Stairway to Hell

GeschichteAllgemein / P12
Bobby Singer Dean Winchester Sam Winchester
06.01.2019
06.01.2019
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Stairway to Hell


für Kuckuckskind



Dean hatte den Impala an einem Rastplatz am Rande des Highway geparkt. Ob des Winterwetters genossen die Brüder ihr kühles Bier jedoch nicht am Picknicktisch, der, wenn es so weiterschneite, bald sowieso nicht mehr zu sehen sein würde, sondern sicher verwahrt im Auto. Schweigend starrten sie in das Schneetreiben. Sam setzte seufzend die Flasche ab. „Ich hab‘ das Gefühl, dass auch die Monster in dieser seltsamen Zeit zwischen Weihnachten und dem neuen Jahr nicht ganz wissen, was sie mit sich anfangen sollen.“
Dean lachte auf und wollte gerade etwas erwidern, da klingelte sein Handy. Beim Blick auf die Anzeige hellte sich sein eben noch gelangweilter Blick auf. „Hey, Bobby! Was gibt es denn? … Ja, haben wir schon mal gehört, aber nicht wirklich dran geglaubt … Was, wirklich? … Natürlich, wir machen uns auf den Weg, wenn wir die Nacht durchfahren kommen wir morgen früh bei dir an!“

„Die Langweile hat ein Ende, Sammy, wir haben einen Job!“ Mit neu erwachter Tatkraft setzte er sich gerade hin, drehte den Zündschlüssel herum und ließ die Scheibenwischer die Flocken von der Windschutzscheibe kehren.
„Wohin geht es denn?“ Der jüngere Winchester streckte sich; er war froh, dass es etwas zu tun gab, doch eine Nacht im Auto und die Enge, die das mit sich brachte, gehörte nicht zu den liebsten Erlebnissen des schlaksigen jungen Mannes.
„Zum Hummel Park in Omaha! Du weißt schon – die Geister gelynchter Afro-Amerikaner, Albinokannibalen, die in den Bäumen hausen, die verfluchte Treppe, die in die Hölle führt … also, insgesamt ein Haufen Legenden die so ausführlich widerlegt worden sind, wie kaum andere Legenden.“ Er kicherte und drehte die Musik – ironischerweise lief gerade „Stairway to Heaven“ – lauter.
Sam runzelte skeptisch die Stirn. „Und Bobby meint, dass an all dem also doch etwas dran ist?“
„Nicht direkt an den ganzen Horrorgeschichten, daran glaubt er genauso wenig wie wir“, verneinte sein großer Bruder. „Aber es sind wohl in den letzten Tagen immer wieder Kinder verschwunden, die auf dem Spielplatz spielten und Schlitten fuhren. Die Polizei geht natürlich von einem menschlichen Kidnapper aus, doch durch die Presse geriet an die Öffentlichkeit, dass wohl einige Kleidungsstücke der vermissten auf der bekannten Höllentreppe gefunden worden sind, und als Bobby Wind davon bekam hat er sich entschieden, sich das mal anzuschauen.“
„Klingt nicht uninteressant. Und ich muss gestehen, dass ich ohne Fall schon ganz rastlos geworden bin ....“, murmelte Sam, dem anzuhören war, dass er mit dieser Entwicklung, diesem Aufgehen im Jägerleben, nicht zufrieden war.
Schweigend und unter den Klängen von Led Zeppelin fuhr der Impala vom Schneewind getrieben die Straße entlang.

~*~


Bobby hatte sich im Motel einquartiert, das am nächsten am Park lag – und das ziemlich unkreativ als Omaha Park Motel betitelt war. Als Sam und Dean im Morgengrauen ankamen und eigentlich müde in ihre Betten stolpern wollten, empfing der Freund sie schon in der Lobby, in der einige Sofas und Sessel standen, die entweder schon sehr alt waren oder aus einem Second-Hand-Laden stammten. Am riesigen Pappbecher Kaffee und der bunten Mischung aus Zeitungsausschnitten, Notizen und zerfledderten Büchern, die Bobby auf dem Holztisch vor sich ausgebreitet hatte, erkannten die Winchesters dass es ihnen nicht vergönnt sein würde, Schlaf nachzuholen. Dean ließ sich resigniert seufzend in einen Sessel fallen, während Sam, der zumindest im Auto ab und zu hatte einnicken können, für sie beide heißen Kaffee aus dem schon ziemlich alten Automaten in der Ecke ließ, der es fertigbrachte, dass das Heißgetränk gleichzeitig bitter und wässrig schmeckte. Er nahm einen Schluck und schüttelte sich. „Also Bobby, dann erzähl mal – was gibt es?“
„Zunächst mal wünsch ich euch verspätete frohe Weihnachten, Jungs, ein bisschen Höflichkeit muss ja gewahrt bleiben! Aber jetzt zur Sache: Die ganzen Legenden des ‚verfluchtesten Parks der Staaten‘ habt ihr ja bestimmt schon gehört. Von den Geistern der Gelynchten, dem angeblich darunterliegenden Friedhof von Ureinwohnern, bis hin zu den Herden kannibalischer Albinos, die angeblich in den Bäumen wohnen. Klingt alles wie ein billiger Horrorfilm, und soweit ich weiß, ist auch noch nie etwas Übernatürliches passiert. Natürlich gab es über die Jahre eine Reihe rein menschlicher Verbrechen, aber dafür sind öffentliche Parks ja bekannt. Verwinkelte Wanderwege und dichte Bäume sind eben ideale Orte, wenn man nicht gesehen werden will.“
„Und was hat dich dann dazu gebracht, deine Meinung zu ändern?“, fragte Dean.
„Ich habe ja am Telefon von den verschwundenen Kindern erzählt. Zunächst dachte ich auch, das sei ein Problem für die Polizei in Omaha, doch als ich dann hörte, dass erstaunlich viele Indizien im Bereich der Höllentreppe gefunden wurden, war mein Interesse doch geweckt. Schließlich steckt ja in vielen lokalen Legenden ein wenig Wahrheit, und diese Treppe, deren Anzahl an Stufen wohl immer wieder eine andere ist, wenn man sie zu zählen versucht, könnte durchaus an einen gefährlichen und für Menschen eher weniger geeigneten Ort führen.“
Sam leerte den Rest seines Gebräus und verzog das Gesicht, bevor er fragte: „Aber nur wegen ein paar nicht beweißkräftiger Hinweise hättest du uns ja kaum gerufen. Hast du noch mehr gefunden?“
„In der Tat, das habe ich. Als ich mich der Polizei vorstellte, natürlich als Agent Densmore, erlaubten sie mir Einsicht in ihre Fall-Akten. Fast schon erleichtert, hatte ich den Eindruck, weil sie alle ziemlich ratlos und beunruhigt waren. Während die Funde der Kinderkleidung an die Öffentlichkeit gerieten, gab es noch andere, viel bedeutungsvollere Entdeckungen, die man den armen Eltern der Kleinen glücklicherweise vorenthalten hatte: In die Bäume am Rand der Treppe waren Pentagramme geritzt worden, sowie andere Zeichen – vielleicht Siegel – die ich noch nicht zuordnen konnte.“ Mit diesen Worten schob er den Brüdern einige Fotos zu.
Wortlos brütete Sam für einige Minuten über den Bildern, während Dean suchend durch das Journal seines Vaters blätterte.
„Auch wenn ich viele der Symbole nicht erkenne, es sieht auf jeden Fall nach einem Beschwörungsversuch aus – vielleicht wollte jemand sich ein wenig Unterstützung aus der Hölle herbeizaubern und ist jetzt mit etwas konfrontiert, was ein paar Nummern zu groß ist!“ Dean lachte verächtlich auf. Es war doch immer das Selbe mit den Idioten, die hobbymäßig ein wenig mit Magie und ihren verqueren Vorstellungen von Satanismus und anderen Religionen herumspielten.
„Ja, das glaube ich auch“, meldete Sam sich nachdenklich zu Wort. „Die Symbole sind viel zu wild durcheinander gewürfelt, als dass sie von jemandem stammen könnten, der wirklich weiß, was er tut. Das Pentagramm ist ja offensichtlich, ansonsten erkenne ich einige der Zeichen, die man auf Tarot-Karten findet, arabische sowie hebräische Buchstaben, und …“ Er errötete ein wenig.
„Was ist Sammy? Was siehst du noch?“
Bemüht, nicht im Entferntesten in die Richtung seines Bruders zu schauen, ergänzte Sam. „Das da, diesen keltischen Knoten, erkenne ich in dieser Darstellung aus der Fernsehserie Charmed.“
Wie zu erwarten war lachte Dean vergnügt. „Ich glaub’s nicht! Sammy schaut Mädchen-Shows!“
„Jess hat die immer gerne gesehen“, erklärte Sam nur kurz angebunden.
Bobby brach das entstandene unangenehme Schweigen, indem er abrupt aufstand. „So, jetzt wisst ihr so viel, wie ich auch weiß – wollen wir uns den Park mal anschauen?“
Die Brüder nickten und so traten die drei wieder hinaus in den kalten Dezembermorgen.

~*~


So früh am Tag war der Park leer und verlassen. Außer den Geräuschen der Natur – ein pochender Specht, Knacken und Rascheln im Unterholz, dem feuchten Platschen, wenn ein Haufen Schnee aus den Baumkronen auf den Boden plumpste – war nichts zu hören. Bobby hatte vorsorglich ein Gewehr gezogen und führte Sam und Dean, die angespannt versuchten, die Umwelt im Auge zu behalten, zu der legendenumwobenen Treppe. Man hatte halbherzig versucht, die Öffentlichkeit fernzuhalten, doch bei dem in den letzten Tagen so windigen Wetter hatte sich das gelbe Absperrband der Polizei von den Bäumen schon teilweise gelöst und hing und lag kraftlos auf dem schneeig-matschigen Grund.

„Wenn wir den Treppen nach oben folgen, kommen wir an eine kleine Aussichtsplattform. Dort können wir uns einen Überblick verschaffen“, schlug Bobby vor, flüsternd, da die Stille des Waldes das Gefühl mit sich brachte, ständig belauscht und beobachtet zu werden. Sam und Dean nickten stumm und folgten ihm, die schmalen Stufen, uneben wie Pflastersteine, nach oben.
Sam hatte zu zählen begonnen, gab aber rasch auf. Bei gutem Wetter war der Aufstieg auf der unebenen Treppe wahrscheinlich schon anstrengend genug, doch jetzt, wo glitschig schmelzender Schnee das Laufen zu einer wackligen, rutschigen Angelegenheit machte, musste er sich konzentrieren, nicht rücklings seinem Bruder in die Arme zu fallen.

So kämpften sie sich nach oben, bis plötzlich alle drei Jäger ruckartig stehen blieben. Sie hatten es gleichzeitig gehört, das unerwartete Geräusch, nur eine Wegbiegung von ihnen entfernt. Das verzweifelte kindliche Aufschluchzen. Für ein paar Sekunden war es still, dann begann das Wimmern erneut. Der einsame, verlassene Hilfeschrei eines vollkommen hilflosen Kindes. Zunächst waren es Dean und Bobby, die um die Ecke stürmten, Sam schossen noch Gedanken an Wesen durch den Kopf, die jedes Geräusch realitätsgetreu imitieren konnten, doch dann folgte er den anderen beiden.

Der Anblick, der sich ihnen bot, ließ sie so plötzlich stehenbleiben wie sie losgerannt waren. Ja, vor ihnen stand ein Kind, ein weinender kleiner Junge von höchstens fünf Jahren. Doch bei ihm waren keine menschenfressenden Monster, keine dämonischen Entitäten. Die beiden Menschen, die den Jungen festhielten, waren zwar von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleidet, inklusive Sturmhauben, die nur die Augen frei ließen, doch waren sie eindeutig Menschen, die panisch in die Mündung von Bobbys Gewehr starrten.

„Hey – hey, Alter, was geht? Hier ist Jagen nicht erlaubt, was soll das Gewehr …?“ Einer der beiden wollte mutig und selbstbewusst klingen, doch sein Stammeln und die brechende Stimme eines Jugendlichen im Stimmbruch ließen ihn wenig beeindruckend wirken.
„Ich glaube, die Frage ist eher, was ihr beide hier macht – in aller Frühe und gekleidet wie Bankräuber!“, stellte Bobby klar.
„Ist das eins von den entführten Kindern?“, setzte Dean hinzu.
„Ja, aber … Nicht schießen, bitte, wir können alles erklären!“

~*~


Eine halbe Stunde später saßen sie zu sechst im Café des Motels, das inzwischen geöffnet hatte, weshalb sie nicht mehr auf den ekelhaften Automatenkaffee zurückgreifen mussten. Vor dem kleinen Jungen, der sich als Henry Morrison, das erste der verschwundenen Kinder, herausgestellt hatte, dampfte eine heiße Schokolade. Er weinte nicht mehr sondern zog nur noch ab und zu schniefend die Nase hoch, worauf hin ihm dann Dean, der sich ansonsten voller Enthusiasmus auf sein Schinkensandwich stürzte, ihm Servietten reichte.

Wer jetzt nah am Weinen schien, waren die beiden Jugendlichen. Als sie die Hauben abgezogen hatten, hatte sich herausgestellt, dass sie wirklich nicht älter als siebzehn sein konnten.
„Ihr habt also Kinder entführt und den Weg mit okkulten Symbolen dekoriert weil … euch langweilig war?“ Sam konnte es nicht fassen.
„Ja Mann, es war einfach, wie soll ich sagen …“ Der größere der beiden, anscheinend der Wortführer, schluckte hart. „Diese Tage nach den Feiertagen, bis dann Silvester ist, sind einfach so unglaublich öde. Unsere Eltern machen zum ersten Mal ohne uns Urlaub, wir sollten das Haus hüten, aber irgendwann hört auch das auf, spannend zu sein. Und dann dachten wir halt an die ganzen Geschichten über Hummel Park, und wir fanden es wäre doch eine witzige Idee, wenn dank uns eine weitere Horrorstory dazu kommt. Wir haben die Kinder auch echt gut behandelt, also, klar, wir haben sie im Keller eingesperrt, aber sie haben zu essen bekommen, sogar Süßigkeiten, und weh getan haben wir ihnen auch nicht.“
„Aha. Und ich nehme an, dass ihr immer eure Gesichter verdeckt habt, damit sie nichts über euch erzählen können.“
„Klar, schließlich hatten wir von Anfang an vor, sie nach und nach wieder in den Park zurück zu bringen! Wir wollte niemanden für immer entführen, das war doch alles nur ein Witz!“
„Ein Witz!“ Bobby hob die Stimme und die beiden Jungen zuckten zusammen. „Ihr habt den Eltern unglaubliche Angst eingejagt, nicht zu schweigen von den Kindern! Die Polizei sucht euch!“
„Aber – aber wir haben doch niemandem wirklich etwas getan!“
Es war Bobby anzusehen, dass er mit sich rang und sich zusammenreißen musste. „Ihr habt es verdient, dass ich euch der Polizei ausliefere, keine Frage. Aber weil ihr, wie mir scheint, eher blöd als böse seid, machen wir es so: ihr bringt jetzt sofort die restlichen Kinder in den Park. Alle, ohne Ausnahme. Wenn ihr wieder zu Hause seid, meldet ihr euch bei mir. Ich bringe dann Henry hier zu seinen Eltern zurück und sage, dass ich ihnen bei einem Morgenspaziergang im Park entdeckt habe, und dass es sich bestimmt lohnt, heute dort weiter zu suchen.“

Nachdem die beiden Jungen unter überschwänglichen Bekundungen von Erleichterung und Dankbarkeit verschwunden waren, wandte sich Dean mit einem Stirnrunzeln Bobby zu. „Wow, ich muss sagen, dass war sehr gnädig von dir. Ich glaube nicht, dass ich die beiden so leicht davonkommen gelassen hätte!“
Bobby seufzte und lächelte melancholisch. „Vielleicht ist das einfach ein bisschen verspätete weihnachtliche Melancholie. Man kann auch sagen, ich hab ein Herz für Brüder, die manchmal unglaublich bekloppt handeln.“


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Hallo Kuckuckskind!

Meine Verspätung tut mir schrecklich Leid! Ich hoffe, du hast jetzt, wo das neue Jahr schon wieder in vollem Gange ist, trotzdem noch Zeit, meine Geschichte gemütlich zu lesen. Ich hatte beim Schreiben zumindest viel Spaß. =)

Liebe Grüße
Jubilee

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Auf diesen Seiten habe ich mich über den Hummel Park informiert: Link 1 | Link 2
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