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Druckreif

von X Fantasy
GeschichteAllgemein / P18 / MaleSlash
04.01.2019
21.08.2019
12
12.037
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Dieses Kapitel
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11.01.2019 1.180
 
Titel: Das Engelsgesicht
Autor: Andreas Ulrich
Verlag / Erscheinungsdatum: Goldmann Verlag, 2005
Genre: Biografie, Enthüllung
Länge: 11 Kapitel plus Vorwort, 316 Seiten



Kurzbeschreibung:

Ein Mafia-Killer bricht sein Schweigen

Wer gegen die Omertá, das Schweigegelübde, verstößt, ist so gut wie tot. Doch Giorgio Basile, der Mann, den sie “Engelsgesicht” nannten, lebt.
Der Sohn italienischer Gastarbeiter wuchs im Ruhrgebiet auf und soll das Leben von rund 30 Menschen auf dem Gewissen haben. Seit deutsche Fahnder ihn fassten, redet er. In schonungsloser Offenheit schildert er sein Leben und seine Taten und rechnet mit dem Mythos Mafia ab.
Der SPIEGEL-Reporter Andreas Ulrich bietet einen seltenen und spannenden Einblick in die Welt des organisierten Verbrechens.


Sie sorgt immer wieder für Schlagzeilen, und ihre “Geschäfte” florieren: die italienische Mafia. Drogen- und Waffenhandel, illegale Giftmüllentsorgung und Prostitution generieren weltweite Jahresumsätze um die 130 Milliarden Euro, davon ein Drittel in Deutschland - Geld, dem eine legale Verkleidung gegeben werden muss, zum Beispiel durch Geldwäsche im Immobilienmarkt und im Baugewerbe. Besonders erfolgreich ist dabei die kalabrische ’Ndrangheta, die allein im Ruhrgebiet mehr als doppelt so viele aktive Mitglieder zählt wie ihre italienische Konkurrenz, die Camorra aus Sizilien und die Cosa Nostra aus Neapel. In ihrem süditalienischen Ursprungsgebiet, der Region um Corigliano und Platí, sollen zur Zeit schätzungsweise fünftausend Menschen aktiv in mafiöse Machenschaften involviert sein.

Das alles klingt so nüchtern wie die Daten irgendeines Wirtschaftsunternehmens, und genau so sehen sich diese Organisationen selbst, die andererseits die Strukturen von Geheimbünden aufweisen: Gemeinschaften mit jahrhundertealten Traditionen, mit rituellen Schwüren und mit eigenen Regeln und Gesetzen, denen sie sich verpflichtet fühlen, während ihnen die staatlichen Gesetze nichts weiter bedeuten als Stolpersteine, die es zu umgehen gilt. Die Clans sind nach wie vor äußerst dicht vernetzt, und gegen sie zu ermitteln, ist für Polizei und Staatsanwaltschaft eine nicht endende Mammutaufgabe.

Als Krimi-Konsumentin habe ich mich gelegentlich auch schon mit Stories und authentischen Berichten über die organisierte Kriminalität unterschiedlicher Nationen beschäftigt, doch der Name ’Ndrangheta war mir kein Begriff, bis ich über das vorliegende Buch gestolpert bin, obgleich die Organisation bereits seit den 1990er Jahren ihre Konkurrenz überflügelt hat.

Im Mai 1998 wird Giorgio Basile - wegen seines sanften Aussehens " Engelsgesicht” genannt - auf dem Bahnhof von Kempten im Allgäu verhaftet - ein Mafioso an der Spitze eines der wichtigsten Clans, Killer und Drogenhändler im großen Stil, obwohl er nie das Gelübde der Mafia abgelegt hat. Dennoch gilt selbstverständlich auch für ihn die Omertà, das Schweigegebot, das jedem, der mit der “ehrenwerten Gesellschaft” zu tun hat, auferlegt ist. Doch dieses Gebot bricht er im Gefängnis. Er redet in zahlreichen Verhören über seine eigenen Taten und die seiner Genossen, denen er sich nicht mehr verpflichtet fühlt, da er von ihnen selbst mehrfach verraten wurde. Sechs Jahre später tritt er mit Spiegel-Journalist Andreas Ulrich in Kontakt. Er hat eine Reportage von ihm über die ‘Ndrangheta von 1999 gelesen und ist bereit, ihm nun seine Lebensgeschichte zu erzählen. Aus den Gesprächen, die fünfundvierzig Stunden füllten und über Mobiltelefone mit ständig wechselnden Nummern geführt wurden, entstand dieses Buch.

Giorgio Basile wurde in einer von Armut geprägten Region in Kalabrien geboren, wuchs jedoch in Mülheim an der Ruhr in einer Gastarbeitersiedlung auf. Seine Kindheit war freudlos und entbehrungsreich, beeinträchtigt von der Trunksucht und der Gewalttätigkeit seines Vaters. Als die Familie wieder nach Italien zieht, wo der Vater ein Stückchen Land erworben hat, ändert sich an diesem Leben dennoch nichts, bis Giorgios Mutter eine Beziehung mit einem “ehrenwerten Mann”, einem stadtbekannten Mitglied der Mafia eingeht. Er hat Geld und versorgt die Familie mit Kleidung und Essen, sogar mit einigen Luxusgütern. Giorgio nennt ihn “Onkel”, sein Vater duldet den verhassten Nebenbuhler, da er keine Gegenwehr wagt. Die Mafia ist in der Gegend um Corigliano die wichtigste wirtschaftliche und gesellschaftliche Größe. Der Bildungsstand in der Bevölkerung ist allgemein sehr niedrig, die meisten Leute können weder lesen noch schreiben, Arbeitsplätze sind entsprechend rar und werden schlecht bezahlt. Die Mafia jedoch macht immer gute Geschäfte und sorgt für ihre Mitglieder.
Als Giorgio acht ist, zieht die Familie wieder nach Mülheim und bleibt zunächst dort. Er ist ein guter Schüler, wird jedoch ebenso wie seine Geschwister vom Vater immer öfter zum Schwänzen angehalten, um den Haushalt zu versorgen und mit kleinen Arbeiten für die Nachbarn Geld hinzuzuverdienen. Außerdem entdeckt er die Möglichkeit, gestohlene Kleinigkeiten an befreundete Italiener zu verticken, was ihm zum ersten Mal eigenes Geld einbringt.
Erst mit sechzehn schließt er die sechste Klasse ab. Er beginnt eine Lehre als Betriebsschlosser, wird vom Vater zur Verlobung mit einem italienischen Mädchen gedrängt, das er kaum kennt und auch nicht mag. Der unerwünschten Verbindung entwindet er sich, die Ausbildung zieht er durch, entscheidet dann aber, eine selbständige Tätigkeit anzustreben, in der er sein eigener Chef sein und weit höhere Einkünfte erzielen kann. Ihm schwebt eine Bar oder eine Diskothek als legale Geschäftsgrundlage vor, von der aus man Drogen und geschmuggelte Waren vertreiben kann.
Zu dieser Zeit nimmt der ehemalige Liebhaber seiner Mutter Kontakt zu ihm auf und bietet ihm an, als Fahrer und Handlanger für ihn zu arbeiten. Einige Zeit später wird Giorgios Idee einer Diskothek als Stützpunkt in Deutschland verwirklicht, und für ihn beginnt eine steile Karriere in der Verbrecherorganisation der ’Ndrangheta. Sie endet erst 1998 bei seiner Verhaftung auf dem Bahnhof von Kempten.
Nach eigener Aussage hat Giorgio Basile im Laufe dieser Karriere unter anderem dreißig Morde begangen oder sie als Mittäter ermöglicht.

Dem Autor gelingt mit diesem Buch eine brillante Mischung aus Reportage, Thriller und Lebensbeichte. Zur Freude des Lesers bringt er es fertig, dabei nie in den Sensations-Journalismus abzugleiten.
Es gibt vereinzelte Szenen, die durchaus schockieren. Wir werden Zeuge von Gewalttaten, die auch zwei brutale Morde einschließen und im Detail geschildert werden, eben so, wie Giorgio Basiles Gedächtnis sie preisgibt. Selbstverständlich ist das erschütternd. Doch obwohl ich bei solchen Beschreibungen sonst recht empfindlich reagiere und sie ganz gerne vermeide, kann ich mich ihnen hier aussetzen, ohne abgeschreckt zu sein. Es wird weder beschönigt noch entschuldigt, Giorgio ist keineswegs glücklich über diese Taten, aber er hat auch keine Skrupel, sie im Auftrag seiner Vorgesetzten zu begehen, und er führt sie so gut durch, wie es ihm möglich ist. Ich habe mich nach der Lektüre tatsächlich in der Lage gesehen, seine Gefühle und seine Entscheidungen zu verstehen. Wohlgemerkt nicht, sie nachvollziehen zu können, aber die Gründe, die Logik dahinter zu erkennen.

Heute lebt Giorgio Basile als freier Mann in Italien. Aufgrund seiner umfangreichen Aussagen wurde ihm der größte Teil seiner Strafe erlassen. Doch schwerer als die vom Staat verhängte Gefängnisstrafe wiegt das Todesurteil der Mafia gegen ihn. Davon wird ihn niemand je begnadigen, und so wird er für den Rest seines Lebens in regelmäßigen Abständen seinen Namen und seinen Wohnort wechseln müssen. Zu seinen Verwandten und den Freunden seiner Vergangenheit darf er nie wieder Kontakt aufnehmen.

Das Buch ist ein zugleich erschreckender und faszinierender Blick in die Strukturen der Mafia sowie in die Psyche eines Schwerverbrechers, eines Killers. Ein bemerkenswertes Schicksal, in einem großartigen Bericht aufbereitet.
Sehr empfehlenswert.


Kürzlich lief eine Doku bei ZDFinfo, die die Geschichte der ’Ndrangheta in Deutschland beleuchtete: “Die Paten von der Ruhr - Mafia-Paradies Deutschland”, ZDF 2018
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