Blind: Revenge

GeschichteDrama, Suspense / P18
03.01.2019
20.04.2019
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Seine Stimme. Sie kannte seine Stimme, irgendwo hatte sie diese Stimme schon einmal gehört …
»Warum kann ich mich nicht bewegen?«
»Zur falschen Zeit aus dem falschen Glas getrunken.« Das Lächeln hinter seinen Worten war spürbar.
»Sie haben … warum? Was wollen sie von mir?«
Soweit Amy das überprüfen konnte, war sie noch voll bekleidet. Wäre es dem Unbekannten nur um eine schnelle Nummer gegangen, wäre sie jetzt vermutlich allein, und ihre Jeans läge irgendwo neben ihr.
Dass er auf ihre Frage hin nichts erwiderte, schürte Amys Wut. »Rufen Sie einen Arzt! Sie können behaupten, Sie hätten mich hier gefunden, ich werde Ihre Lüge bestätigen.«
Noch immer hatte sich die Haltung des Mannes nicht verändert, und Amy zwang sich, ihn nicht anzuschreien. Das würde alles mit ziemlicher Sicherheit nicht besser machen, was auch immer dieser Typ hier sich dabei gedacht hatte.
»Hören Sie«, versuchte sie es so ruhig, wie es ihr möglich war. »Helfen Sie mir, und wir vergessen diese ganze Scheiße hier, okay? Sie bereuen doch ohnehin schon, was Sie getan haben.«
Ihren letzten Satz hatte Amy noch nicht ganz ausgesprochen, da begann der Mann zu lachen. »Bereuen? Weißt du, wie lang es gedauert hat, dich zu finden?«
Amys Gedanken rasten. »Sie … haben nach mir gesucht?«
»Lange.«
»Warum?«
Wieder senkte sich ein Schweigen über sie beide, Amys Nerven kollabierten. »Hören Sie auf, mich anzustarren! Helfen Sie mir, oder verpissen Sie sich!«
In einer fließenden Bewegung richtete der Mann sich plötzlich auf. Amy wäre zusammengezuckt, wäre ihr das möglich gewesen.
»Das ist interessant. Du bist … anders, als ich es erwartet hatte.« Der Mann erhob sich, ein schattenhafter Umriss im schmutzig-grauen Licht. Er war groß, oder vielleicht kam ihr das aus ihrer liegenden Position heraus auch nur so vor.
»Willst du nicht weinen? Betteln? Mich anflehen, dich gehen zu lassen?«
»Damit Ihnen dabei einer abgeht?«
Wieder dieses Lachen. »Ich habe das nicht geplant. Überhaupt nicht so geplant, aber es wäre interessant …« Er hatte die Hände in die Jeanstaschen geschoben, und plötzlich wünschte Amy sich brennend, er möge sie dort lassen. Eine beunruhigende Vorahnung überfiel sie.
»Was wollen Sie von mir?«, fragte sie noch einmal, so ruhig wie möglich.
»Ich weiß noch nicht … Ich weiß noch nicht, was ich alles von dir will.«
Melodisch und leise, wieder hatte Amy das Gefühl, diese Stimme schon einmal irgendwo gehört zu haben. Sie zermartere sich bei dem Versuch herauszufinden, wo das gewesen war.
»Aber ich denke, ich werde es herausfinden. Wir beide werden es herausfinden.«
Unter den Sohlen seiner Schuhe knirschte es, als er auf sie zuging. Der Impuls, ihm auszuweichen, mündete in den ältesten ihrer Albträume: Jede ihrer Bewegungen war zäh, träge, der Versuch, unter Wasser zu rennen.
»Willst du etwa weglaufen? Dich einfach davonstehlen?« Er hockte sich vor sie, und eine Spur seines Geruchs streifte ihre Nase. Ein Aftershave, dezent und unaufdringlich – in diesem Moment fiel ihr wieder ein, wo sie diesem Mann schon einmal begegnet war.
In der Bar. In ebenjener Bar, in der sie mit Dee und den anderen gewesen war. Sie hatte sogar mit ihm geflirtet, er war so attraktiv, so selbstsicher gewesen … jetzt allerdings wünschte sie sich meilenweit fort von ihm.
»Amy.« Er streckte einen Arm nach ihr aus, und mit äußerster Anstrengung wich sie ein paar Zentimeter zurück.
»Fassen Sie mich nicht an!«
»Aber natürlich werde ich das tun.« Seine Fingerspitzen berührten ihre Wange, streichelten zärtlich darüber, bevor er die Hand in ihrem Haar vergrub. Amy erstarrte.
»Die Droge wird noch eine Weile anhalten. Eigentlich sollte ich warten, bis du mitspielen kannst.«
Übelkeit stieg in ihr auf, als er sich ihr langes Haar um die Faust wickelte und ihren Kopf näher an sein Gesicht heranzog. »Kennst du mich?«
Trotz ihrer aufsteigenden Panik zwang sie sich, in sein Gesicht zu sehen, die Züge zu studieren, die noch immer im Schatten lagen. Doch sie erinnerte sich, der Mann an der Bar hatte sofort ihre Aufmerksamkeit auf sich gezogen, und nicht nur ihre. Silbergraue Augen unter dichten Brauen, ein sinnlicher Mund, sie hatte es gemocht, wie er sie angelächelt hatte. Sie hatte sich vorgestellt, wie es wäre, diesen Mund zu küssen, hatte sich überlegt, nach was er wohl schmecken würde, wenn sein Mund sich für ihre Zunge geöffnet hätte, doch als jetzt genau das passierte, presste sie voller Ekel die Lippen zusammen.
Mit festem Druck schob seine Zungenspitze sich dennoch dazwischen, glitt über ihre Zähne, die sie so angestrengt zusammenbiss, dass sie das Knirschen in ihrem Schädel zu hören meinte.
Der Griff in ihren Haaren hatte sich nicht gelockert, im Gegenteil, und als sie spürte, dass seine zweite Hand sich auf ihren Bauch legte, keuchte sie auf, und seine Zunge glitt tiefer in ihren Mund.
Nein!
Mit einem unterdrückten Aufschrei warf der Mann sich zurück. Amy schmeckte Blut, fühlte, wie ihr etwas davon in die Kehle geriet und begann zu husten. Im nächsten Moment hatte der Mann sie am Arm in die Höhe gerissen.
»Regeln«, zischte er, fuhr sich mit dem Handrücken über den Mund, betrachtete eine Sekunde lang das Blut auf seiner Haut, bevor er an ihrem Kopf vorbei nach etwas tastete, das neben der Matratze lag.
Amy wand sich schwerfällig in seinem Griff, doch er riss sie herum, stieß sie heftig auf die Matratze zurück und stemmte ihr so fest ein Knie ins Kreuz, dass sie aufstöhnte. Einen Augenblick später hatte er ihre Arme auf den Rücken gedreht und ein Seil um ihre Ellbogen geschlungen. Die nächste Sekunde war die erste Sekunde unerträglichen Schmerzes. Mit einem Ruck riss er das Seil nach oben, und Amy hatte das Gefühl, ihre Arme würden ihr an den Schultergelenken herausgerissen. Ein Aufschrei kam über ihre Lippen, ohne dass sie ihn hätte verhindern können, und sie hasste sich im selben Moment dafür. Ihr Vater hätte sie für dieses Zeichen der Schwäche mit den doppelten und dreifachen Qualen bestraft.
Das Glühen in ihren Gelenken wurde mit jedem weiteren Augenblick, den sie in dieser Haltung verbringen musste, unerträglicher, und als der Mann das Seil endlich wieder losließ, sackte sie wie eine zerbrochene Puppe auf die Matratze zurück.
»Zehn Sekunden. Wie lange, meinst du, hältst du das aus?« Noch immer hockte er neben ihr, und als Amy mühsam den Kopf in seine Richtung drehte, konnte sie erkennen, dass er sie konzentriert beobachtete. »Erste Regel: Ich bestimme. Ich bestimme über alles, über jede deiner Bewegungen, darüber, ob du sprichst oder nicht, ob du liegst oder stehst, ob du schlafen oder essen darfst.«
Die Schmerzwellen ebbten nur langsam ab. Es fiel Amy schwer, seinen Worten zu folgen.
»Versuchen wir es noch einmal.«
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