Sturz in den Gletscher

von tilly16
GeschichteAllgemein / P12
Dr. Verena Auerbach Emilie Hofer Katharina Strasser Markus Kofler Michael Dörfler Tobias Herbrechter
06.01.2019
10.10.2019
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Am nächsten Tag konnte Markus tatsächlich auf eine normale Station verlegt werden. Der Umzug war anstrengend für ihn, obwohl er gar nicht viel tun musste. Aber die Vorbereitungen hielten ihn eine Weile wach. Verena saß bei ihm. Sie hatte grade Pause und war froh ihn wach zu sehen.
Hey Markus, wie geht es dir?", fragte sie erfreut, dass er wach war. "Ich fühl mich, als wäre ich vom Berg gefallen.", war seine Antwort.
Verena grinste:" Das bist du ja letztendlich auch mein Lieber. Das nächste Mal machst du es bitte nicht so spannend ok?"
Markus sah sie an. "Ich gebe mir Mühe.", sagte er und sah bedrückt aus. "Ihr solltet euch keine Sorgen machen..."
"Hey, so war es nicht gemeint, ok? Es waren aufregende Tage, aber wir sind alle froh, dass du wieder da bist!", sagte Verena schnell.
"Hm.", brummelte Markus.
"Was ist los? Bist du jetzt sauer?", fragte Verena vorsichtig. Markus schüttelte den Kopf. "Was ist es dann?", fragte Verena erneut.  Markus sah die Wand an. "Keiner sagt mir, was mit den Beinen ist, Verena.", kam seine leise Antwort.
Verena seufzte. "Weil es niemand weiß. Dr. Schwarzer hat doch mit dir darüber geredet oder nicht? Wir müssen warten bis die Schwellung am Rückenmark abklingt. Vorher können keine genauen Aussagen getroffen werden. Maren, deine Physiotherapeutin, kommt nachher vorbei und wird schon mal anfangen mit dir zu üben. Im Moment können wir nur abwarten und du musst ordentlich mitarbeiten!", sagte sie. "Und hoffen, dass es gut ausgeht", fügte sie in Gedanken hinzu. Sie konnte Markus verstehen und wusste, dass es für ihn die Hölle sein musste, falls es bei der Lähmung bleiben sollte.
Markus blickte unzufrieden auf. "Ich kann doch nicht nur hier rumliegen und warten.", rief er empört.
Verena sah in nachdenklich an. "Du darfst jetzt nicht ungeduldig werden. Markus, das ganze kann noch ein paar Wochen dauern. Ich weiß, dass ist nicht einfach, konzentrier dich auf die Übungen, arbeite fleißig mit und wir müssen wirklich abwarten, was passiert. Wir sind alle bei dir, ok?"
Markus blickte sie frustriert an, nickte dann aber schließlich.
Plötzlich stand Michael in der Tür. "Da sind ja meine Lieblingsärztin und mein "Lieblings-wahnsinniger -Bergretter" auf einmal. Wie geht es euch?", fragte er überschwänglich.
"Habt ihr Arbeit?", fragte Verena und wollte schon losgehen. "Bleib sitzen, das ist nur ein verstauchter Fuß mit Gehirnerschütterung, dass machen deine Kollegen schon."; sagte Michael und drückte ihr einen Kuss auf die Wange. "So mein Lieber. Wird Zeit, dass du wieder was tun darfst. Ich habe gehört, der Ernst des Lebens beginnt wieder und man hat dir eine Physiotherapeutin auf den Hals geschickt?", grinste Michael Markus an. Markus nickte nur.
Die drei unterhielten sich noch einen Moment, doch dann schlief Markus wieder erschöpft ein. Verena und Michael mussten beide wieder an die Arbeit. Sie verabschiedeten sich voneinander. Dann drehte Verena sich noch einmal um. "Du Michi?", sagte sie. "Jawohl meine Schöne!", bekam sie zur Antwort.
"Im Ernst, ich mache mir Sorgen um Markus. Er macht sich zu viele Gedanken, was mit den Beinen sein könnte. Er muss sich darauf konzentrieren wieder gesund zu werden..."
Michael sah seine Freundin an und seufzte. "Der Markus und nicht mehr laufen, das geht nicht, Verena. Sollte es so kommen, möchte ich gar nicht wissen, wie er reagieren wird.", sagte Michael leise und ungewöhnlich ernst. "Das wird schwierig werden. Für alle."
Beide gingen noch ein Stück schweigend nebeneinander her und dachten darüber nach, was passieren konnte. Wie würde Markus mit jeder Form einer Einschränkung umgehen?

Die Tage vergingen und Markus ging es mit jedem Tag besser. Das einzige, was allen auffiel, war, dass er sehr still war. Nur wenn Mia da war. ließ er sich nichts anmerken. Er arbeitete verbissen in der Physiotherapie mit und machte auch seine Übungen. Mit der Verlegung auf die normale Station war auch ein absprechen der Besuche nicht mehr nötig. So kam es, dass man sich häufig bei Markus traf. Grade Tobias und Mia waren so oft es ging bei ihm. Dr. Schwarzer betonte bei jeder Kontrolle, wie unglaublich schnell Markus Genesung voranging und versuchte jedes Mal ihm etwas Mut zu machen, was die Beine betraf. Es zeigte sich bisher jedoch keinerlei Änderung, einzig Die Sensibilität kehrte ein wenig zurück. So konnte er Berührungen der Beine wieder spüren und seine Zehen ganz leicht bewegen.

Als die sechs Wochen um waren wurde erneut eine große Untersuchung gemacht mit MRT und allen möglichen Tests. Dr. Schwarzer war sehr ernst, als er nach der Untersuchung wieder zu Markus kam.  Erwartungsvoll sah ihn dieser an. "Herr Kofler, ich habe die Ergebnisse der Untersuchung ausgewertet. Wie sie sicher selbst bemerkt haben, ist die Bewegung der Beine selbständig immer noch nicht möglich.", sagte er langsam. "Aufgrund der Ergebnisse und des MRTs muss ich derzeit davon ausgehen, dass es bei einer Lähmung bleiben wird. Eine Besserung ist immer noch möglich. Man weiß nie, was noch passieren kann. Nervengewebe regeneriert sehr langsam und die Schwellung ist immer noch nicht vollständig abgeklungen. Aber ich gehe davon aus, dass Laufen oder andere eigenständige Bewegung nicht mehr möglich sein werden." Der Arzt sprach langsam und sah Markus dabei an. "Aber das heißt nicht, dass sie nicht ein weitgehend normales Leben führen können. Es gibt heute sehr viele Möglichkeiten." Markus sah aus dem Fenster. Dort konnte er in der Ferne die geliebten Berge erblicken. In seinem Gesicht zeigte sich keinerlei Regung. "Herr Kofler? Haben sie mich verstanden? Ihre Freunde stehen draußen. Soll ich sie von dem Ergebnis in Kenntnis setzen und dann zu ihnen hereinlassen? Oder wollen sie selbst mit ihnen sprechen?", fragte der Arzt.
Markus sah weiter aus dem Fenster. Es entstand eine lange Pause und der Arzt war sich nicht sicher, ob Markus seine Frage verstanden hatte. Als er grade zur Wiederholung ansetzen wollte, antwortete Markus doch noch. "Sie können ihnen das Untersuchungsergebnis mitteilen, aber ich wäre gerne alleine."
"Herr Kofler, ihre Freunde machen sich Sorgen, geben sie ihnen eine Chance für sie da zu sein.", sagte Dr. Schwarzer. "Sie sollten und sie müssen, dass auch nicht alleine durchstehen."
Markus sah den Arzt das erste Mal an. "Ich möchte niemanden sehen!", antwortete er heftig.
"Und ihre Tochter?", fragte der Arzt. Markus sah ihn an. Dann seufzte er. "Aber nur die Mia."; sagte er dann.
Dr. Schwarzer sah Markus an. Er machte sich bereits seit einiger Zeit Sorgen über dessen emotionalen Zustand. Auch ihm war nicht entgangen, dass Markus  sehr verbissen in der Physiotherapie war, aber je länger dieser Zustand andauerte, desto mehr schien er sich von allem abzukapseln.

Als er das Zimmer verlassen hatte, stand er der kompletten Bergretterfamilie gegenüber. Abermals erklärte er Markus Untersuchungsergebnisse und seine Prognose. Er betonte noch mal, dass immer noch eine Möglichkeit der Besserung bestand und dass grade auch der emotionale Zustand von Markus wichtig sei. DesWeiteren erklärte er den Freunden, dass Markus niemanden sehen wollte. Dann blickte er Mia an. "Du kannst zu deinem Papa. Das hat er extra gesagt."
Sie sah den Arzt an und nickte, lief dann los und schlüpfte leise in Markus Zimmer.  Dr. Schwarzer sah den Rest der Freunde an. "Er hat aber auch sehr deutlich gesagt, dass er im Moment niemanden sehen möchte. In den nächsten Tagen wird ihr Freund noch in die benachbarte Rehaklinik verlegt. Dort wird die Reha fortgesetzt. Es kann noch einiges passieren. Aber gehen sie davon aus, dass eigenständiges Laufen vermutlich nicht mehr möglich sein wird.", sagte er zum Abschluss. "Seien sie für ihn da. Auch wenn er im Moment niemanden sehen möchte, geben sie nicht auf. Er wird sie brauchen." Dr. Schwarzer blickte noch mal in die Runde und sah alle an, dann verabschiedete er sich und ging davon.
Die anderen blieben zurück und sahen sich ratlos an. Alle hatten gehofft, dass die Abschlussuntersuchung anders ausfallen würde. Auch wenn natürlich alle mitbekommen hatten, dass sich in den letzten Wochen nicht viel verändert hatte. Johanna seufzte. Tobias stand mit versteinertem Gesicht da, Emilie nahm ihn in den Arm. Alle waren fassungslos. Wie sollte es jetzt weitergehen?

Mia stand währenddessen in Markus Zimmer. Sie sah ihren Papa an. "Hallo Papa.", sagte sie leise. Markus gab sich einen Ruck. "Komm her, Kleine.", sagte er rau und klopfte auf die Bettdecke. Mia schmiegte sich an ihn. "Papa, wir kriegen das hin, oder?"
Markus blickte wieder aus dem Fenster. Mia hob den Kopf und sah ihn an. Ihre großen Augen suchten seine und blickten erwartungsvoll. Markus nickte. Irgendwie würde es weitergehen.  Sie kuschelten sich aneinander und lagen beide still da. Keiner rührte sich. Die beiden lagen lange still da.
Eine Krankenschwester kam ins Zimmer, stellte das Abendessen ans Bett und ging dann leise wieder. Irgendwann betrat Emilie leise den Raum. "Mia, wir müssen langsam nach Hause.", sagte sie leise. Markus streichelte Mia noch einmal über den Kopf und schob sie sanft aus dem Bett.  "Na los, komm, ab nach Hause.", sagte er leise. Emilie sah ihn an."Markus...", begann sie leise. Doch der schüttelte den Kopf. "Nicht jetzt Emilie.", sagte er, blickte sie dabei aber nicht an.
Mia stand auf, gab Markus noch einen Kuss, sah ihn dann erwartungsvoll an und sagte: "Ich hab' dich lieb, Papa. Bis morgen."
Markus drehte den Kopf und blickte Mia an. "Ich hab' dich auch lieb. Bis morgen.", sagte er leise und versuchte ein schiefes Lächeln. Emilie beachtete er nicht weiter. Langsam verließen die beiden den Raum. Mia kuschelte sich an Emilie. Zu Hause angekommen, bereitete Emilie das Essen vor. Franz saß mit Mia auf der Bank und kuschelte. Tobias kümmerte sich draußen um die Tiere. Nach dem Essen saßen sie noch eine Weile zusammen.
"Der Papa ist so traurig.", sagte Mia. Die drei Erwachsenen sahen sich an, was sollten sie dazu sagen.
"Ja weißt du, der Papa hat gehofft, dass er auch wieder laufen kann, so wie wir alle.", sagte Franz. "Gib ihm ein paar Tage Zeit. Wir müssen schauen, was wir machen können, damit es ihm wieder besser geht. Und wenn er mit der Reha fertig ist und hier zu Hause ist, dann ist er bestimmt nicht mehr so traurig." Mia sah Franz an und nickte schließlich.

Nachdem sie ins Bett gegangen war, sie durfte wieder bei Emilie und Tobias schlafen, saßen die drei Erwachsenen noch eine Weile zusammen. Emilie erzählte, dass Markus sie eigentlich ignoriert hat und auch nicht mit ihr sprechen wollte. Tobias sagte die ganze Zeit kein Wort. Am liebsten hätte er mit seinem Freund getauscht, aber das ging nun einmal nicht. Er konnte es sich nicht mal vorstellen, wie Markus sich im Moment fühlen musste.  Grade so ein Mensch wie Markus, der eigentlich alles mit sich selbst ausmachte und am liebsten in den Bergen kraxelte, wenn er ein Problem hatte. Noch nie hatte Tobias erlebt, dass Markus über irgendwas, was ihn beschäftigte freiwillig gesprochen hatte.
"Gebt ihm ein paar Tage Zeit. Mia wird sich um ihn kümmern und wenn sie bei ihm ist, wird er sich über kurz oder lang auch mit dem Rest der Welt auseinandersetzen müssen. Aber Markus muss erstmal selbst mit sich ausmachen, dass sich sein Leben verändern wird." sagte Franz.  Mit diesen Worten gingen sie ins Bett.

Währenddessen lag Markus immer noch in seinem Bett und starrte aus dem Fenster. Das Essen hatte er nicht angerührt und auf keine Ansprache der Schwestern reagiert. Die hatten ihn schließlich in Ruhe gelassen. Markus lag regungslos im Bett und starrte auf seine geliebten Berge. Was sollte er nun tun? Er hatte alle Hoffnungen darauf gesetzt, dass er nachdem die Schwellung abgeklungen war, hier einfach raus spazieren würde.

Nach zwei Tagen wurde Markus in die Reha verlegt. Nach bitten des Arztes hatte er sogar ein Zimmer mit Blick auf die Berge erhalten. Bis auf Mia wollte er immer noch niemanden sehen. Seine Freunde standen ratlos vor der Tür und überlegten, wie sie an ihn herankommen sollten. Mia saß jeden Tag nach der Therapie bei ihm, brachte jedesmal ein Bild mit, das sie zu Hause gemalt hatte und unterhielt sich mit ihm. Sie erzählte alles, was man nur erzählen konnte, was zu Hause auf dem Hof passierte, in der Schule. Markus hörte ihr meist schweigend zu und kuschelte mit ihr. Aber seit dem Arztgespräch war er sehr schweigsam geworden. Er versuchte sich zusammenzureißen, wenn Mia da war, aber meist viel ihm auch das sehr schwer. Mia ging meist traurig wieder nach Hause und überlegte immer mehr, was sie tun könnte, damit Markus endlich mal wieder lachte. Alle waren ratlos.
Nach über einer Woche in der Rehaklinik platzte Katharina schließlich der Kragen. Alle waren jeden Tag in der Klinik aufgetaucht und hatten gehofft, dass Markus irgendjemanden zu sich lassen würde. Sie hatten alle ratlos vor der Tür gestanden. Tobias wurde immer stiller, das konnte Katharina schließlich nicht mehr mit ansehen. Das Tobias fast körperlich unter der Situation litt und sich immer noch die Schuld an der ganzen Sache gab. Als die anderen gegangen waren, atmete sie tief durch und betrat das Zimmer.
Markus drehte den Kopf zu ihr, sah sie nur kurz an und sagte "Ich will keinen sehen." Danach drehte er sich zum Fenster zurück und blickte wie immer auf die geliebten Berge.
"Verdammt Markus, Aber wir wollen dich sehen. Wird es nicht langsam langweilig, es jeden Tag zu ignorieren, dass vor deiner Tür eine Menge Leute stehen, die dich sehen wollen? Mia ist so traurig, dass du hier still rum sitzt. Wir stehen alle draußen und warten darauf, dass du dich bequemst uns zu dir zu lassen. Markus, so geht es nicht weiter!", sagte Katharina und wurde mit jedem Wort lauter.
Markus sah immer noch aus dem Fenster. "Ich habe niemanden gebeten hier herzukommen. Lasst mich einfach in Ruhe.  Ich WILL niemanden von euch sehen.", sagte er rau.
"Markus.", sagte Katharina verzweifelt. "Wir wollen dich aber sehen. Tobias macht sich riesig Sorgen. Er isst kaum noch was und steht hier jeden Tag wie ein begossener Pudel hier, wenn er wieder weggeschickt wird. Wie lange willst du das machen?? Es geht hier nicht nur um dich. Und du musst verstehen, dass wir deine Familie sind und uns nicht wegschicken lassen. Verdammt noch mal!"
Noch immer sah Markus aus dem Fenster. Es war still in dem Zimmer, Katharina stand hilflos da und wusste nicht, was sie noch dazu sagen sollte. Schließlich sagte Markus: "Wenn du fertig bist, dann geh bitte. Ich möchte alleine sein."
Katharina stand noch einen Moment da, dann verließ sie den Raum. Was sie nicht sehen konnte, war, dass Markus die Tränen über die Wangen rannen.
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Ich hoffe sehr, dass es euch gefallen hat. Es geht weiter, versprochen. Lasst euch überraschen (: Ich freue mich über Rückmeldungen von euch. Aber das nächste Kapitel wird ein paar Tage länger dauern. Wir sind unterwegs.
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