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Alkohol und beste Feinde

OneshotAllgemein / P16
Chuya Nakahara Osamu Dazai
06.01.2019
06.01.2019
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2.010
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Das dämmrige, warme Licht ließ seine Augen in der gleichen Farbe erscheinen wie die bernsteinfarben-gelbe Flüssigkeit in dem Glas, das vor ihm auf der Bar stand. Sein Kinn hatte er auf das glatte, dunkelbraune Holz gestützt, während er mit dem Zeigefinger der einen Hand immer wieder gegen das Glas schnippte. Er würde den Inhalt vermutlich nicht in den nächsten 30 Minuten trinken. Stattdessen saß er in dieser Position da, beobachtete, wie sich das Eis langsam im Alkohol auflöste, und wartete auf ein Ereignis, das niemals eintreten würde.

Es kam nicht häufig vor, dass ihn der Besuch in dieser Bar so deprimierte. Es passte nicht zu ihm. Seine Kollegen wären vermutlich überrascht, wenn sie ihn in diesem Zustand sehen würden, vielleicht würden sie sich sogar Sorgen machen. Er schloss die Augen und tippte mit dem Finger das Eis an. Es hinterließ ein kühles, nasses Gefühl auf seiner Haut.

Es war fast ironisch lustig, wie wenig die Menschen um ihn herum von ihm wussten, obwohl sie meinten, alles über ihn zu kennen. So fühlte es sich wenigstens für ihn an. Und tief in ihm hasste er es- nein, hassen war das falsche Wort. Es war eine Art Abscheu, Abscheu vor diesem Leben und Wut darüber, es nicht zu schaffen, es einfach zu beenden.

Er öffnete die Augen wieder. Er hatte die einzige Person, die ihm je das Gefühl gegeben hatte, dass seine Weltansichten vielleicht doch falsch wären, die einzige Person, die ihm erlaubt hatte, zu hoffen… verloren.

Ein Geräusch stieg aus seiner Kehle auf, ähnlich einem Winseln eines verletzten Hundes. „Ich habe getan, was du gesagt hast…“ Er hob die Hand, um noch einmal gegen das nun schon fast vollständig geschmolzene Eis zu tippen, hielt aber mitten in der Bewegung inne. „Wieso fühlt es sich immer noch nicht richtig an?“

Das Geräusch der sich schließenden Tür riss ihn plötzlich aus einer Welt, die nur für ihn existierte. Die Bar war nicht unbedingt gut besucht und er war bis zu diesem Moment allein gewesen, von Zeit zu Zeit in der Gesellschaft des Wirts und der Schildpattkatze, die offenbar bis heute hier lebte. Er grüßte den Neuankömmling nicht, drehte sich nicht einmal um, um ihn anzusehen. Dennoch wartete er auf die näher kommenden Geräusche der Schuhe auf dem glatten, harten Holzboden, vielleicht auch dem Quietschen eines Stuhls, doch all das blieb aus. Immer noch drehte er sich nicht um.

„Wie viel hast du schon getrunken?“ Der genervt-neutrale Klang der vertrauten Stimme hätte ihn in jeder anderen Situation dazu bewegt, mindestens den Raum zu verlassen, aber heute blieb er einfach in der gleichen Position sitzen und ignorierte die Person, die hinter ihm aufgetaucht war.

„Bei allen Göttern.“ Ein Seufzen, dann ertönten schließlich auch die erwarteten, sich rasch nähernden Schritte hinter ihm. Er sah immer noch nicht auf, auch nicht, als sich der Neuzugang auf den Hocker neben ihm setzte. „Hallo, Dazai.“ Chuuyas Stimme klang kalt.

Dazai reagierte noch immer nicht. Chuuya begann, mit den Fingern über das Holz vor ihm zu tippen, immer wieder und wieder. Das durch seine Handschuhe gedämpfte Geräusch war das einzige, das die sonst komplett stille Bar erfüllte. Als Dazai nach Minuten des Schweigens immer noch keine Anstalten machte, etwas zu sagen oder zu tun, schloss Chuuya seine Hand zu einer Faust. „Verdammt, du bist immer noch der gleiche Freak wie damals“, knurrte er. Seine Bemühungen wurden mit Erfolg gekrönt, denn Dazai bewegte wenigstens seine Augen von seinem Glas zu dem Rothaarigen. „Bist du hier, um mich zu nerven?“, fragte er, die Wörter vermischten sich undeutlich ineinander.

„So ähnlich.“ Chuuyas blaue Augen glänzten. „Weißt du, jetzt, wo wir Feinde sind, gibt mir das hier,“ er deutete mit dem Kopf auf den Größeren neben ihm, „sehr viel Spielraum, was ich jetzt tun könnte. Die Port Mafia hätte bestimmt Verwendung für jemanden wie dich.“ Er sah zu ihm hinüber. „Und ich auch.“

Dazai richtete sich so plötzlich auf, dass Chuuya ein Stück zurückwich. Er streckte sich und gähnte, dann schloss er die Hände um sein Glas und ließ die Schultern sinken. „Wenn du es so sagst, hört es sich so an, als ob wir einmal Freunde gewesen sind“, murmelte er, ohne auf den zweiten Teil von Chuuyas Aussage einzugehen. Sollte sich dieser daran stören, ließ er es sich nicht anmerken. „Stimmt ja. Verzeih.“ Er grinste und schielte zu Dazai hinüber. Seine Augen glänzten kalt. „Mein Fehler.“

Doch Dazai schien ihm überhaupt nicht zugehört zu haben. Er starrte in die Luft, als würde er überlegen, seine Augen wurden ein Stück größer. „Freunde…“, wiederholte er leise.

Chuuya runzelte die Stirn und rutschte noch ein Stück von Dazai weg. Er konnte sich auf dieses Verhalten zwar keinen Reim machen, aber er hatte kein gutes Gefühl bei dieser Sache. „Ganz genau, wir sind keine Freunde und waren es nie.“

Dazai blinzelte langsam, als bräuchte er eine Weile, um diese Worte zu verarbeiten. „Also… sind wir Feinde.“

„Was ist falsch mit dir?“ Chuuya starrte seinen ehemaligen Partner mit einem wachsenden Gefühl des Unbehagens an. Er hätte gedacht, das hier wäre eine Gelegenheit, sich etwas zu amüsieren, aber jetzt bereute er es mehr und mehr, je einen Fuß in diese Bar gesetzt zu haben. „Bist du wirklich schon so betrunken?“

„Feinde…“, murmelte Dazai, Chuuya ignorierend, als wäre er überhaupt nicht hier. „Weißt du was, Chuuya, wenn es beste Freunde gibt, dann muss es doch auch beste Feinde geben.“

Chuuya drehte sich wieder von Dazai weg und starrte die braunen Holzregale hinter der Bar an. „Wenn du das sagst“, meinte er genervt. Dieser Abend hielt nicht, was er versprochen hatte.

„Dann… dann bist du mein bester Feind.“ Erneut blinzelte Dazai mehrmals. Gerade, als sich Chuuya entschloss, diesem Unsinn nicht länger zuzuhören und vom Hocker aufstand, um die Bar zu verlassen, spürte er, wie sich eine Hand um seinen Arm legte. Anstatt sich loszureißen, hielt Chuuya genervt inne und drehte sich noch einmal zu Dazai um. Die Augen des Detektivs waren geweitet und funkelten vom Alkohol und plötzlicher Begeisterung über eine neu entdeckte Idee. „Was ist?!“

„Chuuya“, begann Dazai, doch bevor er weiter sprechen konnte, verlor er das Gleichgewicht und fiel, immer noch Chuuyas Arm festhaltend, vom Hocker. Der Stuhl kippte mit einem lauten Krachen nach hinten um, doch Dazai ließ sich davon nicht beirren. Er richtete sich auf und kniete sich hin, sodass er dem Kleineren problemlos in die Augen sehen konnte. Chuuya wich zurück, soweit es ihm möglich war. Diese Situation wurde ihm immer unangenehmer. Wenigstens stand Dazai auf beiden Knien, wäre das nicht der Fall gewesen, hätte Chuuya vermutlich endgültig den Rückzug angetreten.

Dazai ließ Chuuyas Arm los und nahm stattdessen seine Hand, legte seine eigene zweite darüber. „Chuuya“, wiederholte er. „Als mein bester Feind, willst du mit mir Selbstmord begehen?“
In der ersten Sekunde war ein Teil von Chuuya, der sich alle möglichen Bitten, Geständnisse und Entschuldigungen ausgemalt hatte, fast erleichtert, dann setzte sein rationales Denken ein und er riss sich endgültig los. „Nein!“, fauchte er und drehte sich um, um die Bar wieder zu verlassen. Diese Worte waren seine letzte Bestätigung, dass dieser Abend nichts Gutes mehr bereithalten würde.

„Warte!“, jammerte Dazai und krabbelte auf allen Vieren zu seinem ehemaligen Partner hinüber. „Warum nicht, ich dachte, wir wären beste Feinde…“

„Das hast du gesagt“, knurrte Chuuya und versuchte, sein linkes Bein aus Dazais Griff herauszuwinden. „Wenn du unbedingt sterben willst, tu es doch allein oder mit einem deiner Freunde aus dem Detektivbüro, aber ganz bestimmt nicht mit mir.“

„Warum nicht?“ Dazai klammerte sich fester an Chuuyas Bein. „Ich lasse dich auch aussuchen, wie! Versprochen!“ Seine Stimme war weinerlich wie die eines Kleinkindes, dessen Eltern ihm kein neues Spielzeug kaufen wollten.

„Nein!“ Vergeblich mühte sich Chuuya weiter ab, dieses Riesenbaby von Suizidfanatiker abzuschütteln. „Lass mich los!“

Es war das letzte, was Chuuya erwartet hatte, doch Dazai gehorchte. Überrascht beobachtete er, wie der Braunhaarige ihn langsam losließ und sich so klein wie möglich machte, die Beine eng an den Körper gezogen und mit den Armen umschlungen. Es gab ein dumpfes Geräusch, als er in dieser Position zur Seite umkippte und weiter so auf dem Boden lag, als hätte jemand eine Puppe umgeworfen. Wie lange Chuuya einfach diese bizarre Szene angestarrt hatte, konnte er nicht genau sagen, aber irgendwann bewog ihn seine Verwirrung dazu, einen Schritt näher zu kommen. „Ähm, Dazai? Geht es dir gut?“

Er erhielt keine Antwort.

Mit einem Anflug von Besorgnis, den er mit aller Kraft zurückzudrängen zu versuchte, kniete sich Chuuya auf den Boden, um einen besseren Blick auf seinen ehemaligen Partner zu haben. Dazais Augen waren geöffnet und seine Lippen bewegten sich, als würde er sprechen, ohne tatsächlich einen Ton von sich zu geben. Chuuya drückte unsanft gegen seine Schulter und Dazai gab ein leises Wimmern von sich.

Mit einem Augenrollen stand Chuuya wieder auf. Und das war einmal der jüngste Unterboss der Port Mafia gewesen? Nicht zu fassen. Gerade, als sich der Rothaarige zum zweiten Mal abwandte, um die Bar zu verlassen, hörte er, wie Dazai noch einmal seinen Namen murmelte. „Chuuya…“

„Was?!“ Ein letztes Mal, wie er sich selbst sagte, drehte sich Chuuya nach dem Größeren um. Dieser lag immer noch in der gleichen Position auf der Seite, jedoch drehte er den Kopf, sodass er Chuuya ansehen konnte. „Was willst du jetzt noch?“

„Bist du mir böse, weil ich die Mafia verlassen habe?“

Chuuya hielt inne. Dazais Stimme war leise und etwas kläglich gewesen, in seinen braunen Augen lag ein Ausdruck, den Chuuya nicht deuten konnte. Diese unerwartete Frage hatte ihn aus dem Konzept gebracht, und seine Emotionen reagierten, bevor sein Verstand zum Zug kam. „Natürlich bin ich dir böse!“, fauchte er. „Du hast uns verraten, du hast mich verraten! Meine Corruption ist nutzlos ohne dich, hast du eine Ahnung, was du angerichtet hast?!“

Dazai blinzelte, er hielt den Kopf in diesem seltsamen Winkel gedreht, wandte den Blick jedoch von Chuuya ab. „Ich verstehe“, meinte er leise. „Weißt du, Chuuya, ich hatte meine Gründe.“

„Und das soll irgendetwas besser machen?“ Chuuya schrie mittlerweile fast, es war immer noch die jahrelang unterdrückte Wut auf seinen ehemaligen Partner, die seit der Gründung von Double Black darauf wartete, sich endlich zu zeigen. „Du bist verdammt egoistisch gewesen! Hast du je daran gedacht, dass dich die Mafia vielleicht… brauchen könnte…“ Er wurde immer leiser, bis seine Stimme schließlich ganz verstummte. Sein rationales Denken schaltete langsam wieder ein.

„Ich glaube nicht, dass das so ist“, meinte Dazai, immer noch, ohne Chuuya dabei in die Augen zu sehen. „Die Mafia… braucht mich nicht.“ Sein Kopf fiel zurück auf den Boden. „Bist du mir böse, weil ich die Mafia verlassen habe… oder weil ich dich verlassen habe?“

Chuuya machte einen Schritt zurück. Diese Aussage traf ihn auf eine Weise, wie physische Interaktionen es nie hätten tun können. „Bilde dir ja nichts ein, du Idiot“, knurrte er und sah zur Seite. „Wenn ich dich brauche, dann höchstens im Nutzen der Mafia. Die kommen vielleicht ohne dein blödes No longer human aus, aber ich leider nicht.“

„Ist es nur meine Fähigkeit?“ Dazai hob den Kopf wieder. „Oder… oder ich?“

Chuuya schloss die Augen und biss die Zähne zusammen. Eine Zeit lang schien er so mit sich selbst zu ringen, dann seufzte er und kniete sich zu Dazai hinunter. „Ich rede nicht mit einem Betrunkenen“, knurrte er, während er die Hände des Braunhaarigen vorsichtig voneinander löste. Dazai sah ihn überrascht an. „Was tust du da?“, fragte er, immer noch in einer leisen, fast gebrochenen Tonlage.

„Ich kann dich schließlich schlecht hier lassen“, murmelte Chuuya unwillig und zog seinen ehemaligen Partner auf die Beine. „Ich bringe dich jetzt nach hause, und dann will ich dich die nächsten Monate nicht mehr sehen. Verstanden?“

Dazai nickte schwach und Chuuya seufzte.

Es benötigte die Hilfe seiner Fähigkeit, den Größeren mit sich zu ziehen. Einige Sekunden lang herrschte zwischen den beiden erneute Stille. Erst kurz vor der Tür begann Dazai noch einmal zu sprechen. „Chuuya?“

„Was ist jetzt noch?“ Der Rothaarige klang nach wie vor genervt, jedoch mit einem ruhigen, fast sanften Unterton.

Dazai sah ihn an. „Danke.“

Chuuya blinzelte, dann wandte er den Blick ab. Seine Mundwinkel hoben sich ein Stück. „Gern geschehen.“
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