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Druckreif

von X Fantasy
GeschichteAllgemein / P18 / MaleSlash
04.01.2019
21.08.2019
12
12.037
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6 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
21.08.2019 1.473
 
Titel: Fucking Germany
- Das letzte Tabu oder Mein Leben als Escort -
Autor: Cem Yildiz
Verlag / Erscheinungsdatum: Westend Verlag / 2009
Genre: Erfahrungsbericht
Länge: 23 Kapitel, 219 Seiten



Kurzbeschreibung:

Ware Männer
Ein Tabu wird gebrochen. Erstmals erzählt ein Insider aus der verborgenen Welt der männlichen Prostitution, in der Erniedrigung und Abhängigkeit, gekaufte Zärtlichkeit, Sonderwünsche und Exzesse, aber auch die Suche nach Geborgenheit und Liebe alltäglich sind. Alles mitten unter uns, gleich nebenan, nachts wie tags, aber weitgehend unbeachtet. Ein Buch, das unter die Haut geht.

>> Wir fallen aus jedem Raster. Auch, weil es uns männliche Sexarbeiter eigentlich gar nicht gibt, zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung. Ganz im Gegensatz wiederum zu den Kolleginnen, die in regelmäßigen Abständen Auskunft im Fernsehen geben dürfen. Wenn eine Domenica aus Hamburg stirbt, dann ist das eine Meldung, die durch die Presse geht. << (Aus der Einleitung)



Es trifft wohl zu, dass sie ein Tabu darstellen, die männlichen Sexarbeiter. Dabei gibt es gar nicht so wenige von ihnen. Aber egal, ob sie für Männer zur Verfügung stehen oder für Frauen, ob sie als "Escorts" im Internet werben oder als junge Stricher in einschlägigen Gay-Bars herumhängen - es umgibt sie eine Aura des Verruchten, des Unaussprechlichen, die wie ein Bannkreis wirkt, jedenfalls für die heteronormative Öffentlichkeit. Eigentlich erstaunlich in einer Gesellschaft, die sich rühmt, überkommene Berührungsängste abgebaut zu haben. Das Phänomen männlicher Prostitution möchte sie offenbar lieber im Dunkeln belassen, abgesehen von grellen Blitzlichtern, die aufflammen, wenn durch eine Tragödie das “Monster” nicht mehr ignoriert werden kann, wie im Falle eines Rudolph Mooshammer oder Gianni Versace. Aber auch dann stößt man diesen Teil der Gesellschaft nur allzu schnell wieder ins Dunkel der Ignoranz.

Cem Yildiz tritt dieser Tatsache mit seinem Buch entgegen. Schonungslos - für ihn selbst wie für den Leser - wirft er seine Realität in allen düsteren, makabren, aber auch grotesken Einzelheiten ins helle Tageslicht.
Als Sohn eines deutschen Vaters und einer türkischen Mutter, war seine Kindheit nach der Scheidung der Eltern ziemlich unruhig. Es gab mehrmals Umzüge und demzufolge Schulwechsel, wodurch er sich immer wieder neu integrieren musste. Dennoch hatte er nach eigener Aussage eine gute Kindheit, versteht sich mit seinen Eltern, auch heute noch. Er sieht sich als Berliner, spricht kaum Türkisch, und aus seinem Migrationshintergrund, der eigentlich keiner ist, hat er kein Problem, sondern ein Geschäftsmodell gemacht. Aber ich greife vor.
Cem lernt früh, seine Umgebung zu beobachten, auf Menschen zuzugehen, sich anzupassen. In der Pubertät stellt er fest, dass er sowohl auf Mädchen als auch auf Jungs steht und die auch auf ihn. Denn er ist hübsch, intelligent und charmant. Und er erkennt eine gute Gelegenheit, wenn sie sich ihm bietet. Eine solche Gelegenheit kommt in der Person eines etwas älteren türkischen Mannes, für den er in der Schule und im Jugendclub Haschisch verkauft. Das Geschäft läuft gut, bis er merkt, dass die Lehrerschaft aufmerksam wird, und rechtzeitig aufhört, bevor er auffliegen kann.
Nach der Schule beginnt er eine Konditorlehre, die er jedoch kurz vor der Gesellenprüfung abbricht. Ein Acht-Stunden-Job verträgt sich einfach nicht mit dem Leben, das er zu der Zeit führt und das ihn nachts durch die Clubs der Hauptstadt treibt, ihn mit Ecstasy und Kokain in Berührung bringt. Er möchte einfach nichts verpassen. Doch das ist natürlich kostspielig, und so meldet er sich auf eine Anzeige eines Schwulenbordells in einem Berliner Stadtmagazin. Er hat gerne Sex, und wenn er damit auch noch Geld verdienen kann, ist das halt cool. Sein erster Kunde ist ein netter, älterer Herr, der ihm nur einen blasen will und dafür 100,- DM hinlegt, und Cems Karriere steht nichts mehr im Wege. Später soll sogar noch sein ehemaliger Chef aus der Konditorei, der nur einige Jahre älter war als er, als Kollege zu den "Boys" dazu gestoßen sein!
Eine Weile funktioniert dieses Leben für ihn gut, doch irgendwann nervt es ihn, ständig ältere Herrschaften "bedienen" zu müssen, und als ihm angeboten wird, in der Clubszene mit Ecstasy zu dealen, greift er mal wieder zu. Nebenbei legt er im "Tresor", damals einem der angesagtesten Clubs Berlins, außerdem als DJ auf, was zwar großen Spaß macht, aber nicht allzu viel einbringt. Als nach einiger Zeit jedoch die Razzien der Drogenfahndung sich mehren und er einmal nur sehr knapp zwei zivilen Ermittlern entgeht, gibt er den Drogenhandel endgültig auf.
Das ist der Zeitpunkt, an dem Cem hauptberuflich und selbständig ins Geschäft mit dem Sex einsteigt.

Ab jetzt ist Cem im Internet präsent. Er spezialisiert sich und mimt den harten, türkischen Macho, der auch nichts gegen “dreckige” Spielchen hat. Und er hat Erfolg. Von 100,- Euro an aufwärts bietet er Erniedrigung und Fetischsex, je nach Wunsch des Kunden natürlich. Und die Kunden sind so vielfältig wie ihre Wünsche. Es gibt wohl wenig auf dem Gebiet der Sexarbeit, das Cem nicht begegnet ist.

Da ist der Freizeit-Schwule, der als Pissoir dienen möchte; da ist das bildschöne Model, das die innere Leere mit Sex und Drogen füllt und nach einer halben Stunde das nächste Shooting hat; da ist der Geschäftsmann, der zusehen möchte, wie seine Freundin von einem anderen gevögelt wird, und dann selbst übernimmt; da ist der Autohändler, der ihn von den Zehenspitzen bis zur Hüfte zentimeterweise ablecken will.
Es gibt den Familienvater an der Autobahn-Raststätte mit dem heimlichen Wunsch nach anonymem, schwulem Sex, und den jungen Türken, der gerne blasen und sich penetrieren lassen will, was ihn gesellschaftlich ruinieren würde, wenn es je herauskäme. Bei Cem sind alle Geheimnisse sicher.
Aber natürlich gibt es Grenzen für ihn, Kunden, die er kategorisch abweist: Den Mann z. B., der für 2000,- Euro vergewaltigt und verprügelt und obendrein sein Reihenhaus abgefackelt haben will; oder den, der ihn anfleht, ihm die Haut abzuziehen und sich ein Kleidungsstück draus zu machen. Ja, auch solche Wünsche werden an Cem herangetragen, ohne Gedanken an seine eigene Befindlichkeit.

Viele seiner Kunden sind Männer, die von einem "richtigen Kerl" hart angefasst, mitunter sogar geschlagen werden wollen, bevor er sie rücksichtslos nimmt. Das ist seine Masche, und sie kommt erstaunlich gut an.

Doch Cem kann auch anders. Die Dominanz liegt ihm, aber im Laufe der Zeit entwickelt er eine Fähigkeit weiter, die ihm zweifellos auch angeboren ist - sein Einfühlungsvermögen, das die Stimmungen und Bedürfnisse seiner Kunden, die nicht in Worte gefasst werden, erspürt und darauf eingeht. Bei dem schüchternen Transvestit etwa, der aussieht wie ein Bauarbeiter, demnächst Vater wird, bei ihrem Treffen aber Spitzenslip mit Strapsen und Seidenstrumpfhosen trägt. Für ihn ist es das erste Mal mit einem Mann, außerhalb seiner Fantasie, und Cem geht so behutsam mit ihm um, wie es in diesem Fall nötig ist. Oder bei dem Bauern in der Nähe von München, der ihn nachts zu seinem Hof bestellt und mit dem er dessen 65. Geburtstag feiert. Mit Kirschwasser. Ohne Sex.

Natürlich erzählt Cem auch von Kollegen und Kolleginnen, die er kennt und immer mal wieder trifft. Von den Jungs, die vom Bahnhof Zoo in die einschlägigen Bars gezogen sind, viele aus Ländern wie Rumänien und Bulgarien, getrieben von der puren Not. Von Andy, mit dem er einfach mal reden kann, weil er ein netter Kerl ist, der es mit 21 geschafft hat, auszusteigen aus dem Job. Von einem Freund, den er aus einem völlig unwichtigen Grund geschlagen hat, und das nicht auf dessen Wunsch. Solche Dinge geben ihm zu denken. Er ist 30 und nimmt seit Jahren Drogen, und zwar regelmäßig, zuerst Ecstasy, in den letzten Jahren Kokain, und das macht einen kaputt, asozial, wie er selbst sagt. Er weiß, dass es Zeit für ihn wird, etwas zu ändern.

Ich habe dieses Buch in einem Rutsch verschlungen. Es hat mich erschüttert und gerührt und manchmal erheitert, umso mehr, als es so persönlich rüberkommt, als spräche der Autor direkt mit dem Leser selbst. Cem Yildiz’ Ausdrucksweise ist deutlich, er nimmt kein Blatt vor den Mund, auch nicht in den Schilderungen seiner beruflichen Erlebnisse. Mir gefällt das, ich bin der Meinung, was existiert, kann man auch aussprechen. Muss man sogar. Hässliche Dinge - und käuflicher Sex gehört sicher auch, aber nicht immer dazu - verschwinden nicht, nur weil man sie höflich umschreibt. Als Mensch zeigt sich Cem Yildiz hier sehr reflektiert, nachdenklich, seiner selbst bewusst.
Sehr schön finde ich das Titelbild des Buches: Es zeigt den nackten Rücken eines Mannes - Cems Rücken -, über den sich ein großes, schwarzes Tattoo zieht - Tribal Style würde ich sagen, aber ich bin kein Fachmann. Der Rücken ist muskulös, der Hinterkopf rasiert, dieser Mann wirkt sehr männlich. Aber auch verletzlich, denn er ist ja unbekleidet. Er bietet uns seine ungeschützte Haut zur Ansicht. Ich weiß nicht, ob das Absicht ist, ich finde es jedenfalls sehr passend zu dem Charakter, der aus dem Buch zu uns spricht.
Ich wünsche Cem Yildiz alles erdenklich Gute, und ich freue mich sehr, im Klappentext zu lesen, dass er eine Ausbildung zum Heilpraktiker begonnen hat.








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