Blind: Revenge

GeschichteDrama, Suspense / P18
03.01.2019
20.04.2019
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1.

Kalt.
Amy registrierte die Kälte, noch bevor irgendetwas anderes in ihr Bewusstsein dringen konnte.
Sie lag auf dem Bauch, den Kopf zur Seite gedreht, die Augen geschlossen, und nicht einmal die Stelle, die sie mit ihrer Wange berührte, strahlte Wärme ab. Wie lange lag sie schon hier? Die Kälte schien ihr bis ins Knochenmark gekrochen zu sein, ihre Glieder waren steifgefroren.
Alles war … kalt.
Mühsam streckte sie einen Arm aus, auf der Suche nach einer Decke, und ihre tastenden Finger glitten über groben Stoff, dann über rauen Steinboden. Staub kitzelte in ihrer Nase, und blinzelnd schlug sie die Augen auf. Was zur Hölle … war das hier?
Es gelang ihr kaum, den Kopf zu heben, ihr Oberkörper schien schwer und unbeweglich, die Arme zitterten bei dem Versuch, sich in die Höhe zu stemmen, und kraftlos ließ sie sich zurück auf die modrig riechende Matratze fallen.
Wo war sie? Was sollte das hier? War das irgendein abgefuckter Scherz?
Es roch nach alter, abgestandener Luft, Schimmel und Feuchtigkeit. Auf dem dumpfgrauen Zementboden lagen Zigarettenkippen, Scherben, schmierige Papierfetzen. Von irgendwoher kam düsteres Tageslicht, aber es war Amy nicht möglich, auf eine Uhrzeit zu tippen. War es schon spät am Tag oder doch vielleicht eher früh am Morgen?
Noch einmal unternahm sie den Versuch, sich aufzurichten, und erst in diesem Moment ging ihr auf, dass sie ihre Beine nicht bewegen konnte. Oh Gott. Warum … was war mit ihren Beinen los? Hatte sie einen Unfall gehabt? War das hier ein …
Jetzt reiß dich zusammen. Das hier könnte alles mögliche sein, ein Abrissgebäude, irgendein Lagerhaus oder eine stillgelegte Fabrik, aber mit Sicherheit war es kein Krankenhaus.
War sie verletzt? Was um alles in der Welt war geschehen, wie kam sie hierher?
Verbissen durchforstete Amy ihr Hirn nach irgendeinem Hinweis darauf, was in den vergangenen Stunden vorgefallen war. Warum lag sie hier auf dieser dreckigen Matratze und konnte sich kaum bewegen? Ihre letzte Erinnerung zeigte sie mit Dee und den anderen in dieser Bar. Dee, Emma, Skye und … wer war noch dabei gewesen? Zoe? Ja, da war auch Zoe gewesen, und sie hatten gefeiert, Dees neuen Job hatte sie gefeiert, in dieser Szenebar, in dem Edelschuppen, der ganz neu eröffnet hatte. Es war voll gewesen, und sie hatten getanzt … wo waren die anderen?
Wenn sie sich doch nur umdrehen könnte.
»Es wird noch eine Weile dauern.«
Beim Klang der Stimme fuhr Amy zusammen. Sie war hier nicht allein. Aber … warum half ihr dann niemand? Irgendetwas stimmte nicht mit ihr, sie brauchte einen Arzt!
»Bitte …« Ihre Stimme hörte sich in ihren Ohren so brüchig an, dass Amy den Mund erschrocken wieder schloss. Erst jetzt fiel ihr auf, dass ihr Hals schmerzte, und sie schluckte nervös, was ein erneutes Stechen in ihrer Kehle hervorrief. Es fühlte sich an … als hätte sie sehr lang und anhaltend geschrien, aber warum hätte sie das tun sollen?
Zunehmend verzweifelt mühte Amy sich, Klarheit in ihre Gedanken zu bringen. Sie hatten getanzt … wo war sie jetzt? Wo waren Dee und die anderen und wer … wer hatte eben zu ihr gesprochen?
Amy hatte nicht darauf geachtet, woher die Stimme gekommen war. Aus ihrer Position heraus konnte sie im Dämmerlicht niemanden sehen, nur kahle, schmutzigweiße Wände, die Fenster zu weit oben, um in ihrem Blickfeld aufzutauchen.
»Du kannst dich nicht bewegen, aber alles verstehen und alles spüren, richtig?«
Ein scharfes Scharren ließ sie abermals zusammenzucken. Im nächsten Moment sah sie, wodurch das Geräusch hervorgerufen wurde. Jemand zog nachlässig einen Metallstuhl in den Bereich, den sie noch mit Blicken erfassen konnte.
Schwarze Sneaker mit weißen Sohlen, Jeans … mit aller Kraft mühte Amy sich, den Kopf anzuheben, und es gelang ihr, wenn auch nur für einige Zentimeter.
Der Mann hatte sich auf den Stuhl gesetzt, die Ellbogen locker auf die Oberschenkel gestützt, seine Hände hingen entspannt hinab. Amy verdrehte die Augen in dem Versuch, sein Gesicht sehen zu können. Ein schönes Gesicht. Hohe Wangenknochen, ein scharfgeschnittenes Kinn. Es kam Amy bekannt vor.
»Hi.«
Er sagte das so, als läge Amy nicht halb gelähmt vor ihm auf dem Boden, er schien nichts weiter dabei zu finden, und erste Gedankensplitter fügten sich zu einem Fragment zusammen.
»Wo … bin ich?«
»Ist das wichtig? Nein, ist es nicht«, beantwortete der Mann vor ihr gleich selbst seine Frage. »Du bist hier, bei mir.«
»Aber …« Amys Verstand nahm Fahrt auf, im Gegensatz zu ihren Gliedmaßen, die sich nach wie vor steif und schwerfällig anfühlten. »Wer sind sie?«
Ein leises Lachen, bei dem sich Amys Haare aufrichteten. »Du wirst es erfahren. Aber jetzt noch nicht.«
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