Wir zwei

von Tasha
GeschichteDrama, Romanze / P16 Slash
Paul Richter
06.01.2019
05.02.2020
15
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Überraschung


Genüsslich streckte Paul sich, als er mit Cem nach dem Schreiben ihres letzten Einsatzberichtes den Aufenthaltsraum der Dienststelle betrat.
„Das ist ein Abend, wie ich ihn liebe.“
„Samstagabend?“, fragte Robin etwas verständnislos, denn das bedeutete eigentlich eine Masse an Einsätzen für die Streifenbeamten.
„Nee, Feierabend.“
Grinsend zwinkerte Paul seinem Polizeikommissarkollegen zu, während Lara daneben leicht die Augen verdrehte.
„Danke, Paul! Dein Mitleid für uns Nachtschichtler ist ja überwältigend.“
„Hey, ich weiß, dass ihr gut seid, ihr schafft das schon!“
„Das ist gut zu wissen“, bemerkte Klaus, der nun hinter Cem in den Raum trat. „Aber Paul: In Zukunft darf ich um korrekte Uniform bitten, klar?“
„Wieso?“
Verwirrt prüfte der Polizeikommissar, ob er sich unbemerkt irgendwo die Jacke zerrissen hatte oder so, konnte aber nichts weiter feststellen. Ein kurzer Pfiff von Klaus ließ ihn aufsehen – und das gerade noch rechtzeitig, um ein kleines Schächtelchen zu fangen, das der Polizeihauptkommissar ihm zuwarf.
„Was...“
Doch der Blick hinein verschlug tatsächlich sogar Paul mal die Sprache: neue Schulterklappen – mit zwei Sternen.
„Ist das... meinst du... echt jetzt?“
Neben Klaus konnten sich auch Ingrid und Micha das amüsierte Grinsen über Pauls positive Fassungslosigkeit nicht verkneifen, während Cem einen neugierigen Blick über die Schulter seines besten Freundes warf.
„Leute, gute Nachricht: Wir kriegen keinen neuen POK von außen. Schlechte Nachricht: Jetzt hat Paul einen gewissen Teil Kommandogewalt.“
„Und?“
André zuckte leicht mit den Schultern.
„Als ob er die nicht schon vorher an den Tag gelegt hat.“
Doch der – bald – neue Polizeioberkommissar schaute immer noch verwirrt zu Klaus.
„Ich... Chef, versteh' mich nicht falsch, ich freu' mich, aber... die Zeit dazu ist doch noch gar nicht komplett rum.“
Denn normalerweise sollte eine gewisse Zeitspanne in einem Dienstgrad ins Land gehen, bevor eine Beförderung anstand.
„Das stimmt“, bestätigte Ingrid anstelle des Dienstgruppenleiters. „Allerdings ist das ja nicht das einzige Kriterium, nach dem gegangen wird.“
Sie musste es nicht aussprechen, denn allen im Raum war es bekannt: Neben dem Zeitraum in einem Dienstgrad hing eine Beförderung auch von den Bewertungen der Vorgesetzten ab – und die schienen für Paul sehr gut ausgefallen zu sein.
„Ich... also... ich weiß echt nicht, was ich sagen soll.“
„Marc!“, kam es gleich von Micha zum an der gegenüberliegenden Wand stehenden Kollegen. „Mach' ein rotes Kreuz in den Kalender! Das müssen wir uns merken!“
Paul zog eine leichte Grimasse, während die anderen in Lachen ausbrachen. Schließlich stimmte es: Paul sprachlos kam nicht allzu häufig vor.
„Naja, du hast ja noch etwas Zeit, dir zu überlegen, wie du es ausdrückst“, bemerkte Lara, „bevor du zu Hause bist.“
Grinsend zwinkerte Paul ihr zu, verabschiedete sich nun endgültig in den Feierabend und ging sich umziehen, um nach Hause zu fahren.

„Alex?“
„Küche!“
Paul nickte leicht, während er sich die Schuhe auszog – auch wenn das Nicken eigentlich sinnfrei war, denn es sah ja sowieso keiner.
Ein leichtes Lächeln umspielte die Lippen des Polizeibeamten, als er kurz darauf in die Küche trat und Alex eifrig beschäftigt am Herd vorfand.
„Jetzt weiß ich endlich, warum die Frauen alle Männer wollen, die kochen können“, stellte Paul fest, während er hinter seinen Freund trat und die Arme um dessen Taille schlang. „Es geht gar nicht um das Kochen. Es geht darum, wie sexy ein Mann am Herd wirkt.“
Alex lachte leicht, während Paul ihn kurz im Nacken küsste. Sie waren jetzt fast 2 Jahre zusammen und hatten sich mehr als nur gut aufeinander eingespielt.
„Na, wenn du das sagst, will ich dir da nicht widersprechen. Ich hoffe nur, das Ergebnis dieser Aktion findet deine Zustimmung.“
„Och, ich finde, das sieht sehr verführerisch aus.“
„Das freut mich.“
„Und ich bin sicher, das Essen ist auch nicht schlecht.“
Wieder musste Alex über diese wunderbar herzliche Äußerung, wie Paul sie an sich hatte, lachen.
„Du bist wohl heute wirklich sagenhaft guter Stimmung, hm? Da muss ich ja aufpassen, dass du mir nicht übermütig wirst, was?“
„Wieso?“, fragte Paul deutlich scheinheilig.
„Ich denke, das weißt du sehr genau. Aber ich brauch' hier noch ein bisschen, also geh' ruhig schon mal duschen.“
„Auch eine Art zu sagen: Schatz, du stinkst.“
Wobei Paul natürlich wusste, dass Alex damit auf das nachdienstliche Ritual seines Freundes anspielte.
„Ganz im Gegenteil!“, versicherte Alex, während er sich zu Paul umdrehte. „Aber im Schweiß sind Pheromone enthalten. Ich will nur verhindern, dass die ganze Mühe umsonst war und ich hier an Ort und Stelle schon über dich herfalle.“
„Sehr witzig!“
Doch auch Paul konnte sich das Lachen nicht verkneifen, küsste seinen Freund nochmal und machte sich dann tatsächlich auf ins Bad. Zwar liebten und genossen sie beide ihre Zeit zusammen – natürlich auch speziell ihre intime Zeit miteinander – aber sie waren sich doch auch einig darüber, dass eine schnelle Nummer auf der Küchenarbeitsfläche nicht so unbedingt ihr Fall war.

Selbst unter der Dusche wurde Paul das Grinsen nicht wieder los. Er war in der Tat sagenhaft guter Stimmung und sah auch keinen Grund, warum er das nicht sein sollte: Alex hatte nach dem Strafprozess wegen gefährlicher Körperverletzung und versuchten Totschlags gegen Ingo Hohlfeld tatsächlich sowohl eine recht hohe Summe seitens seines ehemaligen Arbeitgebers Dr. Erich Renner erhalten als auch einen neuen Job in der Kanzlei Staab und Kollegen – die ihn in seinem arbeitsrechtlichen Verfahren vertreten hatten – bekommen und fühlte sich da mehr als wohl. Trotzdem hatte der Rechtsanwalt danach direkt eine Rechtsschutzversicherung abgeschlossen. Vorsicht war besser als Nachsicht, wie der Vorfall gelehrt hatte. Außerdem lebten sie ihre Beziehung jetzt auch um einiges freier, da Pauls Kollegen – selbst die, die anfangs Schwierigkeiten mit neuen Situation gehabt hatten – offen und locker damit umgingen, dass ihr Kollege mit einem Mann zusammenlebte, und auch der Kontakt zur Großmutter und den Schwestern des Polizeibeamten sich intensiviert hatte. Speziell über das mittlerweile herzliche Verhältnis von Marie zu Alex war Paul extrem froh. Er hatte sich in der Zeit nach dem Prozess noch einige Male mit seiner 3 Jahre jüngeren Schwester getroffen und sie hatten über viel gesprochen.
‚Was absolut überfällig war.‘
Das wusste Paul genau, auch wenn er sich trotzdem noch gut erinnern konnte, welche Angst er davor gehabt hatte – speziell davor, keine richtigen Antworten auf Maries Fragen zu haben.
‚Die es in manchen Dingen vielleicht auch gar nicht gibt.‘
Und das hatte Marie zum Glück auch sehr schnell verstanden: Dass es einfach eine Gefühlssache gewesen war, die man manchmal leider nicht logisch-sachlich erklären konnte.
Im neuen Büro von Alex war dessen Beziehung zu Paul ebenfalls bekannt. Dr. Winkler hatte Paul ja schon persönlich kennen gelernt und um nicht wieder in irgendeine schwierige Situation zu geraten, hatte Alex beim Gespräch mit dem Personalchef diesbezüglich auch mit offenen Karten gespielt – was damals wie heute kein Problem darstellte.
Insgesamt konnte man sagen, dass sie beide in einem entspannten Umfeld lebten, was man ihnen – verglichen mit der Zeit der Geheimhaltung ihrer Beziehung – deutlich anmerkte. Zumindest hatten das ein paar Kolleginnen von Paul behauptet.
Dr. Renner, Alex' ehemaliger Chef, war nicht wegen Anstiftung von Ingo Hohlfeld zu dessen Taten gegen Alex angeklagt worden – auch wenn sich sowohl Paul als auch Alex sicher waren, dass der verschlagene Jurist da seine Finger im Spiel gehabt hatte. Die reine Aussage des verurteilten Haupttäters hatte jedoch für eine Anklageerhebung nicht ausgereicht. Paul hatte damals schon ein bisschen Sorge gehabt, dass das Alex wieder hart treffen könnte, doch dieser hatte ihn da beruhigen können.
„Er mag nicht angeklagt worden sein, aber allein durch das Ermittlungsverfahren und die öffentliche Bloßstellung am Ende des Prozesses hat sein Ruf ziemlich gelitten. Das ist mehr Strafe, als ein Gericht ihm hätte aufbürden können. Und am wichtigsten: Er hat es nicht geschafft einen Keil zwischen uns beide zu treiben – das ist am Ende alles, worum es geht.“

Entsprechend entspannt trat Paul wieder aus dem Bad – und staunte nicht schlecht, als er vom Wohnzimmer aus freien Blick auf ihren Esstisch hatte. Alex hatte sich wieder einmal selbst übertroffen – auch wenn Paul sich natürlich durchaus schnell daran zu gewöhnen gewusst hatte, dass sein Freund sich in ihren nun gemeinsamen Haushalt einbrachte.
Auch wenn es zu Anfang nur eine Notlösung gewesen war, weil Alex seine Wohnung hatte aufgeben müssen und nach seinem Krankenhausaufenthalt auch teilweise auf Hilfe angewiesen gewesen war, war es doch letztlich dabei geblieben, dass die beiden in einer gemeinsamen Wohnung lebten. Offiziell – laut Mietvertrag – war es zwar immer noch Pauls Wohnung, aber sie hatten Alex' Einzug beim Vermieter gemeldet und da die Wohnung grundsätzlich von der Größe für ein Paar geeignet war, bestand da auch kein Problem. Und dass Alex eine gewisse Ordnung mitgebracht hatte und von Zeit zu Zeit mit seinen nicht gerade minimalen Kochkünsten zu beeindrucken wusste, war nun auch nichts, was negativ zu Buche schlug.
„Perfektes Timing!“, kommentierte Alex, während er zuletzt noch die Gläser auf den Tisch stellte. „Ich bin gerade fertig.“
„Das sehe ich.“
Denn zu übersehen war der Tisch nicht, der viele Restaurantleiter hätte erblassen lassen.
„Da du ja morgen keine Frühschicht hast...“
Mit einem Nicken wies Alex in Richtung Küche, wo Pauls Dienstplan in alter Manier mit Magneten am Kühlschrank befestigt war.
„...hatte ich auch die Hoffnung, dass ich dich zu einem Glas Wein verführen kann. Ist ein Roter, aus Südafrika und ich dachte mir, Fruchtbouquet von Waldfrüchten und reifen Pflaumen klingt durchaus nach etwas, was man mal probieren kann.“
„Klingt es“, gab Paul nickend zu, während schon wieder dieses für ihn typische Lächeln seine Mundwinkel umspielte. „Andererseits ist das eigentlich auch fast zweitrangig: Als ob ich dir was abschlagen könnte.“
Das hätte man jetzt als flapsig aufgreifen können, aber nach der – durchaus intensiven – Zeit ihrer Beziehung wusste Alex, wie er solche Sprüche von seinem Freund zu nehmen hatte und schenkte ihnen beiden ein.
„Dann setz' dich, ich bin sofort da.“
Wobei Alex Paul keine Zeit für eine Reaktion ließ, da er schon wieder in der Küche verschwunden war – weshalb der Polizeioberkommissar sich auch tatsächlich hinsetzte. Dabei nutzte er die kurze Abwesenheit seines Freundes, um sich den Tisch noch einmal genau anzusehen: Neben dem noch dampfenden Brot, das in einem kleinen Korb auf dem Tisch stand, und dem Wein hatte Alex bereits jeweils einen Salatteller für jeden von ihnen hingestellt, der – der Position nach zu urteilen – mehr als Beilage als als Vorspeise gedacht war. Es war ein Grüner mit Orangenscheiben und Weintrauben, was Paul tatsächlich neugierig machte. Insgesamt hatte Alex sowieso zu einem leichten Lebenswandel von Paul beigetragen. Nicht dass der Rechtsanwalt seinen Freund zu irgendwas gezwungen hätte, aber da er die Zeit hatte, auch bei Nacht- oder Frühschichten von Paul etwas Leichtes vorzubereiten, was sich der Polizeibeamte dann nur aufwärmen oder aus dem Kühlschrank holen musste, ernährte dieser sich durchaus ausgewogener als früher. Außerdem ging Alex – als Ausgleich zum Bürojob – möglichst regelmäßig joggen, woran Paul sich anschloss, wenn es der Schichtplan ermöglichte. Das Resultat hatte er vor einigen Wochen mal an einem Abend, den er mit Kollegen und ein paar Freunden vom Rettungsdienst verbracht hatte, von Notärztin Julia Mertens gehört:
„Ganz ehrlich, Paul, ich muss zugeben: Ich hab dich – glaube ich – noch nie so gut in Form gesehen.“
Was natürlich etwas war, was Mann wie Frau nicht ungern hörte.

„So, da bin ich wieder!“
Alex' Stimme holte Paul aus seinen Gedanken und ließ ihn aufsehen – und wiederum nicht schlecht staunen.
„Sag mal, warst du den halben Tag in der Küche?“, entfuhr es ihm deshalb, als sein Freund erst vor ihm und dann vor sich selbst einen erneut restaurantverdächtig angerichteten Teller abstellte.
„Ach nein, so intensiv war das nicht!“, versicherte Alex, wobei Paul wusste, dass sein Freund – auch aus beruflicher Gewöhnung – Dinge harmloser darstellen konnte als sie waren und das wahrscheinlich auch gesagt hätte, wenn er die Küche seit Pauls Aufbruch zur Schicht nicht verlassen hätte. „Das ist Schweinefilet gefüllt mit Mandeln und Äpfeln. Reis passt dazu ganz gut, dachte ich, und das hier ist ein Orangen-Brunnenkresse-Salat. Ich hab es selber noch nie gemacht, aber ich hoffe, es schmeckt.“
„Daran hab ich eigentlich keinen Zweifel.“
Denn es klang schon unschlagbar gut.
„Auch wenn ich immer mehr das Gefühl bekomme, ich hätte irgendwas vergessen.“
„Und das wäre?“, fragte Alex und sah amüsiert in das leicht nachdenkliche Gesicht seines Freundes.
„Ich weiß es nicht.“
Paul zuckte etwas hilflos lächelnd mit den Schultern.
„Ich meine, ich will um Gottes Willen nicht sagen, dass du nie kochen würdest, aber wenn du dich so übertriffst wie heute, hat das generell einen Grund – und der fällt mir nicht ein. Du hast nicht Geburtstag...“
Denn der war im Mai.
„...und ich hab nicht Geburtstag.“
Den hatten sie nämlich mit einigen Freunden erst vor zwei Wochen gefeiert.
„Heute ist auch weder der Jahrestag unseres Kennenlernens, Zusammenkommens oder deines Einzuges...“
Auch wenn sie beide keinen besonderen Wert darauf legten, diese Tage zu feiern, konnte Paul sie doch anhand der ungefähren Zeiträume ausschließen.
„...und von dem einzigen Feiergrund, der mir jetzt einfallen würde, kannst du nichts wissen.“
Denn selbst, wenn Cem oder vielleicht Jule angerufen und Alex' informiert haben sollten, hätte der Jurist bei weitem nicht die Zeit gehabt, das vorzubereiten, was sie jetzt vor sich sahen. Und dass Klaus oder Ingrid Bescheid gesagt hatten, schloss Paul auch aus. Die würden ihm selbst den Moment gönnen, es seinem Freund zu erzählen.
„Der wäre?“
Nun war Alex tatsächlich neugierig und da er das Essen heiß auf den Tisch gebracht hatte, konnten sie sich diese Zeit auch nehmen.
„Naja...“
Paul konnte nicht umhin, dass sich mittlerweile ein doch nicht unstolzes Lächeln auf sein Gesicht stahl.
„Dass es in Zukunft dann Polizeioberkommissar Paul Richter heißt.“
„Im Ernst?“
Alex schien sich darüber fast mehr zu freuen als Paul selbst, da er direkt aufstand und seinen Freund in die Arme zog, um ihn zu küssen.
„Ich gratuliere dir!“
„Danke.“
Lächelnd nickte Paul, während sie sich beide wieder setzten.
„Auch wenn ich es – ehrlich gesagt – noch immer nicht ganz glauben kann. Ich dachte... das braucht noch ein wenig Zeit.“
„Wieso?“, kam es leicht lachend von Alex zurück. „Du hast mir gesagt, dass bei euch ein Oberkommissar ausgeschieden ist.“
Erneut nickte Paul. Kollege Willi Fink hatte sie vor etwas mehr als einem Monat aus Umzugsgründen verlassen.
„Und da bleiben ja letztlich nur die Möglichkeiten, einen neuen Oberkommissar zu holen oder einen von euch Polizeikommissaren zu befördern, um die Stelle zu besetzen, und stattdessen einen frischen Polizeikommissar reinzuholen. Und auch wenn ich mich nicht auskenne, denke ich, dass Letzteres insgesamt immer einfacher ist.“
Schließlich passten sich junge Leute, die möglicherweise frisch in den Beruf kamen, Gegebenheiten auf einer Wache wohl einfacher an, als Kollegen, die zwar Erfahrung aber auch ihre ganz eigenen Vorgehensweisen und Ansichten mitbrachten.
„Das stimmt wohl, aber ich bin ja nun auch nicht der einzige in Frage kommende Polizeikommissar bei uns... gewesen: Cem, Robin, Daniel oder Jule haben ja nun auch schon einiges an Erfahrungsjahren auf dem Buckel.“
Zusätzlich war da noch Hannah, aber die hatte Paul jetzt einmal selbst rausgenommen, da ihr Blondie, wie er sie gelegentlich foppend nannte, doch schon einen gewissen Alters- und Erfahrungsabstand zu den anderen Polizeikommissaren hatte.
„Das mag sein“, gab Alex zu, „aber so gern ich die Vier habe, ist wohl kaum zu bestreiten, dass du neben Erfahrung und Dienstjahren eben auch noch die Durchsetzungsfähigkeit und instinktive Führungsqualität mitbringst, die dieser Job von einem fordert.“
„Alex!“
Paul hörte das zwar nicht ungerne – immerhin hatte ja auch André vorhin schon angemerkt, dass die Stellung als Polizeikommissar ihn nicht davon abgehalten hatte, seine an sich vorgesetzten Oberkommissarkollegen durch die Gegend zu kommandieren – aber er wollte auch nicht, dass seinen Kommissarkollegen diese Fähigkeiten indirekt abgesprochen wurden.
„Gut, ich bin schon still!“, versprach der Jurist lachend. „Aber darauf stoßen wir trotzdem an.“
Dazu musste Paul nicht lange überredet werden und nahm – ebenso wie Alex – sein Glas zu Hand.
„Auf dich, Polizeioberkommissar Paul Richter – eine Position, die du dir redlich verdient hast.“
„Danke.“
Die Gläser klirrten leise bei einem Blick in die Augen – wer wollte in so einem Moment schon sieben Jahre schlechten Sex riskieren – und beide nahmen nun den ersten Probeschluck von dem südafrikanischen Wein, den Alex aufgetan hatte.
„Wow, der ist gut!“, bestätigte Paul schlagartig.
Er war von Hause aus zwar eher nicht so der Weintrinker, aber dieser schmeckte ihm wirklich.
„Ja, das finde ich auch“, stimmte Alex nickend zu. „Jetzt kann ich nur noch hoffen, dass das Essen mithalten kann.“
„Kann es“, gab Paul noch mit einem Restbissen im Mund und deshalb mit leicht beschämtem Lächeln zurück, denn er hatte sich noch während Alex' Worten schon über das Fleisch hergemacht.
Alex hatte sich – erwartungsgemäß – wieder einmal fast selbst übertroffen. Das Fleisch war butterzart, die Kombination mit den Mandeln und Äpfeln ideal und diese Fruchtverbindung über die Orangenfilets im Salat einfach eine Punktlandung.
„Das freut mich.“
Wobei Alex sich das Lachen zu verkneifen versuchte – was ihm nicht immer leicht fiel bei der herrlich unbeschwerten Art seines Liebsten.
„Dann hoffe ich mal, dass das Apfel-Sahne-Trifle zum Nachtisch mithalten kann.“
„Die Waage wird mich hassen, aber ich werde Platz lassen und es dir mitteilen“, versprach Paul mit einem Zwinkern, dass seinen Freund nun doch lachen ließ. „Wobei wir eigentlich wieder zu meiner Frage von vorhin zurückkommen: Womit hab ich es verdient, von dir hier so verwöhnt zu werden?“
Denn wie schon gesagt: Den einzigen Grund, den Paul sich denken konnte, hatte Alex nicht wissen können.
„Nun ja...“
Alex schnitt ein Orangenfilet durch und nahm die eine Hälfte zu sich, ehe er weitersprach.
„Ich dachte... so redet es sich leichter, denn... das müssen wir. So kann es nicht weitergehen.“

Zum Glück hatte Paul seinen Bissen gerade runtergeschluckt, sonst hätte daran vermutlich zu ersticken gedroht. Dass ihm die Gesichtszüge entglitten, konnte er sich nur ungefähr vorstellen, während er Alex schockiert ansah.
„Was... wie meinst du das? Ich dachte... du hast nie gesagt, dass... die Wohnung ein Problem ist.“
„Nein, um die Wohnung geht es auch nicht.“
Alex legte sein Besteck auf den Teller und die Hände vor sich auf die Tischkante.
„Es geht mir um etwas sehr... Grundlegenderes.“
Paul war froh, dass er noch nicht allzu viel gegessen hatte, denn sein Magen verdeutlichte, dass die Situation mehr als nur unbequem war.
„Grundlegenderes?“, fragte er deshalb, wobei ihm fast die Stimme zu versagen drohte.
„Ja.“
Bestätigend nickte Alex.
„Ich genieße unser gemeinsames Leben hier, das steht völlig außer Frage. Und... ich bin auch froh, dass wir unsere Beziehung in unserem Freundes- und Familienkreis so leben können, wie wir das tun – ohne Probleme, ohne Zurückhaltung. Aber das reicht mir eigentlich nicht.“
Wobei Paul kurz durch den Kopf schoss, dass zum Beispiel seine Eltern immer noch nichts von Alex wussten. Sollte das jetzt der Knackpunkt sein?
„Ich möchte... ich möchte, dass es nicht dabei bleibt, dass man sagt Die beiden sind zusammen. Ich möchte, dass alle wissen, dass... dass wir zusammengehören. Und deshalb... deshalb möchte ich dich fragen...“
Nun streckte Alex die Hände aus und nahm Pauls – die mittlerweile fast eiskalt geworden waren – zwischen seine.
„...ob du mich heiraten willst.“

Paul war erst einmal – das zweite Mal an diesem Tag – völlig sprachlos. Mit jedem Szenario hatte er jetzt gerechnet... aber nicht mit diesem. Deshalb sah er Alex quälend lange Sekunden einfach nur an – auch, um die Kontrolle über seine Stimme wiederzugewinnen.
„Meinst du... das ernst?“
„Ja.“
Alex nickte ganz klar.
„Ich möchte, dass jeder weiß, dass wir zusammengehören. Dass wir den Rest unseres Lebens miteinander verbringen – und das ganz offiziell wie jedes andere Paar auch, dass sich gefunden hat. Ich liebe dich und ich kann und will nie wieder ohne dich sein. Und deshalb möchte ich sagen können: Das ist nicht mein Freund, das ist – bis dass der Tod uns scheidet – mein Ehemann. Also? Was sagst du?“
Nun kam auch die Nervosität bei Alex durch. Immerhin war ein nein auf diese Frage eine der größten Katastrophen einer Beziehung.
„Willst du mich heiraten?“
Mittlerweile hatte das Geschehen irgendwie einen Weg ins Pauls Kopf gefunden. Hier saß tatsächlich der Mann, den er liebte, vor ihm und fragte ihn, ob sie ihren Lebensweg endgültig offiziell miteinander gehen wollten.
„Ja.“
Die Stimme des Polizeioberkommissars war noch immer etwas belegt, weshalb er unterstreichend nickte.
„Ja, Alexander Weiland, ich will dich heiraten.“
Bei beiden machte sich nun auch auf den Gesichtern sichtbar die Erleichterung breit.
„Ist dir klar, dass ich hier fast am Herzinfarkt gestorben wäre?“, brachte Paul dann schließlich leicht lachend hervor.
„Wäre eine Möglichkeit gewesen, mich vor einem nein zu schützen“, verteidigte sich Alex mit einem Schulterzucken, ehe er sich über den Tisch beugte und seinen nun Verlobten küsste.
„So kann man es auch sehen“, bemerkte Paul leise und legte kurz seine Stirn an die von Alex. „Wobei du dir da wirklich keine Sorgen hättest machen müssen.“
„Das beruhigt mich“, bestätigte Alex, während er mit dem Daumen noch über Pauls Handrücken strich. „Nicht dass es am Ende heißt, ich hätte dich nur überrumpelt.“
„Nicht nur... aber auch.“
Beide schüttelten lachend den Kopf, wobei Paul noch einmal lang ausatmete.
„Dann lass uns darauf nochmal anstoßen und dann essen. Ich schätze, du brauchst eine Stärkung auf den Schock.“
„Den wirst du allerdings noch ziemlich wiedergutmachen müssen.“
Grinsend zwinkerte Paul seinem Verlobten zu, ehe sie erneut anstießen.
„Auf uns“, schlug Alex vor.
„Auf uns“, bestätigte Paul, bevor sie sich dann tatsächlich wieder dem Essen zuwandten.
Sowas nannte man wohl insgesamt einen unvergesslichen Tag, da war sich Paul mehr als nur sicher.