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von X Fantasy
GeschichteAllgemein / P18 Slash
04.01.2019
21.08.2019
12
12.037
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6 Reviews
Dieses Kapitel
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04.01.2019 754
 
Titel: Resteklicken - Ein Facebook-Roman
Autor: Moritz Meschner
Verlag / Erscheinungsdatum: Ullstein / Mai 2012
Genre: Komödie
Länge: 12 Kapitel, 294 Seiten


Kurzbeschreibung:

Ein Mann. Eine Mission. Ein Facebook-Profil.
Moritz hat Liebeskummer. Denn Steffi hat ihn velassen.
Netterweise lässt Moritz jeden, der sich auf sein Facebook-Profil verirrt, an diesem Schmerz teilhaben. Auch Steffi. Doch die zeigt sich erbarmungslos.
Moritz merkt bald, dass er etwas ändern muss, wenn er Steffi - oder für den Anfang sein Leben - zurückbekommen möchte.



Was für den armen Moritz einfach nur zum Heulen ist, stürzt den Leser von einer Lachsalve in die nächste. Denn Meschners wundervoll ironischer Witz lässt nichts und niemanden ungeschoren - weder ihn selbst noch seine drei trotteligen Freunde und schon gar nicht das allgegenwärtige social network.

Mit 31 ist Moritz noch immer Student, ebenso wie seine Freunde Max, Sascha und André. Ihre gemeinsamen Hobbies beinhalten neben pornographischen Internetseiten vornehmlich Zigaretten sowie die Getränke Bier und Wodka mit Orangensaft, kurz Wodka-O. Moritz' erklärtes Ziel ist es, in den zweieinhalb Monaten bis zum Jahreswechsel die magische Anzahl von 300 Facebook-Freunden zu knacken - ungeachtet der Tatsache, dass er die meisten davon nie persönlich kennengelernt hat. Und natürlich will er Steffi zurückholen, was ihn vor ein ernstes Problem stellt, da ihr Neuer ein Kerl von der Marke Türsteher ist, der keinen Spaß versteht.
Verzweifelt wie vergeblich lauert Moritz auf ein Zeichen seiner Verflossenen via Facebook, schickt ihr immer wieder selbst theatralische Mails, an die er sich infolge erhöhter Trunkenheit gar nicht erinnern kann und von denen er erst durch ihre entrüsteten Reaktionen erfährt. Erschöpft von der Sinnlosigkeit seines Tuns, sucht er Ablenkung in Clubbesuchen und amourösen Abenteuern, die nicht zuletzt durch das tolpatschige Einschreiten seiner Saufkumpane nie zustande kommen.
In seiner Fantasie sieht er sich als Millionengewinner bei Günther Jauch in einer Spezialausgabe von dessen Show, in der es nur um pornographische Abkürzungen geht - das einzige Gebiet, auf dem er sich wirklich gut auskennt. In der Realität hingegen landet er schon mal mit dem Motorrad eines Freundes im Schaufenster vom KaDeWe. Dabei wollte er doch nur Steffi beeindrucken.
Tatsächlich gelingt ihm schließlich eine erneute Annäherung an die Angebetete, nach einem Zusammenstoß mit deren Türsteher-Freund, weil sich Moritz in seiner letzten Mail an sie mal wieder im Ton vergriffen hatte. Schon zwei Kapitel später gibt’s einen Geburtstagsanruf von Steffi und eine Einladung in die frühere Lieblingsbar.
Aber ob dieses Date wirklich halten wird, was sich der gute Moritz von ihm verspricht?


Wohlgemerkt, ich habe dieses Buch gekauft, nicht obwohl, sondern weil weder ich noch jemand aus meinem Familien- oder Freundeskreis auf Facebook anwesend ist und ich einen unterhaltsamen Einblick in die berühmte Website bekommen wollte. Diese Hoffnung wird hier mehr als erfüllt. Seine häufigen, aber eher kurzen Chats, Statusmeldungen und Kommentare von den “Friends” bildet Moritz detailgetreu vom Monitor ab, einschließlich der dazugehörigen Profilbilder und des aufrechten / abgespreizten Daumens bei den “Likes”. Die Funktionsweise von Facebook ebenso wie die Sucht nach virtueller Beachtung und sinnlosen, weil inhaltsleeren Kontakten wird lebendig und herrlich parodistisch dargestellt.
Dass ein großer Teil der Handlung in exzessivem Saufen besteht, ist nicht zu leugnen, aber die Nachteile dieses Umstandes sowie die Notwendigkeit, ihn zu beenden, werden immer wieder vom Protagonisten reflektiert, leider zunächst ohne sichtbaren Erfolg. Die vorhandenen Probleme werden weder verharmlost noch verschwiegen.
Es ist eben schwer, sich selbst auf die Reihe zu kriegen, wenn man im schwarzen Loch des Liebeskummers steckt und im Leben auch sonst noch nicht wirklich viel Beeindruckendes vorzuweisen hat. Wer kennt solche vertrackten Situationen nicht? Umso schöner, wenn man das Groteske, das ihnen innewohnt, erkennen kann. Alkohol ist kein Thema bei mir, aber eine massive Zuckersucht hat manche Ähnlichkeiten (bis auf den Rausch natürlich). Irgendwie ist “Resteklicken” wie ein Spiegel, in dem der von den Tücken des Lebens gebeutelte Leser sich selbst erblickt, die Fratze der Hilflosigkeit jedoch geschminkt als unschuldiges Clownsgesicht.
Und wie es so ist im Leben - es gibt immer wieder auch gute Überraschungen. So kann ich sagen, ohne zu spoilern, dass am Ende ein versöhnlicher Ausblick steht, wobei Meschner es schafft, kitschige Klischees geschickt zu umgehen.

Dass der Autor dem Protagonisten seinen eigenen Namen - und zwar Vor- und Zunamen - gibt, vermittelt den Eindruck einer autobiografischen Darstellung. Allerdings erwähnt er in den Danksagungen im Anhang neben drei treuen Freunden auch einen weiteren Freund und dessen unglaubliche Beziehungsumstände sowie einen vollkommen gestörten Lebenspartner.
Das lässt für mich den Schluss zu, dass der Moritz Meschner des Buches ein Konglomerat aus verschiedenen realen Personen ist, gewürzt mit dem scharfen ironischen Blick des Autors.

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