Den Himmel berühren

GeschichteFreundschaft / P12
"Pille" Leonard McCoy James T. Kirk Spock
04.01.2019
25.01.2019
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Diese Fanfiction entstand im Rahmen des NaNoWriMo 2016 und war ursprünglich als Teil der Klischeebingo-Challenge gedacht. Die beim NaNo geforderten 50k Wörter habe ich damals erreicht, habe das Klischeebingo-Projekt jedoch nie beendet, weshalb bisher nur dreieinhalb Geschichten dazu existieren.

Die Vorgabe für diese hier war folgende: „Krankheit – Einer ist krank, der andere kümmert sich.“ Sie schließt direkt an das Ende der TOS-Episode „For the world is hollow and I have touched the sky“ an.

Die andere bereits hochgeladene Geschichte zu diesem Projekt findet ihr hier:
Gute Geister

Viel Spaß beim Lesen!



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Am schlimmsten war es, Joanna die Nachricht zu überbringen. Tagelang hatte er dieses Gespräch vor sich hergeschoben, hatte Ausreden gesucht und keine gefunden und hatte es trotzdem nicht über sich gebracht, seiner Tochter in die Augen zu sehen und ihr die bittere Wahrheit zu überreichen.

„Xenopolycythemia.“

Joannas Stimme haftete die Tonlosigkeit des Verstehens an, als sie die Diagnose wiederholte, so zögernd, als würde das Unvermeidliche erst dadurch endgültig unvermeidlich gemacht.
Innerlich krümmte McCoy sich zusammen; äußerlich gab er sich alle Mühe, die Fassade des tapferen Soldaten aufrechtzuerhalten, die ihn während der letzten beiden Wochen begleitet hatte und die wahrscheinlich jeden außer Jim, Spock und Christine Chapel überzeugt hatte.

„Xenopolycythemia ...“ Joanna sprach es ein weiteres Mal aus, und nun mischte sich ein erster Anflug von Wut in den Schock.

„Jojo, ich ...“

Er wusste selbst nicht genau, was er sagen wollte. Wieder und wieder hatte er sich ein mentales Drehbuch für diese Unterhaltung zurechtgelegt, hatte es umgeschrieben und wieder verworfen, bis am Ende nur Müdigkeit übriggeblieben war – allumfassende Müdigkeit und ein letzter Funke Kampfgeist, der ihm verbot, den einfachen, bequemen Weg zu wählen.

Die Wahrheit war niemals einfach und genau deswegen hatte er dieses Gespräch mit Joanna so lange hinausgezögert. Er wollte seiner Tochter den Schmerz ersparen, der sich unweigerlich in ihren Augen einnisten würde. Die Augen ihrer Mutter ... McCoy hinderte seine Gedanken daran, ihn auch nur einen Schritt weiter in diesen gefährlichen Morast aus Schuld und Sehnsucht und Liebe, ja, auch Liebe zu führen.

„Lass das.“

Mit erhobener Hand unterbrach sie ihn, irgendwo auf der schmalen Linie zwischen Trotz und widerwilliger Einsicht, die die Kindheit vom Erwachsensein trennte. Ein Teil von McCoy, ein losgelöster, über dem Geschehen schwebender Teil bemerkte beiläufig, dass ihre Haare wieder länger geworden waren. Sie war nicht mehr das Mädchen, das sich beim letzten seiner kostbaren Landurlaube von ihm Lateinvokabeln hatte abfragen lassen. Die Person auf der anderen Seite des Kommunikationsbildschirms war eine junge, gereifte Frau – eine junge Frau, die Medizin studierte und deshalb genau wusste, welche Andeutungen sich hinter dem auf den ersten Blick so nichtssagend erscheinenden Wort Xenopolycythemia verbargen.

„Seit wann weißt du es?“

Das Kind war endgültig verschwunden, ersetzt durch eine Wissenschaftlerin mit klinisch-analysierendem Blick. Nur der immer noch ihren Augen anhaftende Schmerz deutete an, dass es hier um so viel mehr ging als nur eine Unterrichtsstudie.

McCoy seufzte. „Seit zwei Wochen.“

Dreizehn Tage, Doktor. Ich wünschte, Sie wären präziser. Wie von selbst tauchten die Wörter in seinem Kopf auf, ausgesprochen von Spocks kühler Stimme, und verblassten wieder, ehe sie mehr als ein vages Gefühl der Unbehaglichkeit hervorrufen konnten.

„Wieso hast du es mir nicht eher gesagt?“, wollte Joanna wissen, und ja, hier war es wieder: das Kind, verunsichert hinter der Maske aus Gefasstheit und so verletzlich in dem Wissen, dass es nur zu bald jemanden aus seiner Nähe verlieren könnte.

Ein Jahr. Sie kannte die Prognosen ebenso gut wie er. Ein Jahr, und das auch nur im günstigsten  Fall. Ein Jahr, um sich an verzweifelte Hoffnungen zu klammern, um zu forschen und auf der Suche nach einem Heilmittel wieder und wieder enttäuscht zu werden. Ein Jahr. Er bezweifelte, dass er überhaupt so lange hätte.

Die Krankheit hatte sich langsam angeschlichen, aber umso schneller breitete sie sich aus. Die Symptome wurden mit jedem ergebnislos verstrichenen Tag ein wenig deutlicher; aus der anfänglichen Müdigkeit wurde eine lähmende Schwere in allen Gliedern, er fror ständig und erst gestern hatte er Chapel beinahe zu Tode erschreckt, als er mitten in einer dienstlichen Besprechung auf dem Boden gelandet war, weil er von einem Moment auf den anderen nichts als Schwarz gesehen hatte.

In manchen schlaflosen Nächten – und er hatte in den vergangenen zwei Wochen nichts als schlaflose Nächte erlebt – glaubte er fast, zu spüren, wie sich der Rächer namens Xenopolycythemia in seinem Inneren ausbreitete und ihn langsam, aber sicher auffraß.
Wenn man wusste, dass man starb, führte das nicht unbedingt zu fröhlichen Gedanken.

Wie von selbst ballten sich seine Hände zu Fäusten, die einzige Geste der Verzweiflung, die er sich vor Joanna erlauben durfte. „Ich konnte nicht“, sagte er schlicht, und das war die Wahrheit.

Joanna seufzte ihrerseits. „Oh, Daddy ...“

Die Wut war noch da, ebenso wie der Trotz und die Einsicht, aber nun drängte sich ein anderes Gefühl an die Oberfläche, eines, das fast schlimmer war als alle anderen zusammen. Sorge.

McCoy versuchte sich an einem Lächeln, und beinahe gelang es ihm. „Jojo, es wird gut werden. Das wird es immer. Sonst wäre ich nicht auf der Enterprise, oder?“

Zögerlich erwiderte Joanna das Lächeln, und wenn er diesen Anblick nicht so sehr vermisst hätte, hätte er sich dafür gehasst, dass er ihr falsche Hoffnungen machte. Natürlich befand er sich auf der Enterprise, und natürlich war diese Schiff bekannt dafür, jede noch so ausweglose Situation irgendwie in ein Wunder zu verwandeln. Die Enterprise war wie ein Phönix, so behauptete man ehrfürchtig auf Raumstationen, Schiffen und Planeten quer durch die Galaxie – sie flog direkt durch die Hölle und danach rappelte sich ihre Crew wieder auf und machte weiter, vielleicht mit einigen Narben mehr als zuvor, doch immer noch voller Zuversicht auf das nächste Wunder.

Wenn man ihn gefragt hätte (was sicherheitshalber niemand tat), hätte McCoy zugegeben, dass er nicht sicher war, ob es für ihn noch ein weiteres Wunder gäbe.

„Wo setzt ihr an, Daddy? Wie ist euer Vorgehen? Habt ihr schon verschiedene Behandlungsmöglichkeiten ausprobiert?“

Der in Joannas Augen aufblitzende Funke der Entschlossenheit war McCoy eindeutig lieber als die Sorge, obwohl er Angst vor dem Moment hatte, in dem dieser Funke durch die Unbarmherzigkeit der Realität zum Erlöschen gebracht werden würde.

„Es gibt eine Möglichkeit“, sagte er und bereute im selben Moment, dass er in ihr damit nur noch mehr falsche Hoffnungen weckte. Dennoch, Joanna war Wissenschaftlerin, genau wie er, und als solche lebte sie von möglichst vollständigen Informationen; außerdem bezweifelte McCoy, dass sich seine Tochter ohne Weiteres mit ungenauen Ausflüchten abspeisen ließe. Bei dem Großteil seines medizinischen Personals funktionierte das, sogar bei Jim, aber nicht bei Joanna. Dafür war sie ihn zu ähnlich.

„Vor zwei Wochen sind wir auf einen Planeten gestoßen ... besser gesagt, auf ein Raumschiff, das aussah wie ein Planet“, begann er.

Joanna hob leicht die Augenbraue an – und ja, diese Geste hatte sie ohne wenn und aber von ihm übernommen –, erwiderte jedoch nichts. Sie war durchaus an verrücktere Erzählungen gewöhnt; immerhin redeten sie nach wie vor über die Enterprise, bitte sehr.

„Das Unglaubliche war, dass die Besatzung überhaupt nicht wusste, dass sie sich auf einem Raumschiff befand. Sie wurden kontrolliert von einem Orakel ...“

Spock hätte ihn für die Ausschmückungen getadelt, die er aus alter Gewohnheit seiner Geschichte hinzufügte, um sie ein wenig lebendiger wirken zu lassen; Spock allerdings befand sich zwei Decks weiter oben in einem der biochemischen Labore und setzte seinen enormen Intellekt hoffentlich dazu ein, die Datenbanken der Fabrini nach einem halbwegs wirkungsvollen Heilmittel zu durchforsten. Alleine Joannas Lachen an besonders komischen Stellen rechtfertigte den vielleicht nicht unbedingt strikt wissenschaftlichen Bericht.

Er erzählte ihr von Yonada, vom Orakel, von Natira und von ihrem Versuch, die Bewohner des verirrten Raumschiffs von der Wahrheit zu überzeugen. Denn die Welt ist hohl und ich habe den Himmel berührt ... Einzig und alleine seine mehr als fragwürdige Ehe mit Natira ließ er aus. Es gab keinen Grund, Joanna damit mehr als ohnehin schon aufzuregen, und außerdem konnte man diesen Teil ihres Abenteuers kaum als tatsächliche Ehe bezeichnen, sondern eher als Kurzschlusshandlung. Was nicht hieß, dass ihm Natira nichts bedeutet hatte ... Nur war das definitiv ein Thema, über das er erst gründlich nachdenken müsste, ehe er bereit war, mit jemandem darüber zu sprechen. Selbst Jim hatte das eingesehen.

„Die Fabrini haben eine riesige Menge an verloren geglaubtem Wissen angesammelt, und der Großteil davon besteht aus medizinischen Datenbanken. Wir konzentrieren und jetzt fast vollständig auf diese Datenbanken. Die Fabrini waren eine hochentwickelte Spezies, und Spock ist zuversichtlich, dass wir mithilfe ihrer Daten ein Heilmittel oder zumindest einen Ansatz dafür finden können.“

„Das klingt doch gut!“

Joanna nahm sich einen weiteren Moment für ihre Hoffnung, zerbrechlich wie Eis und zugleich ebenso schneidend scharf.

Mit einem schiefen Grinsen stützte McCoy den Kopf in die Hand. Himmel, er war so müde ... Christine erinnerte ihn seit Tagen im Zehnminutentakt daran, sich endlich eine Auszeit zu gönnen – Alle verfügbaren Leute arbeiten an einer Lösung, Leonard, sie geben alles, obwohl sie nicht mal wissen, worum genau es geht, und du bist uns keine Hilfe, wenn du vor Müdigkeit umkippst, also ruh dich um Himmels willen aus! –, aber wie könnte er sich einfach hinsetzten und auf das Beste hoffen, während alle anderen um ihn herum fieberhaft arbeiteten? Wie könnte er seiner Tochter in die Augen sehen in dem Wissen, dass er selbst nicht alles in seiner Macht Stehende tat, um dafür zu sorgen, dass Joanna ihr Vater noch möglichst lange erhalten blieb?

„Na ja, ein Problem gibt es.“

Er verpasste Joannas Zuversicht nur widerwillig einen Dämpfer, doch er war schon immer ein Verfechter der Wahrheit gewesen, egal wie schmerzhaft sie sein mochte, und er konnte bei seiner Tochter keine Ausnahme machen. Gerade bei seiner Tochter nicht. Er hatte dieses Gespräch mitsamt all den guten und vor allem schlechten Nachrichten lange genug vor sich hergeschoben, und obwohl Hoffnung notwendig für das Überleben war, konnte zu viel davon genau das Gegenteil des Beabsichtigten bewirken. Man musste die Mitten zwischen beiden Extremen finden, zwischen Verzweiflung und Selbstbewusstsein, darauf kam es an.

McCoy war noch nie gut darin gewesen, auf dieser Mitte zu balancieren.

„Was für ein Problem?“

Natürlich alarmierte sie das, und natürlich tat er alles, um das Problem in ihren Augen nicht zu einem Schreckgespenst aufzublasen.

„Die Datenbanken sind sehr umfangreich, tatsächlich fast zu umfangreich. Bis wir finden, was wir suchen ...“ ... kann es zu spät sein. Er sprach es nicht aus. Stattdessen beendete er seinen Satz mit einem verharmlosenden und völlig durchschaubaren „... kann ziemlich viel Zeit vergehen.“

Joanna zog die Stirn in Falten. „Aber das ist doch kein Hindernis. Die Suche nach diesem Heilmittel muss einfach höchste Priorität haben – ihr seid auf der Enterprise, dieses Schiff hat die am besten ausgestatteten Laboratorien der gesamten Flotte, das beste Team ... Wenn ihr keinen Erfolg habt, dann niemand!“

Diesmal war McCoys Lächeln echt. In ihrer kampflustigen Entrüstung wirkte Joanna ihrer Mutter ähnlicher, als jede von ihnen jemals zugegeben hätte, und nein, das musste nichts Schlechtes sein.

„Man könnte verschiedene Ansätze probieren ...“ Unbeirrt spann Joanna ihren Gedankenfaden weiter, ganz die Forscherin. Ihr fokussierter Blick, diese nach innen gerichtete Art, an ein wissenschaftliches Problem heranzugehen, kam wiederum ganz nach McCoy, das konnte er nicht leugnen.

„Wenn man die alten Forschungsdaten über Polyzythämie hernimmt und versucht, sie auf diesen Fall zu übertragen ... Ich habe da einen Freund, der könnte vielleicht ...“

Joanna verstummte, so sehr in ihren Ideen gefangen, dass sie die Traurigkeit auf dem Gesicht ihres Vaters nicht bemerkte. Natürlich hatten sie es längst mit diesem Ansatz versucht, und natürlich waren sie dabei in einer Sackgasse gelandet; und dieses Mal brachte McCoy es nicht über sich, ihr die Wahrheit zu sagen. Eine schmerzhafte Wahrheit war genug für einen Tag, vielleicht auch zwei schmerzhafte Wahrheiten, drei dagegen wären zu viel. Und was schadete es denn, wenn Joanna und ihre Freunde diese Idee weiterverfolgten? Wer wusste schon, ob sie nicht vielleicht mehr Erfolg hätten als die Forschungsteams der Enterprise? Junge Köpfe, visionäre, innovative Eingebungen ... Er könnte jede Hilfe gebrauchen, die er bekam.

„Jojo“, unterbrach er ihr schweigend geführtes Selbstgespräch.

Sofort erlosch ihre erste Begeisterung und wurde durch die inzwischen allzu gut bekannte Sorge ersetzt. So viel Sorge ... Er sah sie in den Gesichtern aller, die die Wahrheit kannte. Jim und Spock und Christine und M’Benga, ein paar sorgfältig Ausgewählte aus der biomedizinischen Abteilung ... Sogar diejenigen, die nichts von seiner Krankheit wussten, blickten ihn voller Sorge an, wann immer er ihnen auf dem Gang begegnete. Die Crew der Enterprise war eine verschworene Gemeinschaft, und genau das machte sie im gesamten Quadranten so gefürchtet; und wenn etwas die vertrauten Strukturen dieser Gemeinschaft durcheinanderbrachte, dann spürte man das.

Erneut seufzte er, einfach der guten Ordnung halber. „Danke, Jojo“, sagte er schlicht. Danke fürs Zuhören, danke, dass du mit dem Ausflippen wartest, bis die Verbindung beendet ist. Danke, dass du für mich stark bist.

Vielleicht konnte sie ihm all die unausgesprochenen Worte vom Gesicht ablesen, denn sie lächelte leicht, und unwillkürlich dachte er, dass er dieses Lächeln vermissen würde, sollte er den Kampf gegen Xenopolycythemia verlieren.

„Wir schaffen das, Daddy“, versicherte sie ihm. Wir, sagte sie, und das tat besser als alle anderen Versprechen.

„Pass auf dich Jojo.“

Die Floskel konnte er sich nie verkneifen, obwohl er genau wusste, wie überflüssig sie war. Joanna hatte schon als kleines Kind gelernt, sich selbst in dieser so unendlich großen, verheißungsvollen und zugleich gefährlichen Welt zurechtzufinden, und manch einer würde behaupten, dass sie darin besser war als ihr Vater.

Nachsichtig wie immer nahm sie den Spruch hin, wahrscheinlich nur, um ihn in dem gnadenvollen Glauben zu lassen, ein guter Vater zu sein.

„Du auch, Daddy“, sagte sie leise. Sie hob die Hand, wie um ihm zuzuwinken, strich sich dann aber nur eine lose Strähne aus der Stirn. Das Bild flackerte, dann wurde Joannas Gesicht durch das Logo der Sternenflotte ersetzt. McCoy blickte noch lange auf die Kommunikationsschaltfläche, nachdem der Bildschirm schwarz geworden war, nachdem eine muntere Computerstimme ihn darüber informiert hatte, dass seine Credits für audiovisuelle Kommunikation für diesen Monat aufgebraucht waren, und nachdem das letzte Lächeln seiner Tochter vor seinem inneren Auge zu verblassen begonnen hatte. Irgendwann stützte er den Kopf in die Hände und blendete die Umgebung aus, was die Situation nicht unbedingt besser, aber minimal erträglicher machte.

Ohnehin gab es nicht viel, was in diesen Momenten seine Aufmerksamkeit auf sich ziehen und ihn damit hätte ablenken können. Er hatte das Gespräch wohlweislich in seinem Büro geführt, nicht in seinem Quartier, obwohl er dort wahrscheinlich abgeschirmter gewesen wäre. Genau das war der Knackpunkt: die Abschottung, die er nicht wollte, die ihn in ihrer Stille erstickt hätte. Kein sterbender Mann war gerne alleine, und solange er sich hier in der Krankenstation befand, solange er hörte, wie jenseits der Wänden seines Büros Krankenpfleger und Schwestern ihrer Wege gingen, Befehle ausgetauscht und Patienten untersucht wurden, fühlte er sich sicher – mehr wie ein Teil der Crew und weniger wie ein Forschungsobjekt. Das Büro bedeutete Arbeit, Arbeit bedeutete Bewegung, und Bewegung wiederum bedeutete Hoffnung, dieses launenhafte, verräterische Gefühl, das einem umso mehr entglitt, je fester man die Hand darum schloss. So unlogisch es war: Hier in seinem Büro sah die Lage weniger schlimm aus als in seinem Quartier, im Speisesaal, auf der Brücke. Hier konnte er sich der Illusion hingeben, noch ein Stück weit die Kontrolle über seine Zukunft zu haben.

Ein leiser Summton unterbrach das aussichtslose Wettrennen seiner Gedanken und er schreckte hoch. „Herein.“

Die Tür glitt offen, Christine Chapel betrat den Raum und McCoy gelang es nur mit Mühe, sein Augenrollen zu unterdrücken. Nun waren sie schon so weit, dass man die Klingel betätigte, bevor man zu ihm kam; vorbei waren die Zeiten, in denen ihn jeder zu allen möglichen und unmöglichen Zeiten gestört hatte, weil jeder wusste, dass er immer da war, wenn man ihn brauchte, und dass er eine Unterbrechung nie wirklich übelnahm, egal wie sehr er sich darüber beschwerte. Jahrelang war er für seine Politik der offenen Tür bekannt gewesen, und auf einmal begann man, ihm gegenüber in dieser Hinsicht Manieren zu entwickeln? Was dachten sie – dass er sich seit der Diagnose in ein Nervenbündel verwandelt hatte, das in abertausend kleine Stücke zerspringen würde, wenn man es ein wenig fester anpackte?

Falls in dieser Befürchtung tatsächlich ein Funken Wahrheit steckte, wäre McCoy lieber klaglos gestorben, als es zuzugeben.

„Was gibt’s, Christine?“

Er wusste die Antwort, bevor er die Frage stellte, und zeigte darum keine Überraschung, als seine Oberschwester die Hände in die Hüften stemmte und auf die strenge Art auf ihn hinabblickte, die sämtliche Diskussionen mit störrischen Patienten zu einem Ende brachte.

„Leonard, wann hast du das letzte Mal etwas gegessen? Oder geschlafen, wenn wir schon dabei sind?“

Diesmal ließ sich das Augenrollen nicht mehr verhindern. Natürlich. Chapel war hartnäckig und selbstbewusst und zielstrebig und an jedem anderen Tag liebte er sie dafür, nur nicht heute.

„Ich hab dir doch gesagt, mir geht es gut“, erwiderte er unwirsch.

Sie ließ sich von seiner abweisenden Haltung nicht einschüchtern, wahrscheinlich, weil sie genau wusste, was sich dahinter verbarg. Entweder abweisend oder ein emotionales Wrack, das waren die beiden Optionen, und jeder von ihnen würde sich immer für die erstere davon entscheiden.

„Du kannst so nicht mehr lange weitermachen“, stellte Christine unnötigerweise fest.

Natürlich hatte sie den Biomonitor in seinem Zimmer genau überwacht und natürlich hatte sie dabei bemerkt, dass seit Tagen kein anständiger Schlafzyklus mehr für ihn aufgezeichnet worden war. Nicht, dass McCoy sich übermäßig viel Mühe gegeben hatte, einzuschlafen. Die Dose mit Schlaftabletten, die Chapel ihm aufgedrängt hatte, stand unberührt in der hintersten Ecke seines Regals (seit der Geschichte mit Nancy und der Salzkreatur hatte er eine Abneigung gegen diese Pillen, und noch war er nicht verzweifelt genug, um auf dieses letzte Mittel zurückzugreifen), und in den meisten Nächten hatte er nicht einmal einen Fuß in sein Quartier gesetzt. Wie könnte er schlafen, wenn er wusste, dass ihm die Zeit zwischen den Fingern zerrann, wenn jede verschwendete Sekunde ihn ein bisschen mehr sterben ließ? Nur, wenn er arbeitete, wenn er neben Spock oder den anderen tapferen Nachtschichtlern in Labor stand und sich einredete, dass seine Arbeit zu etwas führen würde, kam er zur Ruhe.

Ob er in seinem zugegebenermaßen übermüdeten Zustand eine große Hilfe darstellte, war eine andere Frage, eine, die er sich in diesen Momenten nicht stellen wollte. Spock hatte bisher keine Bemerkung darüber fallengelassen, sondern seine Anwesenheit lediglich mit einem geduldigen, höchstens ein ganz klein wenig resignierten Hochziehen der Augenbrauen zur Kenntnis genommen, und das genügte McCoy.

„Herrgott, ich weiß. Ich weiß, Christine.“

In einer Geste der leidgeprüften Einsicht hob er die Hände. Christine betrachtete ihn von oben bis unten, biss sich auf die Lippen und schüttelte den Kopf.

„Ich habe M’Benga befohlen, Kaffee auf deiner Essenskarte zu blockieren. Wenn du noch mehr von dem Zeug trinkst, bringst du dich damit um, und dann erledigt sich die ganze Sache bald von selbst.“

Der Galgenhumor war ihr zu verzeihen, der Eingriff in seine persönlichen Angelegenheiten dagegen weniger.

„Das ist Erpressung“, knurrte McCoy, halb verärgert, halb belustigt. Oh ja, sein Team hatte Einiges von ihm gelernt ... Natürlich könnte er als Erster Medizinischer Offizier die Sperre überbrücken, doch das würde einen Haufen unangenehmen Papierkram mit sich ziehen und wäre der Mühe kaum wert.

„Irgendjemand muss sich ja um dich kümmern.“

„Ich hab das Gefühl, jeder auf diesem verdammten Schiff  kümmert sich mehr um mich, als gesund ist. Die gesamte biomedizinische Abteilung, und nicht nur sie, hängt mit ihren Aufgaben zurück, weil sie alle Ressourcen in das Durchforsten dieser Fabrini-Datenbanken stecken. Frag mich nicht, wie Jim das der Admiralität erklären will.“

Einerseits war es schmeichelhaft und seltsam beruhigend, zu wissen, dass man geliebt wurde und dass alles getan wurde, um einem zu helfen, andererseits hatte McCoy noch nie viel Freude daran gehabt, das Zentrum der Aufmerksamkeit zu bilden, zumindest nicht auf diese drastische Weise. Eine leise, hämische Stimme in seinem Kopf, die seit dem Tod seines Vaters einen konstanten Begleiter in seinem Leben darstellte, flüsterte ihm wieder und wieder zu, dass er es nicht wert war, dass die Geschäfte des Schiffs nicht wegen ihm vernachlässigt werden durften, nicht wegen ihm. Ginge es um Jim, wäre das eine andere Sache gewesen, aber er, Leonard McCoy? Was hatte er jemals getan, um diese unerschütterliche Loyalität zu verdienen?

„Was immer du denkst, Len, es ist falsch.“

Christines energische Stimme, scharf wie ein Laserskalpell, durchschnitt seinen Gedankenfaden. McCoy war so überrascht, dass er tatsächlich ein ehrliches Lächeln zustande brachte. Doch, auf diesem Schiff gingen mitunter seltsame Dinge vor sich, und manchmal beschlich ihn das Gefühl, dass Spock nicht der Einzige war, der unter gewissen Umständen Gedanken lesen konnte.

„Aye, Chef“, zog er sie gespielt unbeschwert auf, und obwohl er wusste, dass er sie damit nicht täuschte, ließ sie die Sache auf sich beruhen.

„Deine Schicht ist längst vorbei. Geh endlich etwas essen und versuch danach, ein wenig zu schlafen.“

Ein, zwei Momente lang hielt er ihren stechenden Blick fest, dann gab er sich geschlagen. Er musste müder sein, als er selbst angenommen hatte ... und natürlich wusste Christine das auszunutzen.

„Gut. Aber zuerst schaue ich noch nach Fähnrich Jorgensen. Ihr Bein sollte gut verheilt sein, aber diese Phaserwunden können hinterhältig sein, also –“

„Vergiss es.“

Resigniert zuckte er mit den Schultern. Insubordination, wohin man auch blickte ... Dreieinhalb Jahre im All hatten der Moral der Besatzung nicht allzu gutgetan, und er selbst wäre der Letzte, der sich von jeglicher Schuld reinwaschen könnte.

„Gut. Aber ihr ruft mich, sobald es irgendwo Probleme gibt.“

„Natürlich.“

Christines Antwort klang mehr wie ein leidgeprüftes Seufzen als eine Versicherung, und er runzelte die Stirn, um sie wissen zu lassen, dass er ihre Taktik sehr wohl durchschaute. Seine gespielte Verärgerung – ein wenig musste er Christine schließlich daran erinnern, wer hier der Boss war – schmolz augenblicklich dahin, als er seinen Stuhl zurückschob, aufstand und sein Blutdruck beschloss, in den Keller zu sinken.

Einige Sekunden lang fühlte er sich von Schwärze umschlossen und nur sein krampfhafter Griff um die Tischplatte verhinderte, dass er sich ein weiteres Mal in der peinlichen Lage wiederfand, vor seiner Oberschwester umzukippen. Auch so machte sich Christine genug Sorgen; sie hastete um den Tisch herum und griff nach seinem Arm, und nur eine ungeduldige Handbewegung verhinderte, dass sie endgültig in den Krankenschwester-Modus schaltete und womöglich noch nach Verstärkung rief.

„Mir geht’s gut, Christine, wirklich.“

Selbst durch die letzten schwarzen Flecken, die in seinem Sichtfeld tanzten, entging ihm ihre skeptische Miene nicht.

„Chris, bitte.“

Widerwillig ließ sie ihn los, und er war sich ziemlich sicher, dass nicht mehr viel gefehlt hätte, um ihn über Nacht in einem der Betten zwei Zimmer weiter landen zu lassen, vorzugsweise mit strenger Überwachung – etwas, worauf er nur zu gut verzichten konnte.

„Wenn du meinst ...“ Natürlich glaubte sie ihm nicht, aber sie kannte ihn gut genug, um zu wissen, wann Diskussionen sinnlos waren. „Du wirst jetzt auf der Stelle in die Mensa gehen, etwas essen, und danach gehst du schlafen, klar? Und wehe, wenn ich dich in den nächsten zwölf Stunden auch nur in der Nähe eines Labors erwische!“

McCoy schenkte ihr ein schwaches Grinsen. „Klar, Chris. Mach dir keine Sorgen.“

Es war die sinnloseste Phrase überhaupt, doch Christine verkniff sich einen Kommentar. Sie trat zur Seite, um ihm den Weg zur Tür freizumachen, und sie ersparte es ihm, ihm auf diese schrecklich besorgte Weise hinterher zu blicken, die ihn immer an endgültige Abschiede denken ließ; und noch während sich die Tür hinter ihm schloss, fragte er sich, womit er Kollegen wie diese verdient hatte.
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