich eben so, wie ich es für richtig halte.“ „Also halten Sie es für richtig, unnahbar und abweisend zu sein, selbst wenn jemand Ihnen freundlich eine Hand zu reichen versucht?“ „Manchmal ist es besser so, klüger keine Nähe entstehen zu lassen.“ Seufzend wand sie sich ab und ging mit langsamen Schritten weiter durch das raschelnd Laub. Er hielt mit ihr Schritt.
„Ich bin eben kein freundlicher Mensch.“, bemerkte er. „Das ist offensichtlich. Was ich nicht verstehe ist, wieso Sie so sind.“ Sie kamen auf einer kleinen Landzunge direkt am Wasser zum stehen.
Die seichten Wellen, die der Wind auf dessen Oberfläche hinterließ, wirkten dunkel und trüb. Kein Licht spiegelte sich auf ihnen. „Ich habe nun mal meine Gründe.“ Seine Stimme war so dunkel wie der See. „Und diese wollen Sie nicht mit der Frau teilen, die Ihnen einfach so geholfen hat, ganz ohne einen Grund dafür zu brauchen.“
Auch wenn sie es nicht zugeben wollte, versetzte ihr sein Verhalten einen leichten Stich. Er betrachtete sie verstohlen von der Seite aus, besah sich ihre weichen Gesichtszüge und die sanften, gen Boden gerichteten Augen. Kurz darauf ertrug er das gedrückte Schweigen nicht mehr: „Warum wollten Sie eigentlich Professorin werden?“ Ihr Mund öffnete sich leicht, vor Überraschung. „Ich…ähm…ich dachte, es wäre…eine…ähm…gute Aufgabe.“ „Stottern Sie immer so viel? Vorhin haben Sie es doch auch geschafft, mich in einem ganzen Satz anzumaulen, weil ich getrunken habe.“ „Ich habe Sie nicht angemault!“, versuchte sie sich zu verteidigen. Mit leichtem Schwung, bei dem sich eine Strähne aus ihrer Spange löste, drehte sie sich zu ihm um. „Seltsam. Mir kam es ganz so vor.“ „Dann sind Sie ziemlich empfindlich, dafür wie Sie selbst austeilen!“ Zur Antwort rollte er mit den Augen.
„Also, zurück zu meiner Frage…“, beschloss er auffordernd und betrachtete sie aufmerksam. „Nun ja, ich war Aurorin, wie Sie wissen und es gab einen…naja…unschönen…Zwischenfall.“, ihre Worte wurden langsamer und ihr Blick etwas starr, „Ich konnte das einfach nicht mehr und dann hatte ich das Glück, dass Dumbledore sich an mich wand. Er hatte von dem Vorfall gehört und bot mir diesen Job an.“ Sein Blick, der auf ihr ruhte, wurde nachdenklich.
„Was ist passiert, dass Sie aufgehört haben?“ Plötzlich bemerkte er, wie ihr Blick immer mehr ins Leere abdriftete. Als würde sie durch ihn hindurch starren, stand sie da, reglos und bleich. Er versuchte sie anzusprechen, doch sie reagierte nicht. Er legte die Hände auf ihre Schultern und schüttelte sie leicht. „Laura!“ Wie durch einen Schleier hindurch, sah sie seine Gestalt vor sich, verwischt und verschwommen, hörte ihren Namen, als käme seine Stimme von ganz weit weg. Sie begann zu blinzeln, als er eine Hand an ihre Wange legte. Die Kühle seiner Finger schien ihr den Weg ins hier und jetzt zurück zu weisen. Sie schüttelte leicht den Kopf, als sie wieder zu sich kam.
„Alles okay?“, erkundigte er sich und zog schnell die Hand weg, als er seine Finger über ihre Haut streichen spürte, von sich selbst und seiner Besorgnis überrascht. Sie nickte und verschränkte schützend die Arme vor der Brust, als sie ihm den Rücken zuwand. „Tut mir leid, wenn meine Nachfrage Ihnen Kummer verursacht.“ „Schon in Ordnung.“, entgegnete sie.
Er atmete tief durch und wusste, schon bevor er die nächsten Worte ausgesprochen hatte, dass er sich für dieses Geständnis später verfluchen würde: „Ich habe mich betrunken, weil eine Freundin von mir an Halloween gestorben ist.“ Laura drehte sich ein Stück zu ihm um. „Das tut mir leid. Ist es schon länger her?“ Er stellte sich neben sie. „Drei Jahre.“ Sie nickte verstehend und blickte zu ihm hoch, doch er blickte nicht zurück.
„Ich weiß, wenn so etwas geschieht, sagen immer alle, sie wüssten wie das ist und man glaubt keinem von ihnen.“, begann sie, „Doch ich weiß es leider wirklich. Ich kenne die Leere und die alles verzehrende Dunkelheit, die so ein Verlust hinterlässt. Und man glaubt, dass der Schmerz niemals vergehen wird, egal was man tut.“ „Diese Worte haben Sie ja hervorragend einstudiert.“, spottete er. „Wenn es nur so wäre. Ob Sie es glauben oder nicht, Sie sind nicht der einzige Mensch, der Verlust erlebt hat.“ „Das wollte ich damit nicht sagen!“ „Was dann?“, rief sie und stellte sich vor ihn, zwang ihn sie anzusehen, „Was, Severus?“ „Denke Sie, dass diese Floskeln, woher auch immer Sie die haben, Ihnen helfen? Oder mir? Oder irgendjemandem?“
Sie funkelte ihn finster an. „Denken Sie, dass der Alkohol Ihnen helfen wird? Denken Sie, dass ist es, was Ihre Freundin wollte? Dass Sie anstatt angemessen zu trauern so etwas tun?“ Er öffnete den Mund. Seine Atmung ging flach und seine Augen waren zu Schlitzen verengt. „Meine Empfehlung wäre, anstatt sich zurück zu ziehen und den unnahbaren Einsiedler zu spielen, sollten Sie den Menschen endlich entgegen kommen. Und wenn Sie auch irgendwann so weit sein wollen, dass Sie den Rest Schmerz der Sie noch quälen mag, mit Floskeln überbrücken können, möchte ich Ihnen folgendes mitgeben: Schmerz wird kleiner, wenn man ihn teilt. Das ist der Weg der zur Heilung führt!“
Sie wollte gehen, doch er packte sie grob am Unterarm, drehte sie zu sich. „Wehe Sie sagen es weiter!“, knurrte er bedrohlich, „Ich allein entscheide, wer es wissen soll. Wenn Sie es jemandem erzählen, werden Sie es bereuen!“ „Zunächst mal können Sie sich das sparen! Egal was Sie sagen, ich fürchte Sie nicht und werde auch nicht damit anfangen! Zum anderen würde ich niemals über etwas tratschen, was mir jemand anderes anvertraut hat!“, fauchte sie und entwand ihm ihren Arm. „Etwas töricht nicht!? Jeder hat Angst vor mir…zurecht!“, zischte er leicht. „Das sehe ich anders. Ich vertraue genug auf meine Fähigkeiten, um vor Ihnen nicht angstvoll zu erzittern. Zudem glaube ich, dass Sie hier Angst und Respekt miteinander verwechseln.“ Ihr Stimme war immer noch von Wut durchzogen, wenn auch der Zorn langsam aus ihr schwand. „Ich verwechsle sie nicht, aber es ist mir egal, ob es das eine oder das andere ist.“ „Das sollte es nicht.“  
Nur Zentimeter trennten die Beiden voneinander. „Und warum nicht? Denken Sie wirklich, dass es mir, nur weil ich mit Ihnen reden, plötzlich besser geht? Dass all meine Probleme vergangen sind?“ Sie blickte in die Schwärze seiner Augen, die ihr unendlich tief vorkam. „Das denke ich nicht und habe es auch nie behauptet. Ich denke nur, dass Sie ihren Horizont etwas erweitern und Ihren Mitmenschen etwas vorurteilsfreier begegnen sollten.“ Sie versuchte, ihre Stimme so vorwurfsfrei wie möglich klingen zu lassen, kontrollierte sich, wenn es ihr auch schwer fiel. Wenn Sie es auch nicht ganz verstand, schaffte dieser Mensch es immer wieder, die empfindlichsten Punkte in ihr aufzuspüren und zu treffen.
„Ich denke, ich sollte ins Schloss zurück gehen.“ „Wie Sie möchten.“, entgegnete er und sah ihr nach, als sie sich umdrehte und den Weg zurück ging, den sie gemeinsam gekommen waren, ihren hellblauen Umhang hinter sich her wehend.
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