Draki und Jäger

von Laiya
GeschichteFantasy, Schmerz/Trost / P18 Slash
04.01.2019
15.01.2019
3
4554
2
Alle
2 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
Einen Monat nach der Abschlusszeremonie fuhr Loki mit der Seilbahn ins Tal, zusammen mit einigen anderen Jotun. Er war aufgeregt, denn er konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal überhaupt die Berge verlassen hatte. Wie ein Mantra dachte er, dass er nur noch ein Jahr Geduld haben musste, dann wäre er endlich frei.
Sie liefen noch einen langen Waldweg entlang, ein Stück Straße und kamen an der äußersten Bushaltestelle der Stadt an. In fünf Minuten würde der Bus kommen und dann bräuchten sie noch etwa 20 Minuten. Helbora hatte sich ebenfalls für ein Orientierungsjahr entschieden, die anderen würden in andere Busse und Straßenbahnen umsteigen. Sie machten Ausbildungen und einer hatte ein Vorstellungsgespräch.

Die Universität von Tyr

Insgesamt waren 20 Leute in dem Orientierungskurs. Die Ansprechpartnerin war eine Dozentin mit piepsiger Stimme in den Vierzigern. Kurzes blondes Haar und ein legeres Kostüm gaben ihr dennoch einen kompetenten Eindruck. Loki blinzelte und seine Augen leuchteten rot auf, denn so konnte er die anderen Draki im Kurs erkennen. Neben Helbora noch ein Junge in der ersten Reihe und die Dozentin. Das Glühen ließ nach und er sah wieder nur Menschen. Im ersten Viertel Jahr würden sie vor allem im Labor sein. Dort würden sie auf die Studenten von den vorherigen Jahren treffen. Das sollte mehrere Vorteile mit sich bringen. Spontane Teambildung, Kommunikation und Kontaktknüpfung ermöglichen und gleichzeitig ein Gefühl von Verantwortung vermitteln.
Die Dozentin erklärte in aller Seelenruhe, wie das Jahr ablaufen würde, wo sich jeder Raum befand, wie Betreuung und Benotung erfolgten, wie man eine Förderung in einem bestimmten Studiengang beantragen konnte und so weiter. Nach zwei Stunden rauchten die Köpfe, aber immerhin, Fragen hatte niemand mehr.

Nun kam es zur Führung durch die ganze Uni – eine willkommene Abwechslung. Loki stand auf und streckte sich. Auch wenn er die Organisation positiv wahrnahm, umso schlimmer waren die Sitzgelegenheiten. Die Bankreihen mit den Standardtischen. Ein Jahr und er hätte einen Bandscheibenvorfall.
„Hey Loki, glaubst du, wir wählen denselben Studienkurs?“, fragte Helbora ihn aufrichtig interessiert. Er schüttelte nur den Kopf und sagte ihr, dass würden sie dann am Ende des Jahres wissen. Ihre Anhänglichkeit war ihm während der Schulzeit angenehm gewesen, so musste er sich nicht um andere Freunde bemühen, aber an der Uni kam sie ihm eher wie eine unfreiwillige Überwachung vor.
Sie hatten eine kleine Frühstückspause und liefen dann zu den Laborräumen.

Loki überkam ein seltsames Gefühl.

Als wäre die Luft statisch aufgeladen.

Ein Schauer lief ihm über den Rücken und es wurde intensiver, je näher sie kamen. Frau Johanndottir, die Dozentin, öffnete die Tür zum größeren Laborraum und die 20 Personen traten ein. Seine gesamte Haut kribbelte und sein Hals wurde trocken. Er versteckte sich hinter den anderen und sah sich panisch im Raum um.

Obwohl Thor sich einen Rollkragenpullover angezogen hatte, begann er plötzlich zu frieren. Sein Atem war zu sehen und er drehte sich zur Tür um. Die neuen Studenten traten ein und er erkannte die Drakidozentin und drei weitere Neuzugänge. Zwei Jotun und einen Sturmdraki. Doch nur von einem kam diese gewaltige Kälte. So etwas hatte er noch nie gespürt.
Da war er. Der schwarzhaarige Junge mit der hellen Haut und den grünen Augen. Auch er schien etwas zu bemerken. Sie starrten sich fassungslos an, beide bemüht, sich ihre Angst nicht gegenseitig zu zeigen.

Loki wollte davonrennen. Die stechenden blauen Augen und das strohblonde Haar zogen ihn jedoch magisch an. So einen gutaussehenden Mann gab es in Ullr nicht. Er schüttelte die Gedanken ab, dass war hier gerade nicht das Problem. Wenn dieser Mann einen Draki erkennen konnte, dann schwebten sie in Lebensgefahr. Allen voran er, denn Helbora oder den Sturmdraki schien er nicht im Visier zu haben. Auch nicht die Lehrerin. Er senkte den Blick und hütete sich davor schreiend die Flucht zu ergreifen. Ja nicht auffallen.

Was hatte ein Ase überhaupt an einer Uni verloren?

„Loki Farbautison?“, riss ihn die piepsige Stimme der Dozentin aus seinen Gedanken und er starrte sie entsetzt an.
„Verzeihung, Loki Farbautison, bin ich!“
Seine Stimme zitterte, als er das sagte. Die anderen grinsten, weil er so nervös wirkte.
„Ganz ruhig, mein Junge, hier wird sie niemand lebendig fressen“, sagte Frau Johanndottir amüsiert.
„Ihr neuer Laborpartner ab morgen ist Herr Odinson. Sie arbeiten die nächsten drei Monate zusammen“, fuhr sie unbeirrt fort und teilte die anderen ebenfalls zu. Loki fühlte sich vor den Kopf gestoßen. Er sollte drei Monate mit einem Jäger zusammenarbeiten??? Als Draki???

Ihm wurde schlecht und er drehte sich um und lief auf den Gang zu den Herrentoiletten. Schnell schlug er eine Kabinentür auf und übergab sich. Er hatte die Anspannung und Angst in seinem Körper unterschätzt. Dieser Jäger könnte seine Freunde rufen und ihn lebendig häuten und dabei würden ihn seine kalten, blauen Augen anstarren.
Der andere Draki aus seinem Kurs kam herein, tapste zu seiner Kabine und gesellte sich zu ihm.
„Hey, bist du okay? Du kannst auch nach Hause gehen, wenn dir schlecht ist. Deine Freundin und die Dozentin haben schon nach dir gefragt, wollten aber nicht aufs Jungsklo kommen….“, sagte er etwas unbeholfen.

„Danke, sag ihnen ich gehe auf die Krankenstation. Mein Heimweg ist im Moment zu beschwerlich, ich komme aus Ullr, weißt du“, versuchte er die Situation aufzulockern. Der Sturmdraki nickte nur mit dem Kopf. Jetzt mit Bus, zu Fuß und Seilbahn nach Hause zu fahren, war vielleicht wirklich nicht die Beste Idee.
„Ich war einmal da oben. Es ist echt nice…und vor allem hat man da noch das Gefühl, sicher zu sein…“, setzte der Sturmdraki, der sich später als Hendrick herausstellen sollte, hinzu und reichte Loki ein Stück Klopapier von der Rolle.

Er verließ die Herrentoilette und sagte den anderen Bescheid. Helbora brachte ihn zur Krankenstation und sie versprach ihm alles mitzuschreiben, was er verpassen würde.
Hier gab es nicht viel. Zwei Betten, einen grauen Arbeitstisch, einen kleinen Medizinschrank mit Desinfektionsmitteln, Pflastern und anderen Materialien, der aber abgeschlossen war. Sonst war auch der Raum abgeschlossen, aber in Krankheitsfällen, konnte der Schlüssel im Sekretariat abgeholt werden.
Loki stellte seine Tasche hin, legte seine Jacke dazu und legte sich ins Bett. Er deckte sich nicht zu, theoretisch brauchte er nicht mal eine Jacke. Immerhin ging es ihm besser, je kälter es war. Aber Verstecken und Anpassen war wichtig.

Ihm war immer noch schwindelig und er zitterte wie Espenlaub. Ein Jäger, noch dazu ein so gefährlicher. Er würde ihn umbringen und wenn nicht, würden er und Helbora nie wieder einen Fuß aus Ullr setzen, wenn Farbauti das erfuhr. Was sollte er nur tun? Den Jäger jagen? Das traute er sich nicht zu. Heute schon verschwinden – aber so unvorbereitet? Sie würden ihn finden, er hatte kaum Geld.

Als seine Gedanken noch kreisten überfiel ihn eine starke Müdigkeit. Eine Panikattacke forderte irgendwann ihren Tribut. Er hörte nicht, wie sein neuer Laborpartner leise die Tür öffnete, den Schlüssel vom Schreibtisch nahm und die Tür verschloss.
Review schreiben